Gehet hin und beflauscht euch! – Warum wir eine neue Haltung brauchen

Verunreinige Treppenhäuser, Korridore, Kleiderschränke oder Wandbehänge nicht mit Urin oder anderem Schmutz. Erleichtere dich nicht vor Damen oder vor den Türen oder Fenstern der Kammern bei Hofe. (…) Wenn dir auf dem Bettlaken etwas Abstoßendes begegnet, wende dich nicht an deinen Bettgenossen, um es ihm zu zeigen, und halte das stinkende Ding nicht in die Höhe, damit der andere es riecht und sagt: “Ich wüsste gern, wie sehr das Stinkt.”

Erasmus von Rotterdam: “Über den Anstand der Sitten von Knaben”, 1530

Es gibt mehrere Haltungen wie man als Wissensträger durch die Welt gehen kann. Man kann das Wissen bei sich horten, damit prahlen, Macht ausüben und anderen permanent unter die Nase reiben, wie dumm sie doch eigentlich sind. Das dürfte ungefähr die Art und Weise sein, mit der unsere Gesellschaft 1.0, also die feudalistische, absolutistische, autokratische Gesellschaft mit Wissen umgegangen ist und zum Teil leider auch heute noch umgeht.

Man kann – und auch das hat die Geschichte gezeigt – aber auch ganz anders mit Wissen umgehen. Man kann das Wissen mit anderen teilen, es wie eine Fackel weiterreichen und sich dabei gegenseitig erhellen. Dabei löst sich auch die Trennung von “Wissern” und “Nichtwissern” auf. Der Wissenskonsument (Schüler) wird also zum Wissensprosumenten (Schüler und Lehrer in einem). Sobald sich Wissen (also Erkenntnisse, Anleitungen zum “gewusst wie”) einmal erfolgreich übertragen haben, lagert es nicht einfach nur stupide vor sich hin in einer Art Kornspeicher, genannt Gehirn, es beginnt doch auch tatsächlich in den jeweiligen Trägern zu arbeiten. Es entstehen nämlich ganz neue Netzwerkknoten, die nun mit anderem Wissen verknüpft werden können. Je dichter das Netz wird, desto dichter webt sich die eigene Persönlichkeit und das Verständnis über Sinnzusammenhänge. Je dichter das Netz, desto geringer wird das Gefühl Spielball der Naturgewalten und Gewalt von anderen Menschen zu sein. Wissen ist Macht und die Wissensverteilung ist damit auch eine Machtverteilung und den Prozess der Machtverteilung wiederum könnte man wohl “Bildung” nennen.

Neben der Bereitschaft, der entsprechenden Haltung, zur Bildung bedarf es natürlich auch einer technischen Infrastruktur. Wir würden wahrscheinlich immer noch im finsteren Mittelalter leben, wäre der Buchdruck nicht erfunden worden. Doch eine technologische Erfindung allein garantiert eben nicht automatisch den gesellschaftlichen Fortschritt, genannt Zivilisation. Denn auch über das Medium Buch wurde natürlich menschenfeindlicher Unsinn übertragen, der eher dafür sorgte, dass feudale Machtstrukturen erhalten blieben und unzivilisierte Praktiken verstärkt wurden. Der Buchdruck allein verhinderte nicht, dass Werke wie “Der Hexenhammer” oder “Mein Kampf” und die darin enthaltenen Aussagen durch die Köpfe der Menschen geisterte und die Gedanken in abscheuliche Taten verwandelten. Gerade Hitlers “Mein Kampf” scheint sogar heute noch so unglaublich geistig bedrohlich zu sein, dass viele Politiker und Interessensgruppen sich vehement dafür einsetzen, dass dieses Buch – unkommentiert – in Deutschland nicht verkäuflich sein sollte. Die darin enthaltenen Gedanken könnten junge Menschen dazu verführen wieder ganz dem Nationalsozialismus in Worten und Taten zu verfallen. Wir sehen: Ein Medium allein, also das Buch, das Fernsehen, das Internet, führt also längst nicht automatisch zu wünschenswerten Bildungsprozessen, zu einer Zivilisierung, zur mehr Menschlichkeit und Demokratie. Dazu bedarf es schon etwas mehr.

