Anderes lernen – ein Erfahrungsbericht

Eine Selbsterfahrungsreportage von Tim Born (Kreativstratege, Texter, Autor sowie Dauergastdozent an der Karlshochschule im Rahmen der Unternehmensprojekte seit dem Wintersemester 2011/2012).

Alles so schön bunt hier. Und hell und weitläufig. Dabei trotzdem heimelig. Es sieht auf jeden Fall komplett anders aus als sonst. Und es fühlt sich auch anders an. Irgendwie geborgen. Wenn es nicht draußen über dem unscheinbaren Eingang gestanden hätte, würde man nicht glauben, dass es sich hier um eine Universität handelt …

Man muss es sich zunächst einfach auf der Zunge zergehen lassen: Karlshochschule International University – eine seit 2005 staatlich anerkannte private Fachhochschule mit Sitz in Karlsruhe, Baden-Württemberg. Obwohl es nicht direkt benannt wird, ist sofort klar, dass hier nicht Kunstgeschichte oder Sonderpädagogik im Vorlesungsverzeichnis stehen. Das Angebot aus acht Bachelor– und einem Master-Studiengang ist selbstverständlich im Großkontext BWL verortet und komplett FIBAA-akkreditiert (Foundation for International Business Administration Accreditation). Auch der Zusatz “privat” lässt das gleichmacherische Sozialdemokratenherz nicht per se höher schlagen. Man denkt einfach zwangsläufig sofort an Elitenbildung, an Logen und Klüngel, an Harvard oder Hogwarts. Und letzteres trifft es dabei tatsächlich noch am ehesten, aber ich möchte an dieser Stelle nicht vorgreifen.

Als mich der Ruf als Lehrbeauftragter zur Karlshochschule ereilt hatte, konnte ich mich den zuvor genannten Assoziationen jedenfalls nicht gänzlich entziehen. Ich, der ich mich seinerzeit durch ein staatliches Studium mit rund 60.000 Kommilitonen geprügelt hatte, der dabei sowohl auf dem kalten Pflaster der Wirtschaftswissenschaften als auch auf den philosophisch geprägten Pfaden eines geisteswissenschaftlichen Instituts gewandelt ist, soll nun in den Elfenbeinturm einer privaten Business-Hochschule in Süddeutschland Einzug halten und Eliten noch elitärer machen helfen? Darf das wirklich sein oder geht das nicht gegen alles, was mir im Studentenleben und danach wichtig geworden ist? Und: sind das hier wirklich Gedanken mit Fundament oder blanke Vorurteile, denen ich mich doch stets zu entziehen versuche? In jedem Fall reizte mich diese Aufgabe und ich kann auch nicht leugnen, mich bis zu einem gewissen Grad geschmeichelt gefühlt zu haben. Ich, der kohlenstaubgepuderte Ruhrgebietsjunge, der zwar Studierte doch im Herzen immer Rock’n’Roll-Gebliebene, jetzt als Dozent, als Mentor gar einer sicher hochneurotischen Brut der Reichen und Schönen. Das kann doch höchstens ein Experiment sein. Für alle Beteiligten!

Das Experiment startet mit meinem ersten Arbeitstag an besagter Hochschule im beschaulichen Karlsruhe. Wie eingangs beschrieben, ist mein erster – zunächst rein visueller – Eindruck wirklich anders als erwartet. Alles wirkt leicht, verspielt gar … und komplett ergebnisoffen. Ästhetisch irgendwo in der Mitte zwischen Apple-Flagship-Store und Kita. Direkt im ersten Stockwerk (ein für den Lehrbetrieb genutztes Erdgeschoss gibt es symbolträchtigerweise nicht) ist der Empfang der Uni. Die vielen unterschiedlichen knallbunten Farben der dicken Tresenplatte, der unzähligen Regalfächer und Ablagen, der Frisur und Schmuckauswahl der freundlich-fragend sich mir zuwendenden Universitätsangestellten … “Hallo, kann ich Ihnen helfen?”, werde ich aus meiner seit Gebäudebetretung etwas grundverwirrten Agonie gerissen. “Ja, ich soll hier lehren …”, entgegne ich etwas steif und augendeute wie zum Beweis meiner professionellen Ambitionen auf meinen mitgeführten Rollkoffer. Gottseidank bin ich in dieser Situation der einzige Hemdsärmelige, denn ich werde mit badischem Charme direkt unter die Fittiche genommen. Es geht vorbei am Empfang durch einen breiten Gang, der irgendwie gleichzeitig Internetcafé und Bibliothek zu sein scheint, hinein in den sogenannten “Play Space”, eine Art Aula, in der laut meiner Begleitung alle rund 650 Studierenden der Karlshochschule Patz finden können. Play Space – drei Euro ins Phrasenschwein, aber der Name ist hier Programm! Neben variablen Stuhlreihen finden sich hier zig mobile Stellwände, augenscheinlich wahlweise zur Beschriftung oder zur situationsabhängigen Raumstrukturierung, viele bunte Sitzsäcke (Fatboys) zum Denken und Fläzen, eine Art Empore oder Bühne, Präsentationsequipment (Sound- und Beamersystem) und vor allem: Menschen. Wuselnde Menschen. Play Space eben. Langsam aber sicher dämmert mir, dass meine vorgefertigten Meinungen und Urteile hier wohl nicht zu 100 Prozent greifen werden.

