Konstruktivismus – eine rationale Verteidigung

Die Motivation für diesen Blogeintrag kommt daher, dass ich auf immer noch bestehende Vorurteile und Missverständnisse im Kontext des Konstruktivismus hinweisen möchte. Im Verlauf des Eintrags werden wir sehen, wie diese Missverständnisse aussehen und wie die meiner Meinung nach sinnvolle Definition von Konstruktivismus aussieht.

Was ist Konstruktivismus?

Markus Gabriel, ein Professor der Philosophie und Erkenntnistheorie an der Universität Bonn, bestätigte mich darin, diese Missverständnisse aufklären zu wollen.

Gabriel kritisiert in seinem Buch „Warum es die Welt nicht gibt” (2013) den Konstruktivismus stark. Dies ist jedoch eine Folge seiner extrem verkürzten und einseitigen Darstellung des Begriffs.

Um zusammenzufassen, was genau Gabriel als Konstruktivismus bezeichnet, möchte ich die folgenden zwei Auszüge zitieren:

1.„Unter Konstruktivismus verstehe ich die Annahme, dass wir kein Faktum an sich feststellen können, sondern alle Fakten oder Tatsachen selbst konstruiert haben” (Gabriel 2013, Warum es die Welt nicht gibt, S.56)

Außerdem nennt Gabriel das Beispiel eines Mikroskops, das ein Mensch dazu nutzt, einen Pesterreger zu untersuchen.  Falls der Mensch, nicht das Mikroskop nutzt, sondern ein Gedicht über jenen Pesterreger verfassen würde oder nur durch Riechen zu einem Ergebnis gelangen möchte, und die daraus resultierenden Ergebnisse ganz Unterschiedliche sein werden, passiert das Folgende, sagt Gabriel: 

2.“Daraus schließen die Konstruktivisten zu Unrecht, dass dasjenige, was wir beobachten, die Tatsachen, auch konstruiert ist” (Gabriel 2013, Warum es die Welt nicht gibt, S.57.)

Das, was Gabriel mit seiner Definition vom Konstruktivismus hervorruft, ist eine Einteilung epistemologischer (erkenntnistheoretischer d.h. an Fragen orientiert wie: Was kann ich eigentlich erkennen?) Kategorien. Im weiteren Verlauf des Buches wird dies immer deutlicher. Er stellt den Konstruktivismus als Gegenstück zum Realismus dar.

In ihren naivsten (und damit extremsten) Ausprägungen sagen der Konstruktivismus, dass es keine Realität gäbe, die nicht vom Beobachter konstruiert ist, und der Realismus, dass es nur eine vom Beobachter unabhängige Realität gäbe, und der Beobachter diese auch feststellt.

Dass selbst Gabriel als Philosophieprofessor in diesen naiven Kategorien zu denken scheint, suggeriert mir seine angeblich neuartige Vorstellung eines epistemologischen Konzeptes: der Neue Realismus. Dieser geht davon aus, dass nicht nur die konstruierten Realitäten der Beobachter oder nur die eine, vom Beobachter unabhängige, Realität existiert, sondern alle auf einmal.

Im Folgenden möchte ich zeigen, wie man einen bedachteren Umgang mit dem Begriff des Konstruktivismus gewinnen kann.

Um zu klären, was Konstruktivismus wirklich bedeutet, muss man herausfinden, was der Vorgang des konstruierens tatsächlich ist. Es zeigt sich, dass das Verb „konstruieren” zwei völlig verschiedene Vorgänge beschreiben kann und daher der Begriff des Konstruktivismus in zwei unterschiedlichen Ebenen zwei unterschiedliche Bedeutungen erhält. Die erste Ebene ist epistemologischer Natur und die zweite Ebene psychologischer Natur.

Konstruktion bedeutet “etwas zusammenbauen”: Es setzt sich zusammen, aus der lateinischen Vorsilbe „con“ für „zusammen“ und dem Verb „struere“ für „bauen“.

Die Fragen, die sich aufwerfen, sind: a) Wer baut denn? und b) Was wird denn gebaut?

Zunächst einmal wird Konstruktivismus als epistemologischer (Was kann ich erkennen?) Begriff verstanden.

