The East End Boys and West End Girls – Leben und Studieren in London

Ich bin schon einige Male hier gewesen. London. Wenn die Leute über „Große Städte“ sprechen, kommen immer wieder dieselben drei Namen auf: Paris, New York, London. Mittlerweile würden einige vermutlich auch Berlin in diese Liste aufnehmen, aber allgemein bekannt und geschätzt wurden die eben genannten drei seit je her. Für mich war London immer das höchste der Gefühle. Seit ich ca. 14 Jahre alt war – mein Gott, das ist jetzt schon über 10 Jahre her -, war es mein Traum, in dieser Stadt zu leben. Alles an dieser Stadt, ihrer Einwohner und ihrer Mentalität war faszinierend. Einfach anders und neu und irgendwie besser. Jetzt bin ich seit etwa vier Wochen hier und vieles fällt auf, was ich hier als „Issues“ deklarieren und genauer beschreiben will.

Issue 1: Location
Ich wohne in Camberwell, einem Stadtteil im Süden Londons, welcher,  wenn man mit Einheimischen oder Leuten, die schon länger hier wohnen, meistens mit einem „Oh! South London!“ etwas vorurteilhaft und negativ konnotiert kommentiert wird. Es ist tatsächlich so, dass Südlondon, ebenso wie das „berüchtigte“ East End zu den sozial schwächeren Teilen Londons gehört. Woran merkt man das? Mehr Migranten, mehr Arbeiterklasse, mehr Subkultur im nicht immer nur positiven Sinne. Aber vergleicht man Camberwell mit zum Beispiel Brixton, was noch südlicher gelegen ist, bin ich doch ziemlich gut dran. Tatsächlich ist es so, dass einen Central London mit all seinen Touristen, überfüllten Tubes und seiner Geschäftigkeit doch ab und an überfordern oder zumindest unangenehm hetzen kann.  Da kommt es nur zu gelegen, dass man abends in ruhigere Gefilde kommen, sich zurücklehnen und entspannen kann, was einem ob der Vielzahl an kleinen, gemütlichen Parks rundherum wirklich leicht fällt.

Issue 2: Timing
Wenn man bei Oval Station, am Rande von Camberwell, steht, hat man einen wundervollen Blick auf den bekannten „Gherkin“, ein Geschäftsgebäude in der Form einer Gurke („gherkin“) – wobei es ehrlich gesagt eher wie ein überlanges Ei aussieht. Der Gedanke „da könnte ich ja mal kurz hinlaufen und mir das genauer anschauen“ ist jedoch ein Trugschluss. Das so nahe scheinende Icon ist locker einen 45minütigen Marsch entfernt und selbst mit der Tube oder einem der berühmten roten Busse braucht man bestimmt eine halbe Stunde, um dorthin zu gelangen. Kurz zum nächsten Supermarkt: 15 Minuten laufen; Klamotten shoppen auf Londons geschäftigster Einkaufsmeile Oxford Street: 35 Minuten mit Bus und Tube; Zu Regent Campus: 35 Minuten Tube; Zu Marylebone Campus direkt gegenüber von Madame Tussauds: 45 Minuten; Zu Harrow Campus ein Stück außerhalb Londons: 75 Minuten. Und das auch nur, wenn man nicht früh morgens in der absoluten Rush Hour versucht in die Stadt zu kommen, was bedeutet, dass man sich wie die Sardine in der Dose durch die Underground Stations und in die Tubes quetscht. Ein Spaziergang durch die Innenstadt, um ein paar der Sehenswürdigkeit zu Fuß abzuklappern und auf dem Heimweg durch die Royal Parks bei Buckingham Palace zu spazieren dauert je nach Ausmaß und Fußfleisch zwischen 3 und 5 Stunden. Nach 4 Semestern in Karlsruhe, wo man innerhalb von max. 20 Minuten eigentlich überall ist, wo man sein möchte, ist das doch eine Umstellung.

