Eine Frage der Zugehörigkeit – Warum die Beschneidungsdebatte so aufregt

Wir Menschen und – wie die moderne Primatologie lehrt – übrigens auch die anderen höheren Säugetiere scheinen psychisch in einem sinn- und ordnungslosen Universum nicht überleben zu können. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit des Füllens der Leere, deren Erlebnis uns in seiner verdünntesten Form in Langeweile, in seiner konzentriertesten in Psychose oder Selbstmord treiben kann. Wenn aber so viel auf dem Spiele steht, muß die Erklärung der Welt hieb- und stichfest sein, darf sie keine Fragen offenlassen.

Paul Watzlawick aus “Die erfundene Wirklichkeit

Was Watzlawick, den ich leider dazu nicht mehr befragen kann, in erster Linie damit wohl meinte, ist die Annahme, dass wir Menschen ohne eine von der Gesellschaft vorgegebenen Orientierung uns auf dieser Welt wohl kaum zurecht finden würden, damit also nicht wirklich (über)lebensfähig wären. Wie sähe eine Welt ohne erfahrbare Sinnzusammenhänge wohl aus? Allein die Vorstellung ist nahezu unmöglich.

Als Säugling erfahren wir die Welt mit unseren uns zur Verfügung stehenden Sinnen und die Umwelt bestimmt in erster Linie unsere Sinnstiftung. Das heisst, wir lernen zum Beispiel nicht alle auf der Welt verfügbaren Sprachen, sondern die Sprachen unserer Eltern oder unmittelbaren Bezugspersonen. Das bedeutet aber eben auch, wir haben keine unmittelbare Wahl in der Hinsicht und wir müssen das nehmen was an uns herangetragen wird. Wir imitieren nicht nur die vorgesprochenen Worte, sondern die damit verknüpften Interpretationen und Wertungen. Wir lernen nicht nur den Begriff “Scheisse”, sondern auch die dazu passenden Gelegenheiten, in denen dieser Ausdruck Sinn ergibt. Sprache konstruiert also maßgeblich unsere Wirklichkeit. (Wen das näher interessiert, könnte zum Beispiel mal einen Blick in die Arbeit des Linguisten Noha Bubenhofer (PDF) wagen)

So wird beispielsweise in unseren ersten Lebensjahren die verbal formulierte Frage nach dem „Warum?“ zu einem elementaren Werkzeug um der Welt einen Sinn zuzuschreiben – oftmals zum Leidwesen der genervten Eltern. Mit “Sinn” meine ich und wahrscheinlich auch nicht Herr Watzlawick den großen Sinn des Lebens, sondern wohl eher die zahlreichen kleinen Handlungen und Verhaltensweisen, die das Kind von Lebensbeginn an beginnt von den Erwachsenen zu imitieren und gleichzeitig zu verinnerlichen, mit dem Sinn in eine Gemeinschaft mit ihren jeweiligen Regeln hinein zu wachsen. Wenn also das Kind fragt, warum es „Gesundheit“ sagen muss, wenn jemand niest, so wird ihm bereits durch die Antworten (zugleich Sinnzuschreibung) wie „Weil das höflich ist“ oder „Weil man das so macht“ eindringlich vermittelt, dass es – wenn es das nicht tut – sich automatisch gegen die eigene Gemeinschaft richtet.

Die erzieherischen Informationen wie „Das tut man nicht“ oder „Das macht man so“ werden somit zu Sinn-Botschaften und Regeln der Zugehörigkeit. Nicht der Inhalt der Regeln ist existenziell sondern die Regeln an sich. Während also die Regeln zur Zugehörigkeit kulturell unterschiedlich ausfallen, ist der Drang nach Zugehörigkeit ein kulturell unabhängiges Bedürfnis.

Die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft, egal ob Familie, Dorf oder Religion, ist also ein lebensnotwendiger Aspekt im Leben eines Menschen. Der Ausschluss aus einer Gemeinschaft ist gleichzeitig auch eine Bestrafung. So wie die über viele tausend Jahre praktizierte Verbannung, als Alternative zum Gefängnis. So ist es wohl auch nicht verwunderlich, dass die Neurowissenschaft vor kurzem einen Zusammenhang zwischen Ausgrenzungserfahrungen und Aggressionspotenzial vermutet.

