Ist “immer mehr” eine anthropologische Konstante?

Es ist sicher keine ganz neue Erkenntnis, dass die Ökonomie ein Ergebnis zivilisatorischer Entwicklung und ein Kulturphänomen und kein naturgesetzliches Gebilde im Newton’schen Sinne ist. Angesichts der Krisen der letzten Jahre und ganz aktuell mit Tomáš Sedláceks Bestseller “Die Ökonomie von Gut und Böse” [2012 bei Hanser in München erschienen] ist das Interesse an der rekursiven Beziehung von Kultur und Ökonomie zunehmend in den Mittelpunkt des öffentlichen und wissenschaftlichen Interesses gerückt.

Die Oldenburger Forschungsgruppe “FUGO – Forschungsgruppe Unternehmen und gesellschaftliche Organisation” um Reinhard Pfriem (ein wichtiger Freund und akademischer Förderer unserer Hochschule), beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit dieser Fragestellung, die auch Forschung und Lehre der Karlshochschule entscheidend prägt.

An der Kueser Akademie für Europäische Geistesgeschichte hatten einige Kollegen der Karlshochschule International University, Michael Zerr, Andreas P. Müller, Cordula Braedel-Kühner, Ekatarina Svetlova und ich, in dem beschaulichen Moselstädtchen Bernkastel-Kues die Gelegenheit, an einem mit hochkarätigen Wissenschaftlern besetzten interdisziplinären Symposion zum Thema “Kapitalismus Macht Werte” mitzuwirken.

In einem kleinen Korreferat habe ich mich dort mit dem Philosophen Friedrich Albert Lange (*1818 in Wald heute Solingen, +1878 in Marburg) beschäftigt. Mein Interesse für Lange kommt dabei nicht von ungefähr. Er wurde in meiner Nachbarschaft geboren und feierte am gleichen Tag Geburtstag wie ich, sein Vater war Pfarrer unserer Kirchengemeinde und – das für mich vielleicht einschneidendste Erlebnis – in seinem Geburtshaus habe ich als 17-Jähriger zum ersten Mal Frank Zappa gehört.

Lange ist einer der großen und – sehr zu Unrecht – weitgehend vergessenen deutschen Philosophen und Nationalökonomen. Sein Buch “Die Geschichte des Materialismus” war in den 1870er Jahren ein sensationeller Bestseller. Das Buch hatte eine Popularität, die man allenfalls mit dem fast 150 Jahre später erschienenen Philosophie-Bestseller “Wer bin ich – und wenn ja wie viele? Eine philosophische Reise.” [2007 bei Goldmann (München) erschienen] von Richard David Precht vergleichen kann (Übrigens wurde auch Precht in Solingen geboren). Friedrich Albert Lange wirkte, nach dem er Deutschland zunächst aus politischen Gründen verlassen hatte, an der Züricher Kantonalverfassung mit und setzte damit einen ganz wesentlichen Meilenstein für die Entwicklung der modernen Demokratie, außerdem gilt er als Begründer der Marburger Philosophieschule des Neukantianismus. Seine Werke haben von Max Weber, Hans Vaihinger, August Bebel bis Gustav Heinemann viele Geistesgrößen des 20. Jahrhunderts beeinflusst. Er ist der Erste (oder wenigstens einer der Ersten), der Charles Darwins Ideen auf soziale und ökonomische Fragestellungen anwendete, und Lange muss auch als Vorreiter des modernen Konstruktivismus („Die Welt als Vorstellung“ [Lange, F. A. (2008): 443]) gesehen werden. Als ich mich in Vorbereitung der Kueser Gespräche intensiver mit ihm beschäftigte, war das etwas, was Amerikaner “a mind blowing experience” nennen. Die Klugheit und vor allem die unglaubliche Aktualität seiner Gedanken hat mich förmlich vom Stuhl gerissen.

