Replik zu “Warum die Energiewende überhaupt nicht teuer ist!”

Vorwort

Am 17.12.2012 ist hier ein Beitrag zum Thema Energiewende erschienen. Leider kann ich die Kernaussage nicht teilen, dass die Energiewende nicht teuer sein muss. Zwar ist der Text sehr sorgfältig recherchiert und im Detail sehr ausführlich, dennoch sollten meiner Ansicht nach zwei grundsätzliche Dinge beachtet werden:

Zum einen ist eine der Kernbehauptungen des Textes, nämlich dass die Preise fossiler Energieträger aufgrund von zunehmender Knappheit langfristig steigen sollten, falsch. Dies kann man so nur für Erdöl sagen. Insbesondere bei Kohle und Erdgas herrscht derzeit ein Überangebot auf den Weltmärkten, was einerseits mit erhöhten Produktionskapazitäten und andererseits mit verbesserten Fördertechniken wie Fracking zu tun hat. Nach den Schätzungen, die mir vorliegen, reichen bei derzeitigem Verbrauchsniveau die Kohlereserven ca. 150 Jahre und Erdgas ca. 200 Jahre. Von Knappheit kann also keine Rede sein, wenn man diese Energieerzeugungsformen nicht will, gibt es hierfür nur ökologische Gründe.

Zweitens resultiert das Kostenproblem bei alternativen Energien weniger aus den Preisen für die Energieerzeugung mit Solarmodulen etc. Das Problem entsteht, weil die Erzeugung und der Verbrauch von Energie asynchron sind, d. h. die Produktion zu einer anderen Zeit und oft auch in einer anderen Region stattfindet als der Verbrauch. So wird z. B. Solarenergie produziert, wenn das Wetter schön ist (dann gibt es einen Überschuss) und im Winter gebraucht, wenn das Wetter schlecht ist. Hierauf geht der Autor nur mit einem halben Absatz ein, dessen Quintessenz ist, dass hier noch eine Lösung gefunden werden muss. Dass diese Lösung aber keineswegs einfach und kostengünstig seien kann, wird leider vergessen zu erwähnen.

Da es zu einfach ist, nur zu kritisieren, habe ich im Folgenden einen Beitrag angefügt, den ich vor einem halben Jahr schon einmal veröffentlicht habe, und noch einmal zur Diskussion stellen möchte:

Energiewende, wohin?

Die Atomkatastrophe von Fukushima hat uns in Deutschland die sogenannte „Energiewende“ beschert. Der Ausstieg aus der Kernenergie wird beschleunigt; stattdessen will man Vorreiter bei Nutzung alternativer Energietechnologien werden. Zu diesem Zweck wird die Energieerzeugung völlig umgebaut. Ehrgeizige Ziele wurden hierzu von der Bundesregierung verkündet: In den nächsten 8 Jahren sollen wir uns völlig von der Nukleartechnik verabschiedet haben, danach schrittweise von der Verbrennung fossiler Energieträger. Dazu soll der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung soll von heute 17% des Stromverbrauchs auf mindestens 35% im Jahr 2020 steigen. Bis 2030 wird ein Anteil von 50% angestrebt, 2040 sollen es 60% und 2050 dann 80% sein.

Ich denke, die Bundesregierung hat mit ihrer Absicht, Nukleartechnologie als Energieerzeuger so bald wie möglich abzulösen, grundsätzlich recht. Kernenergie muss weder unsicher sein – wie die Gegner beteuern – noch ist sie kostengünstig – wie die Befürworter behaupten. Die Wahrheit ist: Sichere Kernenergie ist möglich, aber irrsinnig teuer. Bezieht man alle notwendigen Sicherheitsmaßnahmen und die Folgekosten mit ein, gehen die bisherigen Kostenkalkulationen für die Kernenergieerzeugung nicht mehr auf, und das nicht erst seit Fukushima.

Doch was sind die langfristigen Alternativen bei der Stromerzeugung? Kohle erzeugt zu viele CO2 Emissionen; zudem sind Großprojekte wie Kohlekraftwerke politisch praktisch nicht mehr durchsetzbar. Die Verstromung von Erdgas wurde in Deutschland bisher vernachlässigt; vielleicht auch, weil man vom Hauptlieferanten Russland nicht noch abhängiger werden wollte. Erdöl ist als ein auf absehbare Zeit knapper werdender Rohstoff nicht geeignet. Energie aus Biomasse ist ökologisch problematisch und steht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion.