Neben den Regeln gibt es natürlich auch immer klare Symbole der Zugehörigkeit. Kleine Kinder können sich meist nicht aussuchen, welche Symbole der Zugehörigkeit sie tragen (müssen). Eine bei uns sehr bekannte Zuweisung mit Symbol ist die Geschlechterunterscheidung mittels Farbcodes. Mädchen tragen rosa und Jungs blau. Nun mag diese Selbstverständlichkeit nichts besonderes sein, interessant wird es aber wenn wir uns andere Kulturen anschauen, plötzlich dürfte es uns klar werden, wie konstruiert diese Sinnzuschreibung tatsächlich ist. So weisen beispielsweise die Bewohner der Stadt Amarete allen Objekten, nicht nur Menschen, ein eindeutiges Geschlecht zu, wobei es dort auch mehrere Kombinationsmöglichkeiten, also Nuancen, gibt (männlich/männlich, weiblich/männlich usw.). Doch das wirklich Interessante an der Kultur in Amarete ist die Zuweisung von Geschlechtern unabhängig von äußeren Geschlechtsmerkmalen. So werden in Amarete etliche, bei uns eindeutig durch ihre Körpermerkmale zugewiesen Männer, als weiblich eingeordnet und zwar anscheinend auch nicht dauerhaft, sondern durchaus sehr fließend, wie es die Ethnologin Ina Rösing in ihren Aufzeichnungen “Die 10 Geschlechter von Amarete” dokumentiert.

Neben der Farbkodierung von Babys gibt es natürlich auch etliche andere Zugehörigkeitssymbole. Meist projizieren die Eltern auch einfach nur ihre Zugehörigkeit auf das Kind. Egal ob es sich um heilige oder so profane Dinge wie ein Markenlogo oder ein Bandname ist. Das Kind zeigt damit also immer sehr deutlich und oftmals unfreiwillig zu wem es gehört. Ab einem gewissen Alter wollen die Kinder dann auch ihre eigene Zugehörigkeit bestimmen. Bevorzugte Kleidungsstücke sind dann mit den Helden der Kindheit geschmückt, sehr zur Freude von Disney und Co und oft zum Leidwesen der Eltern.

Und natürlich treibt diese Markierung der Zugehörigkeit mitunter auch seltsam anmutende Blüten. So gibt es in Spanien eine ganz andere Kodierung zur äußeren Bestimmung der Geschlechter. Dort achtet man nicht auf die Farben der Kleidung oder Kinderwägen, sondern darauf, ob das Baby Ohrlöcher hat oder nicht, denn unmittelbar nach der Geburt werden den kleinen Mädchen Ohrlöcher geschossen.

Womit wir dann nach der etwas ausführlichen Einleitung endlich beim eigentlichen Anlass dieses Beitrags wären Thema wären: Die religiöse (Zwangs-)Beschneidung bei Babys und Kindern.

Dieser Akt ist ganz klar ein Akt der Zugehörigkeit. Er hat in den praktizierenden Kulturen einen festen und bis heute kaum hinterfragten Sinn zugeschrieben bekommen, nämlich nicht nur den Bund mit Gott, sondern vielmehr den Bund mit der eigenen Kultur, also der eigenen Familie. Die muslimischen oder jüdischen Eltern, die in unserem westlichen Leben bisher gut integriert waren und sich sicherlich auch Deutschland zugehörig fühlen stehen nun vor einer sehr schweren Wahl: Gebe ich die eine Zugehörigkeit (wenn auch nur symbolisch) für die andere auf?

Das sind alles Fragen und Gedankengänge, die ich bisher bei der Debatte schmerzlich vermisst habe. Das ist auch der Grund warum diese Debatte bisher fast ausschließlich hitzig und emotional geführt wurde. Eine Zugehörigkeit tritt gegen die andere an und sieht keinerlei Kompromisse. Ja, es ist aus der Perspektive der Menschen ohne dieses Zugehörigkeitssymbol der Beschneidung sehr richtig, dass der Akt selbst ein völlig überflüssige Körperverletzung, ein ungefragter Eingriff gegen die Unversehrtheit des Kindes, irreversibel und mit möglichen Spätfolgen, ist.

