Die totale Überwachung ist die totale Unsicherheit

Mass Awareness of Mass Surveillance

„Die Bürgerspione sind eine Gefahr im Namen der angeblichen Sicherheit. Sie verschlechtern Verschlüsselung, sie manipulieren Geräte, sie attackieren Netze und Datenbanken, sie handeln außerhalb der Gesetze, schrecken nicht vor Grundrechtsbrüchen zurück – und über all das lügen sie öffentlich. Eine Pervertierung hat stattgefunden, befeuert durch die unendlichen Überwachungsmöglichkeiten der digitalen Vernetzung: Aus den Sicherheitsbehörden wurden Unsicherheitsbehörden.“

Sascha Lobo in seiner Kolumne vom 11.6.2014

Stell dir doch einfach mal folgendes vor: Es gibt irgendwo ein paar Menschen, die du weder kennst noch jemals kennenlernen wirst. Menschen, die in der Lage sind deine gesamte Kommunikation im Netz jederzeit im Detail zu beobachten und auszuwerten. Und mit “Kommunikation” meine ich nicht nur die Pornoseiten, die du vielleicht besuchst, die Foren rund um deine psychische oder physische Krankheit, an denen du dich angeblich anonym beteiligst, die zahlreichen Chats, die du mit guten Freunden angeblich ganz geschützt führst oder deine zweideutigen Käufe, die du bei Amazon und Ebay unter einem Pseudonym vollziehst. Im Begriff „Kommunikation“ steckt auch jedwede Bank-Kontobewegung, deine sämtlichen Voice-Over-Ip-Gespräche über das gute alte Festnetz, deine Dateien, die du auf deiner Festplatte anlegst und lagerst oder die zahlreichen Läster-Emails über deine Arbeit, deine Freunde oder sonst wen drin. Ja sogar alle entworfenen und wieder verworfenen Beiträge, die du auf Facebook am Ende doch gar nicht abgesendet hast, sind vermutlich irgendwo von irgendjemanden einsehbar.

Stell dir vor, damit besäßen einige Menschen unfassbar viel kompromittierendes Material. Diese Menschen können theoretisch jederzeit Informationen gegen dich verwenden. Allein durch die Überwachung deiner sozialen Rollen, Beziehungen und Interaktionen, sind unbekannte Menschen dazu in der Lage, dein Leben aus einer gnadenlosen Meta-Perspektive zu beleuchten, wozu du selbst vermutlich nicht einmal in der Lage bist. Du bist dadurch jederzeit angreifbar, entmachtbar und damit stehst du unter einer totalen Kontrolle. Du trägst ein Würgehalsband, ohne dass es dich spürbar würgt. Unbekannte Menschen und geheime Behörden könnten dich jederzeit mit gefundenen oder erfundenen Informationen kaltstellen, erpressen oder in jeweiligen Kontexten vorführen und bloßstellen. Der perfekte Abwehrmechanismus eines sich selbstnährenden Systems.

Aber es ist natürlich nicht nur das Lesen, das die vollkommene Demütigung deiner Person vollzieht. Mit dem Lesezugriff geht auch der mögliche Schreibzugriff einher. Man kann damit dein digitales Profil beliebig manipulieren, dir Britney Spears Songs unterschieben, obwohl du eigentlich Slayer hörst, dir unangenehme Käufe zuschreiben, die du nie wirklich selbst vollzogen hast oder brisante Dateien auf deine Festplatte ablegen, die du bei anderen Menschen als gute Begründung für die Wiedereinführung der Todesstrafe betrachten würdest. All das ist technisch möglich. Das sagen uns jedenfalls die bisher veröffentlichten Snowden-Leaks in all ihrer letzten durchdachten Konsequenz. All das ist theoretisch möglich. Und wie oft hören wir mittlerweile den Satz: Was möglich ist wird am Ende auch gemacht.

Die sogenannten Sicherheitsbehörden sind meines Erachtens Unsicherheitsbehörden, wie Sascha Lobo sie nennt, weil ich mir als Staatsbürger absolut unsicher sein kann welcher Offizier, Agent oder Verwaltungsbeamte die angeblich mächtigste Software der Welt gerade zu welchem Zweck bedient. Eine Software, die nicht nur Zugriff auf mein gesamtes Leben gestattet, sondern auch in der Lage ist mein gesamtes Leben völlig neu zu erfinden. Ich weiß nicht wer dieser Bediener der Oberfläche ist, aus welchem Land er oder sie kommt und für welches Privatunternehmen er oder sie villeicht arbeitet. Ich weiß nicht welche ideologische Einstellung er oder sie hat, in welchem Auftrag er oder sie handelt oder ob er oder sie nicht einfach nebenher ein paar Euros dazuverdienen will oder gerade Ärger mit einer Nachbarin oder dem Ex-Freund hat und nun eine unfassbar starke Waffe in den Händen hält. Ich weiß nicht welche Menschen diesen gigantischen Apparat der Macht bedienen, wer diese kontrolliert, wozu sie das tun und noch viel wichtiger, welche Fehler sie dabei machen. Und Fehler werden gemacht, da können wir uns mal so richtig sicher sein.