Konstruktivismus als epistemologischer Begriff wird oft mit der oben zitierten, sehr gekürzten Auffassung gleichgesetzt. Aus folgenden Gründen ist diese Auffassung des Begriffs nicht tragbar.

Die Epistemologie möchte herausfinden, welche die Bedingungen für Erkenntnis sind, und ob jeweiliges Wissen diesen Bedingungen standhält. Man kann meiner Meinung nach jedoch nicht erkenntnistheoretisch argumentieren, ohne Einsichten in schon gewonnen Erkenntnisse zu haben.

Die Wissenschaft versucht, Erkenntnisse zu gewinnen. Dabei hält sie sich an die von der Erkenntnistheorie gestellten Bedingungen. Im Wesentlichen lassen sich diese Bedingungen als Zusammenspiel von Theorie und Empirie definieren. Dies wiederum bedeutet im Wesentlichen, dass Aussagen, die über die Welt getroffen werden, empirisch (unseren Sinnen nach zu urteilen) und wiederholt nachweisbar sein sollen.

Die fundamentalste aller Naturwissenschaften, die Physik, hält sich vorbildlich an diese Bedingungen (bis auf ein paar Ausnahmen in der theoretischen Physik). Die Physik beschäftigt sich mit den elementaren Bestandteilen der Realität d.h. Elementarteilchen, Kräften, aber auch Konzepten wie Raum und Zeit.

Definitiv vorbildlich ist die Physik zu gewissen Erkenntnissen über Charakteristika der Realität gekommen, die den Begriff Konstruktivismus in einen anderen Rahmen legen (Dieser Rahmen wird hier selbst sehr verkürzt und vereinfacht geschildert. Zur weiteren Lektüren empfehle ich Briane Greene; Der Stoff aus dem der Kosmos ist, 2004).

Einstein zeigte mit seiner Relativitätstheorie, dass verschiedene Beobachter, die sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten durch den Raum bewegen, unterschiedliche Wahrnehmungen der Zeit erfahren. Damit machen sie unterschiedliche Erfahrungen, was Begriffe wie “Jetzt”, “Vorher” und “Nachher” angeht. Unterschiedliche Perspektiven in Raum und Zeit werden zur tatsächlichen  Realität.

Die Quantenphysik sagt sogar aus, dass Materie im materiellen Zustand gar nicht unabhängig vom Beobachter existiert (zumindest in Mikrosystemen z.B. mit wenigen Teilchen). Außerdem sagt sie aus, dass Materie zunächst in einem immateriellen Wahrscheinlichkeitszustand existiert, indem verschiedene Wahrscheinlichkeiten, ihrer Wahrscheinlichkeit nach, gleichberechtigt existieren. Erst in der Wechselwirkung mit einem Beobachter verschwindet dieser Wahrscheinlichkeitszustand und es ergibt sich ein definierter materieller Zustand.

Kommen wir auf unsere beiden gestellten Fragen zurück:

a) Wer baut denn?

Aus epistemologischer Sicht scheint es tatsächlich so, dass Realität im Wechselspiel von Beobachtersystem (Subjekt) und beobachtetem System (Objekt) konstruiert wird. Ist der Konstruktivismus also eine Eigenschaft der Realität? Zumindest könnte man die physikalischen Resultate, die wiederum ganz nach allgemein anerkannten epistemologischen Prinzipien entstanden sind, so interpretieren. Für mich scheint es jedoch fragwürdig, den Begriff an dieser Stelle überhaupt zu verwenden. Schließlich meint konstruieren ja etwas erbauen. Aber ist erbauen nicht immer ein aktiver Gestaltungsprozess ?

Wichtig ist die Schlussfolgerung, dass ein interdependenter Prozess von Subjekt- und Objektsystem Erkenntnis überhaupt erst ermöglicht. Außerdem ist wichtig, dass dieser Prozess ein Prozess zwischen EINEM Subjekt und seiner physikalischen Umwelt ist.

b) Was wird gebaut?

