Norwegen – Teil 3: Ein Resümee

So, ich bin nach nebeliger Fährfahrt wieder gut in der Heimat gelandet. Also Zeit für einen kleines Resümee zu meinen Aufenthalt in Norwegen.
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Forschung und Lehre
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Obwohl es sich um eine ingeneurswissenschaftliche Fakultät handelt, findet Forschung seitens der Kollegen in Fredrikstad deutlich stärker kontextbezogen statt, als das bei vielen anderen Forschungseinrichtungen der Fall ist. Als Beispiel sei der Zugang zum Hessdalen Phänomen genannt: Auf der einen Seite nähern sich die Kollegen über einen historisch-kulturwissenschaftlicher Zugang. So sprachen wir über ähnliche Phänomene die in Australien beschrieben werden, wo sie die Aborigines als Warnung der Vorfahren interpretieren. In der Gegend von Rennes le Chateau werden sie dagegen mit dem Mythos der Tempelritter in Beziehung gesetzt. Auf der anderen Seite des wissenschaftlichen Spektrums, wenn ich das mal so formulieren darf, wird das Phänomen nicht einfach in die Schublade “Quantenmechanik” gesteckt, sondern man versuchen die Kollegen das Phänomen ganzheitlich und interdisziplinär vom historischen beziehungsweise kulturellen Kontext bis hin zur physikalischen Erklärung auf quantenmechanischer Ebene zu verstehen.

Ähnlich kontextorientiert ist auch das Sustainable Innovation Camp, das wir in den Wäldern bei Sarpsborg besucht haben, aufgestellt. Hier geht es darum, einen wirklich unmittelbaren Bezug zur Natur aufzustellen, um daraus Fragen und Konzepte im Bezug auf nachhaltigen Innovation entwickeln zu können. Im Nachgang der Diskussion inmitten der norwegischen Natur stellen sich mir zahlreiche Fragen: Kann man überhaupt von einer Gesellschaft einen (innovativen) Zugang zu Nachhaltigkeit erwarten, wenn einem Großteil der Menschen der direkte (physische, kognitive, kulturelle, handlungsbezogene) Zugang zur Natur fehlt? Braucht man die unmittelbare Naturerfahrung, um die Idee von Nachhaltigkeit überhaupt verstehen zu können? Kann jemand, der in einer Großstadt aufgewachsen ist, wirklich die Konsequenzen verstehen, die die aus dem Fenster geworfene McDonalds Tüte mit sich bringt? Ist es nicht eine Grundvoraussetzung, erst einmal Naturerfahrungen zu sammeln und Naturnähe wieder zu gewinnen, bevor man sich mit nachhaltiger Innovation und Konzepten wie ökologische Generationengerechtigkeit, Kreislaufwirtschaft oder cradle2cradle wirklich auseinandersetzen kann? Das würde ich gerne mal mit meinen Studierenden diskutieren.

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Mein Modul Internationales Marketing

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Es hat wirklich Spaß gemacht, mit den Studierenden in „Projektmanagement und Innovation“ am Thema Internationales Marketing zu arbeiten. Obwohl die Studierenden kurz vor dem Bachelor stehen, haben sie sich bislang nur wenig mit Wirtschaft und Marketing auseinandersetzen können, was für mich einen völlig anderen Zugang zur Gruppe bedeutete. Ich habe selten eine Gruppe gehabt, die mit soviel Geduld und Interesse bei der Sache war, was vielleicht daran liegt, dass die Alterspanne deutlich höher war, als typischerweise bei uns in Deutschland. Die ganz jungen und gänzlich unerfahrenen Studierenden, die uns das G8 beschert hat, fehlen in Norwegen ohnehin. Das ermöglichte trotz der begrenzten Zeit doch sehr interaktiv und intensiv zu arbeiten. Zudem gab es viele konstruktiv kritische Diskussionsbeiträge, die wirklich Spaß gemacht haben – etwa als es bei dem Gastvortrag um das Themen Bienen oder allgemein um gesellschaftliche Fragestellungen ging.