Doch sind Wind- und Solarenergie die Lösungen für eine Umstellung der Energieproduktion? Rein wirtschaftlich betrachtet ist dies sehr fragwürdig. Lediglich bei landgestützter Windenergie kann realistischerweise davon ausgegangen werden, dass sie mit derzeitiger Technologie und anhaltend hohen Preisen für fossile Brennstoffe halbwegs rentabel sein kann. Solaranlagen und Windparks auf See werden auf absehbare Zeit aber nicht profitabel wirtschaften können und auch langfristig von staatlichen Stützungsmaßnahmen abhängig sein. Und damit die energieintensive deutsche Industrie nicht an Wettbewerbsfähigkeit verliert, werden die Kosten wahrscheinlich voll auf die privaten Verbraucher überwälzt, da diese sich ja schlecht wehren können. Alternative Energien benötigen weitere grundlegende Innovationen, um wirklich konkurrenzfähig zu werden.
Aber der breiten Nutzung von Wind- und Sonnenenergie stehen derzeit weniger die Kosten als vor allem ein Faktor entgegen: Sie sind vom Wetter abhängig und damit chronisch unzuverlässig. Um sie in großem Maßstab einzusetzen, benötigt man 1) komplexe Stromnetze (Smart Grids), mit denen sich Energieerzeugung und –verbrauch synchronisieren lassen; 2) Speichertechnologien zur Energiespeicherung im großen Maßstab; sowie 3) Erzeugungskapazitäten zum Schwankungsausgleich von wetterbedingten Produktionsausfällen.

Die Modernisierung der Stromnetze ist nicht nur wegen des Umstiegs auf alternative Energie dringend notwendig. Sollten tatsächlich in den nächsten Jahren Hunderttausende von Elektroautos über Deutschlands Straßen rollen, ergäben sich hieraus ganz neue Anforderung an die Stromnetze, die derzeit schlicht und einfach nicht zu bewältigen sind. In diesem Zusammenhang ist es sehr verwunderlich, dass die Bundesnetzagentur 2011 die Renditevorgaben für Strom- und Gasnetzbetreiber gesenkt hat und damit potenzielle Investoren in Energienetze erstmal verschreckte. Insofern muss derzeit davon ausgegangen werden, dass die Modernisierung der Netze sich eher verzögert als beschleunigt, womit eine der wesentlichen Voraussetzungen für die Energiewende infrage steht.

Neue und leistungsfähige Speichertechnologien für Energie sind nicht absehbar, dieses Problem wird wohl zunächst ungelöst bleiben. Das Einzige, was sich einfach lösen lässt, ist der Schwankungsausgleich, in dem man entweder die alten Erzeugungskapazitäten erhält oder Atomstrom aus Frankreich kauft. Ob man damit aber wirklich ernsthaft das Ziel einer Energiewende erfüllt hat, muss stark bezweifelt werden.
Aber vielleicht ist ja die Energiewende eine Art versteckte Industriepolitik, weil man mit den Investitionen aufstrebende deutsche Unternehmen in Zukunftstechnologien fördern will. Hiervor kann nur gewarnt werden, wie das Beispiel der im vergangenen Jahrzehnt mit Staatshilfen hochgepäppelten deutschen Solarindustrie zeigt. Den Subventionswettlauf um den kostengünstigsten Produktionsstandort haben inzwischen die Chinesen gewonnen; die vielen Pleiten deutscher Solarpioniere belegen dies.

Doch was ist nun die Quintessenz all dieser Überlegungen: Das, was uns derzeit als Energiewende verkauft wird, ist Stückwerk und wird inkonsequent vorangetrieben. Eine Technologie, deren wahre Risiken und Kosten man bisher ignoriert hat, wird durch Technologien ersetzt, die unzuverlässig, teuer und technisch noch nicht ausgereift sind. Zudem fehlen mit leistungsfähigen Netzen schlicht und einfach die Voraussetzungen für die breite Nutzung alternativer Energien.

Eine wahre Energiewende wäre, wenn man statt der Umstellung der Produktion die Veränderung des Verbrauchs zum Ziel der Politik machen würde. Dazu müsste man aber das konsequente Energiesparen in den Vordergrund stellen. Bisher beschränken sich die politischen Initiativen auf Einzelmaßnahmen wie Vorschriften zur verbesserten Wärmedämmung an Gebäuden oder die Förderung der Ausbildung von Langzeitarbeitslosen als Energieberater. Die Erhöhung des Wirkungsgrades in der Stromproduktion, die Verminderung des Energieeinsatzes in der Industrie oder die Reduzierung von Verlusten bei der Stromdistribution sind Themen, die dramatisch zu einer Verbesserung der Energieeffizienz beitragen würden. Sie werden aber in der öffentlichen Diskussion bisher auffällig vermieden. Etwa, weil sie sich nicht zum Gewinnen von Wahlen eignen?

Zuerst erschienen in: Mit ruhiger Hand Nummer 3 am 2. Juli 2012


Hier geht es zur Antwort auf diesen Beitrag von Julien Schröder-Gianoncelli

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