Warum das Internet bedrohlich ist? Weil es von Mikrofundamentalisten bedient wird!
Autor: Patrick Breitenbach am 20.04.2012Das Geschrei der Feinde macht mich verstört; mir ist angst, weil mich die Frevler bedrängen. Sie überhäufen mich mit Unheil und befehden mich voller Grimm. Mir bebt das Herz in der Brust; mich überfielen die Schrecken des Todes. Furcht und Zittern erfassten mich; ich schauderte vor Entsetzen.
Psalm 55,4-6
Das Internet. Das Internet macht Angst. Das Internet ist bedrohlich, rechtsfrei, unkontrollierbar UND schlecht in Grammatik.
Menschenskinder, dieses vermaledeite Internet!
Wie eine Technologie doch für Ärger und Wohlgefallen sorgen kann und dabei permanent überstrahlt, wer denn der eigentliche Herr im Hause ist, nämlich wir Menschen. Wenn Helmut Schmidt also sagt, er finde das Internet zum Teil bedrohlich, dann findet er nicht die Erfindung und technologische Infrastruktur Internet bedrohlich, sondern einen Teil der Menschen, die es benutzt. Denn das Internet selbst macht Menschen noch lange nicht zu aggressiven Pöblern oder versaut ihnen ihre perfekt erlernte Grammatik. Es ist schon erstaunlich, wie solche Aussagen aus einem sonst so klaren Verstand entspringen. Da bekommt der Mensch ein neues Kulturwerkzeug in die Hand, verweigert sich ihm und projeziert dann doch all das beobachtete vermeintlich Schlechte einer Gesellschaft eben auf dieses eine Werkzeug. In einer politisch überkorrekten transparenten Welt darf man vielleicht auch gar nicht mehr laut aussprechen, dass vielleicht nicht die Maschinen die Menschen dumm und pöbelig machen, sondern dass die Menschen schon vorher nicht ganz richtig im Kopf waren.
Warum wirkt das Internet also für viele Menschen, sogar für welche mit zugeschriebenem Verstand, so bedrohlich? Ganz einfach, weil das Internet von Mikrofundamentalisten bedient wird. Was? Wie? Was heisst das? Nun, der Begriff “Mikrofundamentalismus” entstand während eines Podcasts mit meinem kongenialen Gesprächspartner Dr. Nils Köbel. Wir sprachen ganz allgemein über Extremismus und Fundamentalismus und arbeiteten sehr schnell heraus, dass diese beiden Effekte immer dann entstehen wenn …
A) … den Menschen etwas heilig ist
B) … es so heilig ist, dass sie nur ihren Standpunkt als alleinig existenzberechtigt sehen
C) … alle anderen Menschen sich eigentlich danach richten müssen
(sicherlich gibt es noch etliche andere Aspekte und Faktoren, wer mag, kann sich den Podcast ja darüber mal anhören)
Den Makrofundamentalismus kennen wir alle aus den Nachrichten. Er tritt dann auf die Bildfläche sobald Bomben im Namen einer Religion oder Ideologie explodieren und Menschen durch Gewalt davon überzeugen sollen, dass sie sich gefälligst dem Weltbild der Bombenleger anpassen sollen. Wenn man das so lapidar wie ich jetzt formuliert, merkt man erst wie absurd diese Forderung eigentlich ist.
Was ist aber nun der besagte “Mikrofundamentalismus”? Nun, den Begriff würde ich einsetzen für eine mildere, kleinere, alltäglichere, banalere Form des Fundamentalismus. Es handelt sich dabei um kleine Auslöser, also nicht gleich der große Kultur- oder Religionskampf, wobei das sicherlich auch irgendwie mit drin steckt. Ich spreche eher vom Streit am Gartenzaun, die Alltagspöbelei, ja auch im Internet, Diskussionen die in Wirklichkeit keine sind, weil mindestens eine Gesprächspartei sich im Grunde nur zum Schein auf eine Diskussion einlässt, bzw. sie Monolog mit Dialog verwechseln.
