Wie man eine Krise als Chance nutzt: Beispiel Skandinavien

Heute wird oft vergessen, dass vor 20 Jahren Europa auch in einer schweren Wirtschafts­krise steckte. Deutschland kämpfte mit den wirtschaftlichen Folgen der Wiedervereini­gung, erschien aber trotz aller Widrigkeiten als Hort der Stabilität. Großbritannien war durch die Währungsspekulationen von George Soros aus dem Europäischen Währungssystem herausgedrängt worden. Spanien und Italien hatten mit frappie­rend ähnlichen Schwierigkeiten wie heute zu kämpfen: Spanien mit den Konsequenzen einer geplatzten Spekulationsblase am Immobilienmarkt, Italien mit den lähmenden Auswirkungen einer korrupten Machtclique, die Politik und Großindustrie beherrschte. In beiden Ländern hatte sich innerhalb der Scheinstabilität des Europäischen Währungssystems die Wettbewerbsfähigkeit dramatisch verschlechtert.

Wenn man die Kommentare vieler Ökonomen, Wirtschaftsjournalisten und anderer Experten liest, scheint diesmal die Lage fast aussichtslos zu sein. Die Staatsfinanzen in Europa und in den USA sind zerrüttet, Defizite in den gegenwärtigen Größenordnungen sind langfristig nicht durchzuhalten. Sanierungsmaßnahmen bedingen Steuererhöhungen oder Ausgabenkürzungen. Beides kostet Wirtschaftswachstum, auf die Bürger der entwickelten Volkswirtschaften kommen harte Jahre zu. Die Eurokrise erscheint nur wie die Spitze eines Eisbergs.

Auch die BRIC-Staaten, Wachstumslokomotiven des vergangenen Jahrzehnts, machen langsam schlapp. Indien kämpft mit Korruption und einer maroden Infrastruktur, in China steigen die Löhne und mehren sich die Zweifel gegenüber dem Finanzsystem. Russland krankt an einem Mangel an Rechtsstaatlichkeit, Brasilien an einer zunehmend interventionistischen und inflationstreibenden Wirtschaftspolitik. Und dann basteln irgendwo auf der Welt noch Diktaturen an ihren Atombomben und drohen damit, alles ins Chaos zu stürzen.

Stehen wir am Beginn einer neuen globalen Strukturkrise? Aber selbst wenn, was wäre so schlimm daran? Und kann man vielleicht bei den Ländern, welche die letzte europäische Krise erfolgreich überwunden haben, etwas für die aktuelle Situation lernen?

Seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts schleppen wir uns von Krise zu Krise. Erste Ölkrise 1973, zweite Ölkrise 1979. 1982 kam dann die Schuldenkrise in Lateinamerika. 1986 begann in den USA als Folge eines überhitzten Immobilienmarktes die Savings- and Loans-Krise, in deren Folge 1/5 der US-amerikanischen Sparkassen pleitegingen und das ganze US-Finanzsystem kurz vor dem Kollaps stand. 1987 gab es den ersten durch Programmhandel verursachten Börsenkrach. 1990 hatten wir die Kuwaitkrise, 1992 die Krise des Europäischen Währungssystems. 1998 waren dann Russland und Asien dran mit ihrer Krise. Im gleichen Jahr ging LTCM pleite, das Weltfinanzsystem stand kurz vor dem Kollaps. 2001 bewirkte die Kombination aus Terroranschlägen, Bilanzskandalen und platzender Internetblase die nächste Krise. 2007 kam eine weitere Immobilienkrise in den USA, diesmal mit globalen Auswirkungen: die Finanzkrise 2008 und ein Teil-Kollaps des Weltfinanzsystems. Genau wie 20 Jahre vorher folgten die Europäer mit ihrer Währungskrise ein paar Jahre später. Zwischenzeitlich stand die Welt mehrfach kurz vor dem Atomkrieg, diverse schwere Industrieunfälle von Seveso bis Fukushima verseuchten die Umwelt.

Trotz aller Krisen und Desaster hat sich das globale Bruttosozialprodukt in den vergangenen 40 Jahren versechsfacht. Die Weltbevölkerung hat sich seit 1970 verdoppelt und wächst weiter. Der Anteil der Hungernden hieran geht kontinuierlich zurück. Während noch vor 20 Jahren jeder fünfte Mensch zu wenig zu essen hatte, ist dies derzeit nur noch bei jedem achten der Fall. Das sind zwar immer noch zu viele. Man sieht aber, welchen Fortschritt wir schon gemacht haben. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist seit 1970 weltweit von ca. 60 Jahren auf ca. 70 Jahre gestiegen; in wohlhabenden Ländern wie Deutschland von ca. 70 Jahren auf ca. 80 Jahre. Während wir uns also von einer Katastrophe zum nächsten Debakel hangeln, geht es also immer mehr Menschen materiell immer besser und sie leben länger.