Sascha Lobo, umstrittener aber ebenso populärer Internetanalyst und -vordenker, forderte die abertausende von “Internetpeople” auf der re:publica dazu auf neue Narrative zu entwickeln. Übrigens eine Aussage, die er in diesem Interview mit mir noch einmal bekräftigte. Doch was genau meinte er damit? Nun, Narrative sind – wie Sascha es auch in seiner Keynote erklärte – kleine verbale Formeln, die sich in den Gehirnen der Menschen sehr leicht festsetzen und fortpflanzen. In der Memetik nennt man sie auch Memplexe, also zusammengesetzte Meme, die im Grunde wieder eine Art Supermem bilden – wenn man so will. Also all die kulturellen Ideen und Erzählungen, die sich irgendwie in den Köpfen der Menschen per Lied-, Schrift- oder Bildwerk eingenistet haben und stetige generationsübergreifende Verbreitung finden. “Geflügelte Worte”, die von Kopf zu Kopf schweben und dort ihrer “Arbeit” nachgehen und somit unsere Meinung zu gewissen Dingen entstehen lassen, festigen und damit letztlich auch unser Verhalten beinflussen.

Dabei ist es – aus der Metaperspektive betrachtet – eigentlich auch völlig egal, ob sich unter den Narrativen beweisbare Fakten oder erfundene Mythen befinden. Heinz von Foerster, ein großer Denker des radikalen Konstruktivismus, hat es im Interview einmal so formuliert: “Wer hat eine lustige, amüsante und interessante Geschichte erfunden, wo jeder sofort geglaubt hat: Das muss es gewesen sein!”. Objektive Wahrheit, sollte es sie überhaupt geben, ist demnach kein Kriterium für wirksame Narrative. Richtig starke Narrative können sich übrigens zu Dogmen verwandeln. Dogmen wiederum sind der gefährliche Nährboden für Fundamentalismus und Extremismus, also der Punkt, an dem ein Dialog oder eine Diskussion endet und die kriegerische, gewaltsame, unzivilisierte Auseinandersetzung beginnt. Also genau die Situation, die eine pluralistische, demokratische, befriedete Gesellschaft am meisten bedroht, denn ab diesem Moment ist die friedliche Koexistenz der unterschiedlichen Individuen in Gefahr. Jeder beharrt nicht nur auf seiner Position, der absoluten Wahrheit, sondern weitaus schlimmer, die Wahrheit des anderen kann und muss nur noch mit Gewalt bekämpft werden.

Sascha Lobo spricht in seinem Vortrag natürlich nur von den relativ harmlosen Narrativen unserer Gesellschaftsblase. Wir, die deutsche Netzkultur, beschäftigen uns in erster Linie mit Themen rund um das Urheberrecht, der Anonymität im Netz oder der Eindämmung von “Shitstorms”. Zum Glück, möchte ich an der Stelle ausdrücklich betonen, denn für mich sind das deutliche Kennzeichen einer friedlichen, zivilisierten Gesellschaft. Lieber streite ich mich darüber als über längst bei uns (auf)geklärte Themen wie Folter, die Todesstrafe oder freie Wahlen. Dennoch hört der Zivilisationsprozess nie ganz auf und gerade das Internet, als neuer, beschleunigter und dicht vernetzter Träger von Narrativen, eröffnet uns dafür eine völlig neue Spielebene. Neben den geforderten neuen Narrativen, die Lobo eindringlich von der sogenannten Netzgemeinde fordert, also beispielsweise der Positivformulierung zum Thema Anonymität im Internet à la “Anonymität im Internet schützt mehr Menschen als das es sie bedroht”, lade ich ergänzend dazu zu einer neuen Haltung ein. Narrative lassen sich nämlich nur dann wirksam verbreiten, wenn sie neben den Faktoren, die Heinz von Foerster benannt hat, auch gewährleisten dass die Erzähler, die Urheber, die Träger, der Geschichten glaub- und vertrauenswürdig sind. Ist der Wirt der Geschichte nicht mit uns unmittelbar per Vertrauen verbunden, so wird sich seine Geschichte auch nicht auf uns übertragen. So einfach ist das.

Ein Beispiel: Es gibt derzeit eine Partei, die im Internet damit auffällt sich gegenseitig mit Fäkalsprache und Trollgehabe zu bombardieren. Wahrscheinlich geschieht das gar nicht mal in so großem Maße, aber genau diese Art der Kommunikation fällt den anderen Netzteilnehmern ausschließlich auf, der berühmte Halo-Effekt entsteht. Leise Töne gehen unter, weil die lauten, unverschämten Bemerkungen alles andere überstrahlen. In diesem Klima, in diesem politischen Soziotop, wird es unheimlich schwer glaubwürdige Narrative zum Thema “Anonymität im Internet” zu entwickeln und sie über die eigenen Gruppengrenzen hinaus zu verbreiten.

