Kampf der Ideologien – (M)Eine kulturelle Interpretation der Beschneidungsdebatte

Das ist mein Bund zwischen mir und euch samt deinen Nachkommen, den ihr halten sollt: Alles, was männlich ist unter euch, muss beschnitten werden. Am Fleisch eurer Vorhaut müsst ihr euch beschneiden lassen […] Alle männlichen Kinder bei euch müssen, sobald sie acht Tage alt sind, beschnitten werden.

Gen 17,10–14

Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.
(…)
Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

Art 2,2 und 4,2 GG

Mit den zwei Zitatquellen ist eigentlich schon alles gesagt, denn sie zeigen das enorme Spannungsfeld auf, indem sich die derzeitige Debatte rund um die Zirkumzision (Beschneidung) befindet. Es gibt unterschiedliche Akteure auf dem Spielfeld, die zum Teil sehr nachvollziehbare, aber wie ich finde stets sehr ideologisch gefärbte Interessen vertreten. Schauen wir uns das mal genauer an:

1. Die Beschneidungsbefürworter
Ich möchte mich an der Stelle auf den jüdischen Glaubensgrundsatz und deren Argumentation konzentrieren. Das Judentum beruft sich auf ihre heilige Schrift, sozusagen ihrem kulturellen Regelbuch, in der nur dann Männer wirklich zur jüdischen Gemeinschaft dazugehören, wenn sie den Bund mit Gott eingehen, symbolisiert durch das Ritual der Beschneidung. Oder anders formuliert: Wer sich als Sohn einer jüdischen Mutter nicht beschneiden lässt, ist auch kein Jude.

Das ist nicht nur einfach eine uralte Tradition, die memetisch von Generation zu Generation weitergetragen wurde, das ist – ob man das sinnvoll findet oder nicht – eine Identitätsfrage. Da dieses Ritual also voll und ganz auf das Urbedürfnis nach Zugehörigkeit einzahlt, nimmt man den Menschen bei einem Verbot des Rituals auch dessen dadurch manifestierten Ausdruck von Zugehörigkeit. Oder anders formuliert: Mit dem Verbot der Beschneidung, spreche ich Juden das Recht ab, Jude zu sein. Das Christentum hat dabei großes Glück, dass das Bewässern von Köpfen, also die Taufe, weniger traumatisch erscheint als die Beschneidung.

Und noch etwas kommt hinzu, auch wenn das in der Debatte immer ganz gerne versucht wird rational auszublenden: Die jüdische Identität wurde im Laufe der Geschichte immer wieder massiv bedroht. Immer wieder hat man versucht die jüdische Identität indirekt oder ganz direkt auszulöschen. Wen wundert also die Empörung, wenn ein Land, das in der Vergangenheit auf Grundlage von staatlich formulierten Gesetzen, die Identität der Juden auslöschen wollte und nun erneut versucht massiv in die Identität der Juden einzugreifen? Der Vergleich mag rational nicht stimmen und ich möchte den Gegnern der Beschneidung auch keinen pauschalen Antisemitismus vorwerfen, aber es ist doch wohl wirklich nachvollziehbar, welche Emotionen das bei den Betroffenen auslöst. Für die Gegner der Bescheidung ist das Grundgesetz die Grundlage ihrer Identität, für die Juden ist es der Bund mit Gott, symbolisiert durch den Akt der Beschneidung. Welche Identität ist nun legitim?

2. Die Beschneidungsgegner
Die Gegner des Beschneidungsrituals stützen ihre Argumentation in erster Linie auf das gegenwärtig geltende deutsche Grundgesetz, wobei sie das Recht auf körperliche Unversehrtheit über das Recht auf freie Ausübung der Religion stellen (müssen). Sie argumentieren weiterhin, dass Kinder besonders geschützt werden müssen und vor einer angeblich traumatischen Erfahrung bewahrt werden müssen. Gleichzeitig werden medizinische Folgen der Beschneidung als Argumentationsgrundlage herangezogen, wobei es in diesem Bereich kein eindeutiges medizinisches Wissen gibt, denn es gibt Gründe dafür und dagegen.

