Letzte Worte und Gedanken zu Ansgar Heveling

Der Handelsblatt-Gastkommentar von Ansgar Heveling hat vor allem durch billige “Kampfrethorik” einen äußerst empfindlichen Nerv bei vielen Internetbenutzern getroffen und dabei nicht nur einen medialen Shitstorm, sondern auch einen mittelfristigen Schaden auf breiter gesellschaftlicher Ebene angerichtet – jedenfalls aus meiner Sicht heraus.

Herr Heveling ist für mich nicht nur “irgendein Hinterbänkler” oder “Boulevard-Troll”, der sich wichtig machen will. Mir ist schon klar, dass man nach der verbalen Entgleisung den Redner möglichst klein halten will, doch bedeutet die Reduktion der Person Heveling auch gleichzeitig eine Reduktion seines Amtes und seiner Aufgabe, nämlich als einer von 620 gewählten Volksvertretern im deutschen Bundestag die Politik der Zukunft zu gestalten. Wenn Hinterbänkler also so unwichtig sind wie manche Medien behaupten, wozu sitzen sie denn überhaupt noch im Parlament? Ein weiterer Tropfen für das überlaufende Fass des Politikverdrusses.

Für mich klingt das auch eher nach medialer Arroganz, vor allem auch den Politikern gegenüber, die tagtäglich hervorragende, sachorientierte Arbeit leisten, aber eben nicht so im medialen Rampenlicht stehen wie mancher ihrer Kollegen, nur weil sie vielleicht nicht so reißerische Floskeln auf den Lippen haben. Der Hinterbänkler ist also in erster Linie ein mediales Konstrukt. Vielleicht bin ich ja auch zu naiv, aber ich finde, wir sollten angesichts der Politikerverdrossenheit endlich auch mal lernen zu unterscheiden zwischen guter und solider Sacharbeit und Phrasendrescherei mit medialem Unterhaltungswert. Mir persönlich sind die stillen, fleißigen Parlamentarierer jedenfalls lieber als die inhaltslosen Entertainer und manchmal habe ich den Eindruck je öfter ein Politiker in einer Talkshow sein leeren Floskeln zum Besten gibt, desto weniger kann er sich – allein zeitlich bedingt – sachlich und gewissenhaft mit einer Thematik auseinandersetzen. Und desto mehr leidet auch das Image des Berufsbildes Politiker beim Volk. Manchmal habe ich auch das Gefühl wir haben mehr Pressesprecher, Possenreißer und Testimonials im deutschen Abgeordnetenhaus sitzen als Menschen mit dem Bemühen nach Sachverstand, Menschen, die Lösungen für Probleme erarbeiten und nicht Probleme für Lösungen erschaffen.

Doch zurück zu Herrn Heveling. Ansgar Heveling ist leider auch noch aktives Mitglied der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft, einem sehr großen Arbeitskreis, der sich speziell mit den Herausforderungen eines technologischen Prozesses, dem Wandel einer industriellen Gesellschaft zu einer digitalisierten Informationsgesellschaft beschäftigt. In diesem Arbeitskreis sitzen und sprechen zum Teil hochkarätige Spezialisten, es werden regelmäßig etliche Gutachter und wissenschaftliche Experten angehört, die sich intensiv und nachhaltig mit dem Thema beschäftigen, ja das sie zum Teil sogar zu ihrer Lebensaufgabe gemacht haben.

Wie muss es da schmerzen, wenn ausgerechnet ein Mitglied dieser Enquete so einen respektlosen und völlig unqualifizierten Beitrag in einer auflagenstarken Zeitung für Führungskräfte aus Politik und Wirtschaft (wir reden hier vom Handelsblatt, nicht von einer Apothekerzeitung) produziert. Das wäre ungefähr so, als sei man Mitglied in einem Arbeitskreis für Integration und würde erst einmal alle Ausländer beschimpfen und ihnen mitteilen, dass die Integration (und damit auch der eigene Arbeitskreis) von vornherein gescheitert ist. Entschuldigung, aber das würde doch auch keiner einfach so hinnehmen wollen. Man würde, besäße man ein Interesse an der Fortführung des Arbeitskreises “Integration”, diese Person umgehend aus seiner Verantwortlichkeit entlassen. Oder drastischer ausgedrückt: Wer kein Interesse hat konstruktiv an etwas zu arbeiten, hat einfach nichts in einem Arbeitskreis verloren. Aber wie gesagt, ich bin naiv oder vielmehr romantisch veranlagt.

Bei all der humorvoll gemeinten Häme, mit der man natürlich so eine Beleidigung am besten verdauen kann und man Heveling im Grunde diskreditieren möchte, darf man nicht vergessen, dass sich dadurch erneut die Fronten wieder verhärten. Die Enquete war als Instrument gedacht, um eben diesen großen digitalen Graben per Dialog zu überbrücken. Herr Heveling hat die mühevoll errichteten Brückenpfeiler durch seinen Gastkommentar wieder zum Wanken gebracht, eben weil er Teil dieses Dialoges war. Allein für manche Parteikollegen, die sich in letzter Zeit wirklich redlich darum bemüht haben das Internet nicht nur theoretisch zu verstehen, sondern es auch praktisch anzuwenden, dürfte die verbale Entgleisung von Herrn Heveling sauer aufgestoßen sein.

Um weiteren Schaden abzuwenden, empfehle ich umgehend den Ausschluss von Ansgar Heveling aus der Enquete, nicht wegen seiner durchschimmernden kontroversen inhaltlichen Meinung, man müsse das alte Urheberrecht so wie es ist bewahren, sondern wegen seiner fehlenden Bereitschaft, sich überhaupt auf das Thema einzulassen und somit wichtige Voraussetzung für einen ernsthaften Dialog zu schaffen.

Ich warne übrigens alle, die sich nun von Hevelings billigem Aufruf zum Kulturkampf anstecken lassen. Genau das ist es doch, was er mit seinem Kommentar bezweckt hat. Er will spalten, provozieren und den Beweis antreten, wie wenig dialogbereit die “Vertreter der digitale Gesellschaft” eigentlich sind und dass diese Gemeinschaft sowieso nur aus bösen Hackern, Raubkopierern und “