Nehmen wir beispielsweise den Fall eines prominenteren Piraten: Stephan Urbach. Ein Hacktivist, der im arabischen Frühling gemeinsam mit dem Kollektiv Telecomix, dafür gesorgt hat, dass die Menschen vor Ort trotz Zensur miteinander kommunizieren können. Jemand, der aus meiner Sicht oben genannte Bildungsprozesse maßgeblich mit angestoßen hat. Ein moderner Aufklärer. “Toll”, könnte man meinen, “gebt dem Mann einen Orden”.

Tja schön wärs. Urbach wird nämlich seit einiger Zeit – je prominenter er in den Medien kommuniziert – öffentlich von zahlreichen Leuten, zum Teil aus den eigenen Reihen, angefeindet und aufs Übelste persönlich beschimpft. Ich kenne Stephan Urbach zwar nicht persönlich, daher kann ich ganz gut widergeben, was ich da am Rande als Außenstehender beobachte und wie es auf mich (nicht zuletzt als potenzieller Wähler seiner Partei) wirkt:

1. Ich sehe/lese/höre – wenn auch nur am Rande – wie Stephan Urbach darunter leidet wie ein Hund.
2. Ich frage mich warum er sich das immer wieder noch antut.
3. Ich frage mich warum ich mir so etwas indirekt antun sollte (z.B. wenn ich mich da einmische)
4. Ich frage mich ob man das gesamte Biotop, in dem das stattfindet, unterstützen sollte.

Was also tun um diesen Kreislauf zu durchbrechen und Menschen wie Urbach unter die Arme zu greifen?

Neben der Entwicklung von neuen Narrativen durch die Internetszene, halte ich es für besonders wichtig, dass parallel eine Art Zivilisierungsoffensive stattfindet. (vgl. Steven Pinker “Gewalt”) Im Mittelalter fanden es die Menschen nicht nur völlig normal andere Menschen zu verbrennen, zu vierteilen, auszupeitschen und sie aufs Übelste zu demütigen, sie genossen es auch johlend (jedenfalls taten sie so als ob). Körperliche Gewalt war damals kulturell (narrativ) eingebettet. Daher richtet sich mein Appell wohl an die Aufklärer von morgen. Die immer noch Unzufriedenen, die es nicht hinnehmen wie man heute miteinander im Netz umgeht. Wie sieht es in 100 Jahren aus? Ist das Trollen, Beschimpfen und anonyme Bedrohen dann immer noch so normal und lustig wie heute – also Teil der virtuellen Popkultur? Ich hoffe es nicht. Das mag jetzt für viele ultraspießig wirken, aber ich kann euch eines deutlich sagen: Spießig ist eben in gewisser Weise auch das, was wir und unsere Urahnen schon immer getan hat: Mit Scheisse auf andere werfen, egal ob real oder virtuell.

Das Trollen ist für mich so eine uralte, spießige Tradition. Die Haltung der Achtsamkeit hingegen ist relativ neu, sie ist anstrengend und führt am Ende zu innovativen, gesellschaftlichen Lösungsansätzen, zu dem von Lobo geschilderten Interessensausgleich. Die Aufklärer im 18. Jahrhundert haben der gewaltsamen Trollerei jedenfalls erfolgreich den Garaus gemacht, sie haben es getan, indem sie nicht drakonisch bestraften, sondern indem sie die Empathie und Achtsamkeit füreinander breit in die Gesellschaft getragen haben. Lasst uns damit bitte nicht einfach so aufhören. Bevor wir also neue Narrative zum Thema Urheberrecht oder Freiheit für das Internet entwickeln, sollten wir unsere eigene Haltung überprüfen. Wie gehen wir im Netz mit anderen Menschen um? Wie gehen wir mit den Ängsten von Menschen um? Machen wir uns darüber lustig? Oder nehmen wir sie ernst? Versetzen wir uns in die Lage des anderen oder ziehen wir gnadenlos unser Ding durch? Solange sich die Haltung im Netz nicht verändert, solange wir nicht achtsamer miteinander umgehen, solange werden andere Menschen das Netz auch weiterhin als Sündenpfuhl, als rechtsfreier Raum und Ort der Mißachtung betrachten. Wer also verhindern möchte, dass der große Leviathan das Internet reguliert, sollte sich ein wenig selbst regulieren und eine Haltung annehmen, die weder spießig noch konservativ ist – ganz im Gegenteil, das ist aus meiner Sicht die wahre Progression: Die Entwicklung von Eigen- und Fremdverantwortung.

