Informationsverarbeitung in Institutionen – ein Fallvergleich

In den letzten Tagen konnten wir an zwei Fällen beobachten, wie das Bekanntwerden latenter Probleme in unterschiedlichen Institutionen, spezielle in finanzmarktorientierten und politisch geprägt Unternehmen, verarbeitet wird. Im einen Fall hat die US-Bank JP Morgan nach derzeitigem Stand 2 Mrd. US-$ durch CDS-Spekulationen verloren, im anderen Fall der Flughafen Berlin Brandenburg seine Inbetriebnahme auf momentan unbestimmte Zeit verschoben.

Gemeinsam ist beiden Fällen, dass den Beteiligten (ich gehöre nicht dazu) die Probleme seit einiger Zeit bekannt waren. Im Fall JP Morgan wurden die Risiken und erste Verluste aus diesen Geschäften seit März diskutiert; mindestens der gleiche Zeitraum steht für Berlin Brandenburg im Raum. Gemeinsam ist beiden Fällen zudem, dass die Verantwortlichen in den Kontrollorgangen aktiv in der Politik und Öffentlichkeit stark engagiert sind, und deshalb mit Schadenfreude ihrer Gegner leben müssen. Gemeinsam ist beiden Unternehmen schließlich, dass sie ihr Problem voraussichtlich überleben werden. JP Morgan ist groß genug, um einen derartigen Schaden zu verkraften. Und auch der Flughafen Berlin Brandenburg wird irgendwann in Betrieb gehen, trotz gegenteiliger Forderungen in der FAZ.

Neben den Gemeinsamkeiten gibt es aber auch markante Unterschiede:
Unterschiedlich ist die Art, wie der finanzielle Schaden beziffert wird. Bei JP Morgan bewirkte der publik gewordene direkte Schaden von 2 Mrd. US-$ und die daran anschließende, eher unscheinbare Bonitätsherabstufung von AA- auf A+ durch die Ratingagentur Fitch einen Rückgang der Marktkapitalisierung um 9,3 Prozent bzw. 15 Mrd. US-$ innerhalb eines Tages: ein schneller und deutlicher Ausdruck des Vertrauensverlustes, denen bereits Kursverluste in ähnlicher Höhe seit dem allmählichen Bekanntwerden der Probleme Ende März vorausgingen. Ohne es quantitativ überprüft zu haben, scheint dies Ausdruck zumindest einer mittelstarken Markteffizienz zu sein. Für den finanziellen Schaden durch die Verschiebung des Flughafens Berlin Brandenburg sind mir keine Schätzungen bekannt.

Unterschiedlich sind die direkten finanziellen Konsequenzen für die Beteiligten: Private und institutionelle Aktionäre von JP Morgan sowie die hinter letzteren stehenden Investoren, Sparer, Pensionsfonds oder Versicherungsnehmer haben Vermögensverluste erlitten. Diese mögen im Einzelfall schmerzhaft sein, gehören aber zum Risiko von Investitionen in Aktien. Den verantwortlichen Mitarbeitern von JP Morgan droht der Verlust des Arbeitsplatzes, der Abteilung die Schließung, dem CEO vermutlich ein beträchtlicher Bonusrückgang, evtl. auch die Ablösung (dann aber vermutlich gegen eine beträchtliche Abfindung). Beim Flughafen Berlin Brandenburg sind mir – abgesehen von der bereits erwähnten Häme – keine personellen Konsequenzen für die Verantwortlichen bekannt. Lediglich die Fluggesellschaften, die Inhaber der geplanten Läden, deren (potenzielle) Mitarbeiter und andere Dritte (auch bis zu eine Million Passagiere) haben den Schaden. Offen ist, ob sie ihn geltend machen und durchsetzen können.

Unterschiedlich sind die zu erwartenden organisatorischen Konsequenzen für die beiden Unternehmen. Der verantwortlichen Abteilung von JP Morgan in London droht die Schließung. Vor einigen Jahren abgeschaffte interne Regelungen des Risikomanagements werden – zumindest in ähnlicher Form – vermutlich wieder eingeführt. Für die Führungsorgane wird eine Aufspaltung der bisherigen Personalunion von Vorstandsvorsitz und Verwaltungsratsvorsitz gefordert. Beim Flughafen Berlin Brandenburg sind mir noch keine organisatorischen Konsequenzen bekannt – weder hinsichtlich der operativen Abläufe noch hinsichtlich der Aufsichtsorgane.

Unterschiedlich sind schließlich die zu erwartenden langfristigen Konsequenzen für die betroffenen Institutionen: Während für Finanzmärkte wieder verstärkte Kontrollen diskutiert werden, bleibt für die Steuerung politisch kontrollierter Großprojekte wenig Hoffnung auf Besserung. Im Vergleich zu den andernorts erkämpften Informations- und Beteiligungsformen (Stuttgart 21) sind sogar eher Rückschritte zu konstatieren.
Was lernen wir aus diesen Fällen darüber, wie (Finanz-)Märkte funktionieren, und die Politik?

3 comments Write a comment

  1. Es scheint mir, dass – in Anlehnung an Nassim Taleb – Finanzmärkte durchaus antifragiler sind als manch` andere Bereiche unserer Gesellschaft. So ärgerlich die 2 Mrd. für JP Morgan auch sind, als “kleiner Waldbrand” könnten sie durchaus einen “rießigen Flächenwaldbrand” verhindern helfen.

  2. Ohne Zweifel hat der Markt in der Regel die beste “Regelungskompetenz” (man mag es auch Reformfähigkeit oder gar Selbstheilung nennen), aber das erlaubt nicht zwingend den Rückschluss, dass der Markt immer und überall die beste Lösung ist – was weniger am Prinzip des Marktes selbst, als in Verwerfungen in Bezug auf Marktmacht zu suchen wäre. Dass Politik als auf sich allein gestellte Kontroll- bzw. Regelungsinstanz funktionieren kann, bezweifle ich auch zunehmend. Tomas Sedlacek vergleicht das so schön mit dem Ring aus “Herr der Ringe”: http://www.thersa.org/events/video/vision-videos/tomas-sedlacek – eine Metapher, die man sicher auch auf andere Politikfelder übertragen kann. 

  3. Um es etwas plakativer zur formulieren: Der Markt sind wie ein kleines Kind. Wenn möglich muss man ihm Freiraum geben, damit er sich prächtig entwickeln kann. Hin und wieder muss man ihm aber die Grenzen aufzeigen. Vor allem dann, wenn es sich selbst gefährdet.

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