Ein Dialog bedeutet Offenheit, Zuhören und die Bereitschaft Thesen des Gegenübers in die eigene Meinung mit einfließen zu lassen. Dialog ist stets um Konsens bemüht, also darum einen Kompromiss zu finden. Mikrofundamentalismus kennt weder Kompromiss noch Alternativen. Und der von unserer Kanzlerin maßgeblich geprägte Begriff der “Alternativlosigkeit” führt letztlich zu einer kulturellen Akzeptanz und schleichenden Einbettung des Mikrofundamentalismus in unsere Kultur der Gegenwart. Schade eigentlich. Nur dann darf man sich eben nicht wundern, wenn man wütende, sich im Internet artikulierende Menschen als bedrohlich empfindet.
Bedrohung entsteht dann, wenn Ansichten aufeinanderprallen, wenn das eigene Wert- und Weltbild von anderen gefährdet, sprich wenn man von anderen Menschen bedrängt und damit beengt wird. Witzigerweise kann man “Angst” kulturhistorisch auf den Begriff “Beengung” zurückverfolgen. Das Internet fördert die explosionsartige Ausbreitung des Pluralismus, also der Koexistenz von verschiedenen Ideen, Weltanschauungen, Kulturen und Religionen. Alles mischt sich, alles tummelt sich, alles prallt irgendwie aufeinander. Das Internet lässt Zeit und Raum zusammenschrumpfen. Geografischer Abstand hat den Pluralismus und den Zusammenprall von Kulturen, Meinungen und Ideen noch relativ in Zaum gehalten. Relativ:
Das Internet, als technologische Infrastruktur ermöglicht dem Menschen genau das aufzulösen und der Mensch macht davon Gebrauch ohne dass er sich darüber wirklich bewusst ist. Wir sind einfach “drin” wie Boris Becker es in den Anfängen des WWW in einem banalen Werbespot formulierte. Doch das profane wird nun für viele zum heiligen. Das “drin sein” bedeutet eine neue Freiheit. Die Freiheit zur Ausbreitung der eigenen Gedankenwelt. Der eigenen Meme. Damit gerät man zum Teil auch in Versuchung die eigene Egoreligion zu verbreiten. Wir streuen Meme um andere von uns als Individuum und unseren Ansichten zu überzeugen. Wir sind glücklich, wenn wir Anhänger unserer Ideen finden (in Form von Likes und Retweets) und wir sind stinksauer, wenn es Menschen gibt, die uns öffentlich widersprechen und uns für dumm und unfähig deklarieren.
Der ganze “Diskurs” rund um das Thema Urheberrecht ist ein wundervolles Beispiel für den Mikrofundamentalismus abseits von Religion und Ideologie. So werden weniger vernünftige Argumente zur Findung eines zeitgemäßen Kompromisses ausgetauscht, in der jetzigen Phase haut sich jeder um die Ohren wie arm dran man ist, welche Verbrechen die andere Seite begeht oder wie wenig Ahnung doch der gegenübertretende Gesprächspartner hat. Doch gerade durch diese Tonalität gerät der gesamte Diskurs in eine Wut- und Problemtrance. Wer am lautesten schreit wird als Rädelsführer der fundamentalistischen Basis gewählt und dient fortan als dessen Ikone. Sven Regener auf der einen Seite, der ein oder andere Promi-Pirat auf der anderen, wobei die klassischen Medien (die sich zum Teil hinter Regener scharen) am längeren Hebel sitzen und nun versuchen die komplette Partei der Piraten als Urheberrechtsabschaffer zu stilisieren, was sie aber gar nicht sind. Es muss uns jedoch klar sein, dass dies nicht zu einer befriedigenden Lösung führen wird, für keine der beiden Seiten, die in Wirklichkeit aus ganz vielen verschiedenen Facetten besteht. Problemtrance eben. Das Verharren in Jammerei und Wut ohne jedwede Konstruktivität und Kreativität, zuletzt am eindrucksvollsten bewiesen durch ein im Print-Spiegel inszeniertes Streitgespräch zwischen Pirat Christopher Lauer und Rapper Jan Delay. Niemand hat sich da nun wahrlich mit intellektuellem Ruhm bekleckert, schon gar nicht der Spiegel, der so ein unglaublich nährstoffarmes Stück Text abdruckt.
