Der “Bück dich hoch” Zeitgeist – Warum die Polemik von Spiegel Online auch nicht weiterhilft

Halt die Deadline ein, so ist’s fein!
Hol’ die Ellenbogen raus, burn dich aus!
24/7, 8 bis 8, was geht ab, machste schlapp, what the fuck?!
Bück dich, bück dich, bück dich hoch,
bück dich, bück dich, bück dich hoch,
bück dich, bück dich, bück dich hoch,
bück dich hoch, ja!
Das muss heute noch zum Chef, besser jetzt!
Bück dich hoch.
Ach du Schreck, Bonus-Scheck, ist schon weg!
Bück dich hoch.
Fleißig Überstunden, ganz normal!
Bück dich hoch.
Unbezahlt, scheiß egal, keine Wahl!
Bück dich hoch.

Deichkind: “Bück dich hoch”, 2012

Die Industrialisierung hatte ihren Charles Dickens, unsere Gegenwart hat ihr Deichkind. Derzeit bringt wohl niemand in der deutschen Kulturszene den Zeitgeist der “2012er Gesellschaft” präziser auf den Punkt als die Elektro-Hip-Hop Crew aus Hamburg. Ich habe den Begriff “2012er Gesellschaft” wohl auch deshalb gewählt, weil dieses Jahr unter anderem auch als Weltuntergangsjahr memetisch durch die Köpfe geistert und man sich mitunter tatsächlich dem Eindruck nicht entziehen kann, als würden die Schrauben der Gesellschaft derzeit wirklich knarzend bis kurz vorm Durchdrehen angezogen werden. Ein gigantischer noch leistungsfähiger Rettungsschirm hier, Last-Minute-Krisenintervention da. Das derzeitige Raum-Zeit-Kontinuum scheint sich auf höchstmögliche Dichte und damit aber auch größtmöglicher Schwere und Belastung zusammengezogen zu haben. Alle stöhnen und ächzen unter dem zum Teil selbst auferlegten Echtzeitdiktat, in einer demokratischen Gesellschaft mit Rechtsstaat, eigentlich entlastender Computerisierung und pluralistischen Freiheiten. Die Probleme scheint man nun fast künstlich zu erschaffen. Die Trennung von Arbeits- und Mußezeit scheint sich komplett aufgelöst zu haben. Dauernd erreichbar, dauernd im Optimierungsdrang, sei es Beruf, Gesundheit oder Privatleben. Unser Leben ist extrem anstrengend geworden, dabei müsste es uns doch bei all dem Komfort leichter fallen.

Alles wird schneller, dichter, intensiver und effizienter – und soll es vor allem auch werden. Denn sowohl der Bologna-Prozess also auch die G8 Schulreform sind von diesen Gedanken angetrieben. Junge Menschen benötigen einfach keinen Raum mehr sich frei und in Ruhe zu entfalten, also zu reifen. Nein, sie werden förmlich durch eine eng definierte Ausbildungskanüle gepresst um sie möglichst schnell in den Hauptmaschinenraum der Leistungsgesellschaft zu pferchen. Nicht denken, sondern klotzen. Daher bin ich schon sehr erstaunt darüber, dass sich der Autor im Spiegel Online Artikel darüber wundert, warum heutige “träge” Studenten nicht mehr besonders kreativ denken und arbeiten – also keine EXZELLENZ auf diesen Gebieten beweisen, nur weil sie im Zuge eines freiwilligen Ideenwettbewerbes auf Lösungen kommen, die sich komplett rund um Entspannung, also dem aktiven Stressabbau drehen. Was andere also als “Faulheit der heutigen Studierenden” belächeln, halte ich für einen sehr bedrohlichen Indikator unserer Gesellschaft, aber eben in besonders konstruktiver Umsetzung. Denn man kann die Ideen auch komplett anders interpretieren. Man könnte sie auch als zeitgemäß und vorbildlich bezeichnen. Zeitgemäß deshalb, weil sie die Probleme der Gegenwart sehr gut erfasst haben und vorbildlich, weil sie eben nicht wieder auf die Erwartungen des Establishments hereinfallen und offensichtliche Ideen für noch mehr Effizenz entwickeln, sondern sie das Problem eher als Rulebreaker angehen. Leistung erfolgt nicht durch noch mehr Leistungsdruck. Leistung, vor allem kreativer Art, speist sich aus Freiraum. Und wenn der Freiraum nicht mehr vorhanden ist, so muss man sich ihn anscheinend wieder erkämpfen. Die Welt von morgen ist zum Bersten voll mit vielschichtigen Problemen, die entsprechende kreative Lösungen benötigen. Um jedoch die Energie dafür zu entwickeln, müssen wir zunächst an den Grundlagen und Rahmenbedingungen arbeiten, also am Setting, am Nährboden für kreative Kraft. Genau das haben die Studierenden in meinen Augen erfolgreich erarbeitet.