Es ist dabei sehr schön erkennbar, wie man versucht die eigene Ideologie “Wissenschaft” als ultimative Wahrheit gegen die angeblich überholte und unwahre Ideologie “Religion” auszuspielen. Am Ende bleibt es aber nur ein Kampf der Geschichten. Denn während die Beschneidung bei Vorhautverengung, der sogenannten Phimose, völlig legitim ist und zum Teil von Ärzten bei besonderer Ausprägung empfohlen wird, ist die rituelle Beschneidung plötzlich ein Akt der Körperverletzung. Die Wissenschaft liefert also ebenfalls keine klaren und eindeutigen Regelungen, sondern ist wie bei allen Ideen und Thesen auf Interpretation und Glaube angewiesen.

Interessant finde ich bei den Gegnern der Beschneidung, dass sie immer wieder das Grundgesetz, sozusagen ihre heilige Schrift, zu Rate ziehen, die sie über die uralten Texte der Religion stellen. Sie behandeln es als sei das Grundgesetz eine Art Naturgesetz, von einer übermenschlichen Macht fehlerfrei geschrieben mit Anspruch auf Unveränderlichkeit und absoluter Wahrheit. Doch das ist die falsche Voraussetzung. Denn natürlich hat auch das Grundgesetz ein Recht auf Veränderung und Reform.

Während die eine Seite also auf “nicht mehr zeitgemäß” plädiert, argumentiert die andere Seite mit dem uralten Wissen, beide argumentieren aber mit ihrer Wahrheit. Ein gar wunderliches Aneinandervorbeireden und es entsteht sofort die kommunikative Situation der Über- und Unterlegenheit, die ich als Fan von Karl Popper als extrem beunruhigend empfinde. Popper warnte stets vor den falschen Propheten, also denjenigen, die meinen die ultimative Wahrheit gefunden zu haben und somit anderen Menschen vorschreiben können, wie sie zu leben haben und damit meinte er in erster Linie nicht nur die religiösen, sondern eben auch die Wahrheitsverfechter in seiner eigenen Gemeinschaft, also die der Wissenschaft.

Ja, die Argumente sind auf beiden Seiten nachvollziehbar, sie haben aber sicherlich keinen Anspruch auf absolute Wahrheit. Die Debatte bewegt sich also wie immer in der Kommunikation auf unterschiedlichen Ebenen, der Inhalts- und der Beziehungsebene. Was ich aber an solchen Debatten immer problematisch finde ist die Art und Weise wie sie zum Teil geführt werden, also mit einer Überhöhung des eigenen Daseins: Wir wissen es schließlich besser, wir sind klüger, weiser und reifer und ihr seid die Babaren oder die verlorenen Ungläubigen. Solch eine Tonalität von Debatten hat noch nie zu etwas sinnvollem geführt.

Es tut mir leid, ich kann mich einfach nicht eindeutig für eine der beiden Seiten entscheiden. Muss ich das überhaupt? Im Zweifel “let’s agree to differ” oder “leben und leben lassen”.

11 comments Write a comment

  1. Ich hab das Problem, dass die Selbstbestimmung der Kinder fehlt. Daher auch die Kinder “leben lassen” und selbst entscheiden lassen.

    Und Beschneidungen können zu Problemen bei der Sexualität führen, ich kenns von mir.

  2. Die Selbstbestimmtheit der Kinder ist beim christlichen Ritus der Taufe aber in der Regel nun auch nicht gerade gegeben.

    Insofern: Sicherlich muss man jetzt eine Regelung finden um die verunsicherten Eltern abzuholen oder zumindest zu beruhigen – aber ansonsten entscheidet das wohl jeder für sich.

    Interessanterweise war die Beschneidung aber ja schon im frühen Christentum ein Punkt für Diskussionen. :)
    Ad Astra

  3. Patrick Breitenbach

    Je nachdem wie argumentiert wird. Beruft man sich auf Körperverletzung oder Religionsfreiheit. Bei letzterem wäre es nur all zu konsequent auch die Taufe unter 18 zu verbieten, ja.

