Gauck in der Filterbubble oder wie wir lernten den Kontext zu ignorieren

Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.

Immanuel Kant

Gestern habe ich zum ersten Mal die Filterbubble hautnah erlebt. Es ist kein neues Phänomen, was plötzlich mit dem Internet daherkommt. Die Filterbubble ist ein generelles Problem von medialer Berichterstattung und medialem Konsum, wenn also tausend Publikationen immer wieder nur von einer einzigen Quelle abschreibt, die wiederum nur Bruchteile der ursprünglichen Geschehnisse wiedergibt. Das gab es auch schon lang vor dem Internet, nur werden solche Bubbles heute dank unreflektiertem Drang zu Echtzeitkommunikation einfach noch schneller und größer aufgepumpt. Es entstehen schlagzeilenhafte Meme, die vorschnelle Urteile über Menschen fällen, die wir gar nicht wirklich kennen, bzw. nur über Dritte, Vierte und Fünfte. Eigenständiges Denken wird uns dank dem eigenen Lieblingsblog oder der Meldung unseres Lieblingsnachrichtenmagazines und diversen Tweets und Retweets unserer “Freunde” zum Glück vollständig abgenommen. So wie auch gestern zu beobachten:

Gestern Abend wurde Joachim Gauck nach langem Hin und Her von den großen Parteien im Bundestag, ausgenommen “die Linke”, zu ihrem neuen Kandidaten für das Bundespräsidentenamt ernannt. Sehr überrascht war ich dann, als parallel dazu eine Welle von Anti-Gauck-Tweets zum Teil im Bildzeitungsniveau über meine Timeline rollte. Ganz vorne mit dabei einige Mitglieder der Piratenpartei, also der Partei, der ich vor kurzem noch eine innovative Einstellung zur Erneuerung von Demokratie attestiert habe. Immer wieder verlinkt wurden dabei unter anderem folgende überspitzt formulierten (Vor)urteile über Gauck, mit dem Hinweis, dieser Mann sei als Bundespräsident untragbar.

  • Gauck findet Occupy-Bewegung und Bankenkritik “unsäglich albern”
  • Gauck befürworte die Vorratsdatenspeicherung
  • Gauck bezeichnete Hartz4 Proteste als töricht und unangemessen, ist daher “Ein Theologe der Herzlosigkeit”
  • Gauck ist ein Sarrazin-Fan

Die Aussagen sind eingebettet in Beiträge mit polemischer Boulevard-Manier, die man wohl kaum als beobachtenden Journalismus mit Aufklärungsanspruch bezeichnen kann.

“Hää?”, fragte ich mich dann. Kann es sein, dass ich mich mit meinem bisherigen Urteil so getäuscht habe? Schon damals als der Spiegel Online Artikel zu Gaucks Occupy Bemerkung veröffentlicht wurde, kam mir dieser Beitrag widersprüchlich vor. Zum einen war die Überschrift überhaupt nicht im Einklang mit dem geäußerten Inhalt und zum anderen ist mir sehr wohl bewusst, wie Medien manchmal arbeiten, nämlich stark simplifiziert und immer auf der Suche nach einer geeigneten Schlagzeilen-Sensation. Als sich gestern im Laufe des Tages solche Schlagzeilen gegen Gauck mehrten, machte ich aus meiner Verwunderung eine Tat: Ich begab mich auf die Suche nach den jeweiligen Originalquellen, denn die einzigen Artikel, die immer wieder als Quelle zum Beleg und Unterfütterung der Anti Gauck Aussagen verwendet wurden, waren eben die, die eine Quelle fragmentarisch interpretiert haben und sie nicht 1:1 in voller Länge wiedergaben. Oder anders formuliert: Ich vermisse bei diesen Artikeln den Satz davor und den Satz danach, denn der Kontext eines Gespräches ist schon wichtig, um sich ein Gesamtbild des Themas zu verschaffen, gerade wenn Aussagen aus einer Rede oder einer Podiumsdiskussion entnommen werden.

Gauck, so bisher jedenfalls mein Eindruck, ist ein sehr reflektierter Mensch mit der Eigenschaft Themen differenziert zu betrachten, auch wenn – oder gerade weil – er eine sehr prägende Biografie besitzt. Aber genau diese abwägende Herangehensweise wird ihm natürlich bei so fragmentartiger Berichterstattung zum Verhängnis. Wenn er beide Seiten beleuchten will, wird ihm nur eine Seite aus dem Mund genommen und in einen völlig neuen Kontext gelegt. Die große Schlagzeile eben, die am Ende in den Köpfen hängen bleibt. Ich würde ja lachen, wenn es nicht so traurig wäre, dass ausgerechnet die größten Kritiker der Bildzeitung auf die Mechanik des Boulevards reinfallen und die Statements garniert mit entsprechend eigenwilliger Interpretation in die eigene Netzwerke replizieren. Kein Nachfragen, kein Hinterfragen, keine Betrachtung des Gesamtkontextes, nein ich habe es ja in DER einen “Zeitung” gelesen, also ist es auch so wahr.

Doch zu den Fakten. Leider (oder Gott-oder-wer-auch-immer-sei-dank) muss man sich wirklich etwas mehr Zeit nehmen, um Gauck zu verstehen. Von Gauck darf man weder parteipolitische Political Correctness erwarten, noch stark vereinfachte Ein-Satz-Statements. Wie gesagt, Gauck liebt den Diskurs und die Debatte und er besitzt genügend Empathie, um sich in den Gegenüber hineinzuversetzen. Das empfinden viele Menschen, die auf Simplizität und klare politische Richtung gebürstet sind, natürlich als verstörend und zu komplex. Doch kommen wir zu den konkreten Beispielen, die ich bisher gesichtet habe:

Gauck ist angeblich für die Vorratsdatenspeicherung

Es reicht leider nicht, den sehr einseitigen und kurzen Artikel des Standards zu lesen um den gesamten Inhalt der Podiumsdiskussion zu erfassen, daher empfehle ich schon allen, die diese These in den Raum stellen, die Diskussion im Ganzen zu verfolgen. Möglich macht es uns das Internet:

