“Schluss mit Welpenschutz!” – Die Piraten und ihre empörten Eltern

Die Piraten standen lange Zeit unter einem seltsamen Welpenschutz. Sogar ihre direkte Konkurrenz konnte man dabei beobachten wie sie mit den neuen Tierchen im Revier ausgiebig und öffentlich rumschmusten, vielleicht in der Hoffnung, dass diese Zärtlichkeit irgendwann auch auf Gegenliebe stößt. Das Liebkosen ging trotz paralleler Pinkelei auf dem heimischen Wohnzimmerteppich eine Weile munter weiter, doch irgendwann wuchsen diese knuffigen, kleinen Tiere schnell heran. Viel zu schnell. Ihre Tapsigkeit indes blieb ihnen erhalten, nur wirkte das nun nicht mehr so süß, sondern für einige eher ziemlich beunruhigend. Sie richteten mit ihrer Statur plötzlich viel mehr Schaden und Besorgnis an, wenn sie beispielsweise irgendetwas anknurrten, vollkackten oder zerbissen. Den anderen sogenannten Erwachsenen war das fremd. Sie erinnerten sich nicht mehr an ihre eigene Welpenzeit, in dem sie das gleiche pubertäre Schicksal durchliefen, wie ihre jungen Artgenossen.

Das Schicksalsrad dreht sich munter weiter, die Jugend ist also wie eh und je verkommen, die eigenen, erwachsenen Werte und Ansichten sind die besten und letztlich weiß man schließlich wofür und wogegen man steht, die eigenen Emotionen haben sich verkustet, sie sind rationalisiert, auch wenn man als Erwachsener meist gar nicht danach handelt. So läuft es seit Anbeginn der menschlichen Aufzeichnungen. So haben wir Erwachsenen als Jugendliche zwar auch heftig gefeiert, experimentiert und dummes Zeug gesagt, aber als Mamas und Papas verbitten wir es uns bei unseren Kindern und ihren Freunden, während wir in lauschigen Elternabenden bei Rotwein und Kerzenlicht stolz die Geschichten aus der wilden Jugend austauschen. “Mensch, was haben wir damals auf der Startbahn West die Bullen verdroschen…”

Ja, Martin Delius hat mit seinem mehr als tapsigen NDSAP-Vergleich sicherlich den goldenen “politischen Dummkopf des Jahres” gewonnen. Ja, Teile der Parteispitze sollte sich von Extremisten in der eigenen Partei dringend trennen und vollkommen distanzieren. Nein, deshalb ist die neue Partei der Piraten noch lange keine durch und durch braune Partei. Man kann sie aber sehr leicht zu einer aatilisieren, indem man die klugen und vernünftigen Köpfe durch die Stigmatisierung und Verallgemeinerung vertreibt und den braunen, kümmerlichen Bodensatz am Ende im gemachten Nest übrig lässt. Eine klassische “Self-fulfilling prophecy”, etwas was am Ende tatsächlich zu etwas fiesem braunen ausarten könnte, allerdings mit gut gemeinter demokratischer Unterstützung.

Witzigerweise scheint man in dem Kontext auch sehr leicht die Historie der anderen Parteien zu verdrängen. Die Grünen galten als Sammelbecken für RAF-Sympathisanten und anarchistischen Chaoten und auch sie hatten mit braunen Elementen so ihre Probleme, die einen Parasitenplatz in der neu gegründeten Partei ergattern wollten. Die CDU stellte in den späten 60ern Jahren einen Bundeskanzler, der für seine Nazi-Vergangenheit geohrfeigt wurde und dessen Absenderin jüngst zur Bundespräsidentin vorgeschlagen wurde, übrigens von einer Partei, der Linken, die anscheinend immer noch Teile des alten totalitären SED-Kaders in sich wirken lässt. Ach ja und da wäre ja noch die SPD, die ehemaligen Sozialisten, die zu ihrer Gründungszeit gleich mal verboten wurden und die heute noch darüber streiten müssen, ob man spaltende Menschen mit eindeutigem Rechtsdrall wie Sarrazin nun in der Partei lassen kann oder nicht. Und überhaupt, wer heute so tut als habe die eigene Partei nicht mal in die falsche Nazi-vergleiche-Kiste gegriffen den muss ich an der Stelle wohl noch einmal an so manche Peinlichkeit erinnern. Das macht die Fehlgriffe der Piraten nicht besser. Man muss jedoch anerkennen, dass keine Partei je vor diesen Bedrohungen und Fehltritten gegen die Demokratie gefeit war und dennoch ist es wunderbar zu beobachten, wie sich nun alle einig sind, dass die Piraten in diesem Zusammenhang anders sind als man selbst.

Offenbar hat man den lang ersehnten Hebel nun gefunden um mit der offensichtlichen Bedrohung durch die Piraten umzugehen. Wir sprechen hier immerhin von der bedrohten Existenz der FDP, einem eigentlich Rot-Grünen Regierungsbestreben, die schwimmenden Felle der Linken und die allgemeine Angst vor einer großen Koalition. Plötzlich werden also über 20.000 Mitglieder und gefühlte 12% der Wahlberechtigten über Nacht zu Nazis indirekt stilisiert?

Nein, ich bin auch weiterhin kein Piratenmitlgied und habe bisher keinen Piraten gewählt. Ich werde auch nicht dazu aufrufen, irgendeine bestimmte Partei zu wählen – hauptsache man wählt. Ich möchte nur anmerken, dass es immer mehrere Perspektiven auf ein Thema gibt und ich finde es beunruhigend, wenn man eine neue politische Kraft, die trotz Ausrutscher durch einzelne Personen eine durch und durch demokratische Struktur besitzt (vor allem wegen ihrer Transparenz und dem basisdemokratischen Ansatz, ob das so auch funktioniert ist eine andere Debatte wert) und neue Ideen in die Politik tragen will, in so eine Ecke drängen möchte. Lasst das doch die Gruppe erst einmal selbst regeln, bevor Mama und Papa sich wieder genötigt fühlen ins Lenkgrad zu greifen. Sie versuchen das doch gerade mit großer Energie in den Griff zu kriegen. Sie schreiben Brandbriefe, führen heftige öffentlich einsehbare Diskussionen, reichen deftige Anträge ein und zwar alles hochdemokratisch, zwar ohne gepflegte Ausdrucksform, aber immerhin ohne körperliche Gewalt. So soll es doch sein in einem demokratischen Staat, oder liebe Eltern? So habt ihr alten Parteien es damals doch auch geschafft. Damals, als ihr noch mit der Pubertät gekämpft habt und euch selbst finden musstet. Oder?

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