Wie kann es sein, dass die Abfolge globalen Krisen scheinbar so wirkungslos auf den Fortschritt der Menschheit geblieben ist. Sind die Folgen von Wirtschaftskrisen gar nicht so schlimm, wie oftmals dargestellt wird? Oder sind Krisen auf lange Sicht vielleicht sogar hilfreich für die Wirtschaftsentwicklung?

Ein Land, das schwer darunter leidet, dass es in den letzen Jahren alles zur Krisenvermeidung getan hat, ist Japan. Diese Nation hat nach dem Zweiten Weltkrieg einen spektakulären Aufschwung erlebt. In den 80er Jahren dann kam es zu einem massiven Zufluss spekulativen Kapitals, das die Preise von Wertpapieren und Immobilien künstlich aufblähte. Als die Blase in den 90er Jahre platze, wurden die entstehenden Verluste jedoch weitestgehend nicht anerkannt. Stattdessen versuchten Banken und Unternehmen, sich durch die künstliche Überbewertung von Vermögenswerten über die Zeit zu retten. Die Notenbank stützte das Finanzsystem durch extrem niedrige Zinsen, der Staat kompensierte den Nachfrageausfall durch schuldenfinanzierte Ausgaben. Dies vermied zwar einen heftigen Einbruch, führte aber auch dazu, dass die notwendige Bereinigung in Japan nie stattfand. Die japanische Wirtschaft stagniert praktisch seit 20 Jahren, nur die starke Stellung der Exportunternehmen verhindert Schlimmeres. Inzwischen liegt die Staatsverschuldung bei über 230% des BIP, eine in keiner Weise durchhaltbare Größenordnung. Würden die patriotischen Japaner nicht eisern sparen und unbeirrt ihr Geld in Staatsanleihen stecken, wäre das Land schon längst pleite. Die neue Regierung versucht jetzt, die Stagnation mit mehr schuldenfinanzierte Staatsausgaben und noch mehr Gelddrucken durch die Notenbank zu überwinden. Dies ist so offensichtlich zum Scheitern verurteilt wie alles, was die Vorgänger versucht haben. Japan wird davon erdrückt, dass es nie die Altlasten aus den Boomzeiten bereinigt und einen Neuanfang versucht hat.

Als Beispiele für erfolgreiche Krisenbewältigung gelten hingegen die skandinavischen Länder, die vor genau 20 Jahre von einem schweren Wirtschaftseinbruch betroffen waren. Kern der Krise war die Kombination aus einer sozialdemokratisch geprägten Umverteilungspolitik und einer geplatzten Spekulationsblase am Immobilienmarkt. Die Inflation war außer Kontrolle geraten. Rapide zunehmende Staatsschulden, steigende Arbeitslosigkeit, ein Bankensystem kurz vor dem Zusammenbruch sowie die Währung im freien Fall bildeten die albtraumhaften Bestandteile einer ökonomischen Katastrophe.

Dennoch konnten die Länder dieser Region sich in der Folge dauerhaft sanieren. Zwar waren die konkreten Probleme und Voraussetzungen in den einzelnen Ländern unterschiedlich. Dennoch ist bemerkenswert, wie alle vier Nationen es auf ähnliche Art und Weise geschafft haben, sich aus dem Krisensumpf herauszuziehen und jetzt als Hort der Stabilität zu erscheinen. Wie erfolgreich die skandinavischen Länder in den vergangenen Jahren waren, belegt eine Auswertung zur globalen Wettbewerbsfähigkeit von 144 Ländern vom World Economic Forum. Finnland steht auf den dritten Platz, dicht gefolgt von Schweden. Dänemark mit dem 12ten Platz und Norwegen mit dem 15ten Platz sind auch noch relativ gut positioniert.

