Schurken oder Sheriffs? Warum der ZEIT-Artikel Leere hinterlässt

Sensation ist die gezielte Desinformation

Walter Scheel (Zitat entnommen aus Fragen an den Autor mit Max Otte “Informationscrash”)

Als deutscher, spießiger Bildungsbürger wünsche ich mir einen Journalismus, der sich stets darum bemüht mich als mündigen Leser zu befähigen. Journalismus, der mir verschiedene Informationen aus verschiedenen Quellen und unterschiedlichen Blickwinkeln zu einem Thema serviert und sie gekonnt unaufgeregt nebeneinander oder auch gerne gegenüber stellt. Und am Ende möchte ich, der mündige Leser, mir selbst ein Urteil über eine bestimmte Thematik bilden.

Diese Art von Bildungs-Journalismus erkennt man immer am deutlichsten, in seiner Abgrenzung zum Gegenteil, dem Sensations- oder Boulevard-Journalismus. Es geht diesem weniger darum den Menschen zu bilden, als vielmehr sich selbst bestmöglich zu verkaufen, also Auflage zu schaffen. Boulevard-Journalismus ist der Werbung sehr nahe, ja er ist Werbung und Produkt in einem. Eine Werbung, die sich selbst verkauft und weder Fragen offen noch Alternativen zulässt. Der Boulevard-Journalismus liefert einfache, glasklare Antworten noch bevor er wirklich beginnt – nämlich mit seiner jeweiligen “Headline”. Ein Lieblingswerkzeug des Boulevard-Journalismus ist die Polarisierung, also die klare Aufteilung zwischen “Gut” und “Böse”, mit gleichzeitigem Anspruch selbst die absolute Wahrheit zu vertreten. Der Boulevard-Journalismus spitzt immer auf das eigentliche Zielgebiet zu: Das menschliche Emotionszentrum, ein Ballungsgebiet aus Angst und Lust. Wie gesagt, der Boulevard-Journalismus steht der Kunst der Werbung sehr nahe.

Eine Polemik ist wenigsten immer zuverlässig. Sie beruft umgehend sehr viele Menschen an den großen Stammtisch. Fans wie Gegner vereinen sich dort um über das Thema eifrig zu “diskutieren”, was mitunter nur darauf hinausläuft, dass man sich die polemischen Argumente gegenseitig an den Kopf wirft ohne den Ball zu fangen und damit etwas anzufangen. Doch Gegner und Fans haben eine Gemeinsamkeit: Sie alle kaufen, lesen, empfehlen, diskutieren, kritisieren am Ende die Quelle, die provozierende Ausgangsthese. Sogar so spießige Bildungsbürger wie ich. Sensationelle Aufreißer garantieren also im Verlagsgeschäft auch sensationelle Rücklaufquoten und damit eben auch sensationelle Klick- oder Verkaufszahlen. So ist das Mediengeschäft und jeder ist sich darüber bewusst, der eine Publikation herausgibt oder sie mit Inhalten entsprechend füllt. So wohl auch der Autor der Wochenzeitschrift die ZEIT, der seine Leser mit “Vier Sheriffs zensieren die Welt” zum Tanz im Bierzelt auffordert.

Jeder gute Boulevard-Artikel zeigt uns mit der Überschrift genau, wie wir den Artikel lesen sollen, also vielmehr wie wir ihn “erfühlen” sollen. Mit der Überschrift “Vier Sheriffs zensieren die Welt” dürften wohl kaum noch Fragen offen bleiben – außer vielleicht wer die “4 Sheriffs” sind, nämlich Google, Amazon, Apple und Facebook. Diese vier Konzerne dominieren aus Sicht des Autors also das Internet und damit automatisch uns Menschen. Wir haben keine Chance. Die Welt ist mal wieder verloren. Dass diese vier Protagonisten gleichzeitig die größte existenzbedrohende Konkurrenz der eigenen Zunft darstellen, erwähnt der Autor natürlich nicht. Das muss er ja auch nicht, dennoch ist es immer wieder interessant sich bewusst zu machen, dass auch Journalisten keine gefühlslosen Vulkanier sind, die ihre eigene Lebenswirklichkeit beim Schreiben einfach so ausblenden können. Doch eigene Interessen im Nacken ist das eine und indirekte und fahrlässige Desinformation der Bevölkerung durch einen entweder schlecht recherchierten oder unausgewogen formulierten Artikel das andere.

Wohl wahr, der Autor des Artikels stellt kaum eine Falschbehauptung auf, aber dadurch, dass er kontrastreich Schwarz/Weiss malt und dabei noch das Weiss nahezu vollständig weglässt, zeichnet er uns ein Bild, dass plakativer kaum sein kann. Was mich persönlich als spießiger Bildungsbürger jedoch wirklich beunruhigt ist der Absender des Plakates, also der Inhaltevermittler der Geschichte. Wäre dieser Artikel in einer uns bekannten Boulevardpublikation erschienen, so wäre er nicht unbedingt inhaltlich besser, aber man hätte ihn aber vor allem besser einordnen können. “The medium is the message”. Der Leitartikel in einer renommierten, bildungsbürgerlichen Wochenzeitschrift wie der ZEIT ist eben völlig anders zu gewichten, als beispielsweise eine Spalte im Kölner Express. Genau diese Kombination hat mich als naiver Journalismusverfechter maßlos enttäuscht. Doch kommen wir zum eigentlichen Inhalt des Artikels.