Für die Ungeduldigen: An dieser Stelle spricht Gauck über die Vorratsdatenspeicherung. Er tut das meines Erachtens sehr reflektiert, differenziert und kritisch. Gaucks moralischer Kompass ist streng nach dem deutschen Rechtsstaat ausgerichtet. Das kann man jetzt konservativ oder engstirnig nennen, ganz gewiss kann man ihm aber nicht unterstellen er befürworte eine bedingungslose Vorratsdatenspeicherung. Ganz im Gegenteil, er wägt die Argumente sorgfältig ab und respektiert beide Pole in diesem Diskurs und kommt zu dem Ergebnis, dass ihm bisher ungenügende Fakten vorgelegt wurden, die zu einer Rechtfertigung der Vorratsdatenspeicherung ausreichen. Siehe auch insbesondere an dieser Stelle der Diskussion. Er formuliert noch einmal ganz explizit: Ohne Belege der konkreten Gefahr darf es keine Beschneidung der Grundrechte geben. Sollte aber eine relevante Gefahr vorhanden und belegt sein, führt ein Instrument wie beispielsweise die Vorratsspeicherung nicht gleich automatisch zur Etablierung eines “Spitzelstaates”. Er kann die Angst vor diesem drohenden Szenario absolut nachvollziehen, mahnt jedoch gleichzeitig vor angstgetriebenen Entscheidungen, egal in welche Richtung sie erfolgen.

Wenn ich mir diese gesamte Podiumsdiskussion anschaue, gelange ich jedenfalls zu einer ganz anderen Interpretation, als sie beispielsweise der viel verlinkte Standard-Artikel liefert.

Gauck steht angeblich hinter Sarrazins Thesen
Gauck sei ein Befürworter der Sarrazin-Thesen und damit auch ein ausgemachter Rassist, so die unterschwellige Botschaft, die allerorts die Runde macht, nur weil immer wieder der Tagesspiegel-Artikel mit dem Satzfetzen, Sarrazin habe “Mut bewiesen” kursiert. Gestern erschien zum Glück im Netz das vollständige ein ausführliches Interview von Herrn Gauck mit der Süddeutschen aus dem Jahr 2010. also der urprünglichen Quelle, das gesamte Gespräch. [Nachträgliche Korrektur: Das komplette Interview mit dem Tagesspiegel-Zitat erschien in der Printausgabe des Tagesspiegels selbst, bisher habe ich leider noch keinen Zugriff darauf. Es gibt leider keinerlei Dokument mit dem kompletten Wortlaut des Interviews vom Tagesspiegel, weder Print noch Online. Dennoch zeigt das Interview der Süddeutschen den Bezug zu den Inhalten von Sarrazin, wie folgt beschrieben]

Wenn man sich das gesamte Interview nämlich aufmerksam durchliest, so entsteht wieder einmal – jedenfalls für mich – ein ganz anderes Bild. Zum einen hat Gauck das Buch von Sarrazin nicht gelesen, er distanziert sich auch ausdrücklich von seinen Inhalten, die er über die öffentliche Debatte mitbekommen hat, vor allem in Bezug der biologischen Kausalzusammenhänge. Gleichzeitig nennt er die Ansprache des Themas durch Sarrazin und den damit verbundenen Problemen und den Ängsten bei den Menschen mutig, mutiger jedenfalls als das Thema durch “Political Correctness” zu übertünchen. Auch wenn es sich um eine Provokation zweifelhafter Natur handelt, so sei eine Debatte entfacht worden, die unter streng politisch korrekter Verhaltensweise wohl so nicht zum Vorschein gekommen wäre. Das heißt aber nicht, dass man Sarrazin nicht kritisieren darf, ganz im Gegenteil, es fordert auf über das schwelende Thema zu debattieren. Mut also für den Tabubruch, nicht für seine inhaltlichen Thesen. Diese Meinung kann man nun tragen oder widersprechen, ich persönlich teile Gaucks Ansicht übrigens auch nicht, weil ich den Schritt von Sarrazin einfach nicht mutig finde und man die Thematik auch anders hätte formulieren können und müssen. Was aber meines Erachtens gar nicht geht ist die Stilisierung von Gauck als Sarrazin-Sympathisant oder gar Rassismusverharmloser. Übrigens hat eine Autorin der SZ FAZ bereits Mut bewiesen und ihr Meinungsbild dahingehend öffentlich geändert, nachdem sie erstmals – wie viele andere auch erst gestern oder heute – das vollständige Interview mit Gauck zu der Thematik gelesen hat.

Gauck bezeichnet Occupy-Bewegung als unsäglich albern
Hier bin ich noch auf der Suche nach der ursprünglichen Quelle: Der Aufzeichnung der ZEIT-Matinee Veranstaltung, auf der er das angeblich so gesagt hat. Es wird aber schon bei den Zweitquellen einiges durcheinander geworfen. Nicht die Occupy-Bewegung an sich bezeichnet er als albern, sondern die Forderung nach einer Abschaffung des kapitalistischen Systems und der Marktwirtschaft und zwar im Hinblick auf die Forderung nach Verstaatlichung der Banken. Er selbst hat erlebt, dass die Verstaatlichung der Banken in der DDR kein Garant dafür ist, dass plötzlich alles prima läuft. Aber wie gesagt, ich würde da sehr gerne erst die Urquelle anschauen, bevor ich da eine abschließende Meinung zu bilden kann. Und selbst wenn er die Occupy-Bewegung als naiv mit wenig Zukunft bezeichnet hat, so frage ich mich ernsthaft ob das gleich ein Gedankenverbrechen ist? Es ist ein Beitrag zu einer Debatte, die ich wichtig und wertvoll finde, auch wenn man sie so nicht teilen mag. Ich finde das wesentlich hilfreicher als Politiker, die das in der Kritik stehende System maßgeblich mitgetragen haben und nun die Occupy-Bewegung nach außen hin aus parteitaktischen Gründen bejubeln. Man ist sicher kein Unmensch, nur weil man diese Protestbewegung und die Diskussion über Abschaffung des Kapitalismus als “naiv” empfindet. Sicherlich sind für einen offenen Dialog diese Aussagen (wenn sie denn in diesem Kontext so stimmig sind) wenig hilfreich, aber noch lange kein Grund Gauck als Anti-Protest Hardliner zu installieren.

Update: Hier ein Statement von Gauck bei 3Sat zu Occupy und Protest via Slinfo. Auch die Meinung Gaucks muss man nicht teilen, aber es klingt meines Erachtens schon ganz anders als ihm da zuvor in den Mund gelegt wurde.