Im Einzelnen lassen sich 4 Schlüsselfaktoren für den ökonomischen Erfolg dieser Region identifizieren:

1) Leistungsfreundliche Gestaltung des Steuersystems: Die Steuerbelastung in allen skandinavischen Ländern ist relativ hoch. Allerdings bekommen die Bürger auch etwas für ihr Geld, die Qualität öffentlicher Leistungen ist ebenfalls außergewöhnlich. Zudem wurde bei der Gestaltung der Steuersysteme darauf geachtet, dass die Steuersätze leistungsgerecht sind. Bei der Einkommenssteuer gibt es eine Progression, diese verläuft aber relativ milde. Die Steuern auf Unternehmensgewinne und Kapitalerträge sind hingegen im internationalen Vergleich eher niedrig, die Verbrauchssteuern aber relativ hoch.

Eine solche Steuerpolitik läuft linken Vorstellungen zur Besteuerung komplett zuwider. Dennoch sind die skandinavischen Länder in Hinblick auf Verteilungsgerechtigkeit weltweit führend. Der Gini-Koeffizient, mit dem eine gleichmäßige Einkommensverteilung gemessen wird, zeigt Schweden weltweit an erster Position, Dänemark an vierter, Norwegen an fünfter. Finnland liegt an zwölfter Stelle, noch vor Deutschland (14).

2) Marktwirtschaftliche Effizienz bei öffentlichen Leistungen: Alle skandinavischen Länder leisten sich nach wie vor einen umfangreichen Wohlfahrtsstaat, was nicht zuletzt auf einem am Gemeinwohl orientierten Gesellschaftsmodell liegt, dass von der Bevölkerung breit akzeptiert wird. Allerdings wurden die Sozialleistungen auf Effizienz getrimmt, indem marktwirtschaftliche Steuerungsmechanismen eingeführt wurden. Ein hohes Maß an Transparenz und Kostenbewusstsein hat dafür gesorgt, dass öffentliche Dienstleistungen erheblich günstiger als in anderen Ländern angeboten werden. Darüber hinaus wurde z. B. durch Privatisierungen Wettbewerbsdruck für öffentliche Unternehmen aufgebaut.

Diese Politik steht im eklatanten Gegensatz sowohl zu linken marktfeindlichen wie konservativen staatsfeindlichen Vorstellungen. Vielleicht ist sie aber gerade deshalb so erfolgreich, weil sie ideologiefrei die geeignetsten Elemente aus verschiedenen Politikansätzen kombiniert, ohne sich um die reine Lehre zu scheren.

3) Gesunde öffentliche Finanzen: Ein absolutes Politikprimat in Skandinavien war die Selbstverpflichtung zu Haushaltsdisziplin und Schuldenabbau. Der Anteil der Staatsschulden am BIP ist in den letzten 15 Jahren in Schweden von 69,9% auf 38,4% und in Dänemark von 72% auf 46,6% kontinuierlich zurückgegangen. In Finnland wurde nur ein geringer Anstieg von 47,6% auf 49% verzeichnet. Lediglich in Norwegen kam es zu einer Erhöhung von extrem niedrigen 30,3% auf 43,7%. Damit wird die weitverbreitete Ansicht widerlegt, dass Austerität langfristig Wirtschaftswachstum kostet: In Skandinavien war das Gegenteil der der Fall!

4) Offenheit gegenüber Innovationen und fremden Kulturen: Skandinavische Länder sind in der Regel sehr traditionsbewusst, so sind noch 3 der 4 Nationen konstitutionelle Monarchien. Dennoch verhindert diese Verankerung in traditionellen Werten nicht die Offenheit gegenüber fremden Kulturen oder neuen Technologien. In den vergangenen Jahrzehnten waren die Skandinavier am schnellsten, wenn es um die flächendeckende Einführung von Mobiltelefonie oder Breitbandinternet ging. Auch schafft man es immer wieder, heimische und globale Kultur in einer für die ganze Welt interessanten Art und Weise zu verbinden sowie daraus wirtschaftliche Erfolge zu machen. Skandinavisches Design gilt als weltweit führend. Schweden ist seit dem Erfolg von ABBA seit 40 Jahren einer der größten Anbieter von internationaler Pop-Musik. Finnland hat sich eine führende Rolle in der noch jungen Branche der Video-Spiele erobert.

Natürlich sind die skandinavischen Nationen nicht perfekt und schon gar nicht frei von Konflikten. Auch sind die Erfahrungen nicht 1 zu 1 auf andere Länder übertragbar. Allerdings hat man in dieser Region einen besseren Weg gefunden, mit den Problemen der Welt umzugehen und konstruktive Lösungen zu finden. Dies zeigt sich z. B. auch im Umgang untereinander. So untersuchte die Unternehmensberatung McKinsey vor Kurzem, warum schwedische Unternehmen international weit überdurchschnittlich erfolgreich sind. Ein ganz wesentlicher Grund: die Mitarbeiter. Die Managements sind professioneller, die Beschäftigten überdurchschnittlich qualifiziert. Vor allem aber bemühen sich die Unternehmen um einen konstruktiven Umgang mit ihrem Mitarbeitern und gehen auf ihre spezifischen Interessen ein.

