Ist das Entfreunden von Pegida Facebook Fans sinnvoll? Wohl kaum!

unfriedn

Die rechtspopulistischen Demonstrationen gegen die angebliche “Islamisierung des Abendlandes” unter dem Label PEGIDA in Dresden spaltet nicht nur unser vielfältiges Land, sondern offenbar auch Facebook. Es schießen derzeit Links wie Pilze aus dem Boden, die einem erklären, wie man am besten die eigene Freundesliste nach Sympathisanten unliebsamen Gedankenguts checkt, so dass man sie aussortieren kann nach dem Motto: Entfreunde alle Kontakte, die bei PEGIDA, NPD, AFD, Böhse Onkelz, usw. usf. auf “Like” geklickt haben. Dazu fallen mir spontan zwei Gedanken ein:

1. Dieses derzeitige Phänomen zeigt sehr schön, wie wir durch ein ganz simples Nutzerverhalten (der Like) Identität nach außen ausstrahlen. Nur weil ich eine Page auf Facebook like, heißt das aber noch lange nicht, dass ich mit allem einverstanden bin, was dort geschieht. Es gibt sogar Menschen, die liken eine unliebsame Page, um sich dadurch auf dem Laufenden zu halten oder sich gar kritisch in die Diskussion einzumischen. Denn Voraussetzung dafür ist der Like. Ist es nicht unfassbar spannend, dass wir mit diese wenigen Informationen und Interaktionen auf die gesamte Persönlichkeit eines komplexen Individuums schließen? Es zeigt mir auch, dass der Klick des Like Buttons ein nicht zu unterschätzender publizistischer Akt ist. Er bleibt eben nicht einfach belanglos und dauerhaft verborgen, sondern kann jederzeit aus dem Archiv per Filterung ans Tageslicht geholt werden. Ich finde diesen Aspekt extrem wichtig im Zusammenhang mit Medienkompetenz. Daher gilt es ein breites Bewusstsein zu schaffen: a) für die eigene publizistische Aktivität, also sich genau zu überlegen was man einfach so klickt und b) für die Interpretation von publizierten Daten anderer Menschen. Die Speisekarte ist nun mal nicht die Speise. Aber alle virtuellen Bewegungen scheinen unhinterfragt auf die Identität des Gegenübers zu schließen.

2. Ich halte die Form der Entfreundung als Protest gegen Pegida für großen Unfug. Was hier betrieben wird gleicht im Grunde doch der Mechanik wogegen man sich auflehnen möchte. Die Demonstranten in Dresden protestieren gegen die Kontamination ihrer eigenen Werte und ihrer Kultur durch eine bedrohlich wahrgenommene fremde Kultur und ihre Werte. Was hier jetzt passiert mit Entfreundung ist im Grunde genommen der gleiche Ablauf. Ich schirme mich ab vor einer drohenden Kontamination der Gegenseite. Aber man muss es vielleicht auch anders herum sehen. Vielleicht belohnt man dadurch sogar die engstirnigen Kulturablehner, schließlich kappt man eine Verbindung, die notwendig wäre, um deren Werte zu hinterfragen und eben auch aktiv zu kontaminieren. Schließlich bedeutet “Freundschaft” auf Facebook, dass man sich gegenseitig liest. Ein Abbruch des Kontaktes ist daher eigentlich nicht im Sinne des Integrationsgedankens, dem Gegenentwurf von Pegida. Intgration bedeutet Inklusion und nicht Exklusion. Die Demonstranten in Dresden sind klar für eine Exklusion. Warum sollte ich als Fan der Inklusion sie nun ausschließen wollen? Ganz im Gegenteil, ich möchte alles dafür tun, damit diese Menschen über ihren Tellerand blicken. Das können sie allerdings nicht, wenn sie in ihrer eigenen Blase schmoren und sich gegenseitig Recht geben. Radikalismus und Extremismus fangen dort an, wo die Diskussion aufhört. Protest und Engagement fängt für mich dort an, wo Bildungsprozesse im Sinne von Diskussion, Hinterfragen, Wissenstransfer usw. stattfinden kann.

Fazit: Erst nachdenken, dann klicken!

Lesetipp: Interview mit Roman Lietz zum Thema “Was kann man tun?”

5 comments Write a comment

  1. lieber Patrick,

    mit Genuß gelesen. Zustimmung bis auf
    Zitat: “Es gibt sogar Menschen, die liken eine unliebsame Page, um sich dadurch auf dem Laufenden zu halten oder sich gar kritisch in die Diskussion einzumischen. Denn Voraussetzung dafür ist der Like. ”
    Zitatende.
    Das stimmt definitiv so nicht. Um kommentieren zu können, braucht es keinen Like, bei Pegida ist das auch sofort zu erkennen.
    Ich kann auch ohne like kommentieren, bzw. mitlesen. Dazu genügt im Zweifelsfall ein simpler “.”, die Benachrichtigungsfunktion von FB informiert mich dann über neue Kommentare, die ich dann auch sofort lesen kann.
    Der Vollständigkeit halber.
    Dies wird auch in den ganzen Diskussionen zu diesem Thema häufig angeführt, allerdings nie mit dem Hinweis, das ein FB-Profil etwas anderes ist, als eine FB-Seite.
    Ansonsten sehe ich das für mich entspannt, und handhabe das auf privater Ebene, ohne dort jemanden anzuprangern.
    beste Grüße
    Udo

  2. @Patrick: Danke für diese klaren Worte. Immer wieder schön zu sehen, wenn jemand bis zu Ende denkt. Was den Aufruf auf Meedia angeht, wundere ich mich nicht allzu sehr, denn Meedia ist Handelsblatt und Handelsblatt ist Holtzbrinck. Da ist der Qualitätsjournalismus eher flüchtig.

