Geschlechterdilemma = Machtdilemma?

Um es vorweg zu sagen: Ich kann und will das Thema Sexismus nicht lösen. Es gibt m. E. dazu keine isolierte Patentlösungen. Ich möchte einfach nur ein paar Denkanstöße und Beobachtungen teilen, die bei mir im Laufe der Debatte entstanden sind.

Das spannende Muster bei der Sexismus-Debatte ist für mich die strukturelle Macht. Das was “unter der Haube” stattfindet. Es dreht sich im Kern doch eigentlich nur um die Frage der Machtverteilung, also wer welche Macht über wen ausführt. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Männer in den letzten Jahrhunderten das gesellschaftliche Leben dominiert haben und es immer noch in weiten Teilen tun (sieht man es vor allem im globalen Kontext). Sie sitzen und saßen an den längeren Hebeln der strukturellen Macht. Was aber hier bei uns in Deutschland gerade geschieht ist der Beginn einer Umkehr der Macht oder der Versuch einer gerechteren Neuverteilung. Frauen gelangen u. a. auch dank durch die Frauenrechtsbewegungen nun in strukturelle Machtpositionen, in denen sie die Möglichkeit haben ähnliche Positionen mit ihrem Geschlecht zu besetzen. Nebenbei: Ist euch schon mal aufgefallen wie viele Frauen in sozialen Berufen arbeiten und wie wenig Frauen dort die Leitungspositionen einnehmen?

Was nun mit der Debatte und dem konkreten Anlass angestoßen wurde ist folgendes: Früher wurde dem Opfer, vor allem bei schwerwiegenden sexuellen Übergriffen, also Vergewaltigung etc., kaum Gehör geschenkt. Das Opfer war selbst schuld, entweder zu aufreizend gekleidet oder hat irgendwie den Mann provoziert etc. Das Verfahren gestaltete sich in der Vergangenheit eindeutig zu Lasten des Opfers. Heute hat sich das zum Glück geändert, aber damit entstand auch ein umgekehrter Effekt: Plötzlich können Frauen das selbst als Waffe nutzen und damit auch Macht ausüben. Dem Täter den Prozess machen ist in Stück weit auch der Versuch die erfahrene Erniedrigung (das ist die entscheidende Verletzung bei so einer Gewalttat) rückgängig zu machen. also den Täter eindeutig zu ächten und von der Gesellschaft aus zu schließen. Das ist wichtig und gut. Nur dadurch öffnen sich auch die Türen für den Mißbrauch dieser Errungenschaft. Manche Frauen können das nun als Waffe verwenden um Männer zu erniedrigen. Eine neue Bedrohung für Männer, die immer wieder durch medial präsente Einzefälle wie den Kachelmannprozess, zum Vorschein kommt.

Daran entzündete sich nun die Debatte. Der Anlass war eine Situation mit einem Politiker und einer Journalistin. Wie es wirklich war kann niemand genau sagen, es gibt verschiedene Szenarien, die nun von der Öffentlichkeit unterschiedlich durchdiskutiert werden.

Natürlich hätte die Journalistin dem Herrn Politiker das selbstbewusst direkt ins Gesicht sagen können, aber habt ihr selbst schon mal eine klassische Machtsituation als Opfer durchgemacht? Ich schon, ich weiß wie still man plötzlich sein kann, obwohl man vorher als selbstbewusst und stark gilt. Dazu muss man auch keine Pistole vor der Nase haben. In diesen Situationen fühlt man sich aber genau so. Man wird ohnmächtig, man will Dinge sagen, schafft es aber nicht und beisst sich im Nachhinein in den Hintern und diese konkrete Machtsituation, die Situation der Erniedrigung, nagt extrem lange noch am eigenen Ego. Man nimmt die Erniedrigung mit nach Hause. Die Veröffentlichung dieser Erniedrigung ist wiederum ein potenzielle Instrument zur Verarbeitung dieses Traumas. Wer selbst einmal Opfer war, kennt das Gefühl der Erniedrigung und des Wunsches nach Rache. Es ist emotional 100% für mich nachvollziehbar. Und es hat rein gar nichts mit Vernunft zu tun oder ob man sich den Schuh als Opfer anziehen will oder nicht. Es geschieht ganz einfach. Und es geschieht unterschiedlich. Das ist auch das was Frau Meike beschrieb. Erniedrigung geschieht nicht wenn man immer die und die völlig identischen Hebel betätigt. Es geschieht während einer individuellen, unikaten Interaktion, die sich niemals gleich gestalten kann (komplexe Gruppendynamiken inklusive) Es ist entscheidend wer auf wen in welcher Stimmungslage in welchem Set und Setting trifft. Und es gibt labilere und stabilere Persönlichkeiten. Es gibt welche bei denen sowas abprallt, während andere viel sensibler darauf reagieren und schneller einknicken. Eine schier unendliche Variation der Szenerien und Kontexte. Und damit auch schier unendliche Unsicherheitsfaktoren.