Deswegen denke ich, dass Schweden und die anderen skandinavischen Länder als Vorbilder in der Krisenbewältigung dienen können. Allerdings muss man sich dabei weniger an einzelnen Maßnahmen der orientieren, obwohl viele von diesen durchaus auch derzeit passen würden.

Vor allem sollte man sich zunächst schonungslos und ehrlich mit den eigenen Fehlern befassen. Und man muss den Mut mitbringen, die bisherigen Fehlsteuerungen zügig und konsequent anzugehen, auch wenn dieses teilweise sehr weh tut. In der Eurozone blockiert man sich derzeit gegenseitig, weil zu viele Politiker und ihre ökonomische Ratgeber verbohrt auf ideologisch geprägten Positionen und nationalen Sonderinteressen beharren. Skandinavischer Gemeinsinn und Pragmatismus würden jetzt sehr helfen.

Der wirtschaftliche Absturz Südeuropas ist ein Realitätsschock. Diesen sollte man aber zulassen, damit Spanien, Italien etc. nicht wie Japan in Dauerstagnation enden. Die Südeuropäer müssen sich wieder auf ihre eigentlichen Stärken besinnen. Davon gibt es sehr viele. Und wir Deutschen sollten nicht in Selbstgefälligkeit erstarren. Die Krisenländer benötigen Zeit, ihren Weg zu finden. Diese Zeit muss man ihnen geben und sie nicht aus Sorge um unsere Spargroschen als säumige Schuldner drangsalieren. Dann haben wir alle wieder eine gemeinsame Zukunft in einem besseren Europa vor uns.

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Ergänzend zu diesem Artikel gibt es auch einen vertiefenden Podcast zum Thema Eurokrise hier.

4 comments Write a comment

  1. Pingback: Karlsdialoge #18 mit Karl-Heinz Thielmann über die Eurokrise : Karlsdialoge – Gespräche aus der Hochschule

  2. Ein sehr lesenswerter Beitrag, dem ich in vielen Punkten zustimmen kann. Vieles von dem habe ich in Norwegen kennen und schätzen gelernt (http://masterleadership.de/2011/05/08/my-norwegian-diary-day-9-and-epilogue/ sowie http://blog.karlshochschule.de/2012/09/01/norwegisches-tagebuch-5-spontanitat/). Allerdings gefällt mir die zu platte (und typisch deutsche?) Etikettierung in “links” und “rechts” ganz und gar nicht. Um die Situation in Norwegen zu verstehen, helfen uns solche Etiketten nicht weiter, sondern man muss sich schon etwas intensiver mit der Kultur auseinandersetzen. Die Arbeitswelt doch ist nach wie vor von der Norwegischen Industriedemokratie (Nordic Leadership) geprägt. Ein Konzept, das nach unserem Verständnis weit “links” ist, aber auch tief in der Tradition des Landes bzw. der Wikinger verankert ist. Die recht hohen Bildungsstandards und die Innovationsfähigkeit hängen damit wohl eng damit zusammen. Es ist auch völlig faszinierend, dass ein gut funktionierender Sozialstaat und Wirtschaftsleistung in Skandinavien offensichtlich keinen Widerspruch darstellen. Ein wichtiger Faktor in Norwegen sind hohe ethische Standards (Werte) und eine für uns nahezu unvorstellbare Transparenz. Man kann die Steuererklärung jedes Norwegers im Internet abrufen. Beides Faktoren, die Exzesse weitgehend vermeiden. Man darf auch nicht übersehen, dass Norwegen Öl hat und in anderen skandinavischen Ländern im Moment nicht unerhebliche Krisensignale zu erkennen sind. Man schaue sich etwa die private Verschuldung im Vergleich an….

  3. Karl-Heinz Thielmann

     Völlig richtig. Ich wollte im Beitrag vermitteln, dass man sich in Skandinavien von unseren “deutschen” Links-/Rechts-Etikettierungen weitgehend gelöst hat, und sehe dies als Mitursache für den Erfolg. Tut mir leid, wenn das nicht so klar rübergekommen ist.

  4. Ich empfehle die hochinteressanten Forschungen des em. Kollegen Wilkinson (Nottingham) http://www.ted.com/talks/richard_wilkinson.html

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