Polit-Neulinge prallen auf die mediale Wirklichkeitskonstruktion

Medien bieten Ersatzformen von Allwissenheit und Allgegenwärtigkeit an. An die Stelle religiöser Kommunikation tritt heute Kommunikation als Religion. Totale Verkabelung, die Verstrickung im elektronischen Netz, wird der unbefangene Blick aber als profane Variante der religio – und das heißt ja eben: Rückbindung erkennen. In der Vernetzung zum integralen Medienverbund ist uns eine stabile Umbesetzung der Transzendenz gelungen. Das Göttliche ist heute das Netzwerk. Und Religion funktioniert als Endlosschleife.

Norbert Bolz, deutscher Medien- und Kommunikationstheoretiker sowie Designwissenschaftler, Professor an der TU Berlin.

Der Krieg ist vorbei, ich hab es im Fernsehen gesehen.

Conrad Brean, Figur aus “Wag the dog”

Es gibt aus meiner Sicht mindestens zwei Ebenen der Wirklichkeit. Das was ich selbst in meiner unmittelbaren Umgebung beobachte, erlebe und erfahre – also wahrnehme und das was ich über einen passiven Weg erfahre, also der indirekt aufgearbeitete Wahrnehmung von anderen Menschen. Beide Varianten nehmen die Wirklichkeit durch eine andere Brille wahr.

Wenn ich mich selbst als Person beschreiben müsste, würde mein Ergebnis sicherlich anders ausfallen, als die Beschreibung eines Psychiaters, eines Lehrers, eines Rivalen oder eines Journalisten. Jeder Mensch hat in seiner psychosozialen Rolle eine andere Wahrnehmung und damit auch andere Prioritäten der Wirklichkeitsbeschreibung. Ich selbst möchte mich vielleicht im besten Licht darstellen, der Psychiater konzentriert sich vielleicht nur auf abnormale Anzeichen meiner Persönlichkeit, der Lehrer versucht meine intellektuellen Leistungen zu bewerten, mein Rivale stellt meine Person möglichst negativ dar und der Journalist, ja der hat vielleicht ganz unterschiedliche Aufträge zur Beschreibung meiner Person, heute meist den, aus mir eine besonders gute und anlassorientierte Story zu schreiben, die letztlich dazu führen soll, dass sie besonders oft und gerne gelesen wird.

Alle Rollen so schön nebeneinander gestellt, zeigt doch sehr schön auf, dass es eine reine objektive Wirklichkeit so nicht geben kann und schon gar nicht in den von uns als Objektivitätsgaranten gepriesenen (Massen)Medien transportiert wird. Norbert Bolz hat es in dem obigen Zitat sehr schön beschrieben. Früher erklärten uns die Religionen und ihre Vertreter die Welt und wir glaubten alles was sie predigten. Im Zeitalter der Massenmedien wechselte der Mensch die Kanzel auf die er hinaufblickte. Alles was dort über die Kanäle von einigen staatlichen und privatwirtschaftlichen Sendern und Presseorganen publiziert wurde, war und ist für den Großteil der Menschen die reine, unreflektierte Wirklichkeit. “Ich habe es schließlich im Fernsehen gesehen oder in der Zeitung gelesen”.

Im angebrochenen Zeitalter des Internets erfahren wir gerade allerdings eine ganz neue Art der Zäsur. Damals hat der Gutenberg’sche Buchdruck maßgeblich dazu geführt, dass die Kanzel- und Adelspredigten kritisch hinterfragt wurden. Plötzlich gab es auch andere Sichtweisen der Wirklichkeit, die sich sogleich memetisch verbreiteten. Mit ihr allerdings auch der “Gossip”, der Klatsch & Tratsch und damit eine ungezügelte Verzerrung von Wirklichkeit, aus unterschiedlichen Interessen heraus. Das Internet, als neues Substrat der alten Medienformen, ermöglicht nun die maximale Abbildung pluralistischer Wirklichkeiten. Das führt natürlich insgesamt auch zu mehr “Gossip”, aber letztlich bei allem vorherrschenden Kulturpessimismus auch eine Annäherung an Realität über einen globalen, medialen Diskurs. Der arabische Frühling wäre ohne diesen sichtbaren Diskurs zum Beispiel nicht realisiert worden.

Dieser Diskurs, den ich hier meine, funktioniert schematisch ungefähr wie folgt: Die Zeitung XY stellt eine These, also eine Behauptung auf und publiziert sie. Ein Blog (z.B. eine Community aus vielen Bloggern und Publizisten) greift die These auf und korrigiert sie anhand von neuen Berichten und Nachrecherchen öffentlich im Netz (oder darin auftauchende Personen publizieren direkt eine Stellungnahme und Richtigstellung) Alle dazu getätigten Beiträge sind anschließend über eine Suchmaschine bei Eingabe des Schlüsselbegriffs im Idealfall chronologisch nachvollziehbar. Jeder Mensch kann sich nun selbst ein Urteil bilden oder die ursprüngliche Berichterstattung wird nachträglich dazu gezwungen sich zu korrigieren. So etwas war vor dem Internet in der Form einfach nicht möglich.

Um meine Beschreibung mal etwas griffiger zu gestalten, hier mal ein sehr schönes Beispiel für einen solchen Diskurs, der gleichzeitig auch einen Einblick in die Funktionsweise der Medien liefert. Es handelt sich um eine Reportage von Daniel Bröckerhoff für das ARD Fernsehmagazin Zapp. Der Beitrag arbeitet mit einem Perspektivwechsel, etwas was man eher seltener in den klassischen Medien sieht. Es geht es um prominente Nachwuchspolitiker und wie sie von den klassischen Medien aus ihrem Empfinden heraus verzerrt stilisiert werden. Ein hochinteressantes Lehrstück zum Thema Wirklichkeitskonstruktion und Medienmanagement.

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