Norwegisches Tagebuch (4) – Norwegisches Management

Heute konnte ich die Norwegische Variante der Karlsgespräche kennenlernen. An einem festen Tag im Monat werden morgens von 08:00 bis 10:00 in Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren Unternehmensvertreter zu eine Präsentation eingeladen. In diesem Meeting stellen die Unternehmen den Bankern, Unternehmern, Professoren und Studierenden bei Kaffee und Brötchen ihre Strategien vor. Heute stellten der Innovationsmanager Nortuna, der führende Fleischverarbeiter, sowie Prediktor, ein Unternehmen im Bereich des Produktionsmanagement, ihre Innovationsstrategien vor (natürlich in Norwegisch und für mich nicht einfach zu verstehen). Vor allem der Vortrag zu Innovationsprozessen in der Fleischindustrie war spannend. Am Beispiel einer neuen Schinkensorte wurde dargestellt, wie aufwändig und langwierig es ist, in diesem Markt zu Innovationen zu kommen. Das fängt bei der Auswahl und Zucht der Schweine an und hört bei Rezeptur, Verpackung und Positionierung auf. Trotzdem nimmt sich das Unternehmen vor, 100 Innovationen pro Jahr an den Markt zu bringen. Leider spielten Fragen der Nachhaltigkeit weder im Vortrag noch in der Diskussion eine Rolle. Auf meine verwunderte Frage diesbezüglich erfuhr ich, dass auch Bioprodukte in Norwegen praktisch keine Bedeutung haben.

Nach vielen Jahren Arbeit mit norwegischen Managern fasziniert mich noch immer der Norwegische (skandinavische) Führungsstil. Ich selbst habe bei meiner Tätigkeit für Norwegische Unternehmen immer wieder erleben können, wie pragmatisch und bodenständig, ja geradezu lässig dieser Führungsstil ist. Einer meiner Kollegen hier in Fredrikstad erzählte folgende Anekdote: Er fragte im Rahmen eines Projektes den Geschäftsführer eines Unternehmens, wie die Schichten in seinem Betrieb organisiert seien. Der Geschäftsführer wußte darauf keine Antwort. So etwas organisieren die Mitarbeiter hier unter sich, so dass er zuerst einmal seine Mitarbeiter fragen musste, wie sie das denn mit den Schichten regeln. Der Manager sitzt nicht auf seinem vermeintlichen Thron und ist allenfalls der “primus inter pares”. Entscheidungen gegen die Mitarbeiterschaft lassen sich in Norwegen kaum durchsetzen. Übrigens ist dieses Thema auch ein Schwerpunkt der Forschungsarbeiten von Hong Wu (Foto).

Für Außenstehende mag es nach laissez-faire aussehen. Ich bin jedoch zu der Überzeugung gelangt, dass man tief in die Norwegische bzw. in die Wikingerkultur zurückgehen muss, um diese Art des Managements zu verstehen. So gab es zum Beispiel ursprünglich keine prägenden feudalen Strukturen, wichtige Entscheidungen wurden seit jeher gemeinsam getroffen (“Thing“). Der erwähnte Geschäftsführer braucht seine wertvolle Zeit also nicht mit Dingen zu verschwenden, die sich quasi in der Organisation von selbst lösen. Da dieses demokratische Handeln tief in der Kultur verankert, ist es auch nicht ineffizient, wie man vielleicht meinen könnte, was die vielen innovativen und international erfolgreichen Unternehmen in einem Land mit nicht einmal 5 Millionen Einwohnern eindrucksvoll belegen.

Bei einigen der Unternehmen, die ich hier kennengelernt habe, liegt sogar die Anteilsmehrheit in der Hand der Mitarbeiter. Solche Modelle sind hier ausgesprochen häufig zu finden, wobei meist lokalen Investoren für die nötige Kapitalausstattung sorgen.

Andererseits kann man auch hier seit einigen Jahren eine “Amerikanisierung” des Managements feststellen. Auch in Norwegen gibt es, obwohl es aus meiner Sicht ein Kulturbruch ist, die unverkennbare Tendenz zu einem überzogenen Denken in Zahlen (Performanceindikatoren): Alles was sich nicht messen lässt, findet nicht mehr statt.

Die Zusammenarbeit zwischen Hochschule und Unternehmen ist recht eng. Man muss allerdings auch sehen, dass wohl kein Professor mehr als 10 oder 12 Stunden lehrt. Bei meinem Ansprechpartner sind es gerade einmal 4. Der Rest der Zeit ist vor allem für Forschung und Unternehmenskooperationen vorgesehen. Heute wurde auch vor Ort unter Beisein von Bürgermeister und Provinzgouverneur ein Business Incubator eingeweiht, der den Studierenden die Möglichkeit geben soll, quasi direkt aus ihren Unternehmensprojekten in die Selbständigkeit zu starten.

Auch heute drehten sich wieder viele Gespräche um Energie und Umwelt. Mich überrascht es doch, wie kritisch viele Bürger im Ölland Norwegen der Ölförderung gegenüber stehen. Auch hier ist die Energiewende in aller Munde. Vielleicht nicht mit dem Paukenschlag, wie die Berliner Politik die Energiewende eingeläutet hat, dafür aber – typisch norwegisch – leise und effizient. An jeder Ecke sieht man inzwischen Elektrofahrzeuge. Vor allem die Nissan-Modelle erfreuen sich zunehmender Beliebtheit, das sie selbst im kalten Norden längst alltagstauglich sind. Es wäre gut und wichtig, wenn endlich auch in unseren Straßen Elektroautos eine Selbstverständlichkeit wären.

2 comments Write a comment

  1. Lieber Herr Prof Dr Becker,
    wirklich spannende und interessante Einblicke. Zumal es hier so unvorstellbar ist. Manchmal fragt man sich ja wirklich, ob “wirtschaften” in anderen Ländern einfach anders definiert wird …

  2. Pingback: Norwegisches Tagebuch (5) – Spontanität | Karlshochschule International University

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