Medienkompetenz statt Internetverteufelung

Das Internet erschafft nicht aus sich heraus mehr Kindesmissbrauch, es ermöglicht den potenziellen Tätern nur neue niederschwellige Wege zur Täterschaft – sofern jedenfalls die Internetbenutzer völlig unbedarft im Netz interagieren. Medienkompetenz vermittelt ein Wissen um die potenziellen Gefahren und bietet Lösungsansätze um sie entsprechend einzudämmen. Wer heute noch prinzipiell an Medienkompetenz zweifelt, verhindert gleichzeitig notwendige Präventionsarbeit.

Es gibt Themen, die haben es verdient mit einer gewissen Portion Fingerspitzengefühl und Sorgfalt behandelt zu werden; “Kindesmissbrauch” ist ganz sicher eines davon. Der jüngste Artikel der FAZ Sonntagszeitung mit dem Titel “Pädokriminelle im Internet: Magst du Sex haben?” macht durch ein Selbstexperiment von Journalisten mit der Brechstange auf das Thema aufmerksam. Die implizite Kernthese des Artikels lautet: Das Internet öffnet Tür & Tor zu den Zimmern unserer Kinder und lässt damit auch die davor lauernden Monster herein.

Man kann sich nun darüber streiten, ob die Art und Weise der Vorgehensweise der Journalistin wissenschaftlich fundiert und repräsentativ war – also mit einem fiktiven Profil eines Kindes in soziale Netzwerke, meist für Kinder ausgelegt, einzutauchen und dort zu beobachten was passiert, nämlich schockierende und bestürzende Erlebnisse in den Chaträumen, die doppelt so dramatisch wirken, weil sie eben im Rahmen von selbsternannten kindgerechten Seiten stattfinden. Wenn man dann selbst noch Elternteil ist, dürfte der Artikel sowieso endgültig sein Ziel erreicht haben. Man liest – sofern man das ganz schafft – das Erschaudernde zu Ende und ist anschließend fassungsslos, empört, hilflos und wütend zugleich.

Ein Beitrag, der auf einer breiten Emotionsklaviatur einhämmert, Tabus bricht und damit zur eigenen Zirkulation, also Weiterverbreitung anregt. Am Ende hinterlässt er jedoch weder breites, fundiertes und neues Wissen zu der Thematik, noch bietet er mögliche Hilfestellungen oder Lösungsansätze an. Der Leser bleibt mit seiner Wut, seinem Schock und seiner Hilflosigkeit mal wieder alleine, was ich nicht nur schade, sondern fast schon ein wenig ärgerlich empfinde. So ein Bericht muss das nicht tun, aber er könnte es, denn er hinterlässt zu viel Schockmoment. Zu viel negativer Stress setzt auch das vernünftige Denken außer Kraft und so erscheint kurz darauf ein reißerischer Folgeartikel, der mal wieder von der Forderung einer notwendigen Vorratsdatenspeicherung und den blockierenden, unbelehrbaren Netzaktivisten handelt. Ein Teil der Netzgemeinde, die jeden Versuch von einer scheinbar notwendigen Regulierung des Internets mit “Shitstorms” bekämpfen würde. Kurzum: Das Internet ist böse und hat Schuld und die Verteidiger der Internetfreiheit verteidigen auch indirekt immer die “Pädokriminalität”.

Da ich solche Schuldzuweisungen in Richtung eines Mediums für ziemlichen Unsinn halte – denn ein Medium ist immer nur ein Träger von menschlichen Interaktionen und kein schuldfähiger Organismus an sich – versuche ich lieber Fragen und Gedanken im Hinblick auf die damit zusammenhängenden menschlichen Verantwortlichkeiten zu stellen. Wer kann etwas tun? Was kann man tun? Wer sollte mehr Verantwortung übernehmen?

1. Die Verantwortung von Eltern und Pädagogen
Die kurze Beschreibung des falschen Profils des 10-jährigen Mädchens im Artikel offenbart bereits die erste wichtige Kernkompetenz im Umgang mit sozialen Netzwerken. Es ist eben nicht ganz unbedeutend – neben der GEstaltung des eigenen Profils – ob man Interaktionen von fremden Benutzern einfach so unreflektiert zulässt:

Sie hat niemanden angesprochen, nur bei den Anfragen auf ja gedrückt.

