The Day after Shitstorm: Die zweite Stufe der Zivilisierung

Der Mensch hat eine besondere Gabe. Er ist in der Lage sich selbst und seinesgleichen zu zähmen. Er kann individuelle, tierische Freiheit aufgeben, um kollektive Freiheit für alle zu ermöglichen. Ein Gedankengang zur Zivilisierung im Netz.

WalterRothschildWithZebras

Auf meinen letzten, zugegebenermaßen emotional etwas dahingeschluderten Blogbeitrag erhielt ich erstaunlich viel Resonanz (drei Radiobeiträge folgen noch). Es ging darin u. a. um den Fall “Justine Sacco”, die auf Twitter einen für meinen Geschmack sehr unlustigen und vor allem rassistischen Scherz platzierte, der umgehend eine immense Empörungs- und Beschimpfungskaskade ausgelöste – We Germans call it “Shitstorm”. Am Ende verlor die Dame sogar durch ihren Tweet ihren Job. In meinem Beitrag sprach ich außerdem vom Phänomen der “Hyperzivilisierung” durch das Internet (bzw. durch die Menschen die es derzeit auf ihre Art benutzen) und warum viele Menschen davor (mit Recht) Angst haben.

Die Geschichte “Justine Sacco” ist, neben vielen anderen bereits aufgetretenen Fällen im Netz, ein Beispiel für die gefühlt ansteigende soziale Kontrolle im und durch das Internet. Doch um gleich einige Mißverständnisse prophylaktisch aus dem Weg zu räumen: Ich versuche “soziale Kontrolle” erst einmal wertfrei anzuschauen. Natürlich schränkt sie einerseits die individuelle Freiheit ein, andererseits ist sie einfach Teil eines umfassenden Zivilisierungsprozesses und ermöglicht überhaupt erst gesellschaftliche Freiheit.

Um das etwas besser zu verstehen, ist es durchaus hilfreich sich mit den Gedanken von Sozialwissenschaftlern wie Norbert Elias oder Steven Pinker zu beschäftigen. Beide befassten sich in ihren jeweiligen Mammutwerken – Elias in “Über den Prozess der Zivilisation” und Pinker in “Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit” – über den Zivilisierungsprozess der Menschen im Laufe der letzten Jahrtausende. Beide kommen in ihren Werken deutlich zum Ergebnis, dass die körperliche Gewalt zwischen Menschen insgesamt drastisch – mit einigen heftigen Rückschlägen im letzten Jahrhundert – zurückgegangen ist. Elias und Pinker beschreiben sehr anschaulich, wie die Herrschaftselite im Mittelalter (also der Hofstaat) sich massiv kulturell ausgeweitet hat und im wahrste Sinne des Wortes ansteckende “Höflichkeit” verbreitete. Übersimpel zusammengefasst könnte man sagen: Die Exekutive des damaligen Adels, die Soldaten, wurden durch diverse Umstände stärker an das höfische Leben und damit auch an höflichen Umgangsformen gebunden. Sie wurden quasi gezähmt, allerdings nur augenscheinlich. Das Faustrecht der Straße, die physische Gewalt, wurde bei Hofe in psychologische Gewalt, dem Ränke- und Intrigenspiel umgewandelt. Der Kern der Krux, nämlich Macht und Herrschaft, blieb dennoch erhalten, aber die willkürliche physische Gewalt ging Schritt für Schritt zurück bzw. wurde kulturell neu eingebettet und damit geordneter, berechenbarer, disziplinierter und distanzierter. Ein anschauliches Beispiel für zivilisierte physische Gewalt liefert zum Beispiel die Einführung von Uniformen. Ein klares Indiz für disziplinierte, kontrollierte physische Gewalt.

Elias und Pinker zählen natürlich auch einige Motive auf, warum der Mensch irgendwann das Bedürfnis hatte aus dem Kreislauf der willkürlichen physischen Gewalt (also zum Beispiel beim Pinkeln draußen mal eben einfach so gemeuchelt zu werden) auszubrechen. Ein Anreiz zur Zähmung der willkürlichen Gewalt war die Erkenntnis von Interdependenzketten. Hä? Was? Wie bitte? Also. Den etwas sperrig anmutenden Begriff hat Elias eingeführt und bedeutet nichts anderes, als die Abhängigkeit des Menschen von anderen Menschen. Zum Beispiel unsere heute völlig selbstverständliche Arbeitsteilung. Und daraus folgte nun irgendwann das Aha-Erlebnis, nach dem Motto: “Huch, ich bin ja doch auf ganz viele andere Menschen angewiesen, vielleicht wäre es eine gute Idee nicht alle anderen einfach so bei jeder Kleinigkeit zu meucheln, weil ich könnte ja noch auf dieses oder jenes angewiesen sein”. Steven Pinker führt in seinem Buch wunderbare Beispiele auf.

