Zuckerbrot oder Peitsche: Kommen die Neurosteuern?

Einer der brillantesten politischen Schachzüge der letzten Jahre ist für mich die so genannte Abwrackprämie. Obwohl ökologisch sicherlich eine Katastrophe, deckt diese so genannte Abwrackpämie einen faszinierenden Mechanismus auf.

Um die lahmende Autokonjunktur anzuschieben, wurde 2009 im Rahmen des Konjunkturpaketes eine Prämie für die Verschrottung von Altfahrzeugen ausgelobt. Mit der Chance, 2500 Euro beim Kauf eines Neuwagens zu sparen, wurden von Bürgern mehr als 1,7 Millionen Anträge für eine Umweltprämie gestellt. Die Zahl der Zulassungen von Neufahrzeugen ging deutlich nach oben. Ohne es hier und jetzt beweisen zu können, so wage ich doch die vorsichtige Hypothese, dass sich diese “Investition” insgesamt gerechnet hat. Zwar verzichtete der Staat auf der einen Seite auf Einnahmen, doch in toto waren für die neuen Fahrzeuge natürlich Steuern (Mehrwertsteuer) fällig, die nicht einbrechende Konjunktur sorgte für einen fröhlichen Steuerfluss und Transferleistungen durch eine möglicherweise steigende Arbeitslosigkeit im Automobilsektor wurden vermieden. (Oder spitzfindiger formuliert: Das Incentive von 2500 Euro brachte mehr als eine Million Menschen dazu, mehr zu konsumieren und damit freiwillig Steuern zu bezahlen, solange nur ein neues Auto daran hing). Es mag sicherlich ein gewagter Vergleich sein, aber Unternehmen wie Google beweisen tagtäglich, dass, wenn man auf der einen Seite auf Einnahmen verzichtet, auf der anderen Seite gutes und besseres Geld verdienen kann (meine Firma arbeitete übrigens nach dem gleichen Prinzip). Wenn ich auf der einen Seite etwas geschenkt bekomme, tut es mir auf der anderen Seite gar nicht mehr weh, möglicherweise noch viel mehr auszugeben. Und im Steuersystem gibt es zahlreiche (leider auch viele ziemlich ärgerliche) Fälle, bei denen der Staat auf Einnahmen verzichtet, etwa um bestimmte Sektoren zu fördern.

Spätestens seit dem Nobelpreis von Herbert A. Simon wissen wir, dass unsere Rationalität begrenzt ist. Wir sprechen mit Simon von „Bounded Rationality“. Wir alle hassen es doch, Steuern zu bezahlen. Deshalb muss sich der Staat wohl oder übel ein ganzes Repertoire von Maßnahmen einfallen lassen, um die „Zahlungsmoral“ zu erhöhen, Steuerhinterziehung zu verfolgen und zu sanktionieren (zurecht übrigens!). Merkwürdigerweise schmeißen wir, die das Zahlen von Steuern mit allen Tricks und Winkelzügen und einer breiten Kaste von Steuerexperten verhindern wollen, unserem Staat das Geld auf der anderen Seite förmlich in den Rachen, wenn wir in der (statistisch betrachtet) vollkommen irrsinnigen Annahme, einmal den Jackpot im Lotto zu knacken, unser Leben lang Lottoscheine ausfüllen.

In den letzten Jahren versucht die Wissenschaft (und die Wirtschaft, die diese Versuche mitunter finanziert) zunehmend das Verhalten von Konsumenten und anderen Akteuren mit Hilfe der Neurologie zu analysieren und zu beeinflussen. Wir sprechen von Neuromarketing, Neuroökonomie oder Neuroleadership (dass in diesen drei “Disziplinen” angesichts des heutigen Standes der Wissenschaft, noch überwiegend heiße Luft weht, steht auf einem anderen Blatt).

