Der gläserne Kulturschub: Gedanken zu Google Glass

Die neue Brille von Google erfreut sich steigender Begehrlichkeit. Die Zunahme von begeisternden und sehr kritischen Artikeln könnte ein Hinweis auf die nächste große Disruption sein. Doch bewältigt die Brille denSpagat zwischen Utopie und Dystopie? Was unterscheidet dieses Gadget vom mittlerweile gewöhnlichen Smartphone? Hier ein paar gesammelte Gedanken zum vermutlich neuen, kulturverändernden Werkzeug.

Apostle_with_glasses

Die digitale Welt scharrt mit den Hufen und will das neue heilige Glas, die smarte Brille aus dem Hause Google. Sie wollen es anscheinend so sehr, dass zwischenzeitlich eine Auktion auf ebay mit der Datenbrille auf über 15.000 Dollar anschwoll und dann jedoch schnell wieder von der Bildfläche verschwand – vermutlich nur ein Fake. Sie wollen es so sehr, dass gestandene Technologiepersönlichkeiten wie Tim O’Reilly, Guy Kawasaki oder Jeff Jarvis flammende Begründungen mit dem Hashtag “#ifihadglass” auf dem sozialen Netzwerk Google Plus formulieren. Dort hat Google unter diesem Motto zu einem Wettbewerb aufgerufen. Wer wird der nächste “Google Glass Explorer”? Wer darf als erstes das neu entdeckte Feuer in sein digitales Dorf tragen?

Und gerade dieser Wettbewerb zeigt sehr schön die die Beflügelung der Fantasie bei den potenziellen Benutzern und auch ein wenig die Spannbreite der Anwendungsmöglichkeiten. Während der Autor und ehemalige Apple-Manager Guy Kawasaki am liebsten von all seinen Vorträgen Bilder vom Publikum machen möchte oder Szenen vom eigenen Hobby Eishockey aufnehmen möchte, entscheidet sich der Webpionier O’Reilly beispielsweise lieber dazu, die heilige Brille denjenigen zu geben, die sich neue sinnvolle Einsatzmöglichkeiten für das Gemeinwohl überlegen:

I’d love to see people who are thinking about applications for public good (civic coders, makers working on education projects, and so on) applying to become Glass Explorers. I would imagine, for example, interesting public safety applications for firemen, interactive online repair manuals, health-care applications, and unique educational materials.

Spätestens an dem Punkt hat man das Gefühl man spricht hie rnur noch über ein sakrales Artefakt, ein heiliger Gegenstand, der in gute Hände gehört um die Menschheit zu befreien.

Doch was macht diese Brille denn nun so besonders?

Es hilft einem bei der Betrachtung des Produktes “Google Glass” nicht gleich in die typischen “Verhaltensmuster der Technologiekritik” zu verfallen, die Katrin Passig einmal wundervoll formulierte. Also versuche ich wertoffen zu bleiben und beschränke mich zunächst auf die Beschreibung der Grundfunktionen (siehe dazu auch diese Grafik):

Glass

Zunächst einmal erschafft die Brille mit Hilfe eines Prismas ein Mini-Projektor und erzeugt somit ein kleines Display am Rande des Sehfeldes des Brillenträgers. Dort können theoretisch alle Arten von Informationen abgebildet werden – angeblich in Smartphone-Display-Qualität. Mittels der “Bone Conduction” Technologie, der Übertragung von Schall vom Bügel auf die Schädelknochen, wird man mit dieser Brille auch hören können, also Musik oder Geräusche, die das Gerät selbst liefert. Die Ohren bleiben dabei für alle Umgebungsgespräche und Geräusche frei, denn der Schall setzt direkt am Knochen an und umgeht somit ein Teil des Ohres. Die Brille wird mittels Sprache gesteuert, daher ein eingebautes Mikrofon und liest man die Gerüchte rund um das nächste Samsung Smartphone so dürfte es nicht wirklich überraschen, wenn die Brille in Zukunft ebenfalls mit den Augen gesteuert werden kann. Natürlich lässt sich die Brille auch mit dem Internet verbinden und so kann man dann damit jederzeit einen Datenstrom erzeugen oder eben auch abrufen. Die Brille enthält zudem eine Kamera für Foto- und Videoaufnahmen. Das Video- und Fotomaterial lässt sich offenbar direkt ins Netz streamen, natürlich in Kombination mit einem GPS-Signal, also der Möglichkeit zur lokalen Veortung. So weit die groben technischen Hardware-Rahmenbedingungen, die nun das Gründgerüst liefern für schier unendliche potenzieller Anwendungsmöglichkeiten.

Allein von den technischen Funktionalitäten unterscheidet sich die Brille kaum vom Smartphone. Das wirklich neue und besondere ist die Art wie man dieses Werkzeug benutzt und wie es mit dem eigenen Körper stärker verschmilzt. So sehr, das wir Probleme bekommen zu unterscheiden ob es sich um das alte Werkzeug “Sehhilfe” oder das neue Werkzeug “Gehirnmaschine mit Aufzeichnungsmöglichkeiten” handelt. Das ehemalige Smartphone wird nun mehr oder weniger unsichtbar. Im Gegensatz zu den klar sichtbaren Smartphones, die natürlich auch jederzeit filmen und aufnehmen können, erkennt man bei den Brillen auf den ersten Blick eben nicht, dass man damit gerade etwas aktiv anderes macht außer da durchzugucken und die eigene Sehkraft zu verbessern. Ein erster Test in einem Restaurant beschreibt das Phänomen recht schön: Während filmende Menschen mit einer sichtbaren Kamera des Ladens verwiesen wurden, konnte der Verbündeter mit der Brille das gesamte Geschehen unbemerkt mitfilmen. Wir sehen heute vielleicht nicht immer genau was der Mitmensch mit seinem Handy da gerade anstellt, aber wir wissen wenigstens, dass er eindeutig sein Handy benutzt. Ein Smartphone sieht momentan eben dem memetisch verankerten Telefonhörer sehr ähnlich und es gibt kaum ein ihm ähnlichen Alltagsgegenstand der mit einer ähnlichen Handbewegung verwendet wird. Meine Kinder wuchsen so zwar ohne Wählscheibe auf, aber die Bewegung des Telefonierens imitierten sie sehr schnell in dem sie sich irgendein Spielzeug ans Ohr hielten. Diese Verhaltensweise entfällt beim “Google Glass”. Das Telefonieren in seiner alten Form verschwindet, was auch zugleich ein Problem sein könnte. Sehr schön erkennt man das zum Beispiel daran, wenn wir beim Stadtbummel auf Menschen treffen, die ganz versunken vor sich hin brabbeln – bis wir merken, dass sie ein “Headset” aufhaben und sie in ihr nicht sichtbares Telefon sprechen. Es irritiert uns. Immer noch. Übrigens tut es das auch, wenn man selbst anfängt genau das zu tun.

