Facebook Timeline für (Marken)Pages: “Ganz ruhig, Brauner”

Seit ein paar Tagen hat Facebook auch konsequenterweise die Optik der Pages an die bereits eingeführte Timeline-Optik der persönlichen Profile angepasst. Der ästhetisch eindeutig richtige Schritt, wie ich finde, denn die neue Optik räumt die Informationen auf der Page sinnvoll und ansprechend auf und schließt damit den Bruch der durch die beiden unterschiedlichen Layouts entstanden ist.

Im Zuge der Umstellung hat sich aber auch die eine oder andere kleine Detailfunktion eingeschlichen, die nun zu ganz unterschiedlich heftigen Gemütszuständen zu führen scheint. Auf der einen Seite scheint der PR- und Social Media Berater Mirko Lange in der ewigen Glücksseligkeit angekommen zu sein und hat Facebook gleich das Etikett “Gamechanger” verliehen, während der Branchenkollege Markus Hübner bereits vom Anfang vom Ende von Facebook spricht. Was steckt wirklich hinter diesen beiden Extremaussagen?

Nun, Facebook hat schlicht und ergreifend den Betreibern (Admins) der Pages die Hoheit über die Kommunikation auf der eigenen Seite (Page) verliehen, also das was bei Blogs schon immer Gang und Gebe war, die simple Möglichkeit Kommentare und Posts von Besuchern zu moderieren. In Zukunft können die Unternehmen, Künstler und sonstige Pages-Betreiber also selbst entscheiden, ob sie einen Kommentar oder einen Eintrag auf der eigenen “Wall” zulassen möchten oder nicht. Das war vorher in der Form nicht möglich und so musste man als Admin bei unflätigen Kommentaren und Trollversuchen selbst Hand anlegen, was gleichzeitig auch immer bedeutete, sich dem Verdacht der Zensur auszuliefern. Nun können Admins mit der Moderationsfunktion diese Art von Kommentaren von vornherein verhindern – keine Überstunden mehr am Wochenende oder nächtlich präferierten Trollzeiten?

Einen Umstand, den Mirko Lange wie folgt beschreibt:

Wo bisher die User extrem viel Macht hatten und ganze Pinnwände besetzen und lahmlegen konnten, bekommen Unternehmen nun eine bisher nie dagewesene Kontrolle über die Präsentation ihrer Facebookseite, und zwar so weit, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte.

Und das ist auch schon der entscheidende Punkt den Markus Hübner in seinem Blog bemängelt mit den Worten:

Man stellt den im Social Media Zeitalter so gepriesenen “User” wieder ins digitale Abseits.

Dieser Dialog auf Augenhöhe, der genau die Faszination gerade in Facebook für viele der Grund für die hohe Identifikation und starke Interaktion mit Fanseiten war, wird damit massiv eingeschränkt.

Wer von den beiden hat nun Recht? Ich will mich jetzt nicht als salomonischer Richter aufspielen, aber aus meiner Warte heraus, die kosntruktivistisch geprägt ist, haben beide Recht und Unrecht zugleich.

Ja, es ist richtig, dass sich die Kontrolle der Kommunikation, auf den ersten Blick, sich wieder in Richtung von Marken, Unternehmen und sonstigen großen Systemen verlagert. Das kann den Effekt haben, dass sich Unternehmen aufgrund der vorgegaukelten Kontrolle eher trauen im Social Web mit Menschen zu kommunizieren – was vor allem die Social Media Berater freuen wird, denn sie erhoffen sich dadurch viele Neuaufträge von bisher eher “facebookskeptisch” eingestellten Kunden. Es kann aber tatsächlich auch dahin führen, dass die Informationen rund um die eigene Marke und dem eigenen Image durch die Ausblendung von Meinungen geschützt aber damit auch verzerrt wird. Für Freunde der Transparenz und des offenen Dialogs ein Graus. Aber das würde erst in in einem gewissen Vakuum der Fall sein, also wenn Facebook das einzige geschlossene Kommunikationsmedium dieser Welt wäre. Es wäre dann der Fall, wenn Dienste wie Twitter nicht mehr existieren würden, wenn niemand mehr Blogs schreiben könnte oder andere Kommunikationsnetzwerke nutzen würde. Damit ist sowohl die angeblich gewonnene Hoheit über Kommunikation wie auch dessen Einschränkung nicht weiter als eine Illusion. Kommunikation die dort vielleicht ausgeblendet wird, würde sich dann ganz einfach woanders kanalisieren und führt zu neuen Herausforderungen. Die Lösung des scheinbaren Problems wird neue Probleme erzeugen oder aus der anderen Sicht würde das neue Problem neue Lösungen hervorbringen.

