4 Thesen: Warum macht das Internet der Macht solche Angst?

Die jüngsten Ereignisse im arabischen Raum, in der Türkei, der Überwachungsskandal “Prism” in den USA, aber auch die zahlreichen Überlegungen in Deutschland rund um das Leistungsschutzrecht, Vorratsdatenspeicherung oder Netzregulierung sind eindeutige Symptome, die alle zu einer gemeinsamen Wurzel zurückführen. Der Kampf um die Kontrollierung, Regulierung und Filterung des Internets aus Gründen der Erhaltung von Macht und Kontrolle ist allumfassend spürbar. Nahezu jedes Land auf diesem Erdball beschäftigt sich derzeit mit der Frage inweiweit die Infrastruktur Internet gebändigt werden muss um die etablierten Herrschaftsstrukturen in allen gesellschaftlichen Bereichen zu bewahren. Doch warum macht das Internet “der Macht” eigentlich so große Angst? Hier sind vier mögliche Thesen:

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Wenn man die Gesellschaft mit einem Betriebssystem vergleichen würde, dann sind Informationen, Wissen, Bildung, Performanz (wie sich Menschen geben), die Gestaltung des öffentlichen Raumes (Architektur) usw. allesamt Programme, die dieses Betriebssystem speisen. Michel Foucault sprach an der Stelle beispielsweise von “Diskursen”. Wenn ich als Mensch Zugriff zu diesen Diskursen, Programmen etc. habe, so nehme ich allein durch meine öffentliche Existenz am gesamtgesellschaftlichen Prozess teil und forme somit mal mehr mal weniger diese Gesellschaft zu jeder Zeit aktiv mit. Die Infrastruktur Internet und die daran angeschlossenen technischen Geräte, die als multimedial Aufzeichnungsgeräte (Sensoren) und Publikationsmaschinen (Replikatoren) in einem fungieren, ermöglichen Menschen einen schnelleren, umfassenderen und breiteren Zugang zum Quellcode des Betriebssystems Gesellschaft. Diskurse fließen damit schneller, mobiler und pluralistischer – vorausgesetzt die Menschen haben die Freiheit und die Möglichkeit dies zu tun. Dieser Wust an unkontrolliertem Zugang öffnet Tür und Tor für eine ganze Bandbreite an Ideen, Thesen, Informationen, Ansichten und vor allem kritischen Gedankengut. Herrschaftstrukturen sind zu recht über diesen Zustand besorgt. Denn dieser Grundzustand führt auch automatisch zu These Nummer 2:

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Machtherrschaft basiert immer auch auf eine ungleiche Verteilung von Informationen, Wissen, Bildung und Zugang zu Ressourcen (Geld, Rohstoffe, Menschen etc.). Die Infrastruktur Internet ermöglicht es zunehmend diese Asymmetrien theoretisch auszugleichen. Die gefühlte Zunahme von Whistleblowing, die permante Aufdeckung von Mißständen auf der ganzen Welt und das allumfassende Live-Streaming von Gesellschaftsumbrüchen führt zu einer erzwungenen Transparenz, die selbstverständlich den etablierten Machtstrukturen große Sorgen bereitet. Doch nicht nur die mehr oder minder gewaltsame Verbreitung von Informationen findet statt, parallel entsteht auch eine umfassende “Sharing-Kultur”, die Wissen und Bildung in Form von zahlreichen Kursangeboten über das Netz verbreitet. Der Trend zum MOOC ist ein Beispiel von vielen. Universitäten gewähren auch klassischen Nicht-Studenten den Zugang zu ihren Wissensquellen und zwar in einer fantastischen medialen Aufbereitung, denn nicht nur der Zugang zu Büchern wäre an diesem Punkt wichtig, sondern vor allem auch die unterschiedliche mediale Aufbereitung der jeweiligen Thematik. So kann ich als Mensch mit unterschiedlich vorhandener Lerntypisierung mich einem Thema per Audio, Video oder Bildern und Texten gleichermaßen nähern. Etwas, was der Buchdruck nicht ansatzweise hinbekommt. Umso erstaunter bin ich, wie etablierte wirtschaftliche Strukturen immer wieder am Medium Papier krampfhaft festklammern. Ja, Bücher werden nie aussterben, ja sie sind für viele etwas sinnliches und nein, sie bieten nicht für alle Menschen auf dieser Welt die geeignete Darreichungsform von Informationen, Wissen oder ganz einfach Geschichten. Dieser Ausgleich der Informationen in ihrer Vielfältigkeit der Darreichungsform wird durch die Infrastruktur Internet ermöglicht und sehr viele Menschen, gerade auch aus klassischen Wissenshortungshallen (Universität etc.), bedienen sie jetzt schon äußerst fleißig.

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Viele Machtherrschaftsformen basieren auf Ideologien, Religionen oder anderen dogmatischen Wertgerüsten. Selbst die Wissenschaft ist zuweilen nicht vor einer dogmatischen Haltung gefeit. Sobald Strukturen für sich die absolute Wahrheit beanspruchen und keine zweite Meinung oder auch nur eine Hinterfragung des Bestehenden zulassen, wirkt jede Form von Skepsis hochgradig subversiv. Gott darf nicht in Frage gestellt werden. Die Naturwissenschaft, vor allem die Mathematik, darf nicht in Frage gestellt werden. Geschlechteridentitäten dürfen nicht in Frage gestellt werden usw. Tut man es doch, so kontaminiert (verseucht) man diese Struktur mit neuen skeptischen Gedanken. Sie “verführen” die schwachen Schafe der Gemeinde zum Umdenken, zum Infragestellen des eigenen Lebensentwurfes und damit entzieht man dem jeweiligen System automatisch die autoritäre Vorhherrschaft. Die absolute Wahrheit (L’etat c’est moi) wird plötzlich in Frage gestellt und damit auch der gesamte einhergehende Herrschaftsanspruch. Davor haben diese Gefüge unglaublich viel Angst – im Großen wie im Kleinen – denn Machtstrukturen sind auch im kleinsten System wie Arbeitsumfeld, Familie und Freundeskreis immer vorhanden. Ich habe schon Facebookfreundschaften bei gesellschaftlichen Debatten rund um Themen wie Beschneidung, Genderdebatten etc. zerbrechen sehen – eben weil man das Wertgefüge des anderen hinterfragt und offensichtlich massiv bedroht. Ein Abbruch der Debatte durch Isolation ist immer auch ein Schutzmechanismus des eigenen Wertesystems.

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Das Internet ist nicht nur zum Pöbeln da. Empörung im Netz – so fäkal sie auch manchmal formuliert sein mag – ist immer auch gleichzeitig der Wunsch nach Mitsprache aber vor allem auch die Sehnsucht nach Alternativen. Das Internet bietet den Rahmen alternative Blaupausen zu transportieren, schon heute sind zahlreiche Angebote sichtbar. Wenn ich bestimmte Firmen wirklich nicht mehr aus diversen Gründen unterstützen möchte, so kann ich alternative Angebote wahrnehmen – in zweierlei Hinsicht. Wenn ich beispielsweise auf Fleisch verzichten möchte, erhalte ich umgehend umfassende Informationen rund um die vorhandenen Alternativen, ja ich erhalte sogar eine Schritt für Schritt Anleitung. Wenn ich nicht mehr abhängig sein möchte von großen Banken so kann ich mein Projekt in Zukunft per Crowdfunding finanzieren lassen. Es ist sicherlich kein Garant, dass das immer funktioniert, aber ebenso unsicher ist es ob man einen Kredit bei der Bank erhält oder man einen entsprechenden Investor findet, von dem man aber auch entsprechend abhängig wird. Konzepte wie Crowdfunding beseitigen nicht die Macht und Abhängigkeit als solches, sie schultern und verteilen Macht eben nur anders und breiter. Und überhaupt scheinen immer mehr Alternativen (gerade im Bereich der Wirtschaft) in einer angeblich so alternativlosen Zeit aufzupopppen. Sie laden wiederum zur Nachahmung ein. Sie inspirieren andere wiederum ebenfalls Alternativen zu erschaffen. Bisher so gefestigte Zuschreibungen wie “Eigentum” wird mit der “Shareconomy” völlig neu überdacht. Auch wenn man mir an der Stelle vielleicht Sozialromantik zuschreiben würde, so möchte ich deutlich hervorheben, dass diese Alternativen ganz gewiss keine dauerhafte, allumfassende Patentlösungen liefern. Auch Alternativen brauchen irgendwann wiederum Alternativen. Es gibt nicht DIE Lösung, sondern immer nur gangbare Lösungen – also Ideen und Wahrheiten mit einer mehr oder minder hohen Halbwertszeit.

Fazit
Das Feedback nach meinem Vortrag zum gleichen Thema zeigte deutlich, dass einige Zuhörer an der romantischen Vorstellung, die Macht verteile sich nun immer mehr, stark zweifelten. Mir geht es aber eben nicht darum eine Utopie der machtfreihen Gesellschaft zu skizzieren sondern lediglich die Frage zu beantworten oder auch aufzuwerfen, wie Herrschaftsstrukturen auf das Internet derzeit reagieren und warum sie so reagieren. Es scheint damit doch mindestens die Befürchtung vorhanden zu sein, dass sich Macht irgendwie auflösen oder neuverteilen könnte. Allein das finde ich immens spannend und ich kann nur jedem Menschen raten sich mit diesen Fragen in Zukunft intensiv auseinanderzusetzen. Es gibt nämlich immer mindestens zwei Haltungen: Den Kopf in den Sand stecken und davon ausgehen, dass sich sowieso nix ändert, oder permanent die Hoffnung vor sich her zu treiben, dass sich die Welt wie sie sich gerade darstellt auf alle Fälle zum Besseren wandeln wird. Wie so oft stecke ich irgendwo dazwischen. Ich glaube nicht an radikale Systemumbrüche, ich glaube aber sehr wohl an langfristige evolutionäre Prozesse. Wie lange das dauert haben wir hier und heute in der Hand. Mit jedem Klick, mit jedem Gang auf die Straße, mit jedem politischen oder unpolitischen Katzenbild, das wir verschicken. Wir sind der Diskurs. Ob wir wollen oder nicht. Wenn uns das einmal klar wird, dann wird sich die Gesellschaft vermutlich noch einmal völlig noch gestalten.

Doch das allerwichtigste Fazit aus all meinen bisherigen Gedanken ist die Gewissheit für die Aufrechterhaltung der ursprünglichen Form der Infrastruktur Internet. Ein technisches System der Wissensverbreitung. Es muss frei sein, damit wir sicher bleiben können. Denn was mich an der aktuellen NSA-Geschichte weniger beunruhigt ist die Tatsache, dass wir von Menschen überwacht werden – das machen wir sowieso schon gegenseitig und freiwillig. Mir macht die Anfälligkeit der Geheimdienste Sorgen, denn der Whistleblower hätte problemlos sein Wissen auch an andere geheime, soziopathische, kriminelle Vereinigungen weiterreichen können. Der freie Fluss von Informationen ermöglicht meines Erachtens erst eine Selbstregulierung der Gesellschaft. Anstatt dass wir von wenigen, korrumpierbaren Menschen unwissend überwacht werden, könnten wir stattdessen gegenseitig aufeinander achtgeben. Auch dann wird es Mißbrauch geben, aber er wird meines Erachtens unter Umständen schneller sichtbar. Aber auch das scheint zugegebenermaßen einer gewissen romantischen Haltung entspringen. Aber ich hoffe sehr, dass ich mir diese Haltung noch sehr lange bewahren kann.

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