Wer sich jetzt fragt: Hmm, ja stimmt, aber wie kann ich denn da jetzt konkret mitmachen? Hier vielleicht ein paar Narrative als Angebot:

1. Loben, danken, preisen. Belohnt alles was ihr gut findet mit Flattr, Dankeskommentaren, Positivbewertungen und Empfehlungen.

2. Verbreitet das Positive. Alles was ihr gut findet, leitet es einfach weiter.

3. Schreitet ein, sobald ihr beobachtet wenn einer getrollt wird. Kümmert euch in erster Linie um das Opfer.

4. Macht euch klar, dass alles öffentlich ist. Auch E-Mails und Chatprotokolle können schnell nach draußen dringen.

5. “Schmiedet das Eisen solange es kalt ist” (Haim Omer). Beruhigt euch bevor ihr etwas in die Öffentlichkeit posaunt.

6. Beschenkt Unwissende mit Wissen, lasst euch von Wissenden beschenken.

7. Folgt Menschen, die euch gut tun. Entfolgt Menschen, die euch nicht so gut tun.

8. Beflauscht euch!

PS: Großes Dankeschön an Jens Scholz für den Funken der Aufklärung und Achtsamkeit, den er mir im Gespräch auf der re:publica so federleicht übertragen hat. Du siehst, das war mir wirklich etwas wert.

10 comments Write a comment

  1. Pingback: Netz-Rundumschlag: Ein Preis und ganz viel Flausch

  2. Der Beitrag ist sehr schön und in fast allem stimme ich zu. Nur mit 

    „Der Buchdruck allein verhinderte nicht, dass Werke wie “Der Hexenhammer” oder “Mein Kampf” und die darin enthaltenen Aussagen durch die Köpfe der Menschen geisterte und die Gedanken in abscheuliche Taten verwandelten. ” 

    bin ich nicht ganz glücklich. Zum einen sind die Auflage und Verbreitung der beiden Werke schlecht vergleichbar, zum anderen deren potentieller Rezipientenkreis: Der Hexenhammer dürfte vor allem von den – wenn ich so sagen darf – Intellektuellen der frühen Neuzeit rezipiert worden sein (im 15. bis 17. Jh. konnten schlicht nicht so viele Menschen lesen, wie im 20. Jh.); ganz abgesehen davon, daß ein Buch in der frühen Neuzeit exorbitant viel teurer war, als im 20. Jh. (was die Verbreitung naturgemäß  einschränkt). 

    Die (in der Tat!) „abscheulichen Taten” während der Zeit der Hexenverfolgungen entstanden zudem aus einer Vielzahl von Motivationen – das geht von schlechten Ernten bis hin zu sozialen Spannungen. Inwieweit _ein_ Buch daran Anteil hatte, dürfte schwer zu beurteilen sein – und der Hexenhammer ist ja auch nur das bekannteste, beileibe aber nicht das einzige Buch zu diesem Thema aus dieser Zeit!

  3. Patrick Breitenbach

    Danke für das Feedback. Nun, ich wollte diese beiden “Werke” auch nicht  miteinander vergleichen, sondern habe sie aus unterschiedlichen Epochen heraus als populäre Beispiele herausgegriffen, um zu veranschaulichen, wie Bücher durch unterstützende Narrative abscheuliche Taten befeuern (nicht verursachen!) können. Daher lag mir ein gegenseitiger Vergleich an Resultaten, Verbreitung  mehr als fern. 

  4. Gut, mit „befeuern” (wie passend, wenn es um die Hexenverfolgungen geht) bin ich einverstanden :)

  5. Pingback: jensscholz.com 2.0

  6. Schöne Anregungungen um über sich selbst und sein eigenes Handeln (bzw. Nichthandeln) nachzudenken.

    Die Handlungsempfehlungen beherzige ich bereits aus meinem eigenen Selbstverständnis heraus seit Längerem. Nur scheitere ich hier bei Dir (wie aber leider auch zu oft an anderer Stelle) bereits bei Punkt 1 – ich kann nicht flattrn! ;)

  7. Patrick Breitenbach

    Lieber Steve, danke dass es dir gefällt. Nun flattern ist nicht jedermanns Sache, ich denke für die Hochschule wäre es derzeit buchhalterisch etwas kompliziert. Dafür freuen wir uns umso mehr für die Weitergabe unserer hoffentlich wahrgenommenen Bildungsmeme. :-)

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