Gauck bezeichnet Hartz4-Proteste als “töricht und geschichtsvergessen”
Auch das stimmt so einfach nicht wenn man sich allein nur die Zitatfetzen anschaut. Gauck empörte sich über die Benennung der Hartz4-Demos mit dem bekannten Begriff “Montagsdemonstration”. Für ihn stehen diese Demonstrationen verständlicherweise in einem ganz anderen geschichtlichen Kontext. Er bezeichnete ganz bestimmt nicht den Hartz4-Protest an sich als töricht, sondern den Versuch den parteipolitisch motivierten Protesten die Marke “Montagsdemonstrationen” überzustülpen. Oder wie es rp-online formuliert hat:

Der frühere Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Joachim Gauck, nannte es “töricht und geschichtsvergessen, wenn der Protest gegen Sozialreformen unter dem Titel Montagsdemonstration
stattfindet”.

Auch dieser Meinung muss man natürlich nicht zustimmen. Gauck aber deshalb soziale Kälte vorzuwerfen und ihn als Gegner von Hartz4-Empfängern und deren Recht auf Protest darzustellen ist einfach nur desinformativer Unsinn.

Ich werde auch weiterhin das Thema verfolgen, weil ich mich ganz einfach so dermaßen ärgere, wie achtlos man gerade in dieser Beziehung mit Informationen und Urteilen umgeht. Gerade diejenigen, die sich als große Kritiker der Bildzeitung bezeichnen, fallen auf die Mechanik des Boulevards herein. Nein, es geht ganz sicher nicht darum Gauck als neuen Heilsbringer zu stilisieren, bei dem nun jedwede Kritik tabu ist. Im Gegenteil, ich empfinde Joachim Gauck als einen der wenigen Intellektuellen in diesem Land, an dem man sich ruhig reiben kann und soll. Nur sollte das eben mit ein bisschen mehr Gehirnschmalz und Verstand geschehen. Sonst haben wir am Ende tatsächlich nur einen glitzernden Grüßonkel als Präsidenten verdient.

Ergänzender Artikel:
Da es mir eher darum ging den Medienmachern und Mediennutzern den Spiegel vorzuhalten, als Gauck in seinen Ansichten zu verteidigen, hier der Versuch das Thema noch mal auf die Ebene einer allgemeinen Medienreflektion zu heben.

Ergänzender Podcast:
Gemeinsam mit Dr. Nils Köbel beleuchten wir im Soziopod in 60 Minuten das Thema Gauck aus den unterschiedlichen Perspektiven und reflektieren noch mal die mediale Kaskade in diesem Zusammenhang.

Updates und ergänzende Links:
Die Süddeutsche greift die Thematik der Verkürzung und Zweckentfremdung auf und formuliert es noch besser als ich es kann.

Auch Cicero schreibt ausführlich über die Stilisierung von Gauck zum Antidemokrat.

Sprachlog: Der böse Gauck und das Netz

Sascha Lobo in seiner Spon Kolumne: Gauck und die Stille Post im Netz

359 comments Write a comment

  1. Pingback: vom Regen in die Traufe - Seite 4 - KSG-Forum

  2. Ehrlich gesagt verstehe ich nicht inwieweit die besagten Zitate aus dem Kontext gerissen worden sein sollen. Dass er seine Unterstützung für die VDS halt nur in sehr diplomatiscehr Weise formuliert ändert nichts am eigentlichen Inhalt des Gesagten. Als marktradikaler “Verzichtsprediger” (auch so ein Gauck-Zitat, dass ihr in den richtigen Kontext rücken dürft ;) ) hat er mehr als einmal klar gestellt, was er vom Sozialstaat und Kritik am entfesselten Kapitalismus hält. Und auch wenn er Sarrazin nicht vollkommen zustimmt, demonstriert er doch zumindest partielle Übereinstimmung indem er ihm “Mut” attestiert (warum sollter er sowas sonst sagen?) und behauptet er nhätte ein reelles Problem der Gesellschaft angesprochen (so als ob Überfremdungsängste wirklich eine rationale Grundlage hätten).

    Den Vorwurf der mangelnden Recherche kann man somit zurückgeben. Denn viele Gauck-Unterstützer scheitern daran seine Zitate in den Kontext seiner dezidiert rechtskonservativen Weltanschauung und seiner geistigen Nähe zur Neuen Rechten zu stellen, welche schon lange vor seiner ersten Kandidatur bekannt waren. Bezeichnenderweise wird hier auf ein anderes Gauck-Zitat gar nicht erst eingegangen; nämlich dessen Charakterisierung der Anerkennung der Oder-Neiße-Linie durch die DDR als kommunistischen Verbrechen.

  3. “Wir stellen uns nicht gerne die Frage, ob Solidarität und
    Fürsorglichkeit nicht auch dazu beitragen, uns erschlaffen zu lassen.”(Joachim Gauck) Also, es gibt kein Recht auf Faulheit! Raus aus der sozialen Hängematte, liebe ALG2 Empfänger.http://tinyurl.com/6ops5oc

  4. Ich glaube, Breitenbach will den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen und outet sich so selber als Gauckler. Der Wald – das ist Gauck als Vertreter der kapitalistischen Elite, die sich angesichts der Schuldenkrise zusehends und immer offener von Demokratie, Menschen- und Bürgerrechten sowie Sozialstaat verabschiedet; die Bäume – das ist Gauck als geschickter Verklausulierer, der sich mit offener auftretenden Figuren wie Sarazzin gegenseitig die Bälle zuspielt. Gehen wir die Punkte doch einzeln durch: 

    VDS – Da mag es, wenn überhaupt, vielleicht irgendwelche theoretisch vorstellbaren Gefährdungslagen allerextremster Natur geben, die das rechtfertigen könnten. Wer so einen abseitigen Punkt, wie es Gauck laut Breitenbach tut, jedoch in den Mittelpunkt seiner Argumentation stellt, der lenkt vom akuten Zusammenhang ab, und leistet der VDS im konkreten hier und jetzt damit eben doch Schützenhilfe. 

