Norwegisches Tagebuch – die zweite Saison

Fredikstad liegt am östlichen Ufer des Oslofjordes. Hier ist eines der wichtigsten Norwegischen Industriezentren. Großindustrie wird man hier allerdings vermissen. Stattdessen ist die Region von vielen kleinen und mittleren Unternehmen geprägt.

Hier, genauer gesagt auf der Insel Kråkerøy, befindet sich, eine gute Autostunde südlich der Hauptstadt, ein Campus des Østfold University College. Ein weiterer Campus liegt nochmals eine knappe Autostunde südlich von hier in Halden, kurz vor der schwedischen Grenze. Dort absolvieren regelmässig Studierende der Karlshochschule ihr Auslandssemester. Wie auch im vergangen Jahr wurde ich eingeladen, für eine Woche am Hochschulbetrieb in Fredrikstad teilzunehmen und Vorlesungen zu halten.

Nachdem ich im letzten Jahr ausführlich auf der Seite unseres Masterprogrammes über meinem Aufenthalt berichtet habe, ist dieses Mal unser Blog an der Reihe.

Mein Kollege Hong Wu, den einige schon aus seiner Gastvorlesung in Karlsruhe kennen, nutzte den ersten Tag, mich mit der norwegischen Variante der Unternehmensprojekte vertraut zu machen. Im Grunde haben die Kollegen ein sehr ähnliches Konzept wie wir entwickelt. Allerdings sind die Studierenden hier bei lokalen, eher mittelständisch geprägten Unternehmen für längere Zeit vor Ort im Einsatz, so dass die norwegische Variante des Unternehmensprojektes irgendwo zwischen unserem UPRO Modul und dem Praktikum anzusiedeln ist.

projectiondesign, das erste besuchte Unternehmen, hat sich auf leistungsstarke Highend-Projektoren spezialisiert. Als vermeintlich kleiner Nischenspieler mit etwa 200 Mitarbeitern beliefert das Unternehmen Planetarien, Museen (unter anderem das ZKM in Karlsruhe), Automobilhersteller, Betreiber von Flug- und Schiffsimulatoren oder reiche Heimkimo-Besitzer in aller Welt. Aufgrund seiner technischen Kompetenz in Optik und Software ist das Unternehmen in der Lage, auf unterschiedlichste Flächen, wie Bögen, Kuppeln oder was auch immer zu projizieren. 360° Projektionen mit mehreren extrem lichtstarken Projektoren gehören zum Angebot. Dafür hat das Unternehmen eine überraschend hohe Fertigungstiefe entwickelt. Vom Design, über Prototypenbau (mittels 3D-Druck), Objektiventwicklung, Akustiklabor und eine zertifizierte Testumgebung für elektromagnetische Verträglichkeitsprüfung (EMV) bis hin zur (aufgrund der hohen Personalkosten in Norwegen sehr teuren) Fertigung liegt alles in einer Hand. Aufgrund der daraus resultierenden Qualität und Flexibilität kann sich das Unternehmen gegen die großen Player in diesem Markt behaupten.

Das nächste besuchte Unternehmen NEN ist – vereinfacht gesagt – ein Verpackungsunternehmen für Säfte. Hier landen Fruchtsäfte und Fruchtsaftkonzentrate in großen Seecontainern an und werden – je nach Bedarf aufbereitet – unter den verschiedensten Marken in Tetra Pak eingeschweißt. Es ist interessant, unter wie vielen Marken ein und dasselbe Produkt verkauft werden kann. Der technische Aufwand ist hoch, der personelle gering. Rund 20 Mitarbeiter arbeiten in dieser Fabrikation.

Dabei wird mir zum ersten Mal bewusst, welche Umweltsünden wir begehen, vor allem wenn wir Direktsaft trinken. Während man bei konzentriertem Saft einen Container Organgensaft vom Hauptanbaugebiet Brasilen nach Deutschland transportiert, sind es bei Direktsaft gleich sechs. Und wenn man sich dann noch überlegt, dass ein solcher Container in gut 5 Stunden verarbeitet ist, kann man sich vorstellen, welche Mengen an Fruchtsaft durch die Welt geschippert werden. Bei Äpfeln, die zumeist aus Australien oder China kommen, sieht es nicht anders aus. Und die Produktion hier in Fredrikstad ist noch vergleichsweise überschaubar. Nebenbei erfahre ich noch, dass Norwegischer Lachs nicht selten nach China und zurück geflogen (!) wird, nur um ihn dort preiswert zu filetieren.

Hong Wu’s Studierende setzen sich hier unter anderem mit dem Thema Abfall- bzw. Ausschussvermeidung auseinander. Dazu nehmen sie am Produktionsprozess teil (d. h. sie arbeiten körperlich vor Ort), beobachten und analysieren. Der Erfolg des Projektes spricht für sich: Der Abfall kann mit Hilfe des Projektes um rund ein Drittel reduziert werden.

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