Urheberrecht: Raus aus der Problemtrance!

Vorab ein bißchen Werbung: Wer mehr unaufgeregtes, verständliches, ausgewogenes, soziokulturelles über die komplexe Urheberrechtsthematik erfahren möchte, der sollte unbedingt in diesen Podcast reinhören. In dem fast zweistündigen Gespräch mit Philippe Rixhon habe ich persönlich jedenfalls mehr über die aktuelle Lage und die Verzwicktheit der Urheberrechtsdebatte erfahren als aus den bisher dazu gelesenen Beiträgen. Der Großteil des folgenden Beitrages entstammt aus den geäußerten Gedanken in diesem Podcast. Danke dafür an Philippe Rixhon.

Des Pudels Kern im derzeitigen Urheberrechtskonflikt – der eher einer Problem-Trance gleicht, als einer erfolgreichen Suche nach Lösungen – wird im Artikel 27 der allgemeinen UNO Menschenrechtserklärung bereits seit 1948 wunderbar formuliert:

1. Jede Person hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften teilzuhaben.

2. Jede Person hat das Recht auf Schutz der geistigen und materiellen Interessen, die ihr als Urheber von Werken der Wissenschaft, Literatur oder Kunst erwachsen.

Prägnanter kann man den derzeitig tobenden Konflikt rund um das Urheberrecht nicht beschreiben. Einerseits will man den Menschen einen maximalen Zugang zur Kultur ermöglichen – unabhängig von Status und Besitz – andererseits möchte man den Urhebern, also den Erschaffern von Kultur, maximalen Schutz und Entlohnung ihrer Arbeit ermöglichen.

Würden sich die Kontrahenten in der Urheberrechtsdebatte diesen Artikel aufmerksam durchlesen oder ihn gar so unterschreiben (die meisten Staaten haben das ja schon stellvertretend getan), so wären wir in der derzeitigen Debatte schon spürbar weiter. Wir müssten unsere Energie und Aufmerksamkeit nicht mehr für haarsträubende, polemische Kampagnen aller Akteure vergeuden, die uns mit ihren brutalen Kommunikationsideen und Manifesten dazu zwingen wollen endlich eine Position, nämlich die einzig richtige, einzunehmen und die gegenüberliegende Position fundamentalistisch zu verdammen. Nein, wir könnten unsere Zeit zur Abwechslung wesentlich sinnvoller nutzen und endlich an einen lösungsorientierten Prozess herangehen, so wie ihn beispielsweise Phillipe Rixhon und seine Kollegen vorschlagen.

Gerade durch die Konzentrierung auf das “Problem Internet” geraten manche Akteure in eine kreative Sackgasse. Es entsteht nämlich die Auffassung, man könne durch strikte Bestrafung, Beschimpfung und kriminelle Schubladisierung die Konsumenten dazu animieren Kultur doch endlich mehr wertzuschätzen, also monetär. Wer sich wie ich lange Jahre mit Werbung beschäftigt hat, kann darüber nur den Kopf schütteln. Denn die alte Regel im Marketing lautet: Kunden bestraft man nicht, Kunden belohnt man.

Deshalb findet man so seltsame Sachen wie Bonuspunkte, Rabatte und jede Menge positive Gefühle im Marketing-Mix einer jeden halbwegs professionellen Marke. Man bestraft den Kunden nicht indem man ihn beschimpft, man belohnt Kunden indem man möglichst verführerisch um sie wirbt. Genau da läuft gerade einiges in Sachen Verwertung schief.

Der Kunde wird für seinen Kauf derzeit nicht nur NICHT ausreichend belohnt, sondern mit allen Nicht-Kunden in den Topf mit dem Label “Raubkopierer” geworfen. Denn es gibt in den allermeisten Fällen weder DEN Raubkopierer noch DEN rechtschaffenden Kulturkäufer. Die Mehrzahl der Menschen sind Hybriden. Also Menschen, die sich bei Youtube und anderswo erst einmal ein Lied anhören, bevor sie es irgendwann mal kaufen – oder eben nicht. Oder Menschen, die auch ganz ohne das böse Internet keine Bücher oder CDs kaufen, weil ihnen Radio und Fernseher für ihr eigenes Kulturbedürfnis völlig ausreichen. Aber defacto werden all diese Mischlinge in einen Topf mit Kriminellen geworfen. Sie werden somit indirekt auch noch für ihren getätigten Konsum bestraft.