Das offensichtliche Ziel dieser Disziplinen ist es, evolutionär in unserem Gehirn und unserem Verhalten angelegte Mechanismen oder gar „Fehlschaltungen“ zu instrumentalisieren. Also die Einstellungen von Menschen zu beeinflussen, die Menschen zu einem gewünschten Verhalten zu bewegen, die Freiheitsgrade – insbesondere die Willensfreiheit – zu reduzieren.

Denken wir einmal einen Schritt weiter. Stellen wir uns vor, unser Staat würde beim Eintreiben von Steuern auf die bekannten Drohszenarien verzichten und genau diese Mechanismen nutzen, das heißt, die begrenzte Rationalität der Steuerbürger bewusst instrumentalisieren: Wir würden Steuern zahlen und hätten Spaß dabei.

Die Diskussion sei hiermit eröffnet.

2 comments Write a comment

  1. Interessante These, wobei ich da gerne widerspreche.

    Ich glaube wir tun uns keinen Gefallen damit eine Strategie der Verschleierung im Steuersystem weiter auszubauen, ganz im Gegenteil. Das große Problem des Steuersystems ist dessen Komplexität und damit auch die Undurchschaubarkeit wo mein Geld am Ende ausgegeben wird. Gerade die Intransparenz (wo geht mein Geld hin) auf der einen Seite und die Kostenloskultur (Bei subventionierten Teilbereichen wie Bildung, Gesundheit etc. wird der Anschein erweckt sie seien kostenlos) auf der anderen Seite führte uns erst in den heutigen Zustand. 

    Durch Transparenz könnte man dem langfristig entgegenwirken. Offen und einfach aufschlüsseln für was Steuergelder eingesetzt werden und Mitbestimmung darüber öffnen. Gleichzeitig Warnhinweise von Steuermahnern in Form der Schwarzbücher ernst nehmen und genau wie bei der Energie- und Nahrungsmittelverschwendung eher die Ausgaben effizienter gestalten (vgl: “Faktor 5 – Weiszaecker) als nur die Einnahmen auf raffiniertere Art und Weise zu erhöhen. Den Menschen einen nachvollziehbaren Finanzierungsplan zur Abstimmung vorlegen. Menschen parallel in diesem Bereich bilden. 

    Zusammengedampft bin ich also eher ein Verfechter der Aufklärung und warne in einer Art Zwischenzustand, in dem wir uns zu befinden scheinen davor wieder in die reine Gefühlswelt zurückzuwandern. Auch die Aufklärung benötigt die Emotion, in Form von Empathie, der Fähigkeit sich in die Gefühlswelt anderer hineinversetzen zu können. Genau das benötigen wir. Wir müssen lernen zu verstehen, warum wir Steuern zahlen und wofür und was passieren würde, wenn wir es nicht tun.

    Ich halte in Summe also sehr wenig von manipulativen Mitteln zum Zweck, zumal sie meist im Moment der Manipulation auch schon aufgedeckt werden. Und dann muss man wieder auf der Vernunftebene argumentieren, warum die Manipulation vielleicht sinnvoll war, aber eines untergräbt die Manipulation: Das Vertrauen. Und das brauchen wir in Zukunft mehr denn je wenn wir Komplexität reduzieren möchten.

  2. Patrick, ich wollte hier auch nicht die Frage der Ethik stellen. Das kann ein solcher Gedankenanstoß hier im Blog nicht leisten. Ich glaube Transparenz und Mitwirkung interessiert nur eine ganze kleine Schicht von Bildungsbürgern. Mich macht es traurig, wie wenige Bürger etwa an der ersten Runde von http://www.solingen-spart.de teilgenommen haben – zumindest in Relation zu denen, die erst Bild lesen und dann herummeckern. Dieser kleine Vortrag ist vielleicht ein weiterer Impuls in der Richtung (ich mag übrigens die Tipps für die Bahn): http://www.ted.com/talks/rory_sutherland_perspective_is_everything.html?awesm=on.ted.com_Sutherland&utm_campaign=&utm_medium=on.ted.com-static&utm_source=facebook.com&utm_content=awesm-publisher

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