  4. Natürlich wird so eine Debatte vor einem kulturellen Hintergrund geführt, vor dem es keine absolute Wahrheit geben kann. Trotzdem: Bei Beschneidungen von Frauen fällt die Parteinahme wesentlich eindeutiger aus, Religionsfreiheit oder kulturelle Traditionen hin oder her. Natürlich, das Ausmaß der Verstümmelung und die körperlichen Einschränkungen sind erheblich höher. Aber damit wird auch deutlich, wie sehr die Analogie von Beschneidung vs. Taufe bzw. körperlicher Unversehrtheit vs. Religionsfreiheit hinkt. Mit einer Taufe werden keine unumkehrbaren Fakten geschaffen. In meinen Augen lässt sich die Frage leicht daran beantworten, dass als Minimalkonsens des Zusammenlebens in Deutschland nun einmal das Grundgesetz gilt und nicht religiöse Gesetze oder Traditionen (auch nicht die des Christentums), die konsequent zu Ende gedacht auch Gewalt bis hin zu Mord und Menschenopfer rechtfertigen könnten. Deswegen hat das in meinen Augen nichts mit “Naturgesetz” zu tun, sondern mit sozialem Pragmatismus, obwohl die besagten Artikel tatsächlich der “Ewigkeitsklausel” unterliegen und damit einen absoluten Anspruch haben.

  5. Ich denke, dass eben dies am Ende das Problem ist: Let’s agree to differ ist ein unerlaubter Umweg. Wenn ich all die rechte als freier Bürger in Anspruch nehme, die wir nun mal alle mit einander in Anspruch nehmen, muss ich auch bereit sein, mich im Interesse der (gemeinsamen) Sache, festzulegen und zu entscheiden. Auf Dauer dürfte uns diese Indifferenz weit mehr Schwierigkeiten machen als eine der beiden extremen Positionen. Das Demokratie-Projekt braucht auch Fürsprecher und Verteidiger, alles Andere spielt den Gegnern der Demokratie in die Hände.
    Ich habe mich für das Toleranzgebot entschieden und hoffe, dass ich es durchhalten kann.
    Ansonsten: Ich lese hier gern. Gute Zeit!

  6. Patrick Breitenbach

    Ein langfristiges “let’s agree to differ” ist sicherlich nicht unbedingt möglich, aber Kulturen sind ja zum Glück fließend. Was ich sicherlich weder für demokratisch noch für integrativ halte ist das gesetzliche Verbot von Beschneidung von heute auf morgen einzuführen und damit ganze Kulturen zu kriminalisieren. Ja, der Diskurs ist extrem wichtig und richtig, aber hier sollte man sich gegenseitig erst einmal kennenlernen und diskutieren, bevor man meint man hätte urplötzlich das Recht die Beschneidung (wie gesagt, seit Bestehen des Grundgesetzes hat niemand versucht das in Frage zu stellen) als kriminell zu betrachten.

    Die Frage bei mir ist immer: Wie wirkt das auf die Betroffenen?

    Und grundsätzlich müssen wir in Deutschland ganz dringend mal eine konkrete Fragestellung angehen: Wollen wir in Zukunft eine isolierende oder eine integrierende Kultur sein?

    Diese Debatte hat mich wirklich zum Teil erschrocken. Ich fürchte es sind einige Menschen, die angeblich fest auf dem Boden des Grundgesetzes stehen, sich aber nicht im Klaren was sie da gleichzeitig mit Füßen treten. Nämlich die Würde und Identität von anderen Kulturen von heute auf morgen in Frage zu stellen. 

  7. Pingback: Aufeinanderprallende Ideologien – die Zweite | Karlshochschule International University

  8. Aber sorry, Integration kann ja nicht heißen, dass man mir nichts dir nichts ein paar Grundrechte preisgibt, weil sie in anderen Kulturen anders priorisiert werden. Die Beschneidungsdebatte ist als juristische Debatte aufgekommen und nicht als integrationspolitische. Insofern hat das in meinen Augen erstmal wenig mit Würde und Integrität von Kulturen zu tun. Denn die geltenden juristischen Grundsätze können nicht zur Disposition gestellt werden, um eine gelingende Integration zu ermöglichen. Und was die juristische Beurteilung angeht, herrscht Einigkeit, dass das Landgericht Köln korrekt entschieden hat. Man stellt somit nichts von heute auf morgen in Frage, sondern hat einmal am konkreten Fall geklärt, dass das deutsche Recht die Beschneidung an nicht einwilligungsfähigen Jungen trotz Einwilligung der Sorgeberechtigten verbietet. Dazu muss gar kein Verbot erlassen werden, es besteht längst, wurde bislang nur nicht gerichtlich klar gestellt.

  9. Pingback: Soziopod #017: Das Beschneidungsdilemma | SozioPod

  10. Sehr guter Artikel. Es fehlt lediglich der plakative Vergleich, dass im Christentum die Beschneidung durch die Taufe abgelöst wurde.

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