Issue 3: Diversity
Wie viele Dunkelhäutige, Inder, Spanier, Italiener, Franzosen, Jordanier, Russen, Ukrainer, Amerikaner, Kanadier, Schweden, Dänen, Südafrikaner, Araber, Chinesen, Japaner, Koreaner,……….., habt ihr in den letzten Wochen gesehen? Ich würde euch gerne Zahlen nennen, aber ich könnte beim besten Willen nicht sagen, wie viele davon ich allein in den letzten drei Stunden gesehen habe. Ich könnte euch nicht einmal sagen, ob Englisch die Sprache ist, die ich hier am häufigsten auf der Straße höre, um ehrlich zu sein. Meine Professoren sind ein Italiener mit einer schottischen Assistentin, ein Simbabwaner (oder wie auch immer die Einwohner Simbabwes heißen), den man kaum versteht ob seines starken Akzents, ein Australier mit einer englischen, einer walisischen und einer italienischen Assistentin und tatsächlich ein Engländer. Meine Kommilitonen sind aus oben genannten Länder und einigen, die ich mit „…“ abgekürzt habe. Wahnsinn!

Issue 4: Companionship
Eines der wohl schwierigsten Unterfangen ist es, hier Freunde zu finden, oder zumindest Leute zu finden, mit denen man eng genug wird, um auf einer regelmäßigen Basis etwas mit ihnen zu unternehmen. Ich kam hier her mit der Annahme, ich würde schnell in Kontakt mit vielen internationalen und einheimischen Studenten kommen, mit ihnen feiern gehen,  Museen besuchen, zu Konzerten gehen etc. Aber das ist nicht so einfach. Ich wohne in einer Art Studentenwohnheim mit insgesamt 70 Studenten, die bis auf wenige Ausnahmen sich in ihren Zimmern zu verschanzen scheinen. Der Common Room und der Hinterhof sind meist menschenleer. Mit den Vorlesungen verhält es sich ähnlich. Das tolle an der University of Westminster, an der ich studiere, ist, dass man frei aus sämtlichen Modulen sämtlicher Campi sein eigenes Curriculum wählen kann. Das ist auch der Grund, wieso ich an drei verschiedenen Campi über die Woche verteilt Vorlesungen habe und Module belege, die mich wirklich interessieren (Art and Society, New Media Related Theory, Audience Studies und Comparative International Management). Die Krux an diesem Konzept ist nur, dass man eben nicht mit denselben Leuten dieselben Vorlesungen Tag für Tag hat und somit schnell enge Kontakte knüpft, zusammen essen geht, zusammen lernt, Aufgaben bearbeitet und abends und am Wochenende mit ihnen ausgeht. Man ist viel mehr anonym. Und jeder tendiert dazu, nach Ende einer Vorlesung mehr oder weniger aus dem Vorlesungssaal zu stürmen und seines Weges zu gehen.
Aus diesem Grund beschränkt sich mein Kreis von „Freunden“ derzeit auf zwei wirklich nette Däninnen, die in meinem Studentenwohnheim leben, einen ihrer Freunde, einen Engländer aus dem Wohnheim und die beiden Student Advisor (Tutoren – wie von der Karlshochschule bekannt). Das klingt vorerst nicht zu wenig, aber durch die vielen Assignments, auf die ich gleich noch eingehen werde, ist die Anzahl der gemeinsamen Aktivitäten überschaubar. Was wiederum dazu führt, dass man viel eigenständig bzw. alleine macht (was in meinem Fall, nach zwei Semestern, in denen ich durch das BEYOND Festival und das quasi Zusammenwohnen mit meiner Freundin fast 24/7 umgeben von engen Freunden und eben Companion war, teilweise nicht einfach zu handlen ist).

Issue 5: University
Das Arbeiten und die Vorlesungen hier sind natürlich vollkommen anders, als an der Karlshochschule. Wobei ich mit meiner Kurswahl voraussichtlich noch Glück habe. Meine Vorlesungen und Seminare habe ich mit 40 bis 80 Studenten gleichzeitig. Die Profs sind nicht telefonisch erreichbar und wenn man sie außerhalb der Vorlesung trifft, sagen sie nicht „Hello“, weil sie einen voraussichtlich nicht kennen. Bürokratie (oh, hier ein kurzer Exkurs zur allgemeinen Bürokratie in England: nicht so schlimm wie in Frankreich, aber bei weitem unkoordinierter als in Deutschland! Wenn man in Deutschland ist, geht einem der bürokratische Wahnsinn und die Übergenauigkeit und die Überorganisation ja oft ziemlich auf die Nerven, aber wenn man dieses System mal nicht um sich hat und sieht, wie lang manche Sachen brauchen können und was nicht funktionieren kann, lernt man zu schätzen, was man an Deutschland hat!) und Informationsfluss sind wesentlich automatisierter und indirekter. Großes Plus: Sämtliche Infos zur allgemeinen Verwaltung und den Vorlesungen und Assignments sind übersichtlich und stets verfügbar in einem Onlineportal gesammelt. Nachteil: Feedback und Rückfragen sind nur schwierig zu handlen. Riesen Plus (und das würde ich gerne mit an die Karlshochschule nehmen): Bibliothek! Abgesehen davon, dass natürlich ob der Größe der Universität der physische Bestand an Literatur und jedem nur denkbaren Thema unverhältnismäßig größer ist, gibt es nahezu jedes Buch als kostenlose Onlineversion für Studenten, was die Recherche unfassbar vereinfacht!
Man lernt jedoch beinahe alles andere an der Karlshochschule zu schätzen: die Intimität, die Reflektivität, die Nähe zu allen Institutionen, Professoren und Kommilitonen, die unmittelbare Praxisnähe etc. Hier soll kein falscher Eindruck entstehen, die University of Westminster ist eine sehr sehr gute Uni, mit einem zurecht sehr guten Ruf, aber ihr Konzept und ihre Ausmaße sind eben vollkommen anders, als an einer kleinen privaten Hochschule, vor allem mit der ideologischen Ausrichtung, wie der Karlshochschule.

