Debatte: Konservierung oder Löschung des N-Wortes?

Eine Debatte beschäftigt derzeit die deutsche Literaturszene – auch in den digitalen Netzwerken: Darf man klassische Kinderbücher anpassen, weil darin diskriminierende Begriffe auftauchen, die in der damaligen Zeit unreflektiert verwendet wurden? Ich sage: Unbedingt.

Nachdem der Verlag Friedrich Oetinger vor kurzem einige diskriminierende Vokabel, das Z- und das N-Wort aus ihren Kinderklassikern von Astrid Lindgren gegen eine “politisch korrektere” Variante ausgetauscht haben, zog nun auch der Thienemann Verlag nach und möchte das N-Wort aus Ottfried Preusslers “Kleine Hexe” ersetzen. Ein Buch von vielen, wenn man sich die “Negativliste” des “braunen Mobs e.V.” anschaut, eine Initiative der Autorin “Noah Sow” gegen Rassismus im deutschen (Medien)alltag. Ihre Argumentation zu Verbannung des Wortes aus dem Sprachschatz kann man übrigens hier (PDF) nachvollziehen.

Auf der anderen Seite kritisiert man nun die Veränderung der Werke. Man würde hier bevormundend eingreifen und wichtige Wörter der deutschen Sprache bewusst auslöschen und somit die Werke der Autoren, die das nicht rassistisch meinten, verfremden und indirekt zensieren. So wären schon etliche andere Wörter aus Überarbeitungen von Märchen und Geschichten der Zerstörung von deutschem Wortgut zum Opfer gefallen.

Es scheint als stünden wir mal wieder vor einer prinzipiell unentscheidbaren Frage. Jedenfalls wenn man sich die verkrusteten Fronten in dieser Debatte anschaut. Da wird dann wieder die Freiheit gegen Bevormundung ausgepackt. Gute Argumente gibt es aber auf beiden Seiten – nur müssen diese noch sorgfältig abgewägt werden. Nun gilt es einen Kompromiss zu finden oder sich für eine Seite zu entscheiden. Bevor ich meine persönlichen Argumente darlege vorab eine Bermerkung hinsichtlich der Urheberrechtsregelung: Stünden diese Bücher unter “Gemeinfreiheit”, also jeder hätte das Recht sie zu verändern und zu drucken wie man das möchte, so hätten wir diese Debatte vermutlich nicht (die Debatte rund um Diskriminierung bliebe nichtsdestotrotz). Der Markt aka die Menschen würden sich selbst entscheiden können. Zwischen der Originalausgabe, einer Ausgabe mit Fußnoten oder der modifizierten Variante. Ich glaube dass die Debatte genau da an einer schwierige Überschneidung gerät, man diskutiert auf zwei unterscheidlichen Ebenen aneinander vorbei. Einserseits geht es um Emotionen und Diskriminierung, andererseits das Gefühl von Unfreiheit und Zensur unabhängig von dem Wort (auch wenn ich nicht glaube dass man sich über andere Wörter ähnlich echauffieren würde).

Doch das nur nebenbei, jetzt zur eigentlichen Sache:

Als Konstruktivist und Anhänger der Memetik bin ich fest davon überzeugt, dass Worte mehr sind als nur Buchstabenabfolgen. Sie formen unsere Realität, sie beeinflussen und erzeugen unser Verhalten. Es gibt also Worte, die uns offensichtlich auch verletzen. Natürlich ist auch der Kontext der benutzen Begriffe entscheidend, aber aus der Perspektive des Konstruktivismus (und ihm ähnliche Denkströmungen) gibt es keinen neutralen Kontext, d.h. mein Kontext muss nicht (und ist sehr selten) der Kontext meines Gegenübers sein – also das klassische Verwirrungsproblem aus der alten Babel-Geschichte. Wir sprechen heute vielleicht die gleiche Sprache, aber 100% verstehen müssen wir uns noch lange nicht. Daher kann man meines Erachtens Wörter schon einmal nicht kontextfrei und damit auch nicht emotionslos bewerten. Worte und Wortkombinationen lösen Assoziationen und Emotionen bei ihren Empfängern aus – mal mehr mal weniger.