Subjekt und Objekt ergänzen sich aus epistemologischer Sicht zu einem Gesamtsystem. Das Eine existiert nicht ohne unverkennbare Interdependenz zu dem Anderen. Als Lehre aus diesen Einsichten ziehe ich, dass tatsächlich, wie Gabriel sagt, die Realität und die konstruierten Realitäten existieren mögen. Dies lässt sich scheinbar sogar naturwissenschaftlich begründen.

Die Erkenntnis der Naturwissenschaft hat zu einer systemischen Sicht auf den Erkenntnisprozess geführt. Konstruktivismus und Realismus als Kategorien suggerieren Subjekt und Objekt wären abgeschlossene Systeme. Genau dies ist nicht der Fall. Meiner Meinung nach machen genau deswegen aus epistemologischer Sicht naive Kategorien wie Konstruktivismus und Realismus auch keinen Sinn. Sie mögen trotzdem zur Hilfe dienen, um Gedankenprozesse innerhalb dieser Thematik zu vereinfachen und zu gliedern.

In seiner Diskussion des Begriffes Konstruktivismus berücksichtigt Gabriel diesen Zusammenhang leider nicht.

Nun zur zweiten Ebene, auf die man den Begriff des Konstruktivismus anwenden kann. Vorgegriffen sei hier, dass Gabriel die folgende begriffliche Differenzierung gar nicht vornimmt.

Die zweite Ebene, in der der Begriff verwendet werden kann, ist die Ebene der Psychologie, insbesondere der Sozialpsychologie. Eingeschlossen in dieser Ebene sind für mich ebenfalls Anwendungsgebiete der Sozialpsychologie wie z.B. die Pädagogik und nicht zuletzt das Management.

Konstruktivismus meint auf der psychologischen Ebene nicht Realität, sondern Lebenswelten zu konstruieren. Das Subjekt konstruiert hier IM ZUSAMMENHANG MIT ANDEREN Subjekten seine eigene oder gemeinsame Lebenswelten. Lebenswelt meint an dieser Stelle ein Bild von der Realität. Dieses Bild ist ganz eindeutig nicht die Realität selbst.

An dieser Stelle wird für mich der unbedingte Unterschied zwischen Konstruktivismus auf epistemologischer und Konstruktivismus auf psychologischer Ebene deutlich. Damit meine ich nicht, dass Epistemologie unabhängig von kognitiven Prozessen ist, sondern dass Epistemologie ihrer Natur nach davon ausgeht, es gäbe eine einzige Realität: Die Realität, in der wir uns befinden.

Im Gegensatz dazu befasst sich die Psychologie ihrer Natur wegen mit den Bildern, die wir von dieser Realität erstellen.

Nochmal zur Verdeutlichung: In dem einen Fall wird die Realität selbst konstruiert (wie oben angemerkt ist der Begriff konstruieren möglicherweise irreführend). In dem anderen Fall wird ein Bild der Realität konstruiert, eine sogenannte Lebenswelt.

Im zweiten Fall, dem der Lebenswelten, ist der Begriff Konstruktivismus höchst angebracht. Subjekte, d.h. Individuen, gestalten aktiv ihre Lebenswelt. Sie entscheiden, welche Beziehungen sie pflegen, welche Erfahrungen sie machen etc.

Aus diesen Überlegungen folgert sich nicht zuletzt eine konstruktivistische Didaktik und eine konstruktivistische Herangehensweise an ökonomische- bzw. Management bezogene Fragestellungen.

Die Interaktion von Menschen bestimmt die Bilder, die ein Mensch von der Realität entwirft. In der Didaktik und der Ökonomie fragt man sich dann, wie man die Interaktion von Menschen so beeinflussen und gestalten kann, dass die konstruierten Bilder oder Lebenswelten möglichst ethisch sind und Produktivität fördern.

Das ist, was ein aufgeklärter Konstruktivist meint, wenn er vom Konstruktivismus spricht, Herr Gabriel, und nicht, dass alles um ihn herum nicht existiert oder nicht Fakt ist.

Ich hoffe, ich konnte demjenigen, der sich bis hierher durchgekämpft hat, einen positiven Beitrag zu seiner Lebenswelt liefern und freue mich auf zukünftige gemeinsame Konstruktionen. :P

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