Es geht bei dieser Debatte auch gar nicht in erster Linie um “die dumme und unaufgeklärte Religion”, wie manche Atheisten nun mit Freude erfüllt skandieren. Es geht hier um ein Grundbedürfnis des Menschen nach Zugehörigkeit. Im Fall der Beschneidung ist es aus der Tradition der Religion entstanden, aber es könnte genauso gut atheistischen Ursprungs sein, so wie das Ohrlochstechen wohl kaum ein Ausdruck einer religiösen Zugehörigkeit darstellt.

Dieser Zusammenhang zur Frage der Zugehörigkeit, zu der eigenen Identität, muss uns einfach bewusst sein, wenn wir ein gesetzliches Verbot der rituellen Beschneidung fordern. Ein Eingriff, der sehr schnell als Angriff gedeutet werden könnte. Auf der anderen Seite ist das Wohl des Kindes eine wichtige Zugehörigkeitsregel in unserer Kultur, in unserem Rechtsstaat. Somit wäre sowohl ein Verbot, wie auch die ausdrückliche Erlaubnis ein massives Eingreifen in die Frage der eigenen Identität. Die Spaltung wäre vorprogrammiert, so wie auch ein Ende der Debatte.

Aufklärung kann demnach nur durch Aufklärung erfolgen. Gespräche auf Augenhöhe, Begegnung und Austausch mit dem Ziel eines Kompromisses. Ein solcher Mittelweg wäre beispielsweise die Option die Beschneidung auf das Erwachsenenalter zu verlegen oder andere symbolträchtige Formen der Zugehörigkeit zu entwickeln, das kann aber nur von den religiösen Führern als anerkannte Regel festgelegt werden und nicht von außen erzwungen werden. Es sollte darauf hingearbeitet werden stellvertretende Rituale und Erkennungszeichen zu schaffen – es wäre für alle Religionen auch nicht das erste Mal, dass sie so einen Wandel vollziehen würden.

Ein Gesetz, von außen auferlegt und egal in welcher Richtung formuliert wäre absolut kompromisslos. Ich würde mir sehr wünschen, wenn wir den Prozess der gegenseitigen Aufklärung aufrecht erhalten würden, auch im Sinne unserer Kinder und ihrer zukünftigen Zugehörigkeit zu einer miteinander debattierenden Kultur.

29 comments Write a comment

  1. Gut geschrieben und eine schlüssige Geschichte “konstruiert” ;-)

    Frage mich gerade noch dazu: 
    1. Wenn es nur um ein Symbol der Zugehörigkeit geht, dann wäre es doch ein Leichtes, etwas ohne möglicher Komplikationen, der damit verbundenen Probleme und Risiken etc. zu machen und etwas, das keine Körperverletzung in diesem Ausmaß darstellt.

    2. Welches Symbol haben Frauen, damit sie auch “dazu” gehören oder werden Frauen ausgegrenzt und gehören gar nicht dazu?

    3. Wenn es wirklich um das Thema Zugehörigkeit geht, was ja hier schlüssig dargestellt wurde, frage ich mich allerdings, warum das Ritual von der Erstlingstötung auf “lediglich” Beschneidung abgeändert wurde. Zu der Ritual-Änderung von Erstlingstötung auf Beschneidung vor ca. 4000 Jahren kam es ja durch die Einsicht, dass Tötung doch zu radikal war. Davon abgesehen, dass Ritualänderungen damit wohl möglich sind, habe ich aber noch eine Sache, die ich nicht zusammen bekomme. Ich bekomme das Ursprungsritual der Erstlingstötung aber noch nicht ganz mit der “Dazugehörigkeitsgeschichte” zusammen. Das getötete Kind gehörte ja nicht dazu, gehörten dann erst die Eltern dazu oder ging es um die weiteren Kinder, die erst dann dazugehörten, wenn ihr jüngerer Bruder/Schwester geopfert wurde? Woran hat man dann die Dazugehörigkeit erkannt, etc.? Keine Ahnung also, ob das ursprüngliche Ritual der Erstlingstötung wirklich irgendetwas mit dem Thema Zugehörigkeit zu tun hatte…?!?