    Sarazzin – Wer Sarazzins Behauptungen (von “Thesen” zu sprechen ist beschönigend) nicht als das kennzeichnet, was sie sind, nämlich zu offenem Rassismus parallel verlaufende Klassenkampfpropaganda von oben, der leistet damit auch wieder Schützenhilfe. Sarazzins Geschäftsmodell besteht gerade darin, den Rassismusvorwurf auf sich zu ziehen, um ihn dann so schön an sich abperlen zu lassen. Ihm geht es nicht um Rassen sondern um die Trennung zwischen Oben und Unten. Gauck wie praktisch die gesamte übrige Mainstreamöffentlichkeit überlassen ihm hier das Feld obwohl Sarazzins Masche so offensichtlich ist. Gerade darin besteht Gaucks gewollte oder ungewollte Komplizenschaft mit Sarazzin.

    Occupy Wallstreet und die Forderung nach Verstaatlichung der Banken – Hier wird Breitenbachs Pro-Gauck-Argumentation nun, na ja, selber absolut lächerlich. Die DDR-Geschichte ist in diesem Zusammenhang nämlich unbedeutend. Mit ihren 16 Millionen Einwohnern und ihrer kurzen Existenz war die DDR nichts weiter als eine Fussnote im Vergleich mit dem seit dem Mittelalter andauernden Experiment, eine Wirtschaft auf dem kapitalistischen Bankwesen mit der fraktionalen Reservehaltung als seinem wesentlichen Kennzeichen aufzubauen. Seit der endgültigen Abkehr vom Goldstandard durch Nixon’s Aufhebung von Bretten Woods und dem Fall des Ostblocks ist dieses Experiment nun zum ersten Mal so gut wie total: Mit unbedeutenden Ausnahmen wie Nordkorea haben wir weltweit durch kapitalistische Banken und Zentralbanken erzeugtes und gesteuertes Fiat Money. Das Ergebnis ist bekannt, es kommt zu immer häufigeren und immer katastrophaleren Finanzkrisen, deren Folgen man regelmässig und wenn es sein muss mit Gewalt auf die Bevölkerungen abwälzt. Das alles geht einher mit immer extremeren Einkommensungleichheiten. Dass diese Demokratie letztlich unmöglich machen, könnte Breitenbach zum Beispiel bei Aristoteles nachlesen. Angesichts all dessen die Forderung nach Verstaatlichung der Banken, die keineswegs gegen die Marktwirtschaft gerichtet ist, rundheraus als lächerlich abzutun, zeugt bestenfalls von unendlicher Verblendung und Verbohrtheit wenn es nicht wahrscheinlich in das tatsächlich kalte Herz Joachim Gaucks und, ich würde sagen, auch Breitenbachs blicken lässt. Bei der andauernden Finanz- und Umverteilungskrise und wie man sich zu ihr stellt, trennt sich eben die Spreu vom Weizen, da es Farbe zu bekennen gilt. Breitenbach ist einer von denen, die sich den Eliten an den Hals werfen, da hilft alles progressive Getue nichts.

    Montagsdemonstrationen – Gauck ist einer dieser ehemaligen Oppositionellen, die seit dem Fall der DDR niemals und nirgends auch nur einen Finger für Demokratie, Frieden und soziale Gerechtigkeit gerührt haben. Das geht jetzt seit über zwanzig Jahren so. Er ist der Letzte, der irgendeine moralische Autorität hätte, irgend jemandem vorzuschreiben, unter welchem Leitspruch er demonstrieren darf.

  5. Vielen Dank für die differenzierte Darstellung! Ich Habe mich auch über einige aktuell kursierende Gauck-Zitate gewundert und bin jetzt dank des ausführlichen Berichtes aber wieder beruhigt.

    @ Jan B.:Ich finde jemandem “Mut” zu attestieren muss nicht als partielle Übereinstimmung gewertet werden. Vieles was tagtäglich passiert, ist “mutig” aber trotzdem dumm. Wenn beispielsweise jemand aus Spaß mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug springt finde ich das “mutig”. Im Grunde finde ich das ganze aber dumm (die Gründe möchte ich jetzt hier nicht ausführen). Das gleiche gilt meiner Meinung nach für Sarrazin: Mutig + dumm.

  6. ganz große Klasse, danke für diese differenzierte und um Original-Quellen bemühte Aufarbeitung!!

  7. Aber selbst dann würde da immer noch eine gewisse Anerkennung mitschwingen. Zudem hat ja Gauck Sarrazin mehr als nur Mut attestiert, sondern ihm auch zugestanden, angeblich ein reelles gesellschaftliches Problem angesprochen zu haben, womit er im Grunde suggeriert, dass Überfremdungsängste eine rationale Grundlage hätten. Dazu passt ja auch seine Bemerkung darüber, dass es zu viele Stadtviertel mit zu vielen Ausländern und zu wenig Altdeutschen gebe. So oder so machst auch du den Fehler Gaucks Äußerungen im dem größeren Kontext seines dezidiert rechten Weltbildes zu sehen. Die Begeisterung für Gauck scheint mir ähnlich naiv zu sein wie damals für Guttenberg und speist sich nicht zuletzt aus dem Mythos, dass er “Bürgerrechtler” gewesen sein soll. (Tatsächlich war er zur Zeit der DDR an keinen oppositionellen Tätigkeiten beteiligt und hat diese erst angefangen zu kritisieren als dies nichts mehr gekostet hat. Zumal es Dokumente dafür gibt, dass er einen rechten ungewöhnlichen engen Gedankenaustausch mit der Stais hatte.)

  8. Pardon, du machst natürlich den Fehler gaucks Äußerungen NICHT in dem Kontext seiner bekannten Weltanschauung zu sehen.

  9.  Das heißt also im kanonischen (kirchlichen) Zinsverbot ist alles besser und alle sind reich. Kein Ärger im Islam mit den Banken, jeder bekommt “Geld in Hülle und Fülle”. Deswegen auch lieber Schgleier statt Demonstration. Langsam begreifde ich.

  10. damit Du noch was dazu lernen kannst, es heißt DAS Gegenüber und nicht den. Wo hast Du Deutsch gelernt?

  11. Pingback: What really Grinds my Gears – Mensch- und Medienarbeit zum neuen Bundespräsidenten und anderswo | outofthejukebox

  12. Pingback: Joachim Gauck wird Bundespräsident - Seite 3 - inQuake Forum - mehr braucht man nicht!

  13. Hallo Jan,
    Ich glaube schon, dass es in der Bevölkerung bei vielen eine Angst vor Überfremdung gibt. Weshalb sonst hat sich das Buch sooft verkauft? Ferner teile ich Gaucks Meinung, dass man keine reinen Ausländerstadtteile schaffen sollte, sondern ein buntes Miteinander von “Altdeutschen” und Migranten.
    Es kann nicht sein, dass Menschen, die eine Meinung zur Ausländerpolitik äussern, sofort in die rechte Ecke gestellt werden. Das hier die Politik eine sinnvolle Lösung vorschlagen muss, ist unbestritten. Und genau mit diesen Ängsten versucht die NPD Wähler zu fangen. Vor diesen Ängsten die Augen zu verschließen und dann zu glauben, sie wären dann nicht mehr da, halte ich für töricht.