Der Durschnittskonsument hat mittlerweile sowieso das Gefühl, dass er nicht mehr als Genießer, Fan und Förderer von Kultur wahrgenommen wird, sondern als eingepferchte Cash-Cow, als “zahlender Verbraucher”, als Geld generierendes Klickvieh, dass trotz Ausgaben an die Kultur permanent ein schlechtes Gewissen haben muss, immer noch nicht genug für Kultur auszugeben. Würde man das in eine religiöses Gleichnis verpacken, so hätten wir das Szenario eines Gottes, der unersättlich nach Opfern verlangt und dabei immer noch die Menschen hart bestraft. Kein Wunder also, wenn sich so manche Diener plötzlich gegen den Herrn stellen.

Was also tun?

Zunächst einmal sollte man sich als betroffener Akteur aus der derzeitigen wutgeprägten Problem-Trance befreien. Das Internet ist eben nicht nur böse – und vor allem wird es nicht so schnell verschwinden. Genauso wenig ist kurzfristig eine gesetzliche Lösung des Problems zu erwarten und selbst ein strengeres Urheberrecht wird Konsumenten nicht dazu zwingen mehr Kultur zu kaufen. Eine Kopie, also Kunst aus der Konserve, hat eben auch sehr viel weniger Wert als beispielsweise ein originäres Live-Event, eine exklusive, einmalige Begegnung oder eine direkte Beziehung zum Künstler. Oder anders gesagt, das Album zum Konzert ist wieder wesentlich mehr wert als das Album ohne persönliche Begegnung. Das signierte Buch zur Lesung ist wertvoller, als ein e-Book zum gleichen Preis wie die Papierausgabe mit gleicher interaktiver Leistung. Es wird einfach an den falschen Stellrädern geschraubt. Man überlässt den Kampf ums Urheberrecht erst einmal den großen Rechenschiebern und Paragraphenreitern statt als kreative Macher neue Möglichkeiten der Erlöse auszuhecken.

Denn es gibt bereits boomende Marktsegmente in und um das Internet um Kultur besser zu verkaufen. Apps, sind nur ein kleiner Teil davon. Menschen sind also eher bereit ein paar Euros für irgendwelche schwachsinnigen Apps auszugeben, als für einen guten Song. Auch das sollten Kulturschaffende konstruktiv hinterfragen und sich Gedanken darüber machen, wie man das in Zukunft für sich nutzen kann. Doch das wird mit den großen Verlagen eher nicht geschehen, jedenfalls nicht mit solchen, die lieber Geld für Anwälte ausgeben um das Urheberrecht übers Knie zu brechen, anstatt für kreative Business Developer, die neue Erlösmodelle skizzieren.

Ich bin die moralische Debatte jedenfalls endgültig leid und werde von nun an keine Zeit mehr damit verschwenden. Ich finde es viel spannender und innvoller in diesen Zeiten neue Marketing- und Geschäftsmodelle für Kulturschaffende zu entwickeln und dadurch neue zahlungswillige Fans zu gewinnen und die damit verbundene Bereitschaft zur Unterstützung von Kulturschaffenden langfristig auszubauen. Man kann Menschen durch Gesetze vielleicht dazu zwingen Dinge zu unterlassen, man wird sie aber nicht dazu zwingen können mehr Geld für etwas auszugeben.

3 comments Write a comment

  1. Danke, Patrick, für diese Darstellung auf den Punkt! Insbesondere das Gleichnis mit dem Kunden, den man eben nicht bestraft, wenn man möchte, dass er wiederkommt, finde ich überaus passend. Jetzt muss ich nur noch irgendwo die knapp zwei Stunden Zeit finden, um den Podcast auch zu hören…

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