Systemisch arbeiten – eine persönliche Zusammenfassung

Lange Zeit habe ich das systemische Arbeiten verfolgt und vertieft, dann gab es eine Phase, in der ich es völlig aus den Augen verloren habe. In der letzten Woche habe ich es in Form eines intensiven Seminars wiederentdeckt – mit erstaunlichen produktiven und inspirierenden Effekten.

Systemisches Denken und Handeln ist geprägt von vielerlei Dingen, ich möchte an dieser Stelle mal die wichtigsten aufführen:

  • Tiefe. Systemisches Arbeiten verlangt es unter die Oberfläche zu tauchen. Je mehr man sich der systemischen Arbeit öffnet, je empfänglicher man für neue Impulse und Anregungen ist, desto besser kann “es” arbeiten. Man muss vorher so gut wie gar nichts darüber wissen, die Hauptvoraussetzung, der Motor für systemisches Arbeiten, ist die innere Einstellung, also die Scheu vor Unbekanntem abzulegen und auch Fehler zuzulassen.
  • Ziel- und Lösungsorientierung. Im Vergleich zu anderen Methoden ist systemisches Arbeiten immer auf eine positive Lösung konzentriert. Die Analysephase kann – muss aber nicht – ein Bestandteil der systemischen Arbeit sein. Im Vordergrund steht die Lösung, nicht das Problem und wie es entstanden ist.
  • Klare Aufträge. Systemische Arbeit ist immer gekoppelt an einen klaren Auftrag. Ohne Auftrag auch logischerweise keine Auftragserfüllung. Ohne Zielvorstellung keine Zielerreichung.
  • Gute Anleitung. Der Erfolg von systemischer Arbeit steht und fällt mit dessen Leitung. Die Person(en) muss ein Gespür für die Gruppendynamik haben und es verstehen zum einen sich komplett zurückzunehmen und zum anderen in gewissen Situationen extrem präsent zu sein. Eine unheimlich komplexe und anstrengende Aufgabe, die einiges an Erfahrung bedarf.
  • Perspektivenwechsel. Erst durch den Wechsel der Perspektive können Aha-Erlebnisse eingeleitet werden. Das steht natürlich automatisch im Vordergrund vor allem wenn man lösungsorientiert arbeitet. Das “Schlechte” wird von einer anderen Seite beleuchtet, nämlich mit der Frage, welche Funktion es bisher für das System hatte. (Also bsp. rebellische oder lethargische Mitarbeiter haben für das Gesamtsystem eine bestimmte Funktion, sie halten das System auf ihre Weise mehr oder weniger stabil)
  • Ideal heißt nicht problemfrei. Ebenfalls sehr angenehm und realistisch ist die Annahme dass es ein Ziel wie “Problemfreiheit” nicht geben kann. Ein bestimmtes Problem (bzw. Eigenschaft, ist ja eine Frage der Interpretation) kann gelöst werden, dadurch kann aber ein anderes auftreten.
  • Vorbildfunktion. Ein System kann nur durch eigenes Zutun verändert werden. Ändere ich mich in meiner Persönlichkeit, meinem Denken und Handeln, verändert sich auch automatisch das System. Gehe ich also absichtlich mit mieser Laune ins Büro wird in Nullkommanix die Gesamtstimmung im System Büro ebenfalls in den Keller tendieren (es sei denn ich werde von der guten Laune anderer wieder angesteckt)
  • Achtsamkeit. Je mehr man auf sich selbst achtet, desto stärker achtet man auf seinen Gegenüber. Das beinhaltet verbale wie nonverbale Kommunikation. Wie ist mein Körpergefühl in Situation XY und wie verändert es sich bei Z?
  • Praxisorientierung. Systemisches Arbeiten ist geprägt von einem sehr großen Praxisanteil, also “Learning by Doing”. Rollenspiele, Skulpturarbeit, Supervision oder Aufstellungen integrieren einen komplett in den Lernprozess. Das kann keine Theorie leisten. Man erfährt in einem geschützten Freiraum die Lösungsmöglichkeiten innerhalb eines Systems und reflektiert gleichzeitig dessen Auswirkungen bei sich und anderen.
  • Nonverbalität. Die nonverbale Kommunikation, die ja den größten Teil unserer Informationsübertragung ausmacht, erhält in der systemischen Arbeit einen besonderen Stellenwert. Auch erklärt es bestimmte Phänomene gerade, wenn man mit Rollenspiele oder Aufstellungen arbeitet. Es werden wesentlich mehr Informationen ohne Sprache übertragen und durch die einzelnen Übungen wurde das für mich sehr deutlich sichtbar.
  • Hypothesenorientiert. Ganz im Zeichen des Konstruktivismus geht das systemische Arbeiten immer von einer Hypothese, niemals von einer Tatsache aus. Hypothesen lassen Lösungsmöglichkeiten zu, während scheinbare Fakten die weitere Arbeit an einem Thema verschließen (Das war aber schon immer so!).