  14. Gauck, der wie aller Deutschen seiner Generation ein Kind des 3. Reiches ist, sollte sich mit dem Thema Faschismus gründlicher auseinandersetzen, ehe er ein öffentliches Amt annimmt und Deutschland im Ausland vertritt. Auch innenpolitisch hat er die Verantwortung, dieses Thema wach zu  halten –  was ein starkes Nationalbewusstsein nicht ausschließt.
     Hier scheinen aus meiner Sicht blinde Flecken zu bestehen. Er scheint gedanklich hauptsächlich um den Stalinismus zu kreisen. Das ist zweifellos ein  wichtiges Thema. Jedoch sollte er über sein persönliches Schicksal und das Outing seiner Erfahrungen nicht die Realitäten anderer Menschen verdrängen, leugnen, relativieren und hinter Brandt, Rau und Weizsäcker zurückfallen. Es fehlt an Empathie für das Leid anderer. Seine Einstellungen zu dieser Thematik erinnern mich an die 50er , 60er Jahre des letzten Jahrhunderts in der jungen BRD. Auch sein Vater wird nicht nur ein Opfer gewesen sein. Auch die Eltern und Großeltern in den alten Bundesländern haben auf die eine oder andere Weise “gebüßt”, waren in Gefangenschaft;  sind gefallen, kamen aus dem KZ  usw. und wer nach dem Krieg hier kritisch gewesen ist, musste auch mit Nachteilen rechnen. Es gab z. B. auch politische  Inhaftierungen bei Adenauer. und Berufsverbote bei Brandt.

    Hoffentlich ist er bereit,
     diesen Blick über die eigene innere Mauer  in seinem Alter noch zu vollziehen.
    Ich wünsche es ihm und hoffe, dass er kein Unheil anrichtet. Denn das wäre schlimmer, als die gesponserten Urlaube und Upgrades des Herrn Wulff.

     Ausführliche Zitate und ihre Interpretation findet man z. B. hier.

     http://clemensheni.net/2012/02/20/ein-politisch-kultureller-super-gauck-antisemitismus-halt-einzug-ins-schloss-bellevue/

    http://www.nrw.vvn-bda.de/texte/0130_gauck_do.htm

    http://www.publikative.org/2010/06/21/zuroff-gauck-kritik-200/

  15. In deiner Kritik an Joachim Gauck äußerst du so manches,was bedenkenswert ist. Dabei machst du aus meiner Sicht aber den Fehler, ihn nach einem allzu simplen Freund-Feind-Schema zu beurteilen.
    Zu deinen Anwürfen bezüglich Gaucks angeblicher oder tatsächlicher Haltung zu Sarrazin, Hartz-4 und der occupy-Bewegung:
     
    Für Gauck und einige Millionen Menschen mehr in diesem Land, die einen Großteil ihres Lebens in einem totalitären Staat verbringen mußten, ist die DDR (und damit auch ihre untaugliche, am Ende bankrotte Staatswirtschaft) nicht nur eine “unbedeutende Fußnote der Geschichte”, sondern leidvolle Erfahrung. Und wenn Gauck Forderungen innerhalb der occupy-Bewegung nach einer Verstaatlichung der Banken vor dem Hintergrund seiner Erfahrung mit dieser Staatswirtschaft kritisiert, dann hat er mit seiner Kritik Recht. Die occupy-Bewegung krankt tatsächlich an diffusen, nicht klar durchdachten Forderungen und mangelnder Strategie. Andererseits kann es – und darin gebe ich dir Recht – mit dieser Kritik Gaucks nicht sein Bewenden haben. Selbst und gerade Befürworter einer freien Marktwirtschaft, von FDP-Politikern über Mittelständler bis zum Mercedes-Chef, fordern heute eine strengere Regulierung des Finanzsektors und seine Rückführung auf die “dienende” Rolle, die er früher innerhalb der Wirtschaft innehatte, also die Vergabe von Krediten an Unternehmen. Aber genau das fordert auch Gauck, etwa in dem 3sat-Interview (siehe obiger Link), in dem er sich sehr differenziert zur occupy-Bewegung äußert. Für Gauck bedeutet das Wort Freiheit im Wort “freie Marktwirtschaft” ja nicht nur “Freiheit von etwas” (in Gaucks Worten), sondern notwendigerweise zugleich “Freiheit für etwas” – eine verantwortliche Freiheit, die sich Regeln gibt. 

    Auch in Bezug auf Gaucks Sarrazin-Äußerung, die Patrick Breitenbach dankenswerterweise zugänglich gemacht hat, ist deine Sicht zu undifferenziert. Daß der langjährige SPD-Politiker Sarrazin eine Klassengesellschaft zementieren wollte, ist absurd. Er stellt einzig und allein fest, daß viele der bisherigen Anstrengungen, diese Klassengesellschaft zu überwinden, fruchtlos geblieben sind und ihrerseits zur Verfestigung einer Unterschicht führen. (Seine biologistische Argumentation, von der er sich später distanziert hat, klammere ich hier aus.) Andere, erfolgreichversprechendere Methoden der Bekämpfung von Armut und der gesellschaftlichen Integration, etwa Investitionen in Bildung, werden auch von Sarrazin befürwortet. Die Verfestigung einer Unterschicht aber und die mangelhafte Intergration von Einwandern, die sich dann in dieser Unterschicht wiederfinden, sind keine Erfindung “rechter” Ideologen (wie viele nicht minder ideologische “Linke” gerne behaupten), sondern ein tatsächlich existierendes gesellschaftliches Problem – ein Problem, das aus Gründen der politischen correctness bis zu Sarrazins Buch nicht ungeschminkt angesehen und diskutiert werden konnte. Dieses Problem als erster klar angesprochen und damit eine freiere, realitätsnähere gesellschaftliche Debatte ermöglicht zu haben – darin besteht nach Auffassung des überzeugten Demokraten Gauck Sarrazins Mut. Und wenn man sich erinnert, welchen Anfeindungen dieser sich bereits vor Erscheinen seines Buchs ausgesetzt sah,gerade innerhalb der Partei, die seine politische Heimat ist, dann hat Sarrazin, der wußte, was auf ihn zukommen würde, tatsächlich Mut bewiesen. 
    Schau dir die Äußerungen Gaucks, vor allem sein 3sat-Interview, doch noch einmal unvoreingenommen an!

