Meinen Kollegen Hong Wu fasziniert auch noch nach langen Jahren im Lande die Spontanität der Norweger, vor allem im Norden des Landes. Dies wirkt angesichts der stoischen Ruhe, die die meisten Norweger ausstrahlen und den doch manchmal wortkargen Menschen paradox. Nach Hong Wus Auffassung hat diese kulturelle Prägung etwas mit dem Wetter zu tun. Wenn – gerade im Winter – das Wetter ein paar Stunden so ist, dass man seine Erledigungen machen kann, dann macht man sie hier auch.
Die Spontanität ist sicher ein zweitschneidiges Schwert. Mich hat es früher oft in die Verzweiflung getrieben, wenn ich mit meiner Firma in Deutschland ein dringendes Problem zu lösen hatten, und die komplette technische Abteilung unserer Muttergesellschaft auf irgendwelchen Hütten dem typisch Norwegischen Jagd- und Angeltrieb nachging.
Auf der anderen Seite gibt es eine wesentlich effizientere Meetingkultur, als bei uns in Deutschland. Dazu muss man wissen, dass man sich in norwegischen Unternehmen mittags in einem Gruppenraum trifft. Und das typisch norwegische kalte Mittagessen aus Brot, Käse, Wurst und Salaten, das man gemeinsam einnimmt. Hier steht auch die Kaffee- bzw. Capuccinomaschine, die auch reichlich genutzt wird und immer wieder zu einem Pläuschchen unter Kollegen Anlass gibt. Vom Geschäftsführer bis zum Packer im Lager sitzen hier alle an einem Tisch und diskutieren private und geschäftliche Themen. Auch interne und viele Kundenmeetings finden hier statt.
Auch in der Hochschule gibt es viel Raum für Spontanität. Die Professorenbüros, Einzelbüros mit höhenverstellbaren Tischen, die gerne auch als Stehtische benutzt werden, sind vergleichsweise winzig. Dem Besucher fallen aber die vielen Meetingtische und kleine Gruppenräume auf, die intensiv genutzt werden.

Feste Meetingrhythmen wie in Deutschland kennt man in den Unternehmen kaum. Hier bespricht man sich, wenn wirklich Bedarf ist und nicht, weil ein regelmäßiger Meetingtermin im Kalender steht (Ausnahmen mögen wie immer die Regeln bestätigen). Wenn ein aktuelles Problem im Lager auftaucht, das im Kollegenkreis nicht gelöst werden kann, dann hat der Lagerarbeiter auch keine Hemmungen in ein Meeting seines Chefs hineinzuplatzen. Allerdings weiß er auch, wann er das machen kann, und wann besser nicht. Wenn jemand seine Ruhe braucht, arbeitet er auch wie selbstverständlich “off-site”. Heimarbeit ist hier völlig normal und organisiert sich quasi von selbst [siehe auch Kapitel(4)]. Zu dieser offenen Kultur trägt nicht zuletzt auch die Architektur bei, die man sich wie die erste Etage in der Karlshochschule vorstellen kann. Durch die Glasscheiben kann mann sehen, ob die Mitarbeiter beschäftigt sind. Sind die Rollos zum Flur hin heruntergelassen, sollte man sich gut überlegen zu stören.
Zum Schluss noch ein Schmankerl für Fussballfans. Wie das folgende Bild zeigt, ist die Hochschule in einem Baukomplex mit dem Stadion des Erstligisten Fredrikstad, so dass in den Fluren der Hochschule ganz spontan den Profis beim Trainieren zuschauen kann.

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