Aus dieser Erkenntnis heraus entstand u. a. auch ein immer stärkeres Bedürfnis nach einer ordnenden Instanz. Der Wunsch nach Monopolisierung der Gewalt. Und so sind dann auch nach und nach die ersten zentralistischen Staatsformen entstanden. Unser heutiger Rechtstaat wurde aus diesem langen Zivilisierungsprozess heraus geboren und immer wieder feinjustiert und weiterentwickelt (mal mit weniger und mal mit mehr Rückschlägen). Gewaltmonopol heißt nichts anderes wie: Wenn wir Ärger haben, lösen wir die Konflikte nicht mehr mit der eigenen Faust, sondern lassen das die staatliche Gewalt regeln (Polizei, Staatswanwalt, Richter etc.).

Steven Pinker geht in seinem Buch noch weiter (denn Elias hörte so rund um den zweiten Weltkrieg auf darüber zu schreiben). Er spricht in einem Kapitel von einer “Revolution der Rechte”, einer starken Zunahme diverser Bürgerrechte wie zum Beispiel Schwulenrechte, Tierrechte, Frauenrechte etc. pp., die vor allem ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Schwung kam. Gerade die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA hat das Thema Rassismus extrem öffentlich gemacht und vor allem breit gesellschaftlich thematisiert – nicht zuletzt passierte das vermutlich nur deshalb so wuchtig, weil zu gleicher Zeit Bewegtbild im TV zum Schichtenübegreifenden Massenmedium wurde. Und gerade dadurch rückten Ereignisse, Symbole, Bilder und die Sprache immer mehr in den Fokus dieses Prozesses. Aus dem heftigen Diskurs heraus entstanden in wenigen Jahren entsprechende Gesetze und damit wiederum neue gefestigte, ausgehandelte, soziale Normen, die nun über 60 Jahre später auch Frau Sacco zu deutlich spüren bekam.

Insgesamt führte dies zu einer Abnahme der physischen Gewalt und einer Zunahme von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zwischen dem Mainstream und den Minderheiten. Namen wurden im Zuge des Prozesses ausgetauscht und Logos und Symbole des Rassismus entsprechend kritisiert, tabuisiert und beseitigt. Eben weil sie auch Symbole eine Zeit waren, die man einfach so nicht mehr haben wollte. Das war der Konsens. Da genau dieser Vorgang den meisten Menschen – vor allem in unserem Kulturkreis und zu unserer Zeit – aber gar nicht so bewusst und präsent ist, stößt es eben auch immer wieder auf Gegenwehr. Die Bereinigung von Sprache oder von Symbolen stößt auf massive Gegenwehr. Einige wollen offensichtliche rassistische Altlasten in Kinderbücher um jeden Preis konservieren. Oftmals weil einfach nicht verinnerlicht wurde warum das alles so geschieht. Vielleicht bekommen Menschen die das alles konservieren wollen auch einfach nur die Krise, wenn man ihnen vorwirft rassistische Begriffe zu verwenden, weil sie sich dadurch automatisch als Rassist beschimpft fühlen, was natürlich niemand in der heutigen vereinbarten Norm sein möchte. Rassist zu sein ist glasklar gesellschaftlich geächtet. Die Verwendung von rassistischen Begriffen ist anscheinend noch nicht vollständig ausgehandelt. Und so geht der Prozess weiter und weiter, von Fall zu Fall, von Diskurs zu Diskurs, von Schmerz zu Schmerz.

Soweit so gut. Wendet man diese Zivilisierungstheorie nun auf die heutige Zeit an – und vor allem auf das heutige Medienverhalten, so lassen sich einige interessante Beobachtungen machen. Fälle wie “Justine Sacco” zeigen mir da gleich mehrere Dinge auf:

1. Niederschwellige psychische Gewalt (rassistische Bemerkung als mildere Form psychischer Gewalt – im Vergleich zu psychischer Gewalt in Zeiten von Apartheid) wird unmittelbar und massiv durch Anwendung von psychischer und mitunter physischer Gewalt geächtet und bestraft.

2. Es gibt aber noch kein wirkliches, greifendes Machtmonopol in den sozialen Netzwerken, als der Arena der virtuellen Gewalt. Die Sanktionierung von psychischer Gewalt geschieht dort völlig willkürlich und unkontrolliert. Eine Art Crowdsourcing. Die mildere Variente eines Lynchmobs. Statt mit brennenden Fackeln jagt man das Monster mit dem Smartphone zur Mühle.