  16. Patrick, danke für deine Kritik an den Anwürfen gegenüber Gauck, die im Netz aufgetaucht sind, und für die Originalquellen, die du zugänglich gemacht hast. Du hast da unglaublich wichtige Arbeit geleistet. 

  17. Zu der “unsäglich albern”-Sache hat er sich danach im Interview bei der Welt am Sonntag (23.10.11) übrigens detailliert geäußert:

    Warum halten Sie die aktuelle Kapitalismuskritik dann für „unsäglich albern”?Ob das wirklich die höchsten Tugenden sind, darüber wollen wir jetzt nicht streiten. Aber einen Slogan wie „Besetzt die EZB” finde ich schon sehr albern. Eine Besetzung würde in Destruktion enden, wenn sie außerstande ist, etwas Besseres an die Stelle des Angegriffenen zu setzen.Ich finde es auch albern, um ein schwaches Wort zu benutzen, wenn der Parteichef der Linken, Klaus Ernst, die heutigen Demonstrationen gegen Spekulationen und Bankenwirtschaft mit den Umwälzungen in der DDR von 1989 vergleicht und von einer „revolutionären Phase” spricht. Diesen Rückfall in eine Ideologie, die so tut, als sei „der Kapitalismus” die Ursache aller Entfremdungsprozesse, halte ich für historisch längst erledigt. Dieses marxistische Mantra ist von der Geschichte widerlegt. Haben wir doch im Kommunismus gesehen, dass die Absolutsetzung der Macht der wenigen und die perpetuierte Ohnmacht der vielen zu weit größerer Entfremdung geführt haben als in der Sphäre des sogenannten Kapitalismus.Aber gibt es nicht heute viel differenzierte Protestkulturen? In Belgien sind Menschen dafür auf die Straße gegangen, endlich eine Regierung zu bekommen. Also ein Pro-Protestieren, ein post-linkes Demonstrieren.Wenn Bürger auf die Straße gehen, um sich für etwas engagieren, finde ich das natürlich nicht albern, sondern lobenswert. Wenn Menschen sich nicht abfinden wollen mit dem, was sie vorfinden, sondern die Welt verbessern möchten, zeugt das von jugendlichem Elan und starkem Veränderungswillen. Diese Haltung ist gut. Wir finden sie zum Teil bei den Auseinandersetzungen um Stuttgart 21 oder bei den Protesten gegen die Gipfeltreffen der G 8. Bei der Abgeordnetenhauswahl in Berlin konnten wir erfreulicherweise einen großen Zulauf ehemaliger Nichtwähler bei den Anhängern der Piratenpartei verzeichnen. Es gibt also ein neues Bedürfnis, den etablierten Politikern nicht alles zu überlassen. Ich fände es nur bedauerlich, wenn Menschen mit einer solchen Motivlage plötzlich bei der verbrauchten Ideologie des „Systemwechsels” landen. Mein besonderer Verdruss richtet sich gegen den Missbrauch dieses Protestpotenzials durch politische Reaktionäre. Wenn wieder leninistische Topoi bemüht werden, werde ich hellwach.

  18. 1. Der Standard-Artikel gibt m.E. die Meinung Gaucks zur Vorratsdatenspeicherung gut wieder. Gauck ist, unter Berücksichtigung der Verhältnismäßigkeit, für eine Vorratsdatenspeicherung (wie ich im Übrigen auch).
    2. Die Meinung Gaucks zu Sarrazins Buch ist mittlerweile hinlänglich bekannt. Ob man die Veröffentlichung längst bekannter Statistiken als mutig erachtet und die daraus resultierenden Rassismen zur gleichen Zeit kritisieren sollte lasse ich mal dahin gestellt.
    3. Occupy: von mir aus. Allerdings lobt und kritisiert Gauck zur gleichen Zeit die Demonstranten im verlinkten Video. Kann man vielleicht als differenziert bezeichnen.
    4. Hartz 4: Montagsdemo-Rhetorik hin oder her: Gauck begrüßte die Hartz-Gesetze und attestierte Schröder dafür Mut, ob man das gut findet oder nicht.

    Klar wird sowas in den Boulevardmedien vereinfacht wiedergegeben. Eine Verfremdung der Botschaft sehe ich jedoch kaum und wenn dann trägt auch Gauck selbst durch seine Wortwahl Schuld daran. Bemerkenswert ist außerdem dass der Autor das Bildniveau der Blogger und Kommentatoren kritisiert, also genau jener Zeitung, die Wulff aus dem Amt katapultieren und Gauck ins Amt heben wollte

  19. Aha, nach dieser Logik wäre auch die Existenz von Antisemitismus ein Beweis dafür, dass an der jüdischen Weltverschwörung schon was dran sein müsse, sonst würden die Menschen nicht so verbissen dran glauben.

    Überfremdungsängste haben keine rationale Grundlage. Punkt.

  20. Wie gesagt; Gauck diffamiert jeden sozialen Protest, der auf die Veränderung der wirtschaftlichen Verhältnisse abzielt als potenziell stalinistisch. Diese Art von antikommunismus stellt tatsächlich ein “Rückfall in alte Ideologien” dar.

  21. Was für ein Unsinn. Allerdings erinnert mich dein Beitrag daran, dass man uns schon bei Sarrazin erzählen wollte, dass wir ihn nur falsch zitiert hätten. Wenn dieser sich übrigens wirklich von seinen eugenischen Positionen distanziert hätte, hätte er gleich ein neues Buch schreiben müssen, denn in “Deutschland schafft sich ab” macht im Grunde nichts anderes als sich um die gesundheits Volkskörpers zu sorgen (und dabei polemisiert er nicht nur gegen Türken und Araber, sondern gegen randgruppen im allgemeinen).