Stress (ich spreche vom negativen, zermürbenden Stress) und Druck sind Faktoren, die heute leider völlig überschätzt werden. Überschätzt deshalb, weil man meint mit ständigem Nörgeln, Drängeln und Pressen noch mehr Leistung aus dem trockenen Schwamm quetschen zu können, statt mal auf die Idee zu kommen zur Abwechslung das Ding mal wieder in Ruhe zu wässern. Druck und Stress der destruktiven Art sorgt nicht nur für Denk- und Handlungsblockaden, welche sich derzeit sehr oft im neumodisch formulierten “Burn-Out” manifestieren, Stress wirkt sich auch auf unser Sexualleben, unserem Essverhalten und sonstige körperliche Gesundheitssymptomen aus, der eine kriegt Pickel, der andere Rückenschmerzen. Stress wirkt systemisch, besonders schön kann man das anhand von Adipositas veranschaulichen. Wer beispielsweise viel Stress hat, neigt zu Übergewicht, was wiederum für weiteren Stress sorgt, weil ja die Gesellschaft – und deren Massenmedien – ein Schönheitsideal auf Teufel komm raus propagiert und damit explizit einfordert. Statt also Druck rauszunehmen ist man dabei permanent Druck aufzubauen. Der Arzt sagt einem dann zum Beispiel auch noch, dass man unbedingt abnehmen MUSS, ohne aber genau zu sagen wie, oder mit welchen konstruktiven Ratschlägen. Dabei gelten Tipps wie “mehr Sport” oder “weniger Essen” nicht wirklich, denn beides sind Faktoren, die wiederum bei der jeweiligen Person den Stresslevel erhöhen können, sonst würde derjenige das längst tun, wenn es ihm so gut täte wie alle behaupten. Diäten sind bekanntlich auch mit ein Grund für den berühmten Jo-Jo-Effekt. Der Körper reagiert lediglich auf Stress, nämlich die zeitweilig angeordnete Hungersnot. Der Verzicht wird zum Druck, wird zum Stressfaktor. Der Körper wird also alles dafür tun, das ursprüngliche Gewicht zurückzuerobern. (Übrigens wunderbar nachzulesen bei Dr. Gunter Francks “Lizenz zum Essen”)

Was ich kurz gesagt zum Ausdruck bringen möchte ist die Vermutung, dass man Stress nicht einfach mit noch mehr Stress bekämpfen kann und sollte. Und man wird sicherlich auch nicht mehr Leistung durch noch mehr Leistungsdruck erzwingen. Der Artikel “Fällt euch sonst nichts ein” ist ein Paradebeispiel für das was gerade in unserer Gesellschaft schief läuft. Man attestiert dem Nachwuchs, sie seien unfähig und faul, ohne sich die Zeit zu nehmen, die sichtbaren Ursachen genau zu hinterfragen und auch mal aus einer anderen Perspektive heraus zu betrachten. Lieber schnell schnell einen polemischen Artikel verfasst, der zu höheren Klickzahlen führt (und zugegebenrmaßen auch zu diesem Diskursbeitrag). Treffender wäre wohl die Überschrift “Der überforderte Student” gewesen, so wie es derzeit wohl auch “die überforderte Politik” und “die überforderte Wirtschaft” zu geben scheint. “ÜberFordert”, ganz wörtlich genommen schreit es uns ja förmlich ins Gesicht – die Anforderungen sind einfach viel zu groß, sie stehen nicht mehr in einem vernünftigen Verhältnis zu dem was der Einzelne überhaupt leisten kann. Je höher dieses Missverhältnis, desto größer Frustration und Depression. Man wirkt also träge, aber nicht weil man träge ist, sondern dazu gemacht wurde.

Von daher bitte ich auch die hochkarätigen Journalisten in diesem Lande darum, sich auch einmal selbst zu hinterfragen, bevor sie solche Meme in die Welt setzen. Massenmedien, so wie der Spiegel Online im weitesten Sinne, erfüllen für mich, frei nach Luhmann, die wichtige Rolle unsere Realität zu formen. Doch mit jeder Rolle, die man einnimmt oder auferlegt bekommt, schwingt auch eine zusammenhängende Verantwortung mit. Journalisten haben ein gehöriges Stück Macht eine Gesellschaft in die eine oder andere Richtung zu lenken. Diese Verantwortung stufe ich als Bürger als sehr hoch ein. Jedenfalls zu hoch für das Stilmittel der Polemik.