1. Facebook als Blockwart 2.0
Es ist natürlich aus der Perspektive des Datenschutzes bedenklich, wenn ein börsennotierter Konzern die eigenen Kunden dazu benutzt den eigenen Datensatz zu veredeln. Oder im Klartext: Die Aufforderung die Klarnamen meiner Kontakte an Facebook zu melden ist eine perfide Methode, die mich letztlich aber nicht von meiner Verantwortung als potenzieller Denunziant entbindet. Die Aufforderung das zu tun ist ein Aspekt, es wirklich zu machen ein anderer. Natürlich sind die Geschäftsbedingungen, die den Nutzern vorschreiben ihren richtigen Namen zu benutzen, nicht demokratisch verhandelbar. Ich weiss auch nicht wie Menschen – mich eingeschlossen – immer wieder darauf kommen, dass Internetkonzerne demokratischer agieren sollten, als alle Unternehmen der Old Economy. Gleichzeitig verschweigt der Autor in diesem Zusammenhang, dass sich Facebook gerade massiv unter Druck gesetzt fühlt. Seit dem Börsengang steht das Unternehmen unter verschärfter Beobachtung – weniger ethisch als vielmehr finanztechnisch motiviert. Die Verdächtigungen in den letzten Tagen, Facebook betreibe Klickbetrug mit ihrem Werbemodell, feuert den Verdacht zusätzlich an, Facebook werde von Bots oder billig generierten Fakeaccounts unterwandert, um mehr Klicks und Likes für Werbekunden zu generieren. Daher ist der Schritt der Veredelung von Daten – die Guten ins Töpfchen die Schlechten ins Kröpfchen – aus dieser Perspektive heraus mehr als nachvollziehbar (was sie moralisch mitunter nicht besser macht). Oder wäre dem Facebooknutzer, dem Werbekunden und Pagebesitzer lieber er wäre von Bots und Fake- und Spam-Accounts umzingelt? Ja, es geht hier um rein wirtschaftliche Interessen, der Nachweis an die Investoren, dass man echte Datensätze besitzt und nicht das eigene Ertragsmodell manipuliert. Jedenfalls geht es bei diesem Beispiel nicht um die angestrebte Weltherrschaft oder die Etablierung eines dazugehörigen Spitzelsystems.

2. Apples “Angry Syrians”
Apple, so der Autor, unterdrücke die Meinungsfreiheit und unterstütze indirekt das syrische Regime rund um Staatschef Assad, weil es das satirische Spiel “Angry Syrians” aus dem App Store verbannte. Der Autor macht sich noch nicht einmal die Mühe nachzudenken, warum ein Spiel, sei es noch so satirisch angestrichen, in dem man Bomben auf Menschen des öffentlichen Lebens wirft, aus dem Apple Programm genommen werden könnte. Apple hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass es eine proprietäre (unfreie) Grundhaltung vertritt. Apple siebt ganz bewusst Apps aus ganz unterschiedlichen Gründen aus. Der Qualitätsanspruch bei Apple ist groß, das weiß der Kunde einerseits zu schätzen und er weiß eben mittlerweile eben auch, dass er im Appstore weder Porno- noch Menschenjagd-Apps finden wird. Da muss und was noch wichtiger ist KANN er sich schon seine Befriedigung in den zahlreich vorhandenen, offenen Systemen, beispielsweise Android, suchen. Auch hier gilt: Apple ist EIN mögliches System und nicht der gesamte Markt. Der Vorwurf an Apple im Artikel impliziert leider auch, dass der Konzern das Regime in Syrien indirekt unterstützt. Komisch nur, dass es gleichzeitig Apps gibt, die von den syrischen Oppositionellen angefertigt und benutzt werden und bereits für mächtig Ärger in Syrien gesorgt haben. Wieso nimmt Apple die nicht einfach aus ihrem Programm? Produkte nicht in das Sortiment aufzunehmen ist eines, die mögliche Motivation dafür kann aber durchaus außerhalb schurkischer Gedanken liegen.

3. Amazon und das WWF Schwarzbuch
Der Artikel impliziert an der Stelle den Eindruck als würde Amazon als einziger Buchhändler ganz spontan ein Buch aus dem Sortiment nehmen. Der Autor verschweigt dabei jedoch den eigentlichen Zusammenhang, zum Beispiel dass nicht nur von Amazon, sondern auch von vielen anderen klassische Buchhändlern wie Thalia, Libri oder KVN das Buch von der Verkaufsliste genommen haben und zwar einzig und allein deshalb, weil der WWF sie postalisch dazu gedrängt hat, mit dem dezentem Hinweis auf eine mögliche juristische Keule. Ja das Nachgeben ist nicht besonders mutig, aber auch hier gilt: Amazon ist ein Unternehmen keine Staatsbibliothek und Amazon ist nur ein Händler und nicht der gesamte Markt. Denn der Autor hätte durchaus erwähnen können, dass das Buch jederzeit alternativ beim Verlag “Random House” bestellbar war, aber das wäre für die klare Skizzierung des dystopischen Westernszenarios wohl eher eine hinderliche Randnotiz gewesen.