Genau das ist der erste Ansatzpunkt für medienpädagogische Arbeit: Prüfe ein Profil bevor du weitere Interaktionsmöglichkeiten zulässt. Frage dich: Wer ist das, der mit mir reden will? Kenne ich denjenigen und muss ich ihn unbedingt kennenlernen? Also ein Schritt von vielen um das Risiko belästigender Momente rigoros einzudämmen.

Das ist in etwa so wie viele Erwachsene erst lernen mussten, dass man kein Geld nach Nigeria schicken sollte, in der Hoffnung damit eine großzügige Erbschaft zu erhalten. Spam, Müll, Dreck und Schmutz. Ja, das Internet ist voll davon, allerdings ist auch unsere ganze Welt voll davon. Und dennoch kann man sich tatsächlich so einrichten, dass man davon immer weniger mitbekommt, immer weniger darauf hereinfällt und immer besser davor geschützt wird. Doch Voraussetzung dafür ist neben den gesetzlichen Grundlagen, die längst in Deutschland vorhanden sind, eben auch das Wissen um nigerianische Spammails, das Wissen um pädophil verseuchtes Terrain und das Wissen um die Masche der Manipulateure. Und, noch wesentlich wichtiger, aus diesem Wissen heraus Grenzen zu setzen und Konsequenzen zu ziehen. Kurzum: “Medienkompetenz” ist in diesem Zusammenhang mal wieder ein unverzichtbares Schlagwort.

Doch hört man Bestsellerautoren und Medienratgebern wie Manfred Spitzer zu, so scheint als sei Medienkompetenz nicht nur unnötig sondern sogar gefährlich:

Interviewer: Wenn die digitalen Medien wirklich so gefährlich sind – ist es dann nicht sinnvoll, dass Kinder lernen, mit diesen Gefahren umzugehen?

Spitzer: Nein, das schadet ihnen! Alkohol ist Teil unserer Kultur. Alkohol macht süchtig. Betreiben wir Alkohol-Pädagogik in Kindergärten und Grundschulen? Nein! Weil es der Entwicklung junger Menschen schadet, Alkohol zu konsumieren.

Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber ich betrachte Verteufelung als ein pädagogisches Instrument aus dem 20. Jahrhundert. Hingegen betrachte ich Bildung, Reflektion und Kompetenzerwerb als sinnvolle pädagogische Vorschläge für unsere Gegenwart.

Es geht eben nicht darum unsere Kinder nun bewusst aktiv an Medien (Alkohol) heranzuführen, sondern sie – wenn es denn soweit ist – kompetent über Konsum und wirkungsweise aufzuklären und sie dabei aktiv zu begleiten. Das wiederum können wir nur tun, indem wir selbst eine solche Kompetenz besitzen. Das wiederum bedarf eine breit angelegte Unterstützung für die Vermittlung von Medienkompetenz in Schulen und außerschulischen Bildungseinrichtungen. Hier sind wir dann alle irgendwie gefragt: Kinder, Eltern, Lehrer, Medien und Politik. Wichtig ist aber vor allem der erste Schritt, uns darüber einig werden, dass Medienkompetenz lohnenswerter ist als auf die Strategie der “medialen Verteufelung” zu setzen.

Am Ende ist es nicht nur wichtig welche Plattform mein Kind in welcher Weise benutzt, sondern wie es sich darauf bewegt und welche Grenzen es anderen dort setzen muss um nicht in entsprechende bedrängende Situationen zu gelangen. Wer nicht im Meer ertrinken will, sollte besser schwimmen lernen. Das Meer für immer verstecken zu wollen halte ich an der Stelle für weniger sinnvoll.

Abschließend zu diesem Punkt sei vielleicht ausdrücklich ein Buch zum Einstieg in das Thema “Medienkompetenz” empfohlen. Ein unaufgeregter Ratgeber für Eltern und nennt sich “Netzgemüse”.

