Re: Re: Re: “Warum die Energiewende überhaupt nicht teuer ist!”

Lieber Herr Schröder-Gianoncelli,

ich finde es bemerkenswert, dass Sie die Weihnachtstage zu einer so ausführlichen Antwort genutzt haben. Leider sind aber meine Argumente bei Ihnen, so glaube ich, nicht richtig angekommen. Deswegen versuche ich es noch einmal ausführlicher:

1) Sie behaupten, dass die Opportunitätskosten des Einsatzes von alternativen Energien steigen, weil der Ressourcenverbrauch aufgrund der steigenden Nachfrage aus Schwellenländern steigt und damit die Rohstoffpreise nach oben treibt. Natürlich steigt die Nachfrage aus Schwellenländern, dies bestreite ich auch nicht. Das Problem, was ich mit Ihrer Aussage habe, ist, dass Sie den Entwicklungen auf der Angebotsseite nicht die nötige Aufmerksamkeit schenken. Hier hat es in den letzten 2 Jahren unter dem Stichwort „shale gas revolution“ dramatische Veränderungen gegeben. Durch Fracking lassen sich inzwischen einfach und kostengünstig enorme Mengen Erdgas förden bzw. erst erschließen. Hieraus resultiert auch der Unterschied in den Reserveschätzungen bei Erdgas zwischen ihnen und mir. Ihre Schätzung bezieht sich nur auf konventionelles Gas, meine Schätzung beinhaltet auch unkonventionelles Gas. Letztere Zahl wird übrigens aufgrund neuer Funde ständig nach oben revidiert. Diese Entwicklung hat insbesondere in den USA zu einem Paradigmenwechsel in der Energiepolitik geführt. Die Regierung Obama hat Fördermaßnahmen für alternative Energien auslaufen lassen und setzt jetzt aggressiv auf unkonventionelles Gas. Dies hat für sie mehrere Vorteile:

1) Die USA können vom Nettoenergieimporteur zum Nettoenergieexporteur werden;
2) durch Investitionen in unkonventionelles Gas werden die Konjunktur angekurbelt und neue Arbeitsplätze geschaffen;
3) stellt billige Energie einen Kostenvorteil für die US-Schwerindustrie dar;
4) glaubt Obama, damit einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten und
5) wird geopolitisch mit der bisherigen Haupt-Gasmacht Russland ein wichtiger Konkurrent geschwächt.

In den USA sind die Gaspreise schon kräftig gesunken. Derzeit werden allerdings Vorbereitungen für den Export von Erdgas getroffen, was zwischenzeitlich zu einer leichten Erholung geführt hat. Dennoch muss man festhalten, dass seit Ende 2006 bis heute der Preis für russisches Erdgas um 35% gestiegen ist, während der Preis für US-Erdgas um 48% gefallen ist. Diese Differenz beruht allein auf der Tatsache, dass die USA noch Eigenverbraucher ihrer Förderung sind. Spätestens, wenn sie in der Lage sind, Erdgas in hohen Volumina zu exportieren, wird auch der Weltmarktpreis für Gas deutlich sinken. Bei Rohstoffen wie Kohle, die über die Kohlevergasung in Substitutionskonkurrenz mit Gas stehen, hat sich diese Entwicklung schon auf den Weltmarktpreis ausgewirkt. Hier liegen wir über 50% unter dem Stand von 2008 und ca. 25% unter dem Stand von 2010. Diese Rohstoffpreisentwicklungen können Sie sich gerne auf http://www.indexmundi.com/commodities/ oder ähnlichen Websites ansehen und überprüfen. Neben den USA werden in den nächsten Jahren noch andere Länder wie China, Mexiko, Argentinien und Kanada beginnen, ihre Reserven an unkonventionellem Gas zu fördern und auf den Weltmarkt zu bringen.

