Demokratie ist anstrengend – aber leider geil

Ganz nüchtern betrachtet ist Demokratie einfach nur eine Infrastruktur. Ein Regelwerk. Demokratie garantiert im Bestfall allen Menschen ein Mitbestimmungsrecht, einen freien und sicheren Raum zur Meinungsäußerung und die Möglichkeit offen – ohne Furcht vor Repressalien – am politischen Diskurs teilzunehmen. Demokratie erlaubt es uns also die Regierung und Opposition zu kritisieren, ohne dafür ins Gulag oder Umerziehungslager geschickt zu werden. Demokratie ist die wichtigste Grundlage in einem Land um sich überhaupt für Minderheiten einsetzen zu können. Demokratie erlaubt es uns Parteien und Initiativen zu gründen um unsere Interessen zu vertreten. Demokratie ist also immer auch eine Art Möglichkeitsraum für gesellschaftliche Konzepte.

Landsgemeinde_Glarus_2006

Demokratie ist ein bißchen wie das Internet der Politik, denn es lädt uns aufgrund ihrer Struktur ständig zum Mitmachen, also zur Partizipation, ein. Doch genau wie im Internet scheint es in der Demokratie gefühlt nur 10% zu geben, die Inhalte produzieren und 90% die Inhalte konsumieren. Warum ist das so?

Demokratie ist für die meisten Menschen einfach viel zu anstrengend. So anstrengend, dass 30-40% der Bevölkerung es noch nicht einmal an einem Sonntag ins Wahllokal schaffen. So anstrengend, dass sich Menschen tagtäglich lieber über Mittelfinger, Rauten, Koteletts, rote Socken oder Veggie-Days austauschen, statt sich mit den politischen Ideen der jeweiligen Partei (die auch immer aus mehr Menschen besteht als die jeweiligen Gesichter, die man aus dem Fernsehen kennt) intensiv auseinander zu setzen und zu prüfen ob das wirklich zur eigenen Haltung passt.

Demokratie ist sogar zu anstrengend für die Schule, denn dort wird sie eigentlich nur am Rande thematisiert und noch viel seltener aktiv gelebt.

Demokratie ist anstrengend, weil wir prinzipiell eher Konsumenten sind als Produzenten, weil wir lieber Lösungen fertig präsentiert bekommen, statt selbst welche auszudenken und Dinge aktiv eigenständig zu hinterfragen.

Demokratie ist so anstrengend, dass sie bei den meisten Menschen nur alle 4 Jahre einmal kurz für 2 Monate stattfindet und selbst dann sind sie davon genervt, weil Parteien auch alle vier Jahre die Menschen mit Plakaten und Floskeln nerven müssen, um sie in ihrem Desinteresse überhaupt noch kurzzeitig erreichen zu können, was natürlich dazu führt, dass die Reaktanz wieder ein wenig steigt.

Je anstrengender die Demokratie ist, desto verlockender müssen natürlich die Belohnungen und Versprechen der Parteien sein, desto einfach müssen Konzepte und Patentrezepte daherkommen, desto klarer muss die Polemik funktionieren. Wer kein Patentrezept oder die alleinige absolute Wahrheit verkündet, wird vermutlich auch nicht gewählt werden, denn Parteien ohne einfache, klare Lösungen, die alle Menschen gleichermaßen befriedigen sind viel zu anstrengend. Außerdem wächst die Enttäuschung über nicht eingehaltene Versprechungen, so dass die Parteien sich neue, bessere Versprechungen fürs nächste Mal überlegen müssen.

Demokratie ist anstrengend, weil man auch mal akzeptieren muss, dass andere Menschen etwas anderes denken und unterstützen als man selbst und wir dabei selten erkennen, dass jeder Mensch im Grunde in seiner eigenen Blase lebt und sein Denken und Handeln genauso für richtig betrachtet wie wir selbst, nur eben ganz anders. Es wäre aber auch viel zu anstrengend, die eigene Blase kurzzeitig zu verlassen um mal in die Blase der Anderen hineinzuschnuppern.

Demokratie ist anstrengend, weil man permanent das Gefühl hat “die da oben” machen sowieso was sie wollen und wenn ich selbst mitmache, kann ich entweder nicht viel bewirken oder muss automatisch so werden wie “die da oben”, weil Macht ja korrumpiert, also lässt man es doch lieber gleich “die da oben” machen und distanziert sich davon.

Demokratie ist anstrengend, weil sie stets auf Kompromissen basiert und uns daher nie befriedigt, weil wir in einem individuellen Lebensgefühl sozialisiert sind, in dem es entweder nur einen Gewinner oder nur einen Verlierer gibt und Verlierer sich ärgern und schämen müssen, statt sich darauf zu freuen, es beim nächsten mal noch besser zu versuchen.

Demokratie ist anstrengend, weil man so gut wie keine Fehler machen darf, obwohl man doch zuallererst aus Fehlern dazulernt.

Demokratie ist anstrengend, weil Parteien ein wenig den Religionen ähneln, indem sie zum Beispiel behaupten es gäbe nur DIE eine Partei, die alles richtig und nichts falsch macht und die eigenen Anhänger am besten sich gar nicht erst mit dem “anderen Lager” abgeben sollen, geschweige denn gemeinsame Lösungen zu entwickeln.

Demokratie ist anstrengend, weil uns die meisten Parteien und Regierungen viel zu selten zu Ideenfindungen einladen, sondern uns eher passiv zu Protesten herausfordern.

Demokratie ist anstrengend, weil wir glauben Parteien und deren Wahl seien die einzigen demokratischen Tools, die wir zur Verfügung haben. Dabei kann Demokratie in allen Bereichen unseres Lebens eine große Rolle spielen: Auf der Arbeit, in der Familie oder in der Schule.

Demokratie ist anstrengend, weil sie permanent bedroht wird und es Kräfte gibt, die versuchen sie ständig auszuhöhlen oder auszuhebeln.

Demokratie ist anstrengend, weil sie so leicht mißbraucht werden kann und die einzige bekannte Regierungsform ist, die sich theoretisch selbst abschaffen kann.

Demokratie ist anstrengend, weil wir uns oft auch selbst zurücknehmen müssen.

Demokratie ist kein Konsum. Demokratie ist Prosum. Demokratie lebt immer vom Mitmachen. Je weniger mitmachen, desto thematisch einseitiger wird das jeweilige demokratische System. Je weniger sich darüber schlau machen, desto einfältiger wird das jeweilige demokratische System. Je weniger sich dafür interessieren, desto frustrierender wird das jeweilige demokratische System. Demokratie ist immer auch die Summe unserer Bereitschaft zur Partizipation. Demokratie ist also niemals gleich, sie ist tagtäglich im Fluss und du bist ein wichtiger Teil von ihr. Es lohnt sich. Auch wenn es anstrengend ist.

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