Mit dem Fahrrad ins Auslandssemester: Eine andere Art des Reisens

5. Semester, Ausland. Das ist im Studiengang IMK (Interkulturelles Management und Kommunikation) Pflicht – und das ist auch gut so. Ein Semester, in dem sich meine Kommilitonen über den ganzen Globus verteilen. Und wo bin ich? A Coruña, Galicien oder für die, die es nicht kennen: ganz oben links in Spanien, quasi über Portugal. Luftlinie von Karlsruhe: 1436 Kilometer. Meine Möglichkeiten dort hinzukommen: Fliegen, vermutlich das einfachste und billigste. Zug: Irgendwie nett, vielleicht Interrail? Ansonsten ziemlich teuer, leider. Bus? Auch möglich, aber irgendwie anstrengend. Fahrrad: Bisschen bekloppt, unpraktisch – aber klingt nach Spaß. Meine Entscheidung: der Drahtesel.

Die Route: Von Karlsruhe den Rhein entlang bis Offenburg, dann durch den Schwarzwald Richtung Donaueschingen, Rheinfälle, Zürich. Dort treffe ich mich mit meinem Bruder, der mich begleitet. Dann über die Alpen. Für Tour de France-Kenner: Grimselpass, Rhônetal, Mont Blanc und über den unglaublichen Col du Galibier, Grenoble. Einmal quer durch Südfrankreich: Vercors, Rhône, Cevennes, Baskenland, endlich Meer. Über Bilbao an der Küste bis A Coruña. Etwa 2600 km in 30 Tagen. Soweit der Plan.

Die Karten sind gekauft, das Fahrrad vorbereitet, Uni vorbei, Arbeit und Umzug geschafft. Am 29.07. mache ich mich also morgens auf den Weg. Meine erste Station ist die Karls, ein Foto und es kann losgehen. Nach etwa 15 Kilometern und einer Stunde Fahrt schaffe ich es dann tatsächlich, den Weg aus Karlsruhe heraus zu finden. Das ist mir etwas peinlich. Es regnet und ich werde an diesem Tag drei Mal ziemlich nass, verliere einen Pulli und verfahre mich ein weiteres Mal (blöde Ausschilderung :)). Zusammengefasst also ein typischer erster Tag. Der versöhnliche Abschluss: eine Burg bei Offenburg, die als Jugendherberge dient, eine tolle Aussicht und ein gemütliches Bett bereithält.

Nachdem ich dann zwei weitere Tage durchs Ländle gefahren bin, die Kämme des Schwarzwaldes erklommen, die Donauquelle und die Rheinfälle gesehen habe, komme ich in Zürich an. Tolle Stadt. Baden im Fluss, Grillen auf der Dachterrasse und Geburtstag meines Bruder sowie Nationalfeiertag (1. August): Lang lebe die Schweiz. In den folgenden Tagen lernen wir auch die Gastfreundlichkeit der Einheimischen und Öffnungszeiten der Supermärkte kennen. Nicht nur einmal stehen wir vor verrammelten Türen und uns wird geholfen.

Dann: Die Alpen. Warme, fruchtbare Täler voll mit netten Dörfern an Seen und Flüssen. Als Kontrast die Alpenpässe, die Königsdisziplin der Fahrradtouren. Jeder in seinem Rhythmus kämpfen wir uns an Bächen, Kathedralen aus Stein, grünen und blauen Seen langsam und unaufhaltsam die Pässe hoch, die Entlohnung, ein großartiger Blick und eine tiefe Zufriedenheit mit sich selbst. Toll!

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In Südfrankreich dann werden Klima und Architektur mediterraner, die Berge niedriger; mehr und mehr fühlen wir uns dort wohl, trinken Kaffee am Tag, Wein am Abend und genießen den etwas weniger anstrengenden Teil der Tour. Mit meinem etwas brüchigen Französisch komme ich erstaunlich gut zurecht.

Dann verlässt mich mein Bruder in der Nähe von Toulouse aus gesundheitlichen Gründen. Was tun? Weiterfahren? Den Bus nehmen? Es folgt der traurigste Teil der Tour. Nach knapp zweieinhalb Wochen Zweisamkeit das kleine Einmannzelt – wir nennen es „Der Sarg“ – aufzubauen, für eine Person zu kochen und zu schweigen, das führt zu einem Gefühl der Einsamkeit.

Zum Glück darf ich am zweiten Tag bei einer netten Familie im Garten campen, mit der ich esse und bis spät in die Nacht Wein auf der wunderschönen Terrasse der restaurierten und umgebauten Schule trinke. Ich Entschließe mich das Baskenland zu durchqueren bis Bilbao, etwa fünf Tage, und anschließend den Bus nach A Coruña zu nehmen. Bis dahin ist es eine eher ruhige Zeit in der ich überdurchschnittlich viel fahre und meinen Gedanken nachgehe. Auch das ist sehr schön. In Bilbao angekommen, esse ich etwas, verpacke mein Fahrrad und nehme den Nachtbus. Am Ende stehen 2000 Kilometer auf meinem Tachometer. Meine Haut ist gebräunt, mein Geist entspannt und meine Muskeln sind erschöpft.

Warum tue ich so etwas? Das Leben wird immer schneller. Berlin – A Coruña: 2 ½ Stunden. Die meiste Zeit des Jahres verbringe ich drin. In der Uni, zu Hause, auf der Arbeit, sehe bekannte Gesichter (die ich auch sehr gern sehe!) und habe Probleme des 21. Jahrhunderts. Das ist auch alles gut so. Aber als Erholung, als Kontrapunkt tut es mir unglaublich gut abzutauchen, in eine Welt, in der Essen, Vorankommen und Schlafen die einzigen wirklichen Probleme sind. In der ich die Wolken beobachte, um zu schauen ob es regnen wird. Zeit habe, die ich mit meinem Bruder verbringen kann. Menschen kennenlerne, mit denen ich sonst vermutlich nicht gesprochen hätte. Europa von der Straße aus kennenlerne, kleine Dörfer, abgelegene Orte, tolle Landschaften. Das ist Erholung für mich, auch wenn meine Muskeln das anders sehen.

Danach kann ich wieder eintauchen in die Welt der Projektarbeiten, der Praktika, der Prüfungen, der Computer und Flugzeuge. Und zwar tiefenentspannt. Ich wünsche allen meinen IMK Freunden eine tolle Zeit und freue mich schon riesig von euch zu hören.

Hauke Pflüger, IMK

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3 comments Write a comment

  1. Ein toller Bericht. Besonders deine BEgründung, warum du diese Art des Reisens gewählt hast. Man soll schließlich sein Leben leben, auch wenn es vielen schwer fällt.

  2. Wahnsinn! Klingt nach einer spannenden und ereignisreichen Tour.
    Jetzt ganz viel Spaß in Spanien. Sag bescheid wenn du jemanden für die Tour zurück brauchst!!

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