  22. Das Problem der Quelle und wie die Wahrheit heutzutage verfälscht wird, hat mich gestern auch sehr beschäftigt. Es ging um ein anderes Thema, aber es erstaunlich, wie viele Fehlinformationen und Unwahrheiten im Umlauf sind.
    Einfachstes Beispiel: viele zitieren oft diesen Satz ” „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“ – Es wird behauptet, das Indianer dies gesagt haben und es eine uralte Indianer Prophezeiung sein, aber diesen Satz hat kein Indianer jemals so gesagt… Unsere Welt braucht eine Institution oder Website, die sozusagen die Wahrheit darstellt oder richtig über Quellen etc. aufklärt. Sowas fehlt im Internet und sowas braucht die Menschheit, denn durch FB, Twitter, Blogs und sogar in den Nachrichtendiensten wird heutzutage soviel Müll und Fehlinformation weitergegeben.Vielleicht sogar eine ganz andere Alternative zum Internet.Kurz gesagt: die Wahrheit ist nicht im Internet zu finden.

  23. Pingback: Gauck Links of the Day | Cora Buhlert

  24. Patrick Breitenbach

    Gauck, ein Antisemit? Das kann ich leider so nicht unkommentiert stehen lassen. Zum einen verweise ich auf das Statement von Dieter Graumann, Vorsitzender des Zentralrats der Juden, zitiert in der TAZ Quelle: http://www.taz.de/Linke-und-Migranten-zu-Gauck/!88106/

    “Dieter Graumann, der dem Zentralrat der Juden vorsitzt, ist da zuversichtlich: Gauck sei nicht immer bequem, aber er werde “frischen Wind in die Politik bringen”, ist er überzeugt.”

    Zum anderen werde ich aufgrund dieser schweren Anschuldigungen, die ich schon an mehreren Stellen im Netz gesehen und gelesen habe, versuchen heute Kontakt mit dem Zentralrat der Juden aufzunehmen und eine Stellungnahme zu den zitierten Passagen aus Gaucks Aufsatz für die Bosch Stiftung zu erbitten. 

  25. Hängt man dem “panem
    et circenses” ein “et rem luisoriae” an so wird der Zirkus und
    seine Spiele ergänzt durch Spielzeuge, u.a. dem beschleunigten Internet samt
    seiner gar nicht so sozialen Netzwerke, indem Jedermanns Möglichkeit zu jeder Zeit mit Thesen
    und Behauptungen um sich zu schmeißen in ihrer schieren Masse schnell zu aller Welts Überschriften werden.

     

    Noch nie war es
    so einfach.

    caw

  26. Im Tagesspiegel ist kein Wortlaut-Interview mit Gauck erschienen. Der Tagesspiegel hat mit Gauck gesprochen, aber in seinem Artikel lediglich eine Reihe von Zitaten aus dem Gespräch wiedergegeben. Die Fragen des Tagesspiegels sind dabei nicht dokumentiert, zudem ist das Gespräch nicht im Zusammenhang wiedergegeben. In welchem größeren Kontext die einzelnen Zitate jeweils gefallen sind, wird nicht klar. Es war wohl ein Gespräch über dies und das und der Tagesspiegel gibt Zitate zu verschiedenen Themen ohne große Überleitung wieder. Der Artikel hatte sechs Absätze, ich zitiere hier mal den ersten und letzten Absatz. Nur im letzten geht es um Sarrazin.Tagesspiegel vom 31. Dezember 2010:

    Berlin – Der frühere
    Präsidentschaftskandidat Joachim Gauck sieht die Bundesbürger im
    Superwahljahr 2011 in der Pflicht, sich gründlicher über politische
    Vorgänge und Entscheidungen zu informieren. “Es gibt in der Demokratie
    nicht nur eine Bringschuld der Politik, sondern auch eine Holschuld der
    Bürger. Wenn Wähler in einer Konsumentenhaltung verharren, anstatt sich
    für die objektiven Probleme der Allgemeinheit zu interessieren und sich
    mit den Vorschlägen und Maßnahmen der Politik wirklich
    auseinanderzusetzen, gerät die Demokratie auf Dauer in Gefahr”, sagte
    Gauck zum Jahreswechsel in einem Gespräch mit dem Tagesspiegel. Er
    wünsche sich für das Jahr 2011, dass sich die Bürger weniger mit
    Oberflächlichkeiten von Politikern beschäftigen, sondern mehr mit der
    Substanz der politischen Entscheidungen. “Nicht die Kleidung der
    Ehefrau des Verteidigungsministers ist wichtig, sonder die Lage der
    Sozialsysteme oder die Notwendigkeit der Rente mit 67.”

    (…)

    Dem früheren Berliner Finanzsenator und Autor des umstrittenen
    Sachbuches “Deutschland schafft sich ab”, Thilo Sarrazin, attestierte
    Gauck, “Mut bewiesen” zu haben. “Er hat über ein Problem, das in der
    Gesellschaft besteht, offener gesprochen als die Politik.” Die
    politische Klasse könne aus dem Erfolg von Sarrazins Buch lernen, dass
    “ihre Sprache der politischen Korrektheit bei den Menschen das Gefühl
    weckt, dass die wirklichen Probleme verschleiert werden sollen”. Zum
    Parteiausschlussverfahren der SPD gegen Sarrazin sagte Gauck, die SPD
    habe das Recht zu sagen, dass die Position eines Parteimitgliedes nicht
    ihrer politischen Auffassung entspricht. “Aber man muss nicht gleich
    demjenigen Sanktionen androhen, der ein bestehendes Problem offen
    anspricht.”

  27. Pingback: Publikative.org » Blog Archive » Die Gauck-Debatte in den sozialen Netzwerken

  28. Pingback: Joachim Gauck | Nibelungen-Blogger

  29. Danke. Ich habe zuerst auch “häää?” gedacht und mich über Ihre hilfreiche Zusammenstellung gefreut.
    Elvira Surrmann

  30. Pingback: Die Welt – Artikel vom 23.04.1991 über Gauck und Terpe | Gedanken aus der Zwischenablage

  31. Pingback: Was Gauck wirklich gesagt und gemeint hat… - Stephan Kunze - Stadtrat für Arnstadt

  32. Vielen Dank für diesen Artikel. Endlich einmal jemand, der sich Zeit nimmt, die Originalquellen anzuschauen und nicht einfach nur copy&paste betreibt, wie leider viele teils sogar ehemals renommierte Zeitungen.