Die allergrößte Unsicherheit in diesem ultimativen Spiel ist der unvollkommene und verkommende Mensch selbst. Da greife ich im Zweifel und zur Sicherheit ganz auf Thomas Hobbes “Homo hominis lupus” und Lord Actons “Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut” zurück. Wir müssen uns wirklich die Frage stellen: Würden wir einer x-beliebigen, und uns völlig unbekannten Person diesen Apparat der Macht einfach so anvertrauen? Doch halt, so weit müssen wir ja gar nicht gehen. Anders gefragt: Würden wir unseren guten Freunden, unseren Ehefrauen und Ehemännern all unsere Passwörter, den gesamten Zugang zu allem Digitalen – inklusive Schreibrechten und Archivfunktionen übertragen? Hmm. Also ich für meinen Teil bin da defintiv raus.

Wenn uns die Person Edward Snowden wirklich etwas gelehrt hat, dann die totale Unsicherheit der totalen Überwachungsstrukturen. Warum? Weil Snowden als ein nicht unwichtiger Teil der geheimen und angeblich supersicheren Überwachungsstruktur problemlos daraus ausscheren und den Zugang zur Macht prinzipiell jedem zugänglich machen konnte. Zufällig hat er sich für Journalisten und die Öffentlichkeit als Empfänger entschieden. Er hätte aber auch problemlos meistbietenden Schurken aus Wirtschaft und Politik leise, still und heimlich bedienen können oder gar irgendwelche Menschen einen Gefallen tun, denen man noch einen Gefallen schuldet. Der Mensch ist der größte Unsicherheitsfaktor in der Sicherheitsbehörde. Je mächtiger die Behörde, desto mächtiger der potenzielle Mißbrauch und umso größer die Verführung zum Mißbrauch. “Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut”.

Die größte Unsicherheit liegt also in der Unüberwachung und Unkontrolliertheit der totalen Überwachung, dem unfassbaren Ausmaß an Informations- und Handlungsgewalt, das wir blind irgendwelchen Menschen übertragen, die wir weder kennen, noch greifbar oder irgendwie irgendwann verantwortlich machen können, wenn sie wirklich mal Scheiße bauen. Und ich bin mir sicher, die bauen Scheiße. So wie wir alle.

Das Problem der Totalüberwachung ist noch nicht einmal die Überwachung, sondern das “Total” davor. Es drückt das absolute Nicht-Habhaftwerden und die totale Unantastbarkeit der Gewaltvollstrecker aus. Spätestens hier sollte bei uns Demokraten alle Alarmglocken schrillen. Hier ist nicht unbedingt eine totalitäre Ideologie das Problem, hier ist es die in sich totalitäre Infrastruktur, die jederzeit von einer beliebigen Ideologie bespielt werden kann.

Die totalitären Systeme sind heute längst nicht mehr nur in Parteien, Parlamenten und in Nationen eindeutig zu verorten. Die totalitären Systeme agieren außerhalb der demokratischen, geografischen und politischen Strukturen. Sie operieren unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit und über alle bisherigen politischen und gesellschaftlichen Regularien hinweg. Die Totalüberwachung – wie sie uns bisher als technologische Infrastruktur bekannt ist – hebelt alle vom Volk legitimierten Gewaltenregelungen komplett aus. Demokratisch gewählte Staatsvertreter können theoretisch beliebig überwacht und kompromittiert werden. Die vierte Gewalt, die Presse, kann beliebig überwacht und kompromittiert werden. Bürgerprotest kann beliebig überwacht und kompromittiert werden.

Mit diesen Gedanken im Kopf lese ich sorgenvoll die Worte Hannah Arendts zu totalitären Systemen mit ganz anderen Augen:

„Das Wesentliche der totalitären Herrschaft liegt also nicht darin, dass sie bestimmte Freiheiten beschneidet oder beseitigt, noch darin, dass sie die Liebe zur Freiheit aus den menschlichen Herzen ausrottet; sondern einzig darin, dass sie die Menschen, so wie sie sind, mit solcher Gewalt in das eiserne Band des Terrors schließt, dass der Raum des Handelns, und dies allein ist die Wirklichkeit der Freiheit, verschwindet.“

Man kann den Text von Arendt heute wirklich ganz anders lesen. Der Terror ist nicht mehr unmittelbar sichtbar, aber durchaus vorhanden. Die Freiheit verschwindet nicht mehr weil sichtbare gewalttätige Mobs mit Knüppeln durch die Straße ziehen. Die Freiheit verschwindet wesentlich perfider, in dem sie uns nach Außen hin scheinbar alle Freiheit der Welt lässt, aber im Grunde genommen teilt uns das Wissen um die Infrastruktur und deren nicht vorhandene demokratische Kontrolle permanent mit: Tust du irgendetwas, was gegen meine Interessen verstößt, habe ich dich in der Hand.

Das ist für mich nicht nur Unsicherheit, das ist für mich unterschwellige Gewalt und subtiler Terror in formvollendeter Perfektion.

1 comment Write a comment

  1. Interessant diesbezüglich sind Versuche die Risikosoziologie hier einzuflechten, wie es Aradau und van Munsten versuchen, indem sie Ulrich Becks Risikogesellschaft modifizieren.
    Passt an dieser Stelle sehr gut und bietet eine interessante Analyseebene. “Governing Terrorism through Risk” – der Titel ihres Beitrags.

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