Ich habe keine Hautfarbe mit der ich in unserer Gesellschaft anecken würde. Ich bin – was dieses äußerliche Merkmale angeht – “normal”. Es gibt Menschen, die haben eine andere Hautfarbe als ich und sind allein aufgrund dieser Äußerlichkeit “anders” und leider nicht immer in positiver Hinsicht. Ich kann also so gut es geht versuchen mich in diese Menschen hineinzuversetzen, ich kann ihnen zuhören und ihre Erfahrungen, die sie als “Anecker” in dieser Gesellschaft gemacht haben folgen. Ich kann auch nur ansatzweise nachfühlen, wie es ist in dieser Haut zu stecken. Anscheinend ist es nicht sehr prickelnd als erstes auf die Hautfarbe reduziert zu werden.

Wenn ich, Patrick Breitenbach, also die Wahl habe zwischen der Konservierung eines Wortes, was mir selbst emotional so gut wie gar nichts bedeutet und der Verbannung eines Wortes, was andere Menschen in unserer Gesellschaft offensichtlich verletzt, dann entscheide ich mich eindeutig für die Verbannung dieser Worte. Nein, ich finde es nicht wichtig, dass meine Kinder diskriminierende Worte aus Kinderbücher erfahren, die explizit nicht dort weiter thematisiert, also nur beiläufig erwähnt werden.

Hier geht es nicht nur um Freiheit oder Bewahrung der Mündigkeit. Hier geht es für mich um eine Frage des Umgangs. Karl Popper hat einmal gesagt: Lasst Theorien sterben und nicht Menschen. Analog dazu würde ich nun hier formulieren: Ich lasse lieber Worte sterben, statt damit andere Menschen zu verletzen.

6 comments Write a comment

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  2. Wohl gesprochen, doch leider ist das meiner Meinung nach zu kurz gesprungen. Denn die Worte zu löschen oder zu verändern, betrifft ja nur einen Teil des heute als rassistisch empfundenen Kontextes.

    Die Darstellung der Personen insgesamt ist ja das, was man eben eventuell als rassistisch einstufen muss. Wenn man nun die Bezeichnung löscht und gegen eine verträgliche austauscht, was man u.U. in 30 oder 40 Jahren wieder tun müsste, verleiht da eine trügerische Sicherheit man hätte sich des rassistischen Gedankengutes entledigt, was man aber nicht hat, bzw. nicht konnte, weil es nie welches gab, es wird nur heute als solches empfunden.

    Ich würde hier, einmal mehr, gern an die Eigenverantwortlichkeit appelieren. Menschen die ihren Kindern beibringen weltoffene und antirassistische Menschen zu sein, werden nicht wegen eines Wortes daran scheitern. Und Menschen die ihre Kinder zu engstirningen und bornierten Menschen erziehen wollen, werden das tun, egal welche Worte in Kinderbuchklassikern benutzt werden.
    Aber scheinbar ist das in diesem Land zuviel verlangt.

  3. Ich denke, dass wir Menschen mit Worten direkt etwas asoziieren, was durch unserer Bildung und Erziehung mit diesem Wort gekoppelt wurde… Da ich denke, dass Bücher eben Teil dieser (frühkindlichen) Bildung und Erziehung sind, sollten die Wörter mit Fußnoten versehen werden… So kann man sicherstellen, dass die Kinder das Wort auch gleich mit dem richtigen asoziieren, nämlich damit, dass das Wort früher normal genutzt wird, heutzutage aber eher ein Schimpfwort dastellt… Gleichzeitig denke ich aber nicht, dass man sie unbedingt ersetzen sollte (hängt aber auch von dem Kontext der Nutzung ab, wobei man dann das von dir genannte Babel-Turm-Problem hat), da es hierbei um ein Stück Kultur geht und Zeuge der gesellschaftlichen Entwicklung ist, die wir konservieren sollten!  

  4. Patrick Breitenbach

    Ja seltsam, dass damals in den 70ern per Gesetz die Prügelstrafe bei Kindern verboten wurde, dabei hätte doch der mündige Bürger selbst drauf kommen müssen.

    Es geht nicht darum ein Wort aus dem Wortschatz zu löschen, sondern in einem Kinderbuch mit einem zeitgemäßen Begriff zu ersetzen.

    Wir würden heute auch nicht “Irrenanstalt”, “Krüppel” oder “Mongo” in Texte zu schreiben, nur weil die Buchstabenabfolge so erhaltenswert ist, oder?

    Sprache ist lebendig, war sie schon immer. Hier wird nix verboten, nix verbannt und nix verbrannt. Hier wird debattiert und optimiert. Ein Diskurs. Das hätte man sich mal zu Zeiten Ottfried Preusslers Jugend mal erlauben sollen.

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