Die heutige Jugend ist von Grund aus verdorben. Sie ist böse, gottlos und faul. Sie wird niemals so sein wie die Jugend vorher und es wird ihr niemals gelingen unsere Werte zu erhalten.

Kulturkritiker, altes Babylon, ca. 3000 v. Chr.

11 comments Write a comment

  1. Puh, das ist viel, was du hier ansprichst. Das erste, was ich ja schon mal reflektieren würde, du aber einfach ernst nimmst: Ist denn die Diagnose der “faulen Studenten” überhaupt eine korrekte? Ist sie epistemologisch oder statistisch gewonnen? Wenn ja, welche Faktoren spielten eine Rolle? Ist es eine Verzerrung durch die Auswahl, die der Autor trifft? Mein Gott, da haben Studenten eben mal Vorschläge eingereicht, die zu mehr Freiheit und vielleicht auch Bequemlichkeiten an der Uni führen. Macht das nicht irgendwo auch Sinn? Da braucht man eigentlich keine Kritik dran üben, dass es so ist, sondern sollte vielmehr das Urteil in Zweifel ziehen, dass die Studenten faul wären.

    Zudem teile ich dein Resümee nicht, dass Polemik der Verantwortung der Journalisten nicht gerecht würde. Ich denke, das wird sie, wenn sie in die richtige Richtung geäußert wird. Aber das zu bestimmen, was die richtige Richtung ist, ist auch nicht so einfach…

  2. Da mir Luhmanns “Was wir von der Gesellschaft und ihrer Welt wissen, wissen wir fast ausschließlich durch die Massenmedien.” einleuchtet, ist es m.E. überflüssig getätigte Aussagen in reichweitenstarken Medien erst einmal nicht ernst zu nehmen. Denn im Moment ihrer Wahrnehmung werden die Inhalte  automatisch bei einem Teil der Leser, die nicht jede Aussage hinterfragen, zu einem Fakt und damit Teil ihrer Wirklichkeit. 
    Daher empfinde ich die Polemik in Medien als solche oft als nicht wirklich hilfreich, vor allem nicht als Beitrag zu einem ernsthaften Diskurs. Ihre Funktion im Rahmen von Unterhaltung ist mir durchaus bewusst und völlig unumstritten. Das ist aber gar nicht mein Thema. Mir geht es um Memetik, also die Formung von Wirklichkeit von Informationen in reichweitenstarken Medien. Mich würde es brennend interessieren, wie viele Leser diesen Artikel überhaupt als “Polemik” eingestuft hätten. :-)

  3. Du hast natürlich Recht, dass immer die Gefahr besteht, dass Polemik nicht verstanden wird. Das Verständnis einer nicht-wörtlichen Bedeutung hängt selbstverständlich viel stärker vom Hintergrundwissen und dem Kontextwissen des Lesers ab. Die Frage ist natürlich, wieviel Kontextwissen man voraussetzen kann, aber das ist immer eine Gratwanderung, ob nun Unterhaltung (wo auch Kontextwissen von Bedeutung ist, damit man es als Unterhaltung erkennt!) oder ernsthafte Beiträge zu Diskursen.

    Ich weiß nicht, ob deine Unterteilung und deine normative Forderung, eine Zeitung solle nicht polemisch veröffentlichen (wenn ich dich richtig verstehe), überhaupt trägt. Was ist, wenn jemand die Titanic oder den Eulenspiegel ernst nimmt? Das ist für mich ganz schwierig.

    Ich denke aber grundsätzlich, dass Polemik in gewissem Maße durchaus auch in vorrangig informatorischen Zeitungen und Zeitschriften erlaubt sein sollte.

  4. Ich will auch gar nicht mit Verboten hantieren. Das wäre auch nicht im Sinne des Erfinders. Der Eulenspiegel und die Titanic sind durch und durch Satireblätter. Da sollte es dann schon durchgedrungen sein, dass es sich um überzogenen Humor handelt. Im Grunde möchte ich nur verdeutlichen, dass man nicht leichtfertig mit Informationen umgehen sollte. Das ist meine persönliche Agenda. Es geht mir persönlich darum sich bewusst zu machen wie Medien funktionieren. 

  5. Ein SPON-Artikel, der deine Theorie zum Teil stützen könnte:
    Schokolade-Liebhaber sind schlankerhttp://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,823796,00.html 

  6. sehr gut geschrieben! mir gefallen deine Ansichten, es müsste nur mehr Menschen geben, die den Grips haben das alles zu verstehen!
    Liebe Grüße

  7. Pingback: Blogposting 03/29/2012 « Nur mein Standpunkt

  8. Vielen Dank für diesen genialen Artikel – besser hätte man es nicht formulieren können

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