Was ist eigentlich mit Japan?

In nur eineinhalb Monaten wird sich die Kernkraftkatastrophe in Fukushima zum zweiten mal jähren. Es kommt einem allerdings aber so vor, als wäre das nicht mehr so wichtig. Der Mensch vergisst ja bekanntlich schnell. Und was für die moderne Welt eine Lehrstunde war, ist heute nur noch Teil der Geschichtsbücher. Dass man in der Region immer noch nicht Leben kann, Menschen und Tiere krank sind, die Ruine über das nächste Jahrzehnt sicher abgebaut und entsorgt werden muss und Japan trotz aller internationaler Hilfe in dem halben Jahr nach der Katastrophe, immer noch in großen Schwierigkeiten steckt, ist längt nicht mehr aktuell. Die Debatten um neue Kernkraftwerke gehen weiter und auch wenn sich vor allem deutsche Unternehmen aus ihren Investitionen zurückziehen (müssen!), sitzt der Glaube an die Kernkraft noch tief verwurzelt fest. Zu sehr sind wir an alte, funktionierende Strukturen gewöhnt und zu viele Mäuler werden damit genährt.

 

Ich habe im Dezember 2011 meine Studienarbeit darüber geschrieben, wie Japans Energieversorgung aussieht und wie sie sich durch Fukushima verändern wird und eigentlich müsste. Nach mehr als einem Jahr kann man nun sehen, dass zwar vieles gemacht wurde, aber das eingetreten ist, was man in vielen anderen Ländern der Welt auch erkennen kann. Wir Verfallen unseren Gewohnheiten und sind Opfer von Strukturen, die wir nur gemeinsam durchbrechen könnten, wofür es aber organisierte und motivierte Menschen bräuchte. Allerdings vergessen selbst die Menschen vor Ort was passiert und lassen sich viel zu einfach beeinflussen. So haben die Japaner einen neuen Premier gewählt, der zwar gewaltige Investitionen versprochen hat, langfristig auch für Erneuerbare Energien steht aber auch wieder so schnell wie möglich in die Kernkraft einsteigen will. Das lässt darauf schließen, dass wir uns in so verkrusteten Strukturen verrannt haben, dass wir aus diesen nicht mehr ausbrechen können, vor allem nicht kurz- bis mittelfristig. Wenn es zu einer bis dato nicht bekannten oder als solche wahrgenommenen Gefahr oder zu einer Fehlentwicklung kommt, haben wir kein funktionierendes Risikomanagement. Eine Sache, die nicht nur Unternehmen (durch die Krise mehr denn je), sondern auch für Regierungen (alternative Gesetze) und Gesellschaften (frühzeitige Debatten) selbstverständlich sein sollte.

 

In Japan wird das ganze erst einmal durch Investitionen angegangen, welche die Schuldenspirale immer weiter drehen lässt (Japan nahm im Dezember 900 weitere Milliarden Euro auf) und Japan somit über die 250% Staatsverschuldung gegenüber dem BIP manövriert. Gleichzeitig sichert aber genau diese Politik die Lebensgrundlage der Wähler, denn sie schafft Jobs und Gehälter. Man kann das ganze aber auch als Wahlgeschenke auslegen, als Futter für die Propaganda, als Stillungsmittel für den Unmut, der auch in dem eher konservativen Japan über die Kernkraftindustrie ausgebrochen ist. Denn die jahrzehntelange Oligopolstellung der Energiewirtschaft hat die Entstehung dieser undurchbrechbaren Strukturen im Energiebereich (für mich weltweit der wichtigste in der aktuellen Situation) ermöglicht. Die Kernkraftunternehmen haben sich den Markt nach belieben geformt und zurecht gelegt und tun nun vieles dafür, dass sich daran nichts ändern wird. Japan importierte im vergangenen Jahr Kohle und Gas (LNG-Gas) für 200 Milliarden Euro. Nach dem Gau und der Abschaltung aller Kernkraftwerke fehlen seitdem 50GW an Leistung, die zwangsläufig über Kohle und Gas ausgeglichen werden müssen. Dass dadurch allerdings das Geld an Öl- und Gas-Oligarchen fließt und nicht im Land für Investitionen, Job und Gehälter sorgen kann, ist die Zwickmühle, die durchbrochen werden muss.