  2. Patrick Breitenbach

    zu 1: 
    Ein leichtes aus der Perspektive derjenigen, die dieses Ritual nicht als kulturelle eingebettet sehen und es somit anders bewerten. Dort wird die Beschneidung ja nicht mit Verstümmelung oder ähnlichem gleichgesetzt. Der Akt wird also ganz anders bewertet, eben weil dieser Sinn zugeschrieben wurde.

    zu 2:
    Es gibt natürlich zahlreiche Symbole der Zugehörigkeit auch bei Frauen. Verstehe die Frage nicht bzw. die Vermutung, ob Frauen dazugehören oder nicht. 

    zu 3:
    Ich verstehe den Zusammenhang nicht. Das musst du noch etwas ausführen. Was hat die Beschneidung deiner Ansicht nach mit einer Erstlingstötung zu tun? Worauf beziehst du dich da?

  3. 1. Es mag sein, dass in anderen Kulturkreisen die Beschneidung von Jungen (und Mädchen) nicht als Verstümmelung angesehen wird. Hierzulande wird es als Verstümmelung angesehen und wenn man sich einmal ein Video einer solchen Verstümmelung ansieht oder sich – noch schlimmer – das Ergebnis einer solchen Verstümmelung am eigenen Körper ansehen kann, dann denkt man zumindest hierzulande ganz anders darüber. Wenn man dafür sorgen kann, dass Kindern ein solch massiver Angriff auf die körperliche Intefrität erspart bleibt, dann sollte an das auch tun.

    2. Die Frage ist ziemlich eindeutig, was gibt es da nicht zu verstehen? Wenn ein männliches jüdisches Baby beschnitten wird, weil es nur so ein Symbol der Zugehörigkeit erhält, was passiert analog bei jüdischen Mädchen? SInd Mädchen von vornherein weniger Wert, brauchen also garnicht beschnitten bzw. verstümmelt werden? Oder sind sie gar mehr Wert und w erspart mann ihnen deshalb einen unnötigen chirurgischen Eingriff?

    3. Auch diese Frage finde ich ziemlich eindeutig. Wer hat(te) etwas davon, dass der Erstgeborene getötet wurde? Die Eltern? Die weiteren Nachkommen der Eltern?

    Auch für mich eine schöne Geschichte. Nur halt weit jenseits jeglicher Realität.

  4. Patrick Breitenbach

    zu 1:
    Das habe ich auch nicht bezweifelt, oder? Mir geht es darum aufzuzeigen, dass nicht alle auf einem Nenner sind.

    zu 2: 
    Die Beschneidung bei Frauen ist im Judentum kein traditionelles Zugehörigkeitssymbol und damit auch keine realistische Fragestellung.

    zu 3:
    Was hat es mit der Erstgeborenengeschichte auf sich? Was ist damit gemeint. ich verstehe es wirklich nicht.

  5. Das ist alles gut und schön und hilft doch nicht weiter. Die ethische Entscheidung, was wir in unserer Gesellschaft an identitätstiftenden Brandmarkungen gestatten wollen, bleibt ungeklärt. Die weibliche Beschneidung tolerieren wir nicht. Ohrlochstechen schon. Bei Blutransfusionen für Kinder von Zeugen Jehovas ist es umstritten, ob Ärzte sich über den Elternwillen hinwegsetzten dürfen. Wie ist es mit Schönheitsoperation bei Kindern? Zahnspangen? Was, wenn Neonazis ihre Kindern tätowieren würden?

    Die vorgeschlagene Lösung, mittels Aufklärung einen Kompromiss zu erzielen, ist ja keine. Jeder erwachsene Mann kann eh schon entscheiden, was er mit seiner Vorhaut macht. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass man ständig mit Juden oder Moslems darüber diskutieren würde, doch diese Beschneiderei sein zu lassen. Das wäre ziemlich albern und ich könnte mir vorstellen, dass diese sich diese Belästigung verbitten, wie unsereins nicht von den Zeugen Jehovas an der Haustür genervt werden will.

    In unserer Demokratie werten wir bestimmte Rechte sehr hoch. Diese Rechte sind nicht nur identitätstiftend sondern konstitutiv. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit gehört dazu. Wir zeigen uns sicher in einigen Dingen sehr lax bei der Interpretation (Ohrlochstechen etc.) aber mit gesetzlichen Ausnahmeregelungen für bestimmte Gruppen wäre ich sehr zurückhaltend.