Ob man nun Fracking aus ökologischen Gründen gut findet oder nicht (Stichwort Grundwassergefährdung), ist im Moment relativ irrelevant, da die US-Regierung Bedenken einfach beiseite wischt und diese Fördermethode aus politischen Gründen vorantreibt. Sie hat derzeit die Möglichkeit, Energiepreise nach unten zu drücken, und nutzt diese auch. Insofern muss man meiner Ansicht nach auch davon ausgehen, dass die Weltmarktpreise für Erdgas (bzw. Rohstoffe, die wie Kohle in Substitutionskonkurrenz zu Erdgas stehen) sinken oder dauerhaft niedrig bleiben, selbst wenn die Nachfrage weiter steigt.

2) Sie behaupten, dass die Energieerzeugungskosten alternativer Energien aufgrund des technischen Fortschritts weiter fallen werden und damit die Energiewende finanzierbarer wird. Dies bestreite ich nicht. Aber auch hier vernachlässigen Sie einen wichtigen Punkt: Es gibt weder die nötige Netzinfrastruktur noch die technischen Voraussetzungen für den breiten Einsatz von alternativen Energien. Sie argumentieren hier für mich extrem nebulös, in dem sie die Hoffnung äußern, man wird für diese Punkte schon irgendwie eine Lösung finden. Ich verfolge die Diskussion um Speichertechnologien schon ungefähr 20 Jahre, da Energiespeicherprobleme nicht nur den Engpass bei alternativer Energie, sondern auch bei vielen anderen Dingen wie Elektromobilität etc. darstellen. Hier gab es bisher viele Erfolgsankündigungen, aber erschreckend wenig tatsächlichen Fortschritt. Wenn man mit dem Umbau des Energiesystems anfängt, ohne dass die Voraussetzungen stimmen, handelt man meiner Einschätzung nach grob fahrlässig. Dies ist nicht nur meine Meinung, sondern auch die von vielen im Detail fachkundigeren Experten, wie man aktuell auf Spiegel Online („Energiewende: Top-Ökonomen werfen Regierung Planlosigkeit vor“) nachlesen kann.

Ich denke auch, dass Sie in Ihrem ersten Text nicht ganz konsistent argumentieren. Einerseits beschreiben Sie die Absurditäten der aktuellen Energiepolitik völlig richtig (Bevorzugung von Energieverschwendern, Verdrängung von Gaskraftwerken durch „Merit-Order-Pricing“) andererseits trivialisieren sie diese Dinge wieder und stellen die gesamte Energiepolitik als Vorbild für die Welt dar. Vielleicht waren wir in Deutschland 2000 mit dem ersten EEG Vorbild, heute sind wir es nicht mehr. Ich glaube, wenn man derzeit nach guten Vorbildern sucht, wird man eher in Südkorea fündig, wo durch die Subvention von LEDs die großflächige Einführung von Energiespartechnologie gefördert wird.

5 comments Write a comment

  1. Patrick Breitenbach

    Wenn ich mich mal einklinken darf: Erst einmal spannende Debatte. Danke dafür.

    Dann: Ich glaube so weit liegen die Positionen gar nicht auseinander. Ja, die deutsche Regierung geht eher planlos und m. E. viel zu vorsichtig an die Sache heran. Es ist wie immer eine Richtungsentscheidung, dazu ist Politik auch eigentlich da, sie stellt Weichen für die Zukunft. Möchte man kurzfristig wirtschaftliche punkten und die Energieversorgung möglichst kostengünstig sicher stellen (in letzter Zeit immer zu Gunsten der Versorger und weniger der Verbrauche – auch so ein Trugschluss, wenn das Thema Energiekosten auf den Tisch kommt) dann muss man es wie die USA tun und sich kurzfristige die Hoheit über Gas verschaffen. Die spannende Frage wird aber sein: Zu welchem Preis? Kurzfristig mag Fracking ja sehr günstig und ergiebig sein, aber die langfristigen Folgen und damit auch Kosten sind einfach nicht vorhersagbar. Genau das ist es was mich als Bürger nervt. Kurzfristige ökonomische Vorteile auf Kosten der nächsten Generationen. Das hat m. E. System. 