Das führt auch schon zum Knackpunkt der Googlegläser. Die Frage nach der Gewöhnung, denn das größte “Feature” und gleichzeitig die größte Herausforderung, die diese Brille hat, dürfte ihr Einfluss auf unsere Mitmenschen sein. Ein Smartphone mag nerven, es dringt aber noch nicht annähernd so tief in die Intimsphäre des Gegenübers ein wie die Brille von Google: Werden wir gerade gefilmt? Was schaut er sich nebenbei an? Hört er parallel noch jemand anderem zu? Was weiß der schon über mich? Erkennt man mich in der Menschenmenge? Hat er etwa mein Popeln aufgenommen? Was geschieht mit unserer Privatsphäre?

Es ist auffällig, wie intensiv derzeit im Netz, ein Ort der “Early Adaptor”, über genau diese gesellschaftlichen Konsequenzen kontrovers diskutiert wird. Thema Nummer Eins ist dabei natürlich immer wieder die gefühlte und gegebenenfalls reale Bedrohung unserer Privatsphäre, das “Big Brother Szenario”, zusätzlich befeuert durch Nachrichten wie vom Erwerb von “viewdle”, einem Anbieter für Gesichtserkennungssoftware. Die Brille kann nicht nur alles erdenkliche im Blickfeld des Benutzers theoretisch aufnehmen und streamen, sie ist auch noch in der Lage allerlei Zusatzinformationen zu Objekten und Menschen zu liefern. Auf der einen Seite toll: Nie wieder ein Gesicht auf einer Party vergessen oder schnell mal “Abchecken” ob der- oder diejenige gerade Interesse an einer neuen Beziehung hat. Schnell auf nem verlorene Freunde suchen? Kein Problem. Gleichzeitig befeuern genau diese Fanatasien natürlich auf der anderen Seite die große Angst der Menschen vor Durchleuchtung, Kontrolle und einem generellen Mißbrauch der Technologie – so wie es beispielsweise dieser eindrucksvolle, futuristische Kurzfilm “Sight” rüberbringt:

Sight from Sight Systems on Vimeo.

Erstaunlich finde ich, dass diese noch gärende Angst sich jetzt schon in reale kulturelle Konsequenzen verwandelt hat: Eine Bar in Seattle kündigte bereits ein Google Glass Verbot bei Gästen an (Natürlich mit dem schönen Seiteneffekt der medialen Aufmerksamkeit). Sind diese Ängste und Befürchtungen denn jetzt schon berechtigt? Nun, sie sind eigentlich ganz natürlich und wie immer ist es interessant zu beobachten, dass nicht die Technologie das eigentlich bedrohliche ist, sondern immer nur der Umstand und die Art und Weise, was die einzelnen Menschen daraus machen.

Gerade weil bei “Google Glass” Utopie und Dystopie so eng beianander liegen, scheint es so als hielte der Konzern hier einen echten technologischen “Gamechanger” in den Händen. Das Schicksal der Gläser wird geschliffen von den nutzenbringenden Anwendungen, den utopischen Ideen und den Mißbrauchsbeispielen, den dystopischen Szenarien. Sie werden die Waage hin und her bewegen: Wie kann diese Brille – aber vor allem dessen Software – unsere Lebensqualität spürbar verbessern? Wie bringt es mir als Anwender einen Nutzen ohne dass ich andere damit einschränke? Das alles sind Fragen, die am Ende über das Schicksal des Produktes entscheiden. Bleibt es ein unheimliches Spielzeug für Nerds oder wird es ein selbstverständliches Allerweltsprodukt? Wie verändert sich unser Verhalten, wenn wir bereits jetzt permanent vom surrenden Handy abgelenkt werden? Darf man die Brillen beim Autofahren benutzen? Im Kino? In der Schule? Auf der Arbeit? Ist das überhaupt für unsere Augen und unser Gehirn gesund?

Fragen, die natürlich auch die ökonomisch geprägten Analysten beschäftigen. Denn setzt sich diese Technologie einmal durch, zöge sie einen Schweif an Sub-Geschäftsmodellen nach sich und würde vermutlich gleichzeitig andere wiederum auslöschen. Ich bin jedenfalls sehr gespannt, ob und welche Bedeutung wir dem neuen Werkzeug zuschreiben. Werden wir der alten Brille einen neuen memetischen Rahmen verpassen? Wir werden sehen.

1 comment Write a comment

  1. Hierzu kann ich auch die Mini-TV Serie “Black Mirror” empfehlen. Die Episode “The Entire History of You” (S01E03) müsste mit dem Einsatz von Google Glass nur wenig umgeschrieben werden!

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