  33. Pingback: Besser die Wahrheit - Seite 20 - Teneriffa-Forum.NET - Deine deutschsprachige Teneriffa-Gemeinschaft

  34. Jetzt habt ihr Euer heilig gesprochenes Fossil aus dem kalten Krieg was im DDR-Zoo überwintern konnten: Mir reicht diese Heuchelei. SPD wohin bist du geraten?

  35. Pingback: Besser die Wahrheit - Seite 21 - Teneriffa-Forum.NET - Deine deutschsprachige Teneriffa-Gemeinschaft

  36. Einfach nur vielen herzlichen Dank für den Artikel und die genommene Zeit.

    Fuerst liest vielleicht noch mal genauer nach, könnte hilfreich sein.

  37. Pingback: falsch zitiert « Roger Reloaded

  38. Ein sehr guter Beitrag! Leider ist das Niveau der GAUCK-Kritiker auf einem sehr armseligen Niveau. Lasst ihn doch erst einmal sein Amt antreten und hört bei seinen öffentlichen Auftritten bitte genau zu, denkt darüber nach und beurteilt ihn anschließend. Seid doch nicht so empfindlich bei Kritik, diese kann ja immer auch konstruktiv gemeint sein und so beide Seiten weiterbringen. Also etwas mehr Gelassenheit!
    Übrigens ist eine lebende Demokratie immer dadurch gekennzeichnet, dass ein kritischer Diskurs gepflegt wird und man bereit ist sich die Kritik anderer genau anzuhören, bevor man sein Urteil fällt.
    Ich bin da hinsichtlich Herrn Gauck sehr erwartungsfroh. Zum Glück kommt einmal ein Quereinsteiger mit einem ansprechenden Intellekt in dieses Amt und kein profilloser Parteifunktionär oder weichgespülter Funktionär in dieses Amt.
    Die oberflächliche und vorschnelle Empörungsbewegung im Netz ist aus meiner Sicht einfach nur albern.

  39. Zur angeblichen Diffusität von Occupy Walstreet: Was könnte weniger diffus sein als die Forderung nach Verstaatlichung der Banken? Wenn hier etwas diffus ist, dann die Lippenbekenntnisse von ‘FDP-Politikern über Mittelständler bis zum Mercedes-Chef” nach dem Motto ‘strengere Regulierung des Finanzsektors und seine Rückführung auf die “dienende” Rolle, die er früher innerhalb der Wirtschaft innehatte.’ Für die Verstaatlichung der Banken gibt es nicht nur den englischen Fachbegriff der “receivership” sondern sogar ein Beispiel aus der jüngeren Geschichte, nämlich die Verstaatlichung verschiedener Banken in Schweden nach dem Platzen einer Verschuldungsblase im dortigen Immobiliensektor in den neunziger Jahren. Das passierte natürlich in viel kleinerem Massstab, als es heute vonnöten wäre, nur hat sich die Situation durch die bail outs und das Gelddrucken in den USA und Europa so zugespitzt, das wir es de facto mit dem Umgekehrten zu tun haben, nämlich der Übernahme des Staates durch die Banken. Stichwort ESM, welches nichts anderes als ein Ermächtigungsgesetz sein wird. Nur die Verstaatlichung der Banken kann das Rad noch zurück drehen. 

    Zur angeblichen Undifferenziertheit in Bezug auf die Sarazzinpropaganda: Die SPD ist seit langem nur noch eine CDU/CSU ohne das “C”. Dass Sarazzin Mitglied dieser Partei ist, hat also rein gar nichts zu bedeuten. Das mit der Verfestigung der Schichtenverhältnisse stimmt, der Grund hierfür ist jedoch der von Sarazzin ideologisch beförderte Klassenkampf von oben mit den sich immer weiter vertiefenden Einkommensunterschieden. Macht ist Geld und Geld ist Macht, da liegt wie seit eh und jeh der Hund begraben. 

  40. Pingback: Waschbärpower » Über die Fremdheit

  41. Der Artikel ist leider der Inbegriff dessen was er zu kritisieren meint … Der Autor  versucht, ganz klar überspitzte, Aussagen über Gauck zu wiederlegen indem er den “Gesamtkontext” betrachten will. Leider findet er in keinem Fall den “Gesamtkontext”, bzw. wenn er ihn gefunden hat Postet er den Link um dann jedoch im nächsten Satz die darin gemachten Aussagen schön zu reden bzw. zu bewerten … Natürlich sollte man immer die Quellen suchen bevor man sich auf Satzfragmente stürzt, wer aber “die Forderung nach einer Abschaffung des kapitalistischen Systems und der Marktwirtschaft und zwar im Hinblick auf die Forderung nach Verstaatlichung der Banken, als albern betrachtet” (q: Artikel s.o.) der ist nun mal Systemerhalter und Vertreter der Kapitalinteressen und darum für mich politisch nicht nur nicht tragbar sondern zu bekämpfen.   

  42. Danke für den sehr guten Beitrag! Da mit mittlerweile die Finger davon bluten Gauck vor dem ganzen Unsinn, der zuzeiz kursiert zu verteidigen, werde ich deinen Artikel wohl sehr fleißig verlinken, da hier die Vorwürfe am differenziertesten entkräftet, bzw. in ihren Kontext gebracht werden. Was den Antisemitismus angeht, kann ich nur sagen: Ich habe ihn mehrmals live erlebt, viel von und über ihn gelesen und Antisemitismus passt schlicht nicht in Gaucks Weltbild.

    Hätten seine Kritiker sich mal zu einem seiner unzähligen öffentlichen Auftritte bemüht, hätten sie gleich bemerkt, dass die Unterstellungen unmöglich mit seiner Persönlichkeit und seiner Denkstruktur zusammengehen.

    Er ist überzeugter Christ, ohne fundamentalistisch zu sein. Er ist überzeugter Demokrat ohne angepasst zu sein. Man kann sich, ich kann mich Deinem Schlusswort nur anschließen, daher gut an seiner Position reiben, aber an diesen beiden Tatsachen kommt man nicht vorbei.

  43. Würde man Kant mehr folgen in Sachen eines Moralisch /Ethischen Grundsatzes,,würde man auch nicht so viel Futter liefern für “Filterbubble “

  44. Ich bin froh, auf diesen Artikel gestoßen zu sein, es ist erschreckend, wie kritiklos diese sog. kritischen Stimmen verbreitet werden.

  45. Pingback: Buschtrommel » Die ausgewürgte Würde des Amtes

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