  6. Seufz… *Muss* ich da Vorschläge machen?

    Mir wäre wohl irgendeine Form von Duldung recht. So eine Art vorbehaltliche Erlaubnis, bis wir mehr wissen. Vielleicht fühlen sich ja irgendwann Männer durch Beschneidungen psychisch beeinträchtigt und ziehen vor Gericht? Dann sollten wir in der Lage sein, da ganz schnell anders handeln zu können. Ob es so ein Rechtskonstrukt (Duldung) geben kann, weiß ich nicht, da ich von Juristerei nix verstehe.

    Das Halsdurchschneiden bei Tieren (Schächtung) ist ja auch nicht gestattet, wird aber auf Antrag genehmigt. 

  7. Patrick Breitenbach

    Inwieweit unterscheidet sich das jetzt von meinen Gedanken im Blogeintrag? :-)

    Mir geht es um einen Kompromiss und nicht die Form des Kompromisses. Vielleicht hätte ich einfach keinen konkreten Vorschlag machen sollen ;-)

  8. Zu 2. vielleicht etwas deutlicher (mein Vorredner hat es verstanden ;-) )
    Wie werden die Mächen “gekennzeichnet”, damit sie dazu gehören? Wenn sie nicht “gekennzeichnet” werden und dennoch dazungehören, dann könnte man das mit den Jungen genauso machen. Wenn doch, dann womit und wäre das nicht auch eine Alternative zu den Jungen?

    Zu 3. Die Aufforderung der Beschneidung ist ja nicht vom Himmel gefallen. Die jüdische Religion ist älter als das Beschneidungsritual. Vor dem Beschneidungsrital stand an derselben Stelle, wo jetzt die Beschneidung gefordert wird als grundlegende Tradition die Tötung der Erstlingsgeburt. Von Beschneidung war da noch keine Rede. Die Tötung der Erstlingsgeburt wurde durch durch das Beschneidungsritual ersetzt, da dies mit der Tötung irgendwann nicht mehr zeitgemäß war. So sagen es zumindest die Historiker…
    Daher verstehe ich nicht, was Tötung des Erstgeborenen mit Zugehörigkeit zu tun hat und ebensowenig, dass die Alternative dazu etwas mit Zugehörigkeit zu tun haben soll…

  9. Was mich beängstigt: Einen Satz nach der Erwähnung der Beschneidung als Zeichen des Bundes steht, dass alle unbeschnittenen ausgerottet werden sollen… Vielleicht dann beider nächsten Gesetzesanpassung… #Salamitaktik

  10. Patrick Breitenbach

    Das ist in der Tat eine beunruhigende Stelle. Danke für den Hinweis Hagen. Und es zeigt einmal mehr, warum die Religion heute so ein Problem hat. Das “Ausmerzen” als radikalste Form der Ausgrenzung war mal kulturell eingebettet. Heute haben wir eine Kehrtwende im Umgang mit Gewalt. Zum Glück.

    Und gerade wegen dieser komplexen Kontexte müssen wir weiterhin darüber sprechen. Ein Gesetz würde den Deckel drauf machen. Wir würden aufhören Meme in Frage zu stellen.

    Danke Hagen.

  11. Patrick Breitenbach

    zu 2:
    Ja, das wäre ein sehr gutes Argument um ein neues Symbol der Zugehörigkeit einzuführen, oder das Symbol ganz wegzulassen. 

    zu 3:
    Die Geschichte mit den Erstgeborenen ging glaube ich etwas anders, jedenfalls wenn du das Pessach meinst. http://de.wikipedia.org/wiki/Pessach

    Das jüdische Volk wurde vor der Erstlingstötung durch die Ägypter geschützt, wenn sie ein Tier opfern und mit dem Blut ein Symbol an die Tür zu malen. Hier geht es um Tieropferung, nicht um Menschenopferung. 
    Das dürfte dann aber ein sehr deutliches Zugehörigkeitssymbol werden oder? :-)

     Wenn man das alte Testament chronologisch liest, dann hätte der Bund mit Gott durch Beschneidung bereits bei Abraham stattgefunden, also bereits lange vor Pessach.

  12. Symbole dieser Art stehen in einem rituellen Zusammenhang. Sie sind daher nicht als isolierte Phänomene zu sehen. Bei der Jungenbeschneidung passiert mehr als nur die Beschneidung; würden z.B. die rituell vorgesehenen Segenssprüche unterlassen, dann wäre die Brit Mila ungültig. Wie wichtig Brit Mila ist, sieht man auch daran, dass sie auch durchgeführt wird, wenn sie auf Sabbat oder Yom Kippur fällt – außer, wenn der Junge krank ist. An diesem Tag erhält ein jüdischer Junge auch seinen jüdischen Namen.