2. Die Verantwortung der Seitenbetreiber
Neben der Schulung der Medienbenutzer bleibt es natürlich nicht aus auch an die Verantwortung der Medienanbieter zu appellieren. Es irritiert mich schon immens, wenn auf ausgewiesenen Kinderplattformen (nur für Kinder bis 10 Jahre) von 18 bis 20 Uhr ein offener “Herzklopfen”-Chat angeboten wird. Braucht es das wirklich? Ich meine, braucht eine Seite für maximal 10-Jährige im Netz wirklich so dringend einen offenen Chat? Muss man mit völlig unnötigem Licht noch sehr viel mehr lästige Motten anlocken?

Oder warum wird mir auf einer anderen Plattform als Kind kommuniziert, dass sich gerade „20 Männer“ für mich interessieren? Wenn man schon einen Bereich für Kinder einrichtet, sollte dieser auch durchweg kindgerecht gestaltet sein. Eine Meldung, die aus einer billigen Partnerschaftsvermittlung stammen könnte, hat da jedenfalls rein gar nichts zu suchen.

Wir brauchen also tatsächlich auch zuverlässige, kindgerechte Angebote. Diese sollten konsequent konzipiert, implementiert und regelmäßig kontrolliert werden. Vor mangelhaften Angeboten sollte gewarnt werden, gute Angebote hingegen sollten empfohlen werden. Die große Frage lautet in diesem Zusammenhang: Wie bauen wir in Zukunft geschützte virtuelle Räume für unsere Kinder, ohne dass wir sie in ihren Freiheiten zu sehr beschneiden? Wem vertrauen wir unsere Kinder an und was wäre uns das wert?

Update
Das Internet ist natürlich auch gefüllt mit nützlichen Tipps und Ratschlägen zum Thema Medienkompetenz bei Kindern. Gerne sammel ich hier weiterführende Links (bitte in den Kommentaren darauf hinweisen):

Handysektor.de – Weine Website rund um Sicherheit in mobilen Netzen, jugendgerecht aufgearbeitet

Wolfgang Luenenbuerger: Kinderschutz im Internet

2 comments Write a comment

  1. Ja, der Artikel regt auf, durchaus aus den verschiedenen Gründen, die Sie darstellen. Mich haben Reaktionen an anderer Stelle gestört, weil sofort vom Thema weg reflexhaft ein Angriff auf “das Internet” darin gesehen wird. Natürlich ist es Aufgabe der Eltern, der Schule, von Bildungseinrichtungen, die Medienkompetenz der Kinder zu stärken, um sie wirklich vor solchen Übergriffen schützen zu können. Sicher ist das der einzige, effektive Weg. Aber wir alle wissen, dass das viel zu wenig passiert. Haben die Kinder, die keine medienaffinen Eltern haben und naiv da hineinrennen, dann einfach Pech gehabt? Sind Sie tatsächlich “selber schuld”, wenn sie so blöd sind ( was in Kommentaren tatsächlich zu lesen war)? Sie haben volkommen Recht: Anbieter dieser Art von Chats, wenn es sie denn geben muss (Panfu ist ein Lernportal…) müssten viel stärker als bislang in die Pflicht genommen werden. Auch und vor allem dann, wenn es um ihre Beteiligung am Jugendschutz (in einer Form, die mehr als nur Feigenblatt ist) und an der Medienerziehung der Kinder geht. Weiterführende Links findet man u. a. bei http://www.schau-hin.de , die einen Initiativenaltlas zum Thema auflisten. Ich habe auch einen guten Eindruck von http://www.klicksafe.de (EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz).

  2. Sorry, falscher Link in meniem Kommentar, richtiger Link zur Initiative Schau hin!: http://schau-hin.info/, gleich auf der Startseite ist ein Beitrag zum Thema mit weiteren Links:
    http://schau-hin.info/news/artikel/uebergriffe-im-chat-wie-schuetze-ich-mein-kind-vor-belaestigungen-1.html
    Auf der Seite findet sich auch eine Auflistung verschiedener Chaträume inkl. Einschätzung des Sicherheitsrisikos: http://schau-hin.info/netzwerk-atlas.html

    Den Initiativenatlas habe ich leider nicht mehr gefunden, scheint es nicht mehr zu geben.

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