    Die Energiewende begreife ich daher eher als ein Signal zum Umdenken. Einem Bekenntnis sich langfristig zu überlegen wie wir uns von eindeutig begrenzten Rohstoffen unabhängig machen können ohne dabei auf risikobehaftete Technologien, die unendlichen Müll erzeugen (Kernkraft) zurückzugreifen. Hier ist in der Tat noch jede Menge technologische Entwicklung gefragt und die benötigt – wie alle Vorhaben – Forschung und Investment. Wer aber hat dieses Geld und verwaltet es? Entweder die Energiekonzerne oder die Politik. Erstere wollen ihr Kerngeschäft erhalten und müssen als börsennotierte Unternehmen für kurzfristige Erfolge sorgen, sonst verlieren sie das Vertrauen der Anleger. Die Politik wiederum steht in der Verantwortung für die gesamte Gesellschaft, sie muss wie bereits erwähnt kluge Weichen für die Wirtschaft stellen, damit wir auch langfristig als Gesellschaft funktionieren. Da plädiere ich eindeutig für ein stärkeres Gegengewicht. Eine bewusste Loslösung von kurzfristiger Denke auch wenn die Lobbyisten der Energiewirtschaft der Politik ständig mit Massenentlassung und steigenden Energiepreisen für Verbraucher und damit Wähler und anderen Interessenverbänden droht. 

    Selbst wenn die Energiewende kurzfristig mehr kostet, so wäre sie es mir wert, wenn ich wüsste das durch dieses Investment langfristig eine Energieversorgung aufgebaut werden könnte, die meinen Kindern und Enkelkindern andere Voraussetzungen bieten kann. Dann zahle ich gerne mehr für meinen Strom, dann bin ich auch bereit mehr Strom einzusparen. 

    Die Energiewende ist tatsächliche in erster Linie eine ökologische Frage, die aber eng verbunden ist mit der Kostenfrage. Manchmal habe ich das Gefühl die Wirtschaft benimmt sich wie ein Dreijähriger, der schafft es auch nicht länger als eine Minute auf seine Belohnung zu warten auch nicht mit der Aussicht, dass er morgen das Doppelte bekommen könnte.
    Die Energiewende mag also rational (aus Perspektive des Controllings) unvernünftig sein, aber aus Sicht der Innovation, der Weiterentwicklung und der langfristigen Perspektiven und einem neuem Bewusstsein im Umgang mit unserem Planeten scheint es ein lohnenswertes Invest zu sein. Und Entwicklungen wie neue Speichertechnologien können erst beschleunigt werden, wenn genug Geld und Aufmerksamkeit dafür da ist. 

  2. Pingback: Antwort auf die Replik zu “Warum die Energiewende überhaupt nicht teuer ist!” | Karlshochschule International University

  3. Karl-Heinz Thielmann

    Patrick Breitenbach hat den Nagel voll auf den Kopf
    getroffen, wenn er die Frage aufwirft, ob wir hier in Deutschland die
    Energiewende als Investition in die Zukunft begreifen und dafür auch bereit
    sind, den nötigen Preis zu zahlen. Oder wollen wir hier wie die USA den Weg
    billiger Energie gehen, aber um den Preis einer erhöhten Umweltbelastung?

    Ich wollte mit meinen Beiträgen nur darauf hinweisen, 1)
    dass dieser Preis nicht niedrig, sondern tendenziell eher sehr hoch sein wird;
    und 2) die derzeitige Energiepolitik nicht vorbildlich ist, sondern einer
    echten Energiewende eher entgegensteht.

    Regenerativer Energieerzeugung gehört die Zukunft, daran
    besteht für mich kein Zweifel. Ich denke aber, dass man erst die Voraussetzungen
    schaffen muss, um diese in der Breite einzusetzen. Dies kann sich auf die Dauer
    lohnen, wird aber zunächst einmal langwierig, kompliziert und teuer. Hierüber
    sollte man sich keinen Illusionen hingeben.

     

  4. Pingback: Die Fünfte – “Warum die Energiewende überhaupt nicht teuer ist!” – (mit Update) | Karlshochschule International University

  5. Pingback: Das Schuldenkarusell, Investitionsblasen, Fracking und Schuldenbereinigung | Karlshochschule International University

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