Soweit der hypothetische Input von mir. Ich bin offen für weitere Impulse und Anregungen von euch!

10 comments Write a comment

  1. @Patrick “Vorbildfunktion. Ein System kann nur durch eigenes Zutun verändert werden. Ändere ich mich in meiner Persönlichkeit, meinem Denken und Handeln, verändert sich auch automatisch das System. Gehe ich also absichtlich mit mieser Laune ins Büro wird in Nullkommanix die Gesamtstimmung im System Büro ebenfalls in den Keller tendiere”

    innerhalb gleich gestellter kann ich da gut zustimmen. in hierarchien von oben nach unten auch. aber umgekehrt ? ich glaube nur in dem fall, dass jemand einen auftrag (von oben) erfüllt unsichtbares theater (http://de.wikipedia.org/wiki/Unsichtbares_Theater) zu spielen ;:-)

  2. Niemand ist meiner Absicht nach ausgenommen. Jeder beeinflusst jeden. Irgendwie.

    Die spannende Frage ist doch eher wie, wann und warum sich ein System stabilisiert.

  3. @ Patrick “Die spannende Frage ist doch eher wie, wann und warum sich ein System stabilisiert.”

    oder an welchem punkt sich ein “system” dazu entscheidet, einen klaren auftrag zu vergeben, sich destabilisieren zu lassen.

    bei paaren ist das gewöhnlich ein leidensdruck, der grösser ist als die furcht, die bisherige stabilität zu gefährden. dieser leidensdruck ist begründet durch eine abkapselung der individuellen systeme gegenüber dem gesamtsystem “paar”.

    in familien ist oft ein kind so leidend geworden, dass die anderen mitglieder die folgen davon nicht mehr ertragen können bzw. auch das ganze system familie so unfunktional geworden ist, dass seine mitglieder in anderen systemen wie schule, arbeitsplatz etc. aus dem rahmen fallen und von dort aus druck zurück wirkt.

    in firmen sieht das m.M. nach zunächst anders aus. firmenunkulturen und ihre anwender als vorgesetzte entledigen sich ihrer nicht funktionierenden mitarbeiter und ersetzen sie . sie geraten dabei nicht in konflikt mit angrenzenden systemen wie den krankenkassen, sozialversicherungen, der arbeitslosenkasse etc. diese funktionieren nämlich nicht systemisch in dem sinn, dass sie das system arbeitgeber zur rechenschaft ziehen.

  4. Sehe ich etwas anders. Wenn man es wirklich systemisch sieht, bedeutet der Rauswurf oder überhaupt die Personalpolitik eines Vorgesetzten auch immer gleich die Sicherung oder Wiederspiegelung der eigenen Position im System.

    Dabei entstehen dann u.a. auch so Phänomene wie das Peterprinzip.

    Der Rauswurf von Mitarbeiter dient also auch der Stabilisierung eines Systems – in einer Fluktuationshaltung beispielsweise.

    Systemisch zu hinterfragen bedeutet auch dem scheinbar Negativen (Chef wirft immer alle raus, wenn es ihm nicht passt) auch eine Funktion zuzuschreiben.

    Wenn das Unternehmen mit Fluktuation gut leben kann, dann kann das durchaus eine legitime Stabilisation des Systems sein (wenn auch nicht aus der Sicht des betroffenen Arbeitnehmers).

  5. hi Patrick

    ja klar, das reduzieren von mitarbeitenden in manchen situationen kann (und ist es immer öfter) für einen arbeitgeber bzw. das system funktional sein.-

    worauf ich hinaus möchte ist, dass mein interesse nicht darin liegen kann eine theorie zu bestätigen, sodass sie dann schön schlüssig ist, sondern methoden und konstrukte zu finden, die mir helfen, auf bestehende systeme falls nötig, einfluss nehmen zu können.
    der ausgangspunkt hier in dem thread war ja deine bemerkung der vorbildfunktion und ich hatte die wirkung in hierarchien in frage gestellt.
    wenn sich also ein system nur von innen heraus verändern kann, also um im beispiel zu bleiben eine firma, dann braucht man also einen auftrag um veränderungen in gang setzen zu können.
    die frage ist, muss man sich tatsächlich damit bescheiden oder kann die systemtheorie mehr ? mein eindruck ist, dass an diesem punkt erst einmal ihre grenze liegt. und das ist der grund dafür, dass ich sie zwar schätze, aber den oftmals überschwenglichen unterton ihrer vertreter nicht teilen kann ;:-)

  6. Hi Jutta/Naoimi,

    natürlich kann man Einfluss auf ein System ausüben, mit allem was du tust, denkst oder machst. Wir meinen immer die verbale Kommunikation sei das Steuerungsinstrument par excellence, dabei übersehen wir aber all die anderen für unseren Verstand unsichtbaren Kommunikationsformen, die mitschwingen: Körpersprache, Präsenz, Aussehen und vor allem das eigene Befinden, welches wiederum für die Interpretation von Kommunikation zuständig ist.