Issue 6: Feeling and Conclusion
Einiges von dem, was ich bisher beschrieben habe, mag den Eindruck vermitteln, dass ich hier nicht ganz glücklich wäre oder meine Entscheidung hier her zu kommen bereuen würde. Aber nein, absolut nicht. Vieles ist einfach anders als gewohnt und anders als erwartet und anders als zuvor erlebt. Mein erster Satz war „Ich bin schon einige Male hier gewesen.“ und natürlich gibt einem eine Stadt einen oberflächlicheren Eindruck, wenn man als Tourist für ein Wochenende oder eine Woche hier ist, als wenn man tatsächlich in ihr lebt, isst – der Ruf des englischen Essens ist wesentlich schlechter, als die Realität! -, läuft, arbeitet, lernt, feiert, kommuniziert, schläft, sieht, hört, fühlt…fühlt…apropos…Feeling. Das ist es, was das Leben in London ausmacht. Das Feeling, die Atmosphäre, der Vibe, der Spirit der Stadt; all die Issues. Ich war jetzt schon einige Male auf der Southbank, hab London Eye, die Houses of Parliament, Big Ben, Westminster Abbey, Mayfair, Piccadilly Circus, Oxford Street, Trafalgar Square, Tate Modern, Tower Bridge, Tower Hill, Canary Wharf, Soho, Covent Garden, Camden Town, Buckingham Palace, Leicester Square, King Street (Harrods), King’s Cross (Harry Potter), Regent’s Park, Baker Street (Sherlock Holmes) und all das gesehen, bin jeden Tag Tube gefahren und habe jeden Tag einen der roten Busse oder eines der schwarzen Taxis (Cabs) genommen, ich war in St. Paul’s Cathedral, Tate Britain, National Gallery, Museum of London, habe in der Ministry of Sound gefeiert, war im Pub „Angel in the Fields“ und habe pints of beer und of ale getrunken, war beim Konzert einer meiner Lieblingsbands, war beim Pavilion of Art and Design und bei der Frieze Art Fair, habe eine Backstage-Tour im Royal Opera House gemacht und dort „Der fliegende Holländer“ gesehen und bin mehrfach einfach so durch die Stadt gelaufen, vorbei an Touristen, Businessmen und –women, Flyerverteilern, Menschen aller Schichten, Religionen, Herkünfte, Einstellungen, Kleidungsstile (verdammt ich bin ein Fashion- und Shopping-Victim vor dem Herrn und TopMen hat 20% Studentenrabatt!!!) und wurde von zwei meiner Bekanntschaften unwissentlich in eine Oscar Wilde-themed/Jugendstilinterieur gay bar geschleppt.
Und glaubt mir, das Feeling, die Atmosphäre, der Vibe, der Spirit, der einen dabei jedes Mal wieder umgibt, ist einfach unglaublich und makes it so worth being in this most amazing city on the planet!

Ihr dürft jetzt neidisch sein… ;-)

David Sixt – KKM 5

2 comments Write a comment

  1. Cooler Bericht David ich bin gespannt auf mehr :-) Bist bissle einsam da gell…das wird schon noch jetzt geniess erstmal das London Feeling der Rest kommt dann von selbst. Viele Grüsse aus dem langweiligen old Germany

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