 

So wie es in Deutschland Jahrzehnte dauerte und noch immer dauern wird, um die ansässige Energiegroßwirtschaft niederzuringen, so wird es in Japan nicht anders sein. Der Wille des Volkes muss den Machtinteressen der Lobbyisten ein Ende bereiten, wenn es insgesamt zu einer nachhaltigen Entwicklung kommen soll. Menschen müssen sich vor Ort organisieren (Energiegenossenschaften) und durch eigene Investitionen (Altersvorsorge, Geldanlagen, Konsumausrichtung) die Energiewende forcieren. Nicht umsonst wird der Energiewende das Attribut “demokratisierend” verpasst. Der gesetzliche Rahmen muss dafür natürlich auch passen, und nach der Wahl von Shinzo Abe wird das sicherlich schwieriger, aber man kann auch auf anderen Wegen auf die gesetzerische Gestaltung eingreifen. Das bedeutet zum Beispiel auch, dass der angestrebte Sicherheitsplan der Atomaufsicht (Absaugsysteme für Wasserstoff, Möglichkeit zur Fernsteuerung, Aufrüstung gegen Terrorismusangriffen) unverwässert, denn die Lobbyisten fletschen schon die Zähne, durch das Parlament gebracht werden muss. Nur so wirkt man zum einen Kostenwahrheit für die Kernkraft entgegen und verschafft sich auf der anderen Seite einen zeitlichen Vorsprung (3 Jahre bis die Sicherheitsmaßnahmen alle umgesetzt sind werden angenommen), um die Dynamik in Gang zu bringen, die wir in Deutschland seit gut 5 Jahren erleben.

 

Allerdings muss man auch klar erkennen, dass in Japan dieses Denken erst jetzt, nach solch einer Katastrophe entsteht. In Deutschland hat es Jahrzehnte gedauert, bis die Bewegung im Süd-Westen Deutschlands zu der heutigen Grünen Partei geworden ist und dadurch das Verständnis und die Ablehnung zu und gegen Kernkraftwerke gefestigt wurde. Neben dieser Tatsache braucht es in einem Land auch ein generelles Verständnis für Ethik, das das Wissen, dass die Uranförderung Menschen verstrahlt, miteinbezieht. Es braucht ein Volk, welches sich mit den Gegebenheiten im eigenen Land auseinandersetzt und sie kritisch hinterfragt. Und es braucht natürlich eine Politik, lokal, regional und national, die diese Bedenken der Bevölkerung ernst nimmt und in ihre Überlegungen einfließen lässt. All diese Faktoren sehe ich persönlich in Japan eher als nicht vorhanden oder nur langsam entstehend. Es wird ein kultureller Umbruch für Japan werden, der zusammen mit einer Energiewende einbrechen bzw. ihr vorausgehen würde.

 

Das Dilemma der heutigen Gesellschaft, die so stark miteinander verbunden und verlinkt ist und sich somit gegenseitig braucht und die Abhängigkeit von Energie, macht es für die alten Strukturen zum Kinderspiel erhalten zu bleiben. Ein Durchbruch ist hier wichtig, um zukunftsfähig zu bleiben, denn irgendwann wird selbst solch ein wirtschaftsstarkes Land wie Japan keine Schulden mehr bedienen können, der Klimawandel einen einholen und unsere Lebensgrundlagen schwinden.

 

Aber auch noch etwas Erfreuliches. Wie damals schon in meiner Studienarbeit angerissen, hat sich das sonnen-reiche Japan vor allem darum bemüht die Solarenergie voranzutreiben. Ein EEG-ähnliches Modell wurde eingeführt, Photovoltaik mit umgerechnet ca. 50 Eurocent Einspeisevergütung gefördert und somit der Ausbau beschleunigt. Während Japan Ende 2011 knapp 5000MW installierte Leistung aufzuweisen hatte, kam es 2012 zu einem Wachstum von ca. 33% und zu einem Antragsstau von 3300MW. Für Ende 2013 kann man dadurch mit einer installierten Leistung von 12 000MW rechnen. Damit würde Japan Deutschland noch lange nicht einholen (Ende 2013: über 40 000MW) aber zumindest mit den Wachstumsraten mithalten und auf dem Weg zu dem selbsterklärten Ziel von 28GW bis 2020 und 50GW bis 2030 ein gutes Tempo vorlegen. Als nächstes sollte man sich dann auf die 10 000km Küstenlänge für vielversprechende Windkraft konzentrieren, immerhin ist hier ein 1GW offshore Windpark bis 2020 geplant und die Betreiber können mit einer Einspeisevergütung von zurzeit ca. 27 Eurocent rechnen. Zusätzlich müssen die großen Möglichkeiten im Bereich Geothermie (nicht Tiefengeothermie!), Energieeffizienz und Neubau/Sanierung (Umweltpumpen) unbedingt ausgenutzt werden. Auf jeden Fall wird Japan ein Land sein, welches für Energiebegeisterte wie mich, noch viele Überraschungen und auch Arbeit übrig hat!

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