    Kleiner Tipp noch zur aktuellen Diskussion dieses Artikels auf deinem FB-Account: Don’t feed the trolls!

  3. Zu Nr. 1: Ich mache das auch. Seiten liken, um sie nicht zu vergessen. Bei bestimmten auch, weil ich sonst nicht kommentieren könnte. Aber das ist nicht unbedingt schlau. Schon gar nicht bei Seiten wie Pegida, NPD und AfD. Denn mit jedem Like steigt die Bedeutung der Seite. Aus Sicht des Facebook-Algorithmus, als Sicht der Zuschauerinnen… Likes sind eben eine wichtige Währung. Besonders unangenehm: Wer Seiten liked, läuft Gefahr, dass dieser Like auf Facebook für Werbezwecke eingesetzt wird.
    Natürlich bedeutet nicht jeder Like automatisch Zustimmung. Aber sowohl Facebook als auch die Mehrheit der Nutzer versteht es genau so.

    Zu Nr. 2: Ich halte es für großen Unfug, zu unterstellen, dass die Mehrheit der Social Graph Nutzerinnen ihren Freundinnen unhinterfragt die Tür weist, weil sie auf der Liste der Pegida-Fans auftauchen. Aber wer sich nach genauerem Hinsehen als Mitläuferin dieser Brut erweist, fliegt raus.
    Ich möchte mich in keiner Weise gemein machen mit Menschen, die bei Pegida mitlaufen. Wer sich dieser Bewegung anschließt, tut im Grunde nichts anderes als die Mitläuferinnen von 1933. Und genau das muss Ihnen signalisiert werden. Da wo ihr lauft, steht ihr außerhalb dieser Gesellschaft. Werdet Euch dessen bewusst. Wenn ihr das nicht versteht, gibt es keine Grundlage für eine Diskussion. Dann seid ihr nicht nur bei Nazis mitgelaufen. Dann seid ihr Nazis.

    Fazit: I strictly disagree.

  4. Prof. Dr. Björn Bohnenkamp

    Dein erster Teil ist auch in ganz anderen Kontexten bemerkenswert. Es gibt in so vielen Bereichen, vor allem natürlich im Marketing, eine große Fixierung auf das Like. Doch was heißt eigentlich Like, was drückt man damit aus? Im Forschungssprech gesprochen: Welche theoretische Größe kann durch diese Messung operationalisiert werden? Geht es um einen spontanen positiven Impuls, ein festes Commitment, den Wunsch, etwas als Teil seiner Identität zu begreifen? Was hinter der Zahl von Likes steht, weiß niemand, und doch ist sie im Hinblick auf Beliebtheit oder Zustimmung die Maßgröße im Social Media-Bereich. Ganze Abteilungen lassen den Erfolg ihrer Kommunikationsstrategien nur an dieser Zahl messen, von dem niemand weiß, welche psychologischen und sozialen Prozesse sie im Einzelnen ausgelöst haben.

    Im Übrigen, was deine Argumentation zu Pegida angeht: Like! (In jedem möglichen Sinne.)

  5. Woher kommt der stete Irrglaube, dass Inklusion ein privater Prozess ist? o_O
    Wenn du dich entscheidest irgendjemandem mit deiner Meinung auf den Senkel zu gehen, ist das doch keine Inklusion. m(

    Wenn unsere Gesellschaft versucht “an alle zu denken” ist sie inklusiv. Und dir als Mitglied einer inklusiven Gesellschaft steht es dann immer noch frei einen exklusiven Umgang zu pflegen.

    Du darfst halt nicht von allen fordern, dass sie das a) gut finden und b) gar nachahmen. Bzw. fordern darfst du das, auch mit hirnlosen Plakaten, aber wir müssen dir dann nicht zuhören und dürfen dich auch dafür kritisieren. Unsere inklusive Gesellschaft sorgt bloss dafür, dass du trotzdem im öffentlichen Leben beteiligen darfst, auch wenn dich mit dieser Meinung dann niemand mehr zu seiner Geburtstagsparty einlädt.

    Insofern unliket was das Zeug hält. Ist ja nicht so als fordert man dazu auf den Leuten die Transferleistungen zu streichen oder sonst irgendeine gesellschaftliche Leistung. Und nein öffentliche Anerkennung oder Zustimmung sind noch kein Menschenrecht, auch wenn FB das vermitteln will. m(

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