Netzkultur Basics I: Ein kleines bloggendes Mädchen und der Streisand-Effekt
Autor: Patrick Breitenbach am 15.06.2012Es gibt neben dem kommunikativen Phänomen des Shitstorms eine interessante Begleiterscheinung, die ähnliche Mechanismen aufweist, genannt: Der Streisand-Effekt.
Für diesen Effekt gibt es nun ein aktuelles und anschauliches Fallbeispiel:
Ein 9-jähriges Mädchen bloggt über das Essen in ihrer Schule und erstellt davon Fotos. Gleichzeitig bekommt sie von anderen Lesern aus verschiedenen Ländern Fotos von deren Schulmahlzeiten. Als Besucher des Blogs erkennt man im Vergleich der Fotos sehr schnell, das Essen in der Schule der Blogbesitzerin schneidet verdammt armselig ab. Das Blog rückte dann sehr schnell in die mediale Aufmerksamkeit und bekam sogar die Unterstützung eines englischen Promi-Kochs. Dieser Umstand wiederum mißfiel der Schulbehöre des betroffenen Bezirks und so entschloss man sich dem kleinen Mädchen in Zukunft einfach den Mund und damit das Bloggen zu verbieten. Das Mädchen schreibt traurig ihren letzten Blogeintrag.
Und genau an diesem Punkt setzt nun der berühmte Streisand-Effekt ein, der seinen Ursprung in einer Geschichte rund um unfreiwillige Namensgeberin Barbara Streisand hat. Diese Dame nämlich wollte ebenfalls für sie unangenehme Informationen im Web unter Androhung von millionenschwerem Schadensersatz gelöscht wissen. Sie forderte einen Webseitenbetreiber auf, der unwissentlich im Zuge eines Fotoprojektes eine Luftaufnahme ihres Hauses in seinem Portfolio hatte, zu löschen. Durch diese prominente Aufforderung wurde das bis dato bei den Menschen völlig unbekannte Bild erst richtig populär. Eine Löschung war dann schon zwecklos, denn das Bild verbreitete sich rasend schnell im Internet und wurde somit zigfach gespiegelt.
Folgende Kriterien liegen also bei einem Streisand-Effekt vor:
1. Eine oft belanglose Publikation wird durch eine prominente/behördliche/bekannte Institution aufgefordert Informationen zu löschen oder zu verändern.
2. Die darauf eventuell entstehende Protestwelle, zum Teil auch resultierend aus dem David-/Goliath Gefühl, führt dazu, dass die unliebsamen, vorher eher unscheinbaren Information noch gewichtiger werden und erst recht in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken.
3. Zu entfernendes Material wird umgehend von der Internet-Community per “mirror” (Spiegelung) auf vielen verschiedenen Websites gesichert und wieder zugänglich gemacht.
Der Streisand-Effekt ist ein wunderbares Beispiel für den oft zitierten Kontrollverlust im öffentlichen, digitalen Raum. Einmal veröffentlichte Informationen sind also unmöglich wieder zu entfernen. Je brisanter die Information, desto unwahrscheinlicher ist eine Eindämmung des Effekts.
Update:
Inzwischen wurde das Blog-Verbot, resultierend aus den zahlreichen Protesten, von offizieller Seite wieder aufgehoben. Es ist schon interessant, welche unmittelbaren Auswirkungen so eine Kommunikationswelle auf wichtige politische Instanzen hat. Das ist auch ein schönes Beispiel für den beschleunigten Demokratisierungsprozess durch die Netzkultur.
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http://www.1337core.de/ Alexander Fuchs
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