4. Googles Filter Bubble
Der Autor wirft Google vor Inhalte, die nicht gewissen politischen Ansichten entsprechen, mit Hilfe ihrer Filter und Algorithmen zu zensieren. Zensur bedeutet für mich eine bewusste Löschung von Information. Das ist bei dem personalisierten Filter von Google natürlich nicht der Fall. Die Suchergebnisse bleiben erhalten, nur werden sie natürlich anders sortiert – aber auf keinen Fall entfernt. Diese Art der Filterung könnte tatsächlich unser Weltbild verzerren, aber die Bubble entsteht immer zuerst im Kopf. Darüber hinaus könnte man den Sachverhalt zur Filter Bubble durchaus auch anders werten, so wie Christoph Kappes es in seinem umfassenden Artikel (PDF) getan hat. Der ZEIT Artikel verschweigt nämlich auch, dass man a) die personalisierte Filterung jederzeit, wenn auch umständlich, deaktivieren kann – wäre ja mal eine hilfreiche Information für die Leser gewesen – und b) Google nicht der Mittelpunkt des Internets ist – denn auch ohne das Google Ranking werden sich scheinbar unliebsame Nachrichten rasend schnell verteilen. An der Stelle sei auch bemerkt, dass Google witzigerweise auch die schlechten Nachrichten über sich selbst eifrig nach oben listet. Der Autor verwechselt also menschliche Willkür mit undurchsichtiger maschineller Sortierung. Folgt man dieser Argumentation in letzter Konsequenz so muss man sich fairerweise auch fragen, wie denn der heutige Workflow in Zeitungsredaktionen aussieht? Werden dort wirklich alle Meinungen und Inhalte rigoros abgedruckt? Sortiert man dort nicht auch per Hand, was für den Leser relevant ist und was nicht? Sind dort alle redaktionellen Prozesse so transparent, wie es die Algorithmen der Konzerne aus Sicht des Autors sein sollen?

Im Artikel folgen noch viele weitere Beispiele, die ich nicht alle zusätzlich beleuchten möchte. So viel sei an der Stelle noch gesagt: Den eigentlichen Kern der Problematik hat der Autor leider nicht erfasst: Oder wie es Christoph Kappes in unserem Podcast so treffend formuliert hat: Das Internet ermöglicht erstmals verschriftlichte, dauerhaft zugängliche Kommunikation über Landes- und Kulturgrenzen hinaus und stößt dabei unvermeidlich auf kulturelle und juristische Konflikte. Videos und Dokumente werden nicht von Google, Apple, Amazon oder Facebook gelöscht weil sie das selbst für richtig halten, sondern einzig und allein weil eine Behörde oder eine Rechtsabteilung in irgendeinem Land sie damit “beauftragt” hat. Und “Beauftragung” ist an der Stelle, je nach land, ein Euphemismus für “Verordnung”. Dabei ist es egal, ob dieses Land aus unserer Sicht demokratische oder diktatorische Züge aufweist. Land ist Land und Gesetz ist Gesetz und manchmal erweckt der Autor den Eindruck als sei er persönlich enttäuscht, als seien die vier Konzerne als Hippie-Heilsbringer angetreten, um unsere kaputte Welt endlich zu retten und endlich für weltweite Gerechtigkeit zu sorgen, also die Schurken hinter Gittern zu bringen – so wie es echte Sheriffs in den Geschichten eben tun.

Das Internet ist eben (noch) kein Land, kein Staat oder keine Regierungsform. Die Inhaltevermittler sind nicht ihre ausübende Gewalt oder unterstehen einer Weltregierung. Das Netz ist derzeit eine Infrastruktur zum Austausch von Kommunikation zwischen vielen verschiedenen Ländern und Regierungsformen. Gleichzeitig sind die vier Sheriffs keine Friedensbeauftragten, sondern Unternehmen mit privatwirtschaftlichen Interessen. Sie sind sicherlich auch keine kapitalistischen Superschurken, die unsere Gehirne kontrollieren wollen. Die Politik wäre hier der richtige Ansprechpartner. Der Artikel ist ein indirekter Hilfeschrei an die Politik, die sich nicht im mindesten darum schert, wie wir die Weichen für die Zukunft sinnvoll legen. Stattdessen überlassen sie das Feld den Konzernen. Politische Strategien, die darüber bestimmen wie solche großen Konzerne in Zukunft unter welchen Auflagen und unter welcher Beobachtung mit uns agieren. Politik sollte kommunikative Lösungen entwickeln für den Umgang mit dem Aufeinanderprallen von verschiedenen Kulturen und sich der Frage stellen, ob wir in Zukunft Kulturen und Gesetze vereinigen oder Internetangebote stärker separieren müssen. Aber darüber wollte der Autor wohl nicht schreiben – es hätte kaum zur griffigen Headline gepasst.

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