Nach der Begrüßung durch Stephan, einen explizit für mich zuständigen jungen Hochschulmitarbeiter, geht meine Führung weiter durch die Stockwerke zwei und drei. Hier befinden sich neben diversen Seminarräumen auch die Büros der Professoren und Dozenten – allesamt mit großen Glasfronten, also einsehbar! Ich wiederhole nochmal zur Verdeutlichung: Egal was, ob Seminar mit Studenten oder Meeting beim Präsidenten, hier geschieht ganz offenkundig nichts hinter verschlossenen Türen beziehungsweise hinter undurchsichtigen Wänden. Das betrifft auch das “flexible Büro”, das ich mir mit anderen Dozenten teilen werde. Ungewohnt. Hier ist wirklich nichts wie erwartet. Weder Studenten in Burlington, noch Interior-Design-gewordene altehrwürdige Erhabenheit. Alles ist transparent, heiter und heterogen. Sogar als wohl unesotherischster Mensch der Welt muss ich innerlich konstatieren: Positive Schwingungen sind im Haus.

Das Kennenlernen meiner zukünftigen Kollegen gestaltet sich ähnlich überraschend. Den klassischen Werbesprech von flachen Hierarchien habe ich selten so unbemüht unaufgesetzt erlebt wie hier. Ganz gleich ob Dekan oder Hiwi, optisch eh kaum voneinander abgrenzbar, wird miteinander auf Augenhöhe gesprochen. Und – viel wichtiger – ebenso zugehört. Tatsächlich. Ich betone dieses eigentlich doch so selbstverständlich anmutende Phänomen, weil es schlichtweg Seltenheitswert hat, egal ob im Hochschul-, Unternehmens- oder sonstigem Organisationskontext. Dieser letzte Punkt stellt übrigens retrospektiv in meinen Augen die grundlegende Substanz dar, die die Karlshochschule als eine absolute Ausnahmelehranstalt strahlen lässt. Und zwar für Lehrbeauftragte wie Studierende.

Und zu letzteren geht es dann jetzt auch direkt. Im Rahmen der sogenannten Unternehmensprojekte bearbeiten sämtliche Studierende des dritten und vierten Semesters in Vierer- oder Fünfergruppen reale Marketing-, Kommunikations- und Strategieprojekte, die bei ebenfalls echten Auftraggebern seitens der Karlshochschule und seit Neuestem auch von den Studenten selbst akquiriert werden. Inmitten dieser beruflichen “Real Life Experience” steige ich buchstäblich ein. Nämlich in die einzelnen Gruppen während ihrer Projektarbeit. Also schnurstracks ins kalte Wasser. Für das Protokoll: Erster Tag, ich bin seit ungefähr einer Stunde im Gebäude und werde nunmehr ohne weitere Umschweife auf die Studierenden losgelassen. Muss man mögen, dieses Spontane.