    Interessant ist übrigens, dass ziemlich durchgehend, nur von Beschneidung die Rede ist und ihr Eingebettetsein damit in den Hintergrund gerät. Bei religiösen Juden hingegen kann man davon ausgehen, dass sie vom Gesamtritual ausgehen. Und sie daher natürlich sehr angegriffen reagieren.

    Das “Dazu gehören” muss man wohl differenzierter betrachten. Nach jüdischen Glauben ist ein Kind Jude, wenn die Mutter Jüdin ist. Brit Mila ist insofern kein Ritual, dass die Religionszugehörigkeit festlegen würde. Es geht um den Bund mit Gott.

  13. Problematisch finde ich von “der” Religion zu sprechen. “Die Religion” als solches gibt es imo nicht, daher wird heute in der wissenschaftlichen Forschung in der Regel von “die Religionen” gesprochen.

  14. Nochmal zu 3:

    Ich verstehe den Zusammenhang zwischen Menschenopfer und Dazugehörigkeit nicht!

    Zum Menschenopfer beim Alten Judentum sagt Wikipedia ( http://de.wikipedia.org/wiki/Menschenopfer#Antikes_Judentum ):

    “…Religionsgeschichtlich gesehen hat die Jüdische Religion damit das Menschenopfer abgeschafft und durch ein pars-pro-toto-Opfer, die Beschneidung, ersetzt.[22] Dies war Ergebnis einer längeren theologischen Auseinandersetzung mit älteren kanaanäischen und frühisraelitischen Menschenopferkulten.”

    Wenn also die Beschneidung das Menschenopfer ersetzt hat, dann übernimmt doch die Beschneidung die Funktion, die vorher das Menschenopfer hatte. Ich kann aber nirgends finden, dass das Menschenopfer etwas mit Zugehörigkeit zu tun hatte. 

    Bitte erkläre mir den Zusammenhang in Deiner Theorie.

    Ich vermute daher eher, dass die aktuelle Diskussion um die Story der Zugehörigkeit eine Erfindung ist, da sich dies besser “verkaufen lässt”. Vielleicht geht es ja hier – genauso wie bei der Frage, wie das Weltall entstanden ist – darum (in Analogie zum Heinz von Förster-Beispiel), wer die Beste Geschichte erzählt… 
    Deine Story ist ja nicht schlecht, Patrick und wird ja auch oft hoch gehalten. 
    Liefere mir eine plausible Begründung, wie Menschenopfer (bzw. die “zeitgemäßere” Alternative Beschneidung) mit Gruppenzugehörigkeit zusammenhängt und ich bin bei Dir ;-)

  15. Patrick Breitenbach

    Das ist in der Tat ein neuer interessanter Aspekt, wobei ich die Gegenfrage stelle ob das Thema der Zugehörigkeit im Laufe der Zeit nicht dazu gekommen ist. Denn kaum jemand bezieht sich heute noch auf den Ersatz des Menschenopfers. Heute wird Beschneidung vielleicht eher als Akt Zugehörigkeit empfunden. So wie sich Menschenopfer zum Tieropfer entwickelt hat.

    Ich sage ja nicht, dass meine These die Wahrheit darstellt. Ich glaube aber, dass es ebenfalls viel zu einfach wäre das ganze nun auf das ursprüngliche Menschenopfer zu reduzieren, oder was denkst du?

  16. Ich fände es besser, nicht von Kulturkreisen zu reden. Tatsächlich wurde der Begriff erst durch Huntington salonfähig gemacht.

    “Hierzulande wird es als Verstümmelung angesehen”. Nein, wird es nicht. Das würde bedeuten, dass es eine herrschende Meinung sei, diese kann nicht finden. Es würde auch bedeuten, dass eine Operation in Folge einer medizinischer Indikation eine Verstümmelung wäre. Das Ergebnis ist ja nun das Gleiche.

    Frage 3 habe ich nicht verstanden.