Es war sehr hilfreich, dass ich für einen meiner letzten Aufenthalte Interviews mit Managern mit Norwegenerfahrung führen konnte. Es ist immer gut, wenn man Studierenden einen Spiegel ihrer Kultur vorhalten kann. Norwegische Unternehmen sind in der Regel sehr flexibel, auf der anderen Seite gelingt es oft nicht, die Konzepte auch wirklich durchzuziehen. Unser Sprichwort “Wer A sagt, der muss auch B sagen” wird in Norwegischen Unternehmen bei weitem nicht so gelebt, wie bei uns. Ein Beispiel ist der Tourismus. Norwegen gibt sehr viel Geld für Tourismuswerbung aus. Der Erfolg kann sich sehen lassen, deutsche Touristen und Geschäftsleute findet man allüberall. Dann aber, wenn die Gäste im Lande sind, wird es mühsam. Viele schriftliche Informationen und touristische Hinweise sind nur in norwegischer Sprache, manchmal auch in Englisch vorhanden. Deutsch? Fehlanzeige. Nach deutschen Fernsehprogrammen sucht man in den meisten Hotels vergebens, allenfalls findet man CNN (über deren Vorstellung von Qualitätsnachrichtensendungen lässt sich, freundlich formuliert, vortrefflich streiten). Deutsche Zeitungen? Ebenfalls Fehlanzeige! Okay, das Internet ist halbwegs okay und in den Hotels in der Regel kostenlos. Außerdem sprechen die meisten Norweger, auch die Bedienungen in den Restaurants, in den Geschäften und beim Bäcker, hervorragendes Englisch und sind immer zu einem freundlichen Smalltalk aufgelegt. Aber trotzdem wirkt das Destinationsmanagement unrund – es ist nicht wirklich an den Bedürfnissen der internationalen Gäste orientiert.

Studierendenaustausch

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Bislang haben unsere Studierenden der Karlshochschule am rund 40 Kilometer entfernten Campus in Halden studiert, der sehr stark international aufgestellt ist. Für unsere IMA-Studentin Leoni ist Fredrikstad dagegen ein Sprung ins eiskalte Wasser. Außer einer Hand voll Spanier ist sie die einzige wirklich ausländische Studierende am Standort. Es ist allein aus sprachlichen Gründen nicht leicht, integriert zu werden. Außerdem muss sie ihr Unternehmensprojekt allein statt mit Unterstützung eines Teams durchführen, weil es das einzige Marketingprojekt ist und sich die norwegischen Studierenden zum Zeitpunkt der Anmeldung aus verständlichen Gründen nicht auf allzu unbekanntes Terrain wagen wollten. Trotz (oder gerade: wegen) dieser Schwierigkeiten bin ich sicher, dass Leoni das meistern und in Norwegen viele positive Erfahrungen machen wird.

Norwegen

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Oslo ist für mich immer noch eine der schönsten Städte der Welt. Das Kunst- und Kulturangebot ist sensationell. In welcher Großstadt kann man schon zu Fuß ans Meer und mit der Straßenbahn zum Skifahren gelangen? Aker Brygge und die neue Oper sind architektonische Highlights. Der Vigelandpark ein absolutes „must see“.

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Das gastronomische Angebot ist in den letzten 25 Jahren, seitdem ich das erste Mal in Norwegen war, förmlich explodiert. Das in einem Land das in seiner Geschichte von absoluter Kargheit geprägt war. Das typische norwegische Essen bestand jahrein, jahraus aus Fisch, Kartoffeln und Möhren. Hinzu kam vielleicht Brot und etwas Käse. Inzwischen findet man viele Restaurants der absoluten Spitzenklasse (mein kulinarisches Highlight dieses Jahr war das Abendessen mit dem Dean der Ingenieurwissenschaftlichen Fakultät Kamin Dursum im Slippen). Die Lebensqualität ist trotz Prohibition (light), langer Winter und exorbitanter Preise heutzutage brutal gut. In der historisch sehr egalitären Gesellschaft kann man als außenstehender Beobachter aber auch sehr deutlich erkennen, dass das Gefälle zwischen arm und (extrem) reich in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Anders als ich es früher wahrgenommen habe, wird der Reichtum heutzutage auch deutlicher zur Schau gestellt. Es ist zu befürchten, dass das nicht ohne gesellschaftliche Spannungen bleiben wird.

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Siehe auch:

http://blog.karlshochschule.de/2014/09/15/klingen-und-messer-meine-gastvorlesung-fredrikstad-teil-1/
http://blog.karlshochschule.de/2014/09/18/bayer-und-die-norwegischen-walder-meine-gastvorlesung-fredrikstad-teil-2/

1 comment Write a comment

  1. Anscheinend haben Sie von Norwegen viele Erfahrungen mitnehmen können. Und natürlich ist auch Norwegen eine super schöne Gegend, vor allem für mich ;-) . Nur schade, dass die Bilder so verschwommen sind.

    Grüße

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