3. Die mediale Bestrafung als Diskursform schlägt sich dabei auch auf die reale Existenz nieder. Die Trennung zwischen Virtualität und Realität wird aufgehoben. (Verlust des Arbeitsplatzes und zusätzliche Stigmatisierung, so dass es späteren, möglichen Arbeitgebern schwer macht diese Frau wieder einzustellen). Das gleicht dann schon einer Verbannung aus dem Dorf. Und die galt im vorzivilisierten Mittelalter als eine der schlimmeren Bestrafungen, etwas das Edward Snowden auch gerade am eigenen Leib erfahren muss.

Wenn man also die erste Stufe der Zivilisierung der Menschen als eine Transformation von physischer zu psychischer Gewalt betrachtet, so bleibt dann am Ende die Frage, ob es womöglich noch eine zweite, noch kommende Stufe der Zivilisierung geben wird. Das kulturelle Phänomen Internet, also das Aneinanderdotzen verschiedener Lebenswirklichkeiten und Wertemodelle, führt im ersten Schritt, neben dem Kennenlernen anderer Wirklichkeiten, eben auch zu psychischen Gewaltphänomenen (Shitstorm, Cybermobbing etc.), die wie oben bereits beschrieben, immer auch konkrete physische Auswirkungen haben könnten. Gewalt ist also nach wie vor – wenn auch sublimiert – des Pudels Kern. Es scheint als würde das Internet, die Möglichkeit der “Many-to-Many Kommunikation”, da erneut ganz großen Zivilisierungsbedarf wecken. Ein möglicher Trigger zur zweiten Stufe der Zivilisierung.

Meine Hoffnung für die Zukunft ist – neben der großen Angst vor überbordender sozialer Kontrolle und ansteigendem psychischen Druck und Einschränkung der individuellen Freiheit – eine zweite Stufe der Zivilisierung, ein möglicher Ausbruch aus dem Kreislauf von psychischer Gewalt. Erste wichtige, pragmatische Ansätze bietet da beispielsweise die Kommunikationswissenschaft und etliche Modelle aus der Psychologie. Basierend auf Carl Rogers, fällt mir da sofort das Empathiemodell von M. B. Rosenberg ein (bitte nicht vom unglücklichen Wikipedia-Handpuppenbild abschrecken lassen), der das Modell der “gewaltfreien Kommunikation” entwickelt und auch langjährig erfolgreich angewendet hat.

Das Modell sieht vor, dass wir Menschen stets empathisch begegnen und anerkennen, dass alle Menschen im Grunde genommen gleichermaßen ähnliche Bedürfnisse haben. Aber diese Bedürfnisse kollidieren – ähnlich wie Religionen, Werte, Ansichten und Meinungen. Das Problem ist aber vielmehr, dass Menschen ihre Bedürfnisse gar nicht vernünftig und deutlich mitteilen. Das führt dann zu so ungemütlichen Emotionen wie Wut, Trauer und Frust, also einem Brandbeschleuniger für Gewalt. So führen schon alltägliche Gesprächssituationen z.B. in der Ehe, immer wieder zu einem Kreislauf der kleinen, psychischen Gewalt, ein ständiges, gegenseitiges Verletzen und damit ein permanentes Einschleifen der kommunikativen Gewalt. Das Konzept von Rosenberg bekommt es anscheinend ganz gut hin, diese Muster zu durchbrechen (wurde übrigens erfolgreich bei zutiefst verfeindeten Konfliktparteien zur Anwendung gebracht u.a. in Friedensverhandlungen von Staaten). Es geht dabei auch nicht darum die Meinung, Bedürfnisse und die Wirklichkeit des Anderen umzubiegen, sondern im ersten Schritt überhaupt erst einmal eine empathische Verbindung herzustellen, also die Bedürfnisse offen auf den Tisch zu legen ohne gleich wieder in eine frustrierende Gewaltschleife zu geraten. Allein dieser Mechanismus führt dazu eine notwendige Grundlage der Verständigung zu schaffen – frei von Schuld und Scham. Also der Nährboden für friedliche kooperative Lösungsansätze.

Modelle wie diese sind nicht nur ein Signal, dass es anders laufen könnte. Diese Modelle konnten auch erst entstehen weil Phase 1 der Zivilisierung bereits durchschritten wurde. Ja, die individuelle Freiheit wurde dabei aufgegeben. Die Freiheit andere beim Pinkeln zu meucheln wurde aufgegeben, damit wir die Freiheit haben überhaupt in Ruhe pinkeln gehen zu können. Ist doch schon was. Und wenn man das mal aus dieser Perspektive betrachtet, und sei es nur für einen winzigen Moment, wäre schon der nächste Mini-Schritt zur Phase 2 der Zivilisierung gemacht. Ich freue mich jedenfalls drauf.