Ich wechsle im Folgenden so ungefähr im Halbstundentakt von einer Runde zur nächsten, stelle mich kurz vor und lerne gleichzeitig selbst jeweils vier bis fünf neue Gesichter und Namen kennen. Doch wir halten uns nicht lange mit Formalitäten auf. Besser gesagt: überhaupt nicht. Denn die Projektmanager in spe sind heiß und ziehen mich sofort in ihre aktuelle Aufgabenstellung und zu dem Punkt, wo es hakt. Ich versuche zu helfen, gedankliche Knoten zu entwirren, zeige selbst Verbesserungspotenziale auf und lasse mich einfach auf meine Gegenüber ein. Wie selbstverständlich entbrennt jedes Mal aufs Neue, wenn ich zu einer Gruppe stoße, eine oft temperamentvolle Diskussion – mal auf deutsch, mal auf englisch, da ganz offensichtlich reger bilateraler Austausch mit internationalen Partneruniversitäten herrscht – sowohl mit mir als auch untereinander. Ich bekomme mehr und mehr das Gefühl, eine Art Verbündeter zu sein. Meine anfängliche Scheu ob der etwas unerwarteten Unmittelbarkeit meines Tätigkeitsbeginns ist bereits komplett verschwunden. Und wir haben noch nicht mal Mittag.

Der restliche Tag ging anregend aufregend zu Ende. Kaum merklich später war die ganze erste Woche vorbei. Eine neue Welt hat sich eröffnet. Der Mikrokosmos Karlshochschule hat mich in sich aufgenommen. Zu den Erlebnissen mit den Studierenden haben sich mittlerweile neue Kontakte und interessante Gespräche im Kollegium gesellt, sodass sich meine vorgefassten Erwartungen mittlerweile komplett in Luft aufgelöst und einem völlig neuen Bild Platz geschaffen haben. Und zwar nicht zuletzt bezüglich des Klientels.

Ohne mich hier all zu schnell von der neuen Leistungselite der Generation Y blenden lassen zu wollen, hier haben sich beeindruckend aufgeschlossene und aufgeweckte junge Menschen versammelt. Vor allem “vermisse” ich die von mir befürchteten Stereotype. Ganz klar, auch an der Karlshochschule gibt es hemdkragengestärkte Ultrakapitalisten und postsozialistische Umkrempler – diese Extremtypologien sind wohl an allen Sammelstellen angehender Akademiker anzutreffen. Aber alle periodischen Lebenseinstellungen und -stile beiseite gefegt bleibt ein Durchschnitt an Motivation, Strukturiertheit und Einsatzbereitschaft stehen, dem ich so ausgeprägt noch nicht begegnet bin.

Woher kommt das bloß? Liegt es am monatlichen Beitrag von 650 Euro? Den muss man sich schließlich leisten können beziehungsweise wollen. Und wenn, dann muss auch geknechtet werden, muss sich ja lohnen. Reicht diese Fitness-Studio-Analogie als Erklärung? Wohl kaum, denn auf dieser Basis würde ein verbissener Duktus die einfach nicht zu leugnende freidenkerische Atmosphäre trüben. Nein, etwas anderes muss den Ausschlag geben, nur was? Gut, der Betreuungsschlüssel an der Karlshochschule ist mit 15 Professoren, vier Honorarprofessoren und rund 60 Lehrbeauftragten für die aktuell etwa 650 Studierenden natürlich wesentlich persönlicher als es an größeren Lehrbetrieben überhaupt möglich wäre. Man kennt sich gegenseitig beim Namen. Und auch die räumlichen und gestalterischen Rahmenbedingungen sind optimale. Aber auch das schafft für sich allein genommen noch keine sehr jungen Erwachsenen, die so viel Lust auf Lernen zeigen.

Vor allem ist ja auch nicht alles nur Gold was glänzt. So herrscht an der Karlshochschule natürlich ein sehr scharf konturiertes Anforderungsprofil an jeden Lehrbeauftragten. So eng, persönlich und flexibel, wie hier Umgang und Grundhaltung charakterisiert sind, wird jedem Angestellten wirklich eine Menge abverlangt. Reibung inklusive. Demgegenüber steht ein gewisses Maß an Chaos oder Organisationsdefizit, das wohl bei einem so jungen wie dynamisch changierendem Kollektiv kaum zu vermeiden ist. Improvisationstalent ist beim Lehrkörper daher kein netter Pluspunkt, sondern absolute Grundvoraussetzung. Unterm Strich hängt hier schlicht und ergreifend sehr viel an individuellen Personalien und ihren Fähigkeiten sowie der Bereitschaft, sich auf diesen Ritt einzulassen. Dazu gehört einiges an Engagement. Und letztlich muss es bei dieser Größe eben auch oder vor allem persönlich passen. Personalfluktuation ist jedenfalls ein Thema, welches mir immer wieder begegnet ist während meiner Zeit an der Karlshochschule.

