Liebe ARD, es ist kein Shitstorm – es ist ein Netzwerk

“Ein Mann, der was zu sagen hat und keine Zuhörer findet, ist schlimm daran. Noch schlimmer sind Zuhörer daran, die keinen finden, der ihnen etwas zu sagen hat.”

Bertolt Brecht, Radiotheorie

Die folgenden Zeilen sind ein Versuch etwas konstruktives zu eurer Haltung bezüglich “Shitstorms” und “Unabhängiger Journalismus” thesenartig beizutragen. Bitte seht das weniger als Kritik an euch, denn ihr macht bisher einen wunderbaren Job (geht ja bei all der Kritik schnell unter). Seht es eher als kleinen Impuls von außen. Kein Muss. Ein Kann. Ein Angebot. Aber sicherlich eine weitere Sichtweise auf eure derzeitige Situation.

1. Ein Shitstorm ist kein Shitstorm ist kein Shitstorm
Angenommen ihr seid auf einer Party. Ihr geratet in ein Gespräch mit einigen Gästen. Es wird zum Teil heiß diskutiert. Plötzlich brüllt einer der Diskutanten: “Das ist doch alles Scheisse was ihr hier labert! Ich lass mir von euch nichts mehr sagen!”. Uff. Die Party dürfte dann wohl erst einmal gelaufen sein. “Shitstorm” ist nicht einfach nur eine sachliche Bezeichnung für ein bestimmtes Internetphänomen. “Shitstorm” ist auch gleichzeitig eine implizierte Bewertung dieses Internetphänomens. Nämlich: “Alles Scheisse”. Damit würgt man im Grunde die gesamte Diskussion mit einem einzigen Schlagwort ab. Alle “normalen” bisherigen und zukünftigen Meinungen werden nun unter dieser “Scheisse” begraben – sorry – subsummiert.

2. Euer Hausrecht ist eure Hauspflicht ist euer Hausrecht
Als Gastgeber gibt es eine wichtige Regel: Wer unflätig in mein Wohnzimmer kackt, der fliegt raus. Wer gegen die Menschenwürde verstößt, fliegt raus. Wer sich einigermaßen benimmt ohne handgreiflich zu werden, darf so viel und ausführlich diskutieren wie er oder sie will. Man kann also sowohl ein guter Gastgeber sein als auch zugleich der Herr oder die Frau im eigenen Haus bleiben. Gastgeber zu sein heisst in erster Linie die Gäste zufrieden zu stellen. Ist eure Facebook-Präsenz kein Gastraum? Dann schließt am besten alles ab und gut ist, dann wird das bestimmt nicht wieder vorkommen. Jedenfalls nicht in eurem Raum.

3. Vernetzung ist Verbindung ist gegenseitige Beeinflussung
Wer sich nicht von anderen Menschen beeinflussen lassen möchte, der ist in sozialen Netzwerken eher falsch aufgehoben. Die besagte Unabhängigkeit funktioniert leider nur in einer Röhre. Netzwerke sind etwas völlig anderes. Netzwerke sind Verknüpfungen von Menschen mit Menschen. Und natürlich beeinflusst jeder jeden, das ist doch das wundervolle am Internet. Wir konstruieren uns hier gemeinsam Wissen, Unterhaltung, Kunst, Politik, Wirtschaft etc. pp. Wir teilen das alles miteinander. Gegenseitig. Natürlich ist hier niemand mehr unabhängig, das wollen wir auch gar nicht mehr sein, dafür benutzen wir das Ding doch die ganze Zeit. Ihr habt eure Redaktionsteams und Gremien. Wir haben uns selbst.

4. Be straight with open mind
Ihr seid eine Marke. Ihr habt einen guten Ruf. Ihr habt tolle Leute. Macht euer Ding. Ihr müsst euch nicht rechtfertigen. Ihr solltet aber eine klare Haltung entwickeln. Sich beeinflussen zu lassen bedeutet nicht automatisch sich kontrollieren zu lassen. Sich zu öffnen bedeutet nicht, dass man alles auch zwangsläufig implementieren muss. Sich jedoch gar nichts mehr sagen zu lassen – weil man vor lauter Angst vor Beeinflussung gar nicht mehr zuhören will – riskiert im Netzwerk als Ignorant bezeichnet zu werden.

5. Durchatmen

7 comments Write a comment

  1. Gute Tipps! Die könnte man vielen Firmen und Sendern und einfach öffentlichen Körperschaften in die Hand drücken, um ihnen klar zu machen, wie Kommunikation nunmal auch funktionieren kann. Scheinbar haben viele Medien das massenmediale Paradigma so internalisiert, dass es für sie einen unglaublichen Umdenkmechanismus bedeutet, in Netzwerken zu denken.

  2. Der kotzarrogante herablassende Ton der Statements sind der Brandbeschleuniger gewesen und das elende Schlagwort “Verschwöhrungstheoretiker. Anderer Ton und nicht dieses, pardon my french, Scheisswort und es wäre wesentlich gesitteter geblieben.

  3. Patrick Breitenbach

    Ich denke das Umdenken ist wirklich schwierig, wenn man aus der Röhrenwelt kommt. Das bedeutet auch immer ein Stück weit Abgabe von macht und Kontrolle. Diese tiefe Angst der “Kontrollierbarkeit”, die kooperatives Verhalten eher blockiert, ist dabei das Hauptproblem. Sehr schade, denn Medien sind von Menschen für Menschen und nichts eignet sich besser als die sozialen Medien um einen Bildungsauftrag gerecht zu werden. Gemeinsam konstruiertes Wissen. Gibt da einen recht reißerischen Werbespot des Guardians, der es aber ganz gut einfängt, was Netzwerk-Journalismus bedeuten kann: http://www.youtube.com/watch?v=WW_dBQPAeDY

  4. Patrick Breitenbach

    In der Röhre verlernt man öfters mal das Gefühl für zwischenmenschliche Kommunikation. Die sind so viel Dialog wahrscheinlich nicht gewöhnt. Da kann man sehr schnell unruhig werden, vor allem wenn man das alles persönlich nimmt. Vielleicht kann man im Gegenzug sich das verinnerlichen. Auch bei denen sitzen nur Menschen, die nun als Reaktion ein bestimmtes Kommunikationsprogramm abrufen, weil sie ihre Gremien im Nacken haben. Ob das wirklich alles herablassende Menschen sind, wage ich stark zu bezweifeln. Wer ein Umdenken erwartet, sollte auch vermeiden die dort arbeitenden Menschen zu verunglimpfen. 

    Ich kann mir auch vorstellen, dass so ein riesiger Medienapparat im Laufe der Zeit einen bestimmten Umgang mit Fehlern etc. kultiviert hat, der diametral der Netzkultur entgegenstehen. Auf der anderen Seite haben viele im Netz auch mit der Zeit sehr gute Abwehrmechanismen entwickelt, wenn eine Kommunikation mal nicht so läuft wie erwartet. Das Spiel hat immer zwei Seiten. Das Feuer halten mindestens immer zwei zirkulär am brennen. 

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