Das fatale Homo Oeconomicus Narrativ in der Eurokrise

Deutschland ist ja unter anderem für seine akkurate Normierungswut bekannt. So bekommt jedes anständige Objekt im alltäglichen Gebrauch auch eine anständige DIN-Norm zugewiesen. Am bekanntesten und gebräuchlichsten dürften die DIN-Normen für Papiergrößen sein, oder die für Türen oder Fensterrahmen. Das reduziert die Komplexität immens, jedoch auch immer auf Kosten von Vielfalt und Innovationsmöglichkeiten. Was ich persönlich jedoch äußerst befremdlich finde ist die DIN-Normierung für Menschen, beispielsweise die DIN EN ISO 8402, in der Menschen als “Kunden” definiert werden, bzw. als

Empfänger eines vom Lieferanten bereitgestellten Produkts

Komisch, dabei gibt es doch kaum ein menschlicheres Verhalten als der Handel und Tausch von Waren und Dienstleistungen oder gibt es Tiere, die sich auf einem Marktplatz zusammenfinden um sich gegenseitig mit Waren oder Dienste zu versorgen? (Bitte Bescheid geben, wenn es solche Tieren doch gibt – würde mich brennend interessieren).

Diese Abstraktion des Menschen, ihn also auf ein normiertes, berechenbares, zahlen- und wortkonstruiertes “Ding” zu reduzieren, ist wohl dem Modell des “Homo Oeconomicus” geschuldet, ein Modell, das sich seit dessen Entstehung und Etablierung im frühen 20. Jahrhundert bis heute in den Lehrbüchern der Wirtschaftswissenschaft hartnäckig gehalten hat. Prof. Dr. Michael Zerr, Präsident unserer Karlshochschule, hat das Modell sehr einleuchtend erklärt:

Jetzt könnte man sagen, ja gut, aber es ist doch nur irgend so ein wissenschaftliches Modell – was solls? Das fatale an vereinfachenden Modellen wie diesem, ist die übergroße Akzeptanz bei ihren Anwendern und damit auch die enorme Beeinflussung auf ihr gegenwärtiges und zukünftiges Handeln – oder noch einfacher ausgedrückt: Je mehr mir ein Modell Sicherheit, Vereinfachung und Lösung verspricht, desto eher werde ich dazu tendieren es zu benutzen und mich darauf verlassen, also es nicht mehr hinterfragen.

“Das war schon immer so!”

Nun wissen wir aus der Historie, dass es bereits viele tolle Denk-Modelle gab, die uns Menschen versprachen unser all zu komplexes und schwerfälliges Leben zu vereinfachen. Einige davon hatten dramatische Folgen. Man blicke z.B. auf das Modell der Rassentheorie, die über Jahrhunderte hinweg bis heute unser alltägliches Miteinander, unsere Kultur und unsere Sprache beeinflusst. Hierzu gibt es übrigens eine tolle Episode des ARTE-Formats “Offene Karten”, die über das Modell der Rassenlehre wunderbar aufgeklärt:

Doch zurück zum bisherigen Lieblingsmodell des wirtschaftswissenschaftlichen Mainstreams. Die Auswirkungen, die so ein Modell haben kann, erleben wir derzeit hautnah. Die Finanzkrise, die Eurokrise, die Bankenkrise – all das sind vor allem Krisen, die durch das vermittelte entmenschlichte Modell des “Homo Oeconomicus” ins Schlingern geraten ist. Warum? Weil wir nicht mehr von Menschen ausgehen sondern von Kunden, von DIN-Normierten Kennzahlen, die abstrahiert in BIP und BNE abgebildet werden und den Anschein erwecken, als sei das die wirkliche, objektive Welt in der wir Leben.

Wenn wir davon ausgehen, dass “Vertrauen”, die wichtigste Währung im weltwirtschaftlichen Gefüge ist, dann sollten wir uns langsam auch mal der Tatsache stellen, dass es einen Faktor wie “Vertrauen” in mathematischen Modellen nicht gibt. Vertrauen ist mathematisch nicht formulierbar. Und vor allem hat Vertrauen im Modell des “Homo Oeconomicus” keinen erkennbaren, zugewiesenen Platz erhalten.

Der Kunde, ursprünglich “der Kundige”, aber auch der Vertraute (“chundo”), also jemand mit dem man bereits eine Handelsbeziehung eingegangen ist, wird durch dieses vereinfachte Modell zum reinen Empfänger, zum Verbraucher, zum Klickvieh degradiert. Dabei ist der Handel im ursprünglichen Sinne auch immer eine Kommunikation und diese wiederum zeichnet sich – laut Watzlawick – durch eine Inhalts- und eine Beziehungsebene aus. Das Modell des Homo Oeconomicus blendet jedoch die Beziehungsebene im Handel komplett aus. Kein Wunder also wenn die Kommunikationsvariante “Wirtschaft” so in Schieflage geraten ist.