Was ist es also, das die Karlshochschulianer so sehr an einem Strang ziehen lässt? Eine zwischenergebnisartige Antwort ist ganz einfach: Identifikation. Man ist hier stolz auf seine Zugehörigkeit zur Karlshochschule, das merke ich unaufdringlich, aber deutlich im Gespräch mit meinen Studentinnen und Studenten. Auch die zahlreich vertretenen internationalen Gast- und Austauschstudenten konstatieren durch die Bank weg, um was für einen “special place” es sich hier handele. Das außergewöhnliche dabei: Diese Identifikation als Gruppe, als Teil von etwas Größerem, macht nicht bei den Studierenden halt, sondern überwindet die Kluft zwischen Lernenden und Lehrenden scheinbar mühelos. Wieso ist das so? Nur an der überschaubaren Größe liegt es nicht. Es muss in den Köpfen zu finden sein. Im Miteinander. In dem sich Zwanglosigkeit und Zielstrebigkeit so unwidersprüchlich wie selbstverständlich die Hand reichen. Alle – vom Erstsemester bis zum Präsidium – streben nach Verbesserung, nach Entwicklung, hin zum nächsten Stadium, in dem erneut alles auf den Prüfstand kommt. Oder wie es eine Studentin in meiner ersten Woche zu mir gesagt hat: “Es ist manchmal schon ein bisschen verwirrend, dass es hier ständig irgendwelche Neuerungen gibt. Aber cool finde ich, dass man hier auch als Student angehört wird und sich dann auch wirklich etwas tut!” Punkt.

Veränderung, Entwicklung, Evolution – das findet grundsätzlich natürlich in nahezu jeder Organisation statt. Oder zumindest solle es das. Aber es ist wohl eher selten, dass Studierende die Veränderungen, die sie durch ihre Impulse mit in Gang setzen, noch während ihres Studiums selbst erleben. Das eigentlich Besondere an der Karlshochschule ist aber neben der Geschwindigkeit, dass es wirklich keine Schraube gibt, an der nicht gedreht werden darf. Es zählen nur Sinnhaftigkeit und überzeugende Argumente. Sogar als Neuling konnte mich in den obligatorischen Feedbackrunden und “Improvement Sessions” uneingeschränkt einbringen. Keine Unantastbarkeit, keine Pfründe, kein Dünkel. So macht Teilhabe Spaß. Und in so einer Umgebung gedeihen Motivation und Engagement schlicht und ergreifend besser. Das gilt sowohl für die Hochschulmitarbeiter als auch für die Studierenden.

Sich nicht zufrieden geben, sich hinterfragen und hinterfragen lassen, sich konstruktiv äußern und anderen zuhören, Kritik als wertvollen Input begreifen und letztlich Ziele verfolgen, die persönliche Selbstverwirklichung, gesellschaftliche Relevanz und ökonomische Konsistenz nicht als widersprüchliche Tendenzen begreifen, sondern als die prosperierende Symbiose, die das Streben zu einer nachhaltigen Entwicklung fördert – und in Wirklichkeit überhaupt erst ermöglicht. Auf individueller wie auf kollektiver Ebene. Das macht die Karlshochschule aus. Und dieser Geist wabert durch die Gänge und überträgt sich auf alle, die daran teilhaben. So transzendent das auch klingen mag, genau so ist es gemeint. Meine eigenen Vorurteile sind jedenfalls ins schiere Gegenteil umgewandelt worden und ich bin stolz, froh und bereichert, seit mittlerweile drei Jahren ein aktiver Teil des sich ständig selbst erneuernden Organismus Karlshochschule zu sein. Jedem, bei dem dieser Bruch zwischen Vorurteil und Erlebnisbericht Interesse weckt, empfehle ich einen – gerne auch wie bei mir voreingenommenen – Besuch dieser außergewöhnlichen Hochschule. Ich bin sicher, man wird jedem “Neuen” aufgeschlossen begegnen.

Übrigens, die jüngste Veränderung, die ich an der Hochschule begrüßen durfte, ist ein kleines Café direkt unterm Dach mit Austritt auf eine geräumige holzbeschlagene Dachterrasse. Klingt snobby? Dazu müssen Sie sich dann mit den studentischen Betreibern auseinandersetzen, die das Ganze von der Finanzierung über Personalplanung bis zum operativen Geschäft komplett in Eigenregie wuppen.

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