Doch es gibt auch Ausnahmen wie Johnny Häusler und sein Beitrag zur Debatte, ein potenzielles Vorbild für eine Mediation in dieser Angelegenheit. Johnny ist eigentlich ein perfekter Vermittler, Künstler und digitaler Ureinwohner zugleich. Ein echter Hybrid. Schade nur, dass ihn die großen Medien nicht zu Wort kommen lassen, die scheinen derzeit noch viel zu sehr in ihrem eigenen Mikrofundamentalismus versunken zu sein, denn Konsenssucher wie Häusler oder Tim Renner sind mindestens genauso bedrohlich wie der dickköpfige Gegner, denn auch diese bedrohen das eigene Heiligste. Auch sie beunruhigen und beengen die Weltanschauung, die eigene Rechthabe.
Ich als Autor nehme mich da auch gar nicht aus. Auch ich entdecke an mir immer wieder mikrofundamentalistische Züge. Auch mich beunruhigt es beispielsweise wenn ich in engen Bahnhofshallen auf gröhlende Fußballfans mit zweierlei Fahnen und schlechter Grammatik begegne. Es beengt. Es lärmt. Es ist nicht meine Welt. Und ich will nicht Teil dieser Welt sein. Geht weg. Lasst mich in Ruhe. NENENENENENE wenn ich die Ohren zuhalte höre ich euch nicht und deshalb seid ihr auch nicht da. Mist. Denn gleichzeitig verleitet der Schutz der Anonymität dieses Grüppchens zu einer ungezügelten Verstärkung des Brüllaktes, denn durch die sportliche Uniformierung und das Fehlen von Namensschildern sehen die für mich alle gleich aus. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich Bahnhofshallen als rechtsfreien Raum bezeichne, dem Bier oder dem Fußball an sich die alleinige Schuld für meine Angst gebe, wobei ich sehr wohl nachvollziehen kann, dass man sich in beengten Zuständen der Angst sehr oft sehr gerne vorstellt, man solle doch einfach diesen ganzen Mist verbieten. Nein, es ist weder Pille noch Bier Schuld an irgendetwas, es ist stets der Sender und Empfänger Mensch. Toleranz auf der einen, Respekt auf der anderen Seite. Das sind die beiden entscheidenden Pole, die eine zivilisierte Gesellschaft ausmacht. Doch wie sinn- und wertvoll ist eine erzwungener Respekt und Toleranz? Ist das überhaupt machbar?
Und so muss ich an der Stelle sodann eine alte Blogpredigt noch zu Werbebloggers Zeiten auspacken, die es immerhin in Miniaturausgabe auch in den Holzdruck der Herren Lobo und Friebe in “Wir nennen es Arbeit” geschafft hat. Ein potenzielles Mantra des Internets, das man den gegenwärtigen Internetpessimisten zur Beruhigung ans Herz legen könnte, sobald dieses wieder vor Empörung über den Pöbel zu rasen beginnt:
Eines dürfen wir nicht vergessen, Blogs sind (Anm. d. Autors: Ersetze “Blogs mit “das Internet ist”) …
… ein Spiegel der Gesellschaft. Blogs spiegeln Gesprächskultur, Meinung, Einstellung, Emotionen und Lebensentwürfe wieder. Natürlich ist das von Land zu Land, von Kultur zu Kultur völlig unterschiedlich.
… ein mächtiges Instrument, um totalitären Systemen zu trotzen und einen freien Informationsfluss herzustellen.
Das Internet ist und bleibt ein Werkzeug. Es entschuldigt nicht unser Verhalten. Die Verantwortung trägt jeder einzelne von uns selbst. Das Werkzeug zwingt uns förmlich zur Mündigkeit, es zwingt uns jahrtausendaltes Verhalten zu überdenken. Es katapultiert uns in eine neue soziokulturelle Ära. Es gibt viel zu tun – diskutieren wir es aus!
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