Was passiert denn gerade in der Weltwirtschaft und der damit verbundenen öffentlichen Aufmerksamkeit? Vielfältige Menschengruppen (Staaten) werden schon gar nicht mehr als Kunden betrachtet, sondern weitaus schlimmer, als reine Bittsteller stilisiert. Griechenland, Spanien sind längst in der öffentlichen Debatte keine kulturell vielfältigen, menschlichen Gemeinschaften mehr, sondern ein vereinfachtes, normiertes Konstrukt, das momentan nur anhand seiner geleisteten Bilanz (also mathematische Formeln) gemessen wird. Alle anderen kulturellen Leistungen wie Bildung, Kreativität, Innovationspotenzial, Empathie, emotionale Intelligenz oder Gemeinsinn werden in der Öffentlichkeit momentan komplett ausgeblendet.

Bereits jetzt werden Sündenböcke medial zur Schlachtbank geführt und unsere europäischen Schwestern und Brüder werden unerträglich nationalistisch diffamiert, oder wie Rudi-Marek Dutschke im Handelsblatt so exzellent formulierte:

Hierzulande wird uns ständig gesagt, insbesondere von der Bild-Zeitung, dass die Menschen in Griechenland, Irland, Spanien, Italien und Portugal nicht genug arbeiten, zu viel Geld ausgeben und deshalb selbst an ihrer verzweifelten Lage schuld sind. Die sollen erstmal lernen, richtig zu arbeiten und ordentlich zu sparen. Diese Narrative ist unverantwortlich und schlichtweg falsch. Nebenbei bedient sie gängige Klischees über faule Südeuropäer, die nur in der Sonne liegen.

Es geht gerade also nur darum, wer wem etwas schuldet und wer für wen etwas bezahlen muss. Gerade die Eurokrise zeigt sehr deutlich, wie kurzsichtig wir Deutschen durch das Modell des “Homo Oeconomicus” geworden sind. Wir nehmen an, dass wir vom Bruch mit den anderen Euroländern profitieren würden, dabei haben wir in den letzten Jahren mit Abstand am meisten vom Euro profitiert. Wir tun so als sei unser Land besser, nur weil wir in der Lage sind eine bessere Wirtschaftsbilanz durch höhere Exporte vorzulegen.

Eine gefährliche nationalistische Tendenz, die sich über fadenscheinige wirtschaftliche Vernunft wieder durch die Hintertür schleicht. Wenn der Euro scheitern sollte, so werden wir eine Renaissance des Nationalismus erleben, von dem wir uns lange nicht mehr erholen werden, denn natürlich wird die Aufkündigung einer europäischen Währungsgemeinschaft auch wirtschaftliche Konsequenzen haben. Wir tun so als sei alles paletti, wenn wir die D-Mark wieder einführen. Doch keiner weiß, was wirklich passieren wird, gerade weil der Mensch und der Markt (als Summe von vielen Menschen) eben nicht berechenbar ist. Ziemlich berechenbar dürfte jedoch das Scheitern der europäischen Idee sein, sobald der Euro zerbricht. Denn bricht der Euro bricht auch das Vertrauen mit der Eurozone, egal ob Gemeinschaft oder separierte Nationen darin.

Das wirtschaftlich gefährliche an dieser medialen Vereinfachung ist die konsequente Fortführung des Vertrauensbruches. Investoren mißtrauen dem griechischen Staat und investieren kein Geld mehr, das führt dazu, dass Medien diese Staaten als kreditunwürdig hinstellen, was wiederum dazu führt, dass das Vertrauen bei Investoren weiter sinkt und man noch weniger bereit ist darin sein Geld zu investieren und so weiter und so fort.

Na? Geht da ein Licht auf? Genau, unberechenbares, menschliches Vertrauen ist der Dreh- und Angelpunkt des Weltwirtschaftssystems. In der Eurokrise gibt es derzeit nur zwei grundlegende kulturelle Interessen, die kaum sichtbar gemacht werden, aber im Grunde alles beeinflussen: Wollen wir zurück zu den kleinen Nationen oder gehen wir den mutigen Schritt zu einer kulturellen europäischen Gemeinschaft? Wir müssen uns jetzt dringend entscheiden. Das Zwitterwesen wird so nicht mehr länger existieren können.

Wenn wir jedoch Europa wollen, dann müssen wir aber auch alles dafür tun, dass wir das Vertrauen und die Zuversicht in Europa massiv verbreiten. Wir müssen neue Narrative entwickeln und enger zusammenrücken, aber vor allem sollten wir dringend damit aufhören uns gegenseitig unsere Schulden hochzurechnen. Ein Europa – bedeutet ein Topf – bedeutet eine Verantwortung.

Wenn wir allerdings zurück zur kleindenkenden Nation wollen, dann muss uns aber auch klar sein, welche Konsequenzen das in der heutigen Welt haben könnte. Es wäre ein katastrophaler Rückschritt – kulturell wie wirtschaftlich. Es wäre ein Vertrauensbruch innerhalb Europas. Neider würden permanent auf Gängler treffen. Es wäre das radikale Ausklinken aus einem Prozess, der die Welt gerade ein wenig zusammenwachsen lässt, damit sie mit den großen Herausforderungen der Zukunft annähernd klarkommt.

Das Ende von der europäischen Vision wäre der Beginn eines düsteren Zeitalters der Zwietracht, eine Periode des Misstrauens – also meiner Ansicht nach eine weniger gute Ausgangslage um in Zukunft gute Geschäfte zu machen, oder?

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