Für Lange gehörte die “wuchernde Pleonexie” zu den Charakterzügen seiner Zeit – „daß eine beständige Steigerung der Gütererzeugung und der Mittel zur Gütererzeugung denkbar ist, ohne daß der Genuß irgendeines Menschen wesentlich erhöht wird, und ohne daß die arbeitende Masse sich dem Ziele der Erringung des Nötigsten zu einem menschenwürdigen Dasein auch nur um einen Schritt nähert.“ Pleonexie und das Bedürfnis andere zu übertreffen seien so überwiegend „ (…) daß alle wahren und dauernden, alle der Masse des Volkes zugute kommenden Fortschritte versäumt oder gleichsam nur nebenbei gewonnen werden.“ [Lange, F. A. (2008): 462]

Damit bricht er eine Debatte auf, die heute vor allem aus der Oldenburger Schule/FUGO (u. a. Niko Paech und Uwe Schneidewind) heraus unter umgekehrtem Vorzeichen unter dem Stichwort “Suffizienz” geführt wird. So drehte sich auch die Diskussion in Kues auch unter anderem darum, ob Suffizienz überhaupt möglich ist, oder ob Langes Pleonexie, wie Reinhard Pfriem sich fragte, eine anthropologische Kostante, eine tief in unserem genetischen und kulturellen Programmen verankerte Verhaltensnorm [siehe auch: http://masterleadership.de/2010/12/06/leadership-why-the-neanderthal-men-matter/] ist.

Lange sinnierte schon darüber, ob “Empfindung persönlichen Glückes so relativ ist wie die Empfindungen der Sinne: es ist der Unterschied, der wahrgenommen wird; es ist der Zuwachs, der empfunden und der mit der Masse des bereits Vorhandenen gemessen wird.“[Lange, F. A. (2008): 462] Genau daran erinnerte mich dieses kleine Video, das einen Ausschnitt aus dem TED-Vortrag des legendären niederländischen Primatenforschers Frans de Waal zeigt. Es zeigt ein – auch zutiefst menschliches – Verhalten, sich am anderen zu orientieren. Das Kapuzineräffchen in dem Experiment ist solange mit den Gurken zufrieden bis es bemerkt, dass das andere Äffchen mit Trauben gefüttert wird. Die Reaktionen des linken Affen sprechen Bände.

Literaturempfehlungen:

Becker, L./Ehrhardt, J./Gora, W. (Hg.) (2009); Führen in der Krise; Düsseldorf (Symposion)
Becker, L./Hakensohn, H./Witt, F. (Hg.) (2012); Unternehmen nachhaltig führen: Führung, Verantwortung & Nachhaltigkeit im Management, Düsseldorf (Symposion)
Becker, L. (2012): Ökonomie in der Krise: Zur brennenden Aktualität Friedrich Albert Langes (erscheint in Bälde)
Beschorner, Th./Pfriem, R. (2000) (Hg.); Evolutorische Ökonomik und Theorie der Unternehmung; Marburg (Metropolis)
Beschorner, Th./Fischer, D./Pfriem, R./Ulrich, G. (2004): Forschungsgruppe Unternehmen und gesellschaftliche Organisationen (FUGO) (Hg.); Perspektiven einer kulturwissenschaftlichen Theorie der Unternehmung; Marburg (Metropolis)
Lange, F. A. (1866:2008): Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart; Reprint der 9. Aufl. von 1919: Norderstedt (BoD) [online: http://www.zeno.org/Philosophie/M/Lange,+Friedrich+Albert/Geschichte+des+Materialismus]
Schneidewind, U./Palzkill-Vorbeck, A. (2011): Suffizienz als Business Case – Nachhaltiges Ressourcenmanagement als Gegenstand einer transdisziplinären Betriebswirtschaftslehre; Wuppertal (Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie)
Sedlacek, T. (2012); Die Ökonomie von Gut und Böse, München (Carl Hanser)
Teo, Th. (2002): Friedrich Albert Lange on Neo-Kantianism, Socialist Darwinism and a Psychology without a Sould; in: Journal of History of the Behavioral Science, Vol. 38 (3), Summer: 385-302
Witt, F. H. (1994): Theorietraditionen der betriebswirtschaftlichen Forschung – Deutschsprachige Betriebswirtschaftlehre und angloamerikanische Management- und Organisationsforschung; Wiesbaden (Gabler)

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