  17. “”…Religionsgeschichtlich gesehen hat die Jüdische Religion damit das Menschenopfer abgeschafft und durch ein pars-pro-toto-Opfer, die Beschneidung, ersetzt.[22] ”

    Ich denke, dass das Gunnar Heinsohn erklären muss. Aus dessen Buch, auf das in der Wikipedia verwiesen wird, scheint diese Theorie zu stammen. Heinsohn war Prof für Soz-Päd. Er hat recht viel studiert und zu verschiedenen Themen gearbeitet, aber Religionsgeschichte oder Semitistik oder Altorientalistik gehören nicht dazu.
    Vielleicht nicht alles kritiklos als Wahrheit ansehen, was in der Wikipedia steht. Ich denke, dass man das gründlicher recherchieren sollte und sich nicht mit Heinsohn als einzige Quelle zufrieden geben sollte.

  18. Patrick Breitenbach

    Das mag korrekt sein und dennoch gibt es die empfundene Unterscheidung zwischen Religion (als Glaubensform) und Nicht-Religion (Als Nicht-Glauben oder Atheismus).

  19. Patrick Breitenbach

    Es ist sicherlich nicht nur ein Zugehörigkeitsritual, aber es hat sehr wohl etwas mit Zugehörigkeit (Identität) zu tun. Der Bund zu Gott ist eine Zugehörigkeit zu Gott und allen die diesem Bund ebenfalls eingegangen sind. Vielleicht nicht das entscheidende Ritual zur Religionszugehörigkeit (was ja auch Spielraum lässt in Zukunft anders damit umzugehen) aber ein Ritual mit großem Anteil an Zugehörigkeitsgefühl.

  20. Patrick Breitenbach

    Selbst wenn Heinsohn Recht hat (auch bei ihm gilt natürlich der Storyaspekt), beinhaltet das Menschenopfer immer noch im Kern den Ausdruck einer Zugehörigkeit. Sollte Menschenopfer Teil der Gemeinschaft gewesen sein, so war dessen Weigerung das Risiko eines Ausschlusses aus der Gemeinschaft. “Wie? Ich opfere meinen Sohn und mein Nachbar nicht?” 

    Mir ging es mit der “Zugehörigkeit” auch nicht darum Beschneidung zu legitimieren, sondern um veranschaulichen, dass mehr dahinter steckt als ein Akt von dummen, barbarischen Menschen, die einfach nur damit Aufhören müssen, weil es für die “aufgeklärten” Gegner keinerlei tiefere Bedeutung hat.

    Die Debatte zeigt ein Dilemma auf, das sollte allen bewusst werden. Damit wäre schon viel erreicht. Denn dann könnte es ans demokratische Aushandeln gehen, denn das wäre der Moment, in dem man die Gegner nicht als minderwertig betrachtet und man endlich auf Augenhöhe diskutieren könnte.

  21. “So sagen es zumindest die Historiker”. Welche denn?

    Im Prinzip ist der ganze Satz mit der “Jüdischen Religon” etwas sehr hakelig. Spricht man von dieser Zeit, dann redet man von der israelitischen Religion. Die jüdische Religion ist mitnichten älter als das Beschneidungsritual, denn Religionsstifter ist Moses und Gründer Esra.

    Ich möchte auch mal davor warnen, die Erzählungen der israelitischen Heilsgeschichte des Tanach / AT als reales Geschichtsbuch zu betrachten. Außerhalb des Tanach gibt es keine Beweise für die Existenz Abrahams. Im Rahmen dieser Diskussion kann also null faktisches abgeleitet werden. Da es keine historischen Beweise gibt, sagen auch “die Historiker” natürlich nichts dazu. 

  22. Pingback: Soziopod #017: Das Beschneidungsdilemma | SozioPod

  23. Pingback: Glanzlichter 98: Gulasch, Briefmarken und Robotersex « … Kaffee bei mir?

  24. Leider war Hitler so naiv und glaubte, er könne alle (!) „Juden“ erwischen und „vergasen“. Stattdessen hätte er sie lieber „umerziehen“ sollen durch ein Verbot der Beschneidung (dem wichtigsten „jüdischen“ Ritual!) über Generationen hinweg und durch Zerstörung der „jüdischen“ Illusion, es gäbe so etwas wie „die Juden“ (oder „die Deutschen“, „unser Volk“, etc.).
    Aber leider war Hitler ziemlich dumm (mit einem EQ > 150, aber leider IQ „Christen“ > „Muslime“ > „Sikhs“) ewig weiter… 

Leave a Reply


You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>