Norwegisches Tagebuch (3) – Eindrücke

Heute ergab sich zum ersten Mal die Gelegenheit, die berühmte Altstadt von FredrikstadGamlebyen” zu besuchen. Vom Zentrum nimmt man eine der kleinen roten Fähren, die alle Stunde zu der ehemaligen Festung fahren. Die vielleicht zehn- bis fünfzehnminütige Fahrt gehört mit 15 Kronen (rund 2 Euro) zu den ganz wenigen wirklich günstigen Angeboten in Norwegen (allerdings sollen, wie ich gehört habe, Textilien inzwischen recht preiswert geworden sein). Im Vergleich zu den zahlreichen historischen Kanonen, die um die Altstadt gruppiert sind, wirken die Preise für Nahrungsmittel so richtig abschreckend. Heute Mittag gab es in einen sehr gemütlichen Innenhof (Foto) einen Cappuccino und ein kleines Stück sehr leckeren Apfelkuchen (etwas größerer Muffin) für 11 Euro. Bei den Preisen vergeht einem schnell der Appetit auf ein vollwertiges Mittagessen – von Alkohol will ich gar nicht reden (Allerdings ist das gastronomische Angebot in Norwegen in den letzten Jahren viel breiter geworden, so dass man – die Reisekasse dankt – auch Burger und Döner bekommt. Allerdings auch die zum Preis eines mittelklassigen 3-Gänge Menüs). Zum Glück gibt es in den meisten Hotels rund um die Uhr kostenlosen Kaffee und Tee, was die Ausgabensituation deutlich entspannt. Einige Hotels bieten auch rund um die Uhr (24 Stunden!) Waffeln zur Selbstbedienung an.

Das hiesige Hotel Valhalla gehört zu meinen Lieblingshotels. Kein kaltes Kettenhotel, sondern ein einfaches und super-gemütliches familiengeführtes Holzhaus hoch oben auf einem Felsen über der Stadt. Ausblick und Raumklima sind hier traumhaft. Allerdings kann es recht windig im Frühstücksaal mit seinen vielen Fenstern werden – ein historisches Holzgebäude lässt sich wohl niemals so dicht bekommen, wie ein modernes deutsches Reihenhäuschen.

Das Thema Energie ist hier in aller Munde. Gerade wurde im Nordmeer ein neues riesiges Ölfeld entdeckt. Ich habe allerdings nicht den Eindruck, dass die Norweger, die so kräftig vom Ölboom profitieren, so ganz glücklich sind. Sie machen sich vor allem Sorgen um die Natur ihres Landes. Einige Studierende äußerten sogar die Sorge, dass das Öl die Begehrlichkeiten des großen Nachbarn im Osten wecken würde – eine Sorge die ich nicht teile, zumindest wenn es uns gelingt, rechtzeitig vor Peak Oil eine alternative Energieversorgung sicherzustellen. Windkraft sucht man hier oben vergebens. Während die ganze Ostseküste von Kiel bis Dänemark vollverspargelt ist (wobei ich insgesamt nicht finde, dass die Windmühlen das Landschaftsbild stören, im Gegenteil), habe ich hier im Fjord noch kein einziges Windrad gesehen. Die Energie kommt überwiegend aus alten Wasserkraftanlagen. Geheizt wird überwiegend elektrisch, während Gas und Öl vor allem dem Export vorbehalten sind.

Der Holzbau spielt hier übrigens auch bei modernen Bürogebäuden immer noch eine große Rolle. Oft wird um einen Kern, der überwiegend aus standardisierten Betonteilen besteht, der Rest des Hauses mit Lattengerüsten, MDF-Platten und natürlich jeder Menge Steinwolle gebaut. Gerade den Bürogebäuden sieht man an, dass die Norweger einerseits sehr viel Erfahrung im Holzbau haben, und dass anderseits Personalkosten ausgesprochen hoch sind. Hinter der oft schicken Architektur verbergen sich viele recht einfache Standardteile und die Installation wird oft auf dem Putz verlegt. Dass überall Sprenkleranlagen und Systeme für Feueralarm eingebaut sind, wundert bei der Bauweise nicht. Auf der anderen Seite, ist das bereits erwähnte gute Raumklima in diesen Häusern nicht zu unterschätzen.

Ein weiterer Punkt der auffällt ist die Sauberkeit. Natürlich gibt es hier und da mal eine schmudellige Ecke, aber die öffentlichen Infrastruktureinrichtungen sind hervorragend gepflegt. Allüberall sieht man Menschen, die mit dicken Schläuchen Bürgersteige und Anlagen abspritzen. Bislang habe ich auch noch nie lange nach einem Papierkorb suchen müssen…und keiner war überfüllt.

Ein letzter Punkt, der ins Auge fällt, ist der stoische Fahrstil der Norweger. Außer in Oslo sieht man kaum Ampeln, dafür aber an jeder Ecke einen fest installierten Blitzer. Das Tempolimit wir konsequent eingehalten, drängeln und hupen kennt man hier kaum. Anstatt über Ampelkreuzungen wird man durch eine Unmenge von Kreisverkehren geschleust. Dazu kommen unendlich viele Zebrastreifen, die meist als Schwellen ausgelegt sind. Man braucht sich als Fussgänger nur vom weitem einem solchen Zebrastreifen zu nähern, dann stehen die Autos (zumindest der einheimischen Bevölkerung). Ich jedenfalls empfinde das Fahren und das Laufen hier als unglaublich angenehm und entspannend. Man kann sich hier wirklich nur an den Kopf fassen, wie durchgeknallt, unentspannt und hektisch wir Deutschen (ich könnte jetzt noch etwas zu den Karlsruhern im konkreten sagen, das lasse ich aber lieber) im normalen Leben – nicht nur beim Autofahren – sind.

Übrigens werden die Tische in Restaurants zugewiesen. Man wartet draußen, bis man von der Bedienung an einen freien Tisch geleitet wird. Der typisch deutsche Sozialdarwinismus, der sich im Kopf- an Kopf Rennen um den letzten freien Tisch äußert, oder Leute, die hektisch neben einem am Tisch stehen (“Wann bezahlen die endlich?), sind dem Norweger schon sehr fremd.

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