Ich glaube im Übrigen nicht, dass Facebook dadurch an Usern verlieren wird, ich glaube aber auch nicht, dass sie jetzt “das Spiel verändern” werden. Und was noch wesentlich wichtiger in diesem Zusammenhang ist: Trotz der neuen Facebook-Kontrolle durch Unternehmen werden in Zukunft weder Shitstorms, PR-Gaus noch allgemeine Trollerei im Web verhindert werden. Die vermeintliche Schönfärberei eines Images, wird sich an anderer Stelle – wenn nötig – schon offenbaren. Es wird nämlich immer noch sehr viel an Facebook vorbei kommuniziert. Dazu müsste schon jemand eine Moderationsfunktion für das gesamte Internet basteln. Wozu es hoffentlich nie kommen wird.

5 comments Write a comment

  1. Ergänzend: Es wird zukünftig nicht nur die Option geben ob Userkommentare zugelassen werden auf der Pinnwand oder nicht. Sondern Userkommentare werden (falls sie aktiviert sind) nur mehr ansatzweise, sehr dezent in einer kleinen Box auf der Pinnwand dargestellt … und somit ins “digitale Abseits” geschoben.

    Die von Dir erwähnte vergegaukelte Kontrolle ist leider nichts anderes als der Schritt zurück in Richtung Versuch der linearen / one-way Kommunikation zu den guten alten Web-Zeiten. Wie Du treffend schreibst, werden User auch weiterhin den Wunsch zu direktem Austausch haben und diesen eben über Twitter & Co. intensivieren. Es ist schade, dass man sich hier vom bewährten Cluetrain-Ansatz “Märkte sind Gespräche” großteils verabschiedet. Das werden vor allem Unternehmen erkennen die nicht so große Budgets um die Facebook-Interaktionen am Laufen zu  halten.

  2. Patrick Breitenbach

    Wir beiden haben die Diskussion ja leider abseits auf FB geführt. Meine Gedanken dazu:

    1. Userkommentare an Beiträgen werden weiterhin dort angezeigt, wo sie immer angezeigt werden.

    2. Fremde Einträge auf der Wall (konnte man ja früher auch deaktivieren) erscheinen nun dauerhaft präsent in der Box, die du beschrieben hast. Das kann man aber jetzt so oder so interpretieren. Auch hier konnte man immer einstellen ob man Fremdposts per Default anzeigen will oder nicht, nun werden sie wohl immer in Form dieser Box angezeigt und ich kann als User auch ganz oben in der Mitte weiterhin filtern und mir alle Fremdposts anzeigen lassen. Ja, mag sein dass es wie verdrängt wirkt, ist aber eine optische Lösung, die ich erträglich finde und bei Blogs und Twitter lasse ich ja auch nicht gleich alle Benutzer in meinem digitalen Wohnzimmer etwas schreiben.

    3. Das mit den kleinen Budgets sehe ich nicht so. Denn auch weiterhin wird FB sein quasi Adsense-Modell mit kontrollierter Budgetierung beibehalten. Deine Einwände sehe ich eher als Anreiz auch für kleinere Unternehmen etwas Werbegeld in die Hand zu nehmen. tun sie das nicht so können sie dennoch auf der Page selbst immer noch mit ihren Fans interagieren.

    Fazit: Kann die Einwände verstehen, interpretiere sie aber nicht ganz so dystopisch. Wir werden sehen wohin sich das entwickelt.

  3. Pingback: talkabout » Die neuen Funktionen bei Facebook sind ein echter Gamechanger – zumindest für die Unternehmen:

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