    Langer Rede kurzer Sinn. Die Veränderung bei sich selbst zuerst vorzunehmen ist der einfachste und effektivste Weg ein System zu verändern. Das meinte ich mit “Vorbild”.

    Nehmen wir mich beispielsweise. Vor einigen Wochen war ich noch mies drauf und regelrecht murrig. Nichts wollte funktionieren. Überall Frust. Das hat sich auf mein Umfeld natürlich übertragen und zwar in allen Systemen, in denen ich mich bewegte. War das nun Interpretation oder tatsächliche Übertragung meiner inneren Einstellung? Keine Ahnung, ich weiß nur, seit dem ich die Selbsterkenntnis u.a. durch das Seminar erfahren habe, hat sich auch alles andere komplett verändert. Klar gibt es noch Rückschläge, aber durch die durchweg optimistische Einstellung, dass man Fehler benötigt um Erfolge zu haben, bleibt die Grundstimmung positiv und es scheint so als würde mehr gelingen. Das Umfeld ist überrascht und motiviert von diesen “good vibrations” und entsprechend ändert sich das gesamte System.

    Wenn wir also mit der Einstellung irgendwo reingehen ein System mit Kampf ändern zu wollen, so werden wir den Kampf erhalten. Wenn wir mit der Einstellung reingehen “alles soll so bleiben wie es ist” so werden wir alles dafür tun, dass sich das System stabilisiert. Wenn wir mit der Einstellung reingehen dass die eigene Gesundheit das Wichtigste ist, so werden wir auch die Gesundheit der anderen respektieren usw. usf.

    Es ist so einfach, aber eben auch so schwer. Weil uns beigebracht wurde, dass die Achtsamkeit auf uns selbst das gleiche ist wie Egoismus, was aber einfach Blödsinn ist.

    Zu Hierarchien: Sie sind für die meisten Systeme extrem wichtig. Es wollen nicht alle führen und viele wollen geführt werden. Wenn man jedoch die innere Einstellung vertritt, dass Führung per se schlecht ist, dann wird man natürlich immer dagegen rebellieren. Dann bleibt eigentlich nur noch die Möglichkeit selbst Führung zu übernehmen oder man bleibt ewig in dem Zwist hängen. Wer sich schlecht geführt fühlt, muss ja nicht bleiben oder hat die Möglichkeit zu verändern. Dauerhaft im Lamentieren zu sein empfinde ich mittlerweile als extrem anstrengend. Aber auch das muss man erst für sich klarmachen. Deshalb ist es auch so schwer anderen das zu erklären, weil man es eben nur für sich selbst so wirklich entdecken kann.

  7. hi Patrick, du scheinst hier viel mit der technik herum zu experimentieren, da kann ich noch was lernen :-)-

    im moment bewegen wir uns im gespräch ein wenig auf 2 verschiedenen ebenen. in allem was du zu persönlicher entwicklung sagst und die wirkungen, die es auf die umgebung hat, stimme ich dir voll zu. und besonders in dem punkt der achtsamkeit. eine dialogische führung ist eine wunderbare sache und wird denjenigen, die sich darum bemühen oft nicht leicht gemacht.-
    was die theorien angeht, tut man wohl gut daran, auch ihre grenzen wahr zu nehmen…:-)

  8. Ich spreche auch weniger von der Systemtheorie a la Luhmann, die dann doch extrem theoretisch und komplex ist.

    Die Persönlichkeitsentwicklung ist für mich derzeit der einzige sinnvolle Schlüssel um ein System mit zu beeinflussen. Natürlich ist es nicht immer einfach, denn man muss es immer und immer wieder trainieren und oftmals schlagen die alten Muster zurück. Dennoch lohnt sich die Mühe auf lange Sicht. :-)

  9. ja, an dem punkt bin ich auch :-) das gute ist, wenn man 1x den magischen ring durchbrochen hat, spielt es keine zentrale rolle mehr ob sehr schnell, oder manchmal langsamer, weil man weiss, dass ES GEHT.-

    was Luhmanns theorie betrifft gibt es ja schon lange einige konstruktive kritik, bin gespannt, wann eine korrigierte fassung bzw. weiterentwicklung kommen wird (von seinen nachfolgern). ist sicher schon im prozess irgendwo von irgendwem ;:-)

  10. Guten Tag Patrick Breitenbach,

    könnten Sie vielleicht zu diesem Thema bisschen mehr helfen, mein Hausarbeitsthema ist Methoden systemischen Arbeitens, ich habe kein richtiges Buch gefunden:-(

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