Ich glaube das ist auch der Grund warum nun viele so empfindlich auf diese Debatte reagieren. Warum viele plötzlich darauf so erzkonservativ (maximale Erhaltung des Status Quo) reagieren. Aus der Bewusstwerdung der enormen Bandbreite der möglichen Machtszenarien resultiert nämlich auch eine extrem tiefe Unsicherheit in der Gesellschaft (“verkompliziert doch jetzt nicht alles”). Die Unsicherheit, ob das eigene Verhalten nun sexistische gewertet wurde oder wird und man als männliches Individuum nun selbst bedroht ist Opfer von Machtkämpfen zu werden, zumal die Frauen auch verstärkt strukturelle Machtpositionen erklimmen. Es ist die unbewusste Angst vor Macht und der Veränderung von Machtstrukturen. Gleichzeitig haben die Frauen natürlich eine ähnliche Unsicherheit. Darf ich dieses oder jenes empfundenes Verhalten nun als “sexistisch” bezeichnen oder gerate ich in den Verdacht die neu errungene Macht zu meinem Vorteil zu mißbrauchen? Mach ich mich mit der Anzeige und Veröffentlichung selbst zum Opfer und vor allem habe ich überhaupt die Kraft diesen Weg zu gehen? Und fände ich es tatsächlich angenehmer wenn mich Mr. Clooney und nicht Mr. 0815 beflirtet und was folgt daraus? Darf ich dann gar nichts mehr sagen?

Es geht bei dieser Debatte nicht darum, dass alle Männer plötzlich sexistisch sind oder alle Frauen nun Rache vollziehen wollen. Es geht vermutlich darum, dass jeder einzelne Mann und jede einzelne Frau nun Angst hat in diesen Machtkampf mit unsicherem Ausgang verwickelt zu werden. Es geht um ein Aushandeln im Gespräch. Um eine Abfrage des Standorts, der jeweiligen Haltung an diesem konkreten Anlass. (Der Anlass ist wurscht, die Debatte wollte offensichtlich raus) Es gibt hier kein pauschales “richtig” oder “falsch”. Und es nutzt auch gar nichts diese Debatte nun gar nicht erst zu führen.

Es ist wie so oft ein hoch komplexes, kulturelles Dilemma, was vermutlich keinen Ausweg kennt. Ich begreife diese Debatte und diesen Diskurs eher als demokratisches Instrument der Gesellschaftsgestaltung, ein gegenseitiges Aushandeln von Positionen, ein kommunikativer Austausch. Das ist im Grunde großartig und ich finde es erschreckend, wenn man diese Debatte nun als “Hype” abtut. (Wer das doof findet muss sich dazu ja nicht äußern) Ich finde solche Debatten jedenfalls wesentlich interessanter als uns nur gegenseitig Katzenbilder zu verschicken oder über das Dschungelcamp zu lästern. Klar, mit solchen Debatten stoßen wir an Grenzen, wir reiben uns und stellen Beziehungen in Frage. Aber letztlich ist es das für mich jedenfalls wert.

2 comments Write a comment

  1. Wenn man sich die Berichterstattung anschaut, dann merkt man, dass viele da so einiges einfach nicht verstehen wollen. Der Journalistin wird vorgeworfen, das ganze nicht früher gemeldet zu haben und Politiker wie der Kubicki meinen, sie müssten nun jeglichen Kontakt zu weiblichen Journalisten abbrechen oder auf ein Minimum verringern. Aber genau das zeigt doch die eigentliche Brisanz und Problematik des Themas. Es zeigt, dass Kubicki absolut nicht versteht, dass Sexismus sicherlich ein männliches Attribut ist, aber auch eins, welches man beherrschen kann. Es ist zwar, wie du sagst, etwas, was eine Frau zu ihren Gunsten auslegen könnte, aber das bedeutet nicht, dass man deswegen nicht mehr mit Frauen interagieren kann. Sicherlich ist das nun eine nächste Ebene die wir erreichen, wir werden uns dessen Bewusst und müssen das in unseres gegenseitiges Abtasten von Positionen integrieren. Wir können ja aber wohl schlecht davon ausgehen, überall und von jedem hintergangen zu werden.
      

    Außerdem zeigt es, dass sich Frauen in so manchen Situationen nicht wohl fühlen, aber nichts sagen, weil man, wie du richtig sagst, eine gewisse Hemmschwelle (gar Angst) hat, sich gegen Unrecht zu wehren. Wenn durch wiederkehrendes, sexistisches Verhalten (wie die Journalistin es Brüderle vorwirft), dann irgendwann der Knoten platz, dann wird darüber öffentlich gesprochen und auf einmal ist es ein, ja eigentlich schon immer dagewesenes Problem! Hunderte von Frauen finden nun den Mut etwas zu sagen und das ist großartig! Es braucht immer einen Impuls, damit etwas passiert. 

    Auch wenn du es erschreckend findest, dies als “Hype” abzutun, befürchte ich, dass in ein, zwei Wochen alles wieder vergessen ist, Männer so weitermachen und Frauen sich nur selten trauen was dagegen zu unternehmen. Wie so oft, würde es nur wieder zu einer kleinen Verbesserung in der Situation führen. Für mich ist das jedoch eine Debatte, die wir dieses mal zu Ende führen sollten. Am besten dadurch, dass man Frauen endlich gleichberechtigt und ihnen gesellschaftlich-bedingte, strukturelle Defizite ausgleicht (Frauenquote in Aufsichtsräten und der Politik und einen besseren Mutterschutz bzw. Möglichkeiten für junge Mütter). 

  2. Pingback: Soziopod #025: Geschlecht und Gewalt – Immer noch das alte Spiel? « SozioPod

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