Boston und die dunkle Seite der Mitmachkultur

Die Mitmachkultur hat mit dem Anschlag in Boston einen weiteren Bereich erobert: Die Strafverfolgung. Doch ist sich der jeweilige Mitmachende seiner Verantwortung überhaupt bewusst? Wie so oft: Ein Plädoyer für mehr Medienkompetenz.

selbstjustiz

Die Stadt Boston verwandelte sich letzte Woche, im Zuge des Sprengstoffanschlages auch kurzzeitig in ein Spielfeld für virtuelle Hobbykriminologen. Es war womöglich der erste und sicherlich nicht der letzte Fall von Bürgerstrafverfolgung, mit Folgen, die heute kaum jemand einschätzen vermag.

Wo gehobelt wird, da fallen bekanntlich Spähne und wenn ein Sprengstoffanschlag eine US-amerikanische Stadt erschüttert, muss man durchaus schon einmal in Kauf nehmen, dass der eine oder andere Unschuldige verdächtigt wird. Die medialen Ereignisse rund um Boston haben vor allem eines gezeigt: Jede Menge Menschen halten sich für Experten und reden mit, jagen mit und richten dabei auch jede Menge Schaden an.

Die Jäger im virtuellen Gefilde kann man durchaus mit Gaffern am Unfallort vergleichen. Sie behindern die Arbeit derjenigen, die dazu befähigt aber vor allem auch dazu befugt sind. Natürlich haben die Behörden die Bevölkerung um Mithilfe gebeten, allerdings haben sie nicht darum gebeten eigenmächtig irgendwelche Verdächtigungen in die Welt hinaus zu schreien.

Mindestens vier völlig mißlungene Verdächtigungen listet allein “The Week” auf. Fälle, die zum Teil auch von den etablierten Medien ernsthaft aufgegriffen und diskutiert wurden. Der Journalist Konrad Weber fragt sich bei der neuen Dynamik des Mitmachens zu Recht wohin das alles noch führen wird und welche Autorität der Rechtsstaat eigentlich noch hat oder haben wird?

Das Rückenmark des Rechtsstaates ist sein Gewaltmonopol. Die Bürger übergeben die Ausübung von Gewalt und Macht den staatlichen Instutitionen und verzichten im Gegenzug auf das individuelle Recht dieser Ausübung. Verbrechensverfolgung und -verurteilung übernimmt demnach die Exekutive und Judikative – Zweidrittel der Gewaltenteilung – ebenfalls ein wichtiges Merkmal des demokratischen Rechtsstaates. Dieses Gewaltmonopol schützt in erster Linie jeden Bürger vor willkürlicher Gewalt in Form von Verleumdung und Selbstjustiz. Ja, auch falsche Verdachtsäußerungen sind eine Form von Gewalt. Die virtuellen Ereignisse rund um den Anschlag in Boston scheinen das Gewaltmonopol kurzzeitig ausgehebelt zu haben.

Auch die Rolle der Medien und des Journalismus, als vierte Gewalt, scheint sich nach diesem Präzedenzfall zu wandeln oder sollte man besser sagen: Der längst stattgefundene Wandel wird zum ersten Mal wirklich sichtbar. So fragt Weber in seinem Artikel auch:

Wenn plötzlich Behörden, Polizei-Kommandanten und Hacker-Kollektive dieselbe Öffentlichkeitswirkung wie Medienhäuser erzielen, müssen wir uns ernsthaft fragen, welche Aufgabe den Journalisten noch zukommt.

Eine wirklich gute Frage, denn im Zeitalter der schnellen Informationsweitergabe ohne weitere Reflektion, wird faktisch jeder mitmachende Mensch im Netzwerk Teil einer nachrichtenübermittelnden Dynamik, die sich früher vielleicht Journalismus nannte. Es gibt eben nicht nur EINEN Blödmann, der irgendeinen völlig Unschuldigen verdächtig und an den Pranger stellt. All diejenigen, die diese Verdächtigung unreflektiert aufgreifen, retweeten, zitieren und somit zu deren Zirkularität beitragen machen sich im Grunde genommen mitschuldig. Genau dieses Phänomen verläuft nun völlig unabhängig vom Journalismus. Der Journalismus scheint im Gegenteil dem hinterher zu rennen. Faktencheck und Quellenprüfung, also ordentlicher Journalismus, benötigt Zeit. Zeit, die eine Generation Retweet einfach nicht mehr einräumt.

Der Journalismus allein wird dieses Problem also vermutlich nicht lösen. Es obliegt denjenigen, die das Problem am Ende auch verursacht haben: Jeder einzelne Nutzer. Es bedarf eines breiteren Bewusstseins für neue Medien und deren Auswirkungen. Es bedarf eines radikalen Umdenkens im Bezug auf die Verbreitung von Informationen. Es gibt kein kontrolliertes “von oben nach unten”, von der Quelle zum Journalisten zum Publikum mehr. Nachrichten zirkulieren völlig frei und werden von jedem einzelnen Menschen gleich stark befördert. Die memetische Regel von morgen lautet: Was sich am schnellsten verbreitet ist auch am erfolgreichsten.

Anstatt nur über die neue Rolle des Journalisten nachzudenken scheint es mir noch viel wichtiger zu sein auch über die neue Rolle des Medienkonsumenten im Netz nachzudenken. Das empfinde ich als wesentlich gravierender. Es gibt im Grunde genommen im Netz kaum noch Konsumenten, jedenfalls sind sie nicht mehr sichtbar. Sobald ich meinen Medienkonsum für andere sichtbar mache, indem ich zeige was ich mag oder gelesen habe werde ich selbst Teil des Verbreitungsprozesses, ich werde zum Produzenten. Durch meinen öffentlichen Konsum teile ich anderen nicht nur mit, dass ich die Nachricht gerade gelesen habe, sondern ich verifiziere damit auch implizit die Meldung zur Weiterverbreitung.

Und was bedeutet das am Ende? Schlechte Neuigkeiten für den “Lean-Back-Consumer”, der in der Vergangenheit keinerlei Verantwortung bei der Benutzung von Medien besaß. Das ist heute anders. Die Mitmachkultur forderte immer das Recht auf mehr Transparnz und Beteiligung. Ich hoffe ihr ist allerdings auch bewusst, das damit einhergehend auch jede Menge neue Verantwortung hinzukommt. Ein Journalist zeichnet sich meines Erachtens nicht nur dadurch aus, dass er im Auftrag einer etablierten Medienmarke vertrauenswürdig agiert. Ein Journalist zeichnet sich vor allem auch dadurch aus, dass er die volle Verantwortung für seine Berufsausübung übernimmt.

Damit man mich nicht falsch versteht, ich bin ein großer Freund der Mitmachkultur. Nur mitmachen bedeutet eben auch die Verantwortung mitzutragen. Ich glaube daher es wird allerhöchste Zeit, dass wir neben den kulturtechnischen Grundlagen wie Lesen, Schreiben, Rechnen auch die vierte Komponente, den Umgang und Verbreitung von gelesenen, geschriebenen und gerechneten Inhalte in der Öffentlichkeit dringend reflektieren und vermitteln.

9 comments Write a comment

  1. Ich würde gern zur Verantwortung und Medienkompetenz noch einen ganz altmodischen Begriff ergänzen, der in der guten alten Journalistenausbildung einst eine tragende Rolle spielte: Ethik. Könnte man auch als Normalbürger entwickeln …

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