Occupy verstehen…

Als am 15. Mai 2011 Tausende von Spaniern, vor allem Studenten, auf die Straße gingen, konnte kaum jemand voraussehen, wie schnell der Funke dank der globalen Vernetzung auf Israel, auf die Wall Street und jetzt auch nach Deutschland überspringen würde. Ob Occupy wirklich eine homogene Massenbewegung ist, oder das Zeug hat, eine zu werden, sei dahingestellt. Mir macht es eher den Eindruck, als würden sich hier viele oft diffuse Gründe bürgerlicher Unzufriedenheit eine gemeinsam Plattform suchen. In Italien mag diese Unzufriedenheit eher in der Person des Ministerpräsidenten Berlusconi liegen, in den USA im seit der Mortage Crisis beschleunigten Untergang der Mittelschicht. Leider wittert auch so manche politische Splittergruppe Morgenluft – die Chance, sich mit ihren wirren Ideen zu profilieren. Ohne Zweifel leben wir aber auch in spannenden Zeiten in denen wir alle hautnah erleben, welche Konsequenzen die digitale Revolution und die daraus abgeleiteten Innovationen und Strukturveränderungen für Wirtschaft, Kultur und Politik mit sich bringen.

Mich selbst betrifft das Thema besonders, da ich gerade mit meinen Mitherausgebern an einem Band über das Verhältnis von Führung, Verantwortung und Nachhaltigkeit arbeite, der zum Jahreswechsel erscheinen soll. Eines wurde bei der Arbeit an dem Band wieder deutlich: Ein Großteil der Verwerfungen, die wir beobachten, sind allenfalls Symptome. Auch das in der Politik zu hörende Mantra des Sparens ist allenfalls eine Symptomtherapie. Die Ursachen – und davon gibt es natürlich ein ganzes Bündel – liegen tiefer.

An unserer Hochschule gibt es sehr unterschiedliche Ansichten zu Occupy, und das ist gut so. Wir sind uns aber alle darüber einig, dass es keinerlei Alternative zur demokratischen Freiheit gibt, und dazu gehört vor allem auch die Freiheit wirtschaftlichen Handelns, sei es als Kioskbesitzer oder als Investbanker. Wir sind uns wohl darüber einig, dass es auch keine Alternative zur sozialen Marktwirtschaft gibt, und keiner von uns würde das Bankensystem ernsthaft in Frage stellen. Selbst die so verteufelten Hedgefonds haben durchaus positive und die Wohlfahrt fördernde Seiten. Es ist aber auch Konsens, dass etwas faul ist im Staate Dänemark (um mit Shakespeare zu sprechen), dass in unserer Weltwirtschaft einiges aus den Fugen geraten ist.

Man kann angesichts der Verwerfungen im Finanzsystem durchaus von Markt- und Organisationsversagen sprechen. Ein solches droht vor allem dann, wenn sich Gruppen von Akteuren – vielleicht mangels moralischer Qualitäten, vielleicht aufgrund mangelnder Einsicht, ganz sicher aber mangels geeigneter Governancesysteme – zu Lasten Dritter einen übermäßigen Nutzen verschaffen. Diese Gefahr ist umso präsenter, wenn die gesellschaftlich-ökonomische Komplexität als auch die Geschwindigkeit des sozialen Wandels aber auch der Missbrauch von Freiheit zu einem Verlust der gesellschaftlichen und ökonomischen Orientierung führt.

Im Herbst 1628 verlassen sieben Schiffe der Vereinigte Ostindische Compagnie (VOC) den Hafen der quirligen Handelsstadt Amsterdam, unter Ihnen ein nagelneuer mit Gold, Silber, kostbaren Stoffen und vor allem Waffen beladener Dreimaster: Die Batavia. An Bord ein buntes Sammelsurium aus Seeleuten, Bürgern, Abenteurern und gesellschaftlich Gestrandeten. Die Rückkehr von ihrer Jungfernfahrt wird die Batavia nicht erleben. Am 4. Juni 1629 strandet sie vor der Westlüste Australiens. Unter den 250 Überlebenden erreichtet der Kaufmann Jeronimusz Cornelisz eine blutige Willkürherrschaft aus Mord, Unterdrückung und Vergewaltigung. Nur wenigen der Männer, Frauen und Kinder sollten seiner Herrschaft seiner Komparsen entkommen. Erst eine Strafexpedition kann dem Treiben ein Ende setzen. [als Literatur empfohlen: Dash, M. (2002); Der Untergang der Batavia; München (Wilhelm Goldmann)]

Es war die Giesserei Hammesfahr & Kratz, die es als erstes traf: Am 16./17. März 1848 sich rotteten Solinger Arbeiter (einer meiner Urahnen war übrigens als Rädelsführer dabei) zum Sturm auf die verhassten Gießereien zusammen. Der auslösende Funke war der wirtschaftliche Druck der neuen billigen, industriell produzierenden Gießereien, doch tiefere Ursache dürften die Verwerfungen gewesen sein, die durch das von Friedrich Engels so genannte “Truck-System” ausgelöst hatte: „Truck heißt bei den Arbeitern das Bezahlen des Lohns in Waren, und dieser Zahlmodus war früher ganz allgemein in England. Der Fabrikant errichtete, ,zur Bequemlichkeit der Arbeiter und um sie vor den hohen Preisen der Krämer zu schützen‘, einen Laden, in dem für seine Rechnung Waren aller Art verkauft wurden; und damit der Arbeiter nicht etwa in andere Läden gehe, wo er die Waren billiger haben konnte.“ [Engels, F. (1845); Lage der arbeitenden Klasse in England, Leipzig]
Statt Lohn in barer Münze, wurden die Arbeiter also mit oft minderwertigen Waren ausgezahlt, deren Preis nicht marktgerecht, sprich: willkürlich und auf unrealistisch hohem Niveau, festgesetzt war, so dass die Waren wenn überhaupt, allenfalls mit Verlust weiterverkauft werden konnten. [Henkel, M./Taubert, R. (1979); Maschinenstürmer: ein Kapitel aus der Sozialgeschichte des technischen Fortschritts Frankfurt a. M. (Syndikat)]

Sowohl Cornelisz als auch die Bergischen Unternehmer jener Zeiten mögen ihr Handeln – vielleicht mangels innerer Einsicht, mangels besseren Wissen oder mangels äußerer Maßstäbe – durchaus als vernünftig angesehen haben. Hier führen Peter Ulrich und Edgar Fluri in Anlehnung an C. W. Churchman und E. Jantzsch den Ethos ganzer Systeme in die Diskussion ein, dass das Verhalten einer Person oder Institution als „gut“ gelten kann, wenn es eine Verbesserung des jeweils übergeordneten Systems bewirkt. (…) [ ] „Die wesentliche Einsicht aus diesem Ansatz einer integrierten Betrachtung ist wohl die Relativität herkömmlicher Begründungen und Rechtfertigungen der Unternehmensaktivitäten: die Einsicht nämlich, dass wir die Unternehmung gleichzeitig aus der Perspektive mehrerer Ebenen betrachten müssen.“ [Ulrich, P./Fluri, E. (1995); Management; 7.: Bern/Stuttgart/Wien (Haupt): 69] Deshalb kann allein die Überwindung individuellen interessensgeleiteten Handels auf Dauer Wohlfahrt bringen. Ein krasser Widerspruch zu Milton Friedmans Postulat, dass die soziale Verantwortung der Unternehmung darin läge, ihre Profite zu erhöhen (“The Social Responsibility of Business is to Increase its Profits“).

Die historischen Begebenheiten sollen hier eher plakativ zeigen, dass es, wenn der Blick auf eine höhere Ebene verwehrt ist und die Governance Strukturen versagen, auf Dauer nur Verlierer geben kann. Die letztendliche Beurteilung kann nur auf einer höheren organisatorischen Ebene erfolgen, im Zweifel – und wohl ungünstigen Fall – durch den Staat oder die Staatengemeinschaft, der oder die den erwähnten Rahmen neu setzt (dazu mehr in dem demnächst erscheinenden Buch). Wenn es aber den Saaten nicht gelingt, das Ruder in der Hand zu halten und der Souverän von einzelnen Akteuren (Spekulanten) vor sich her getrieben wird, ist ernsthaft Gefahr in Verzug.

Und hier ist es gut, dass es in einer Demokratie Bürger – wie in der Occuppy Bewegung – gibt, die einen solchen Rahmen oder ein Nachjustierung bestehender Rahmungen einfordern. Und es ist gut, wenn sich junge Leute an Hochschulen konstruktiv damit auseinandersetzen, wie ein solcher Rahmen gesteckt werden kann.

Diskussion erwünscht!

Weiterführende Literatur:

Harald Wozniewski (2009); Die Finanzkrise verstehen und Konsequenzen ziehen; in: Lutz Becker/Walter Gora/Johannes Ehrhardt (Hg.): Führen in der Krise, Düsseldorf (Symposion)
Lutz Becker/Holger Hakensohn/Frank H. Witt (2012): Nachhaltige Unternehmensführung:
Ökologisch, sozial und technologisch verantwortliches Management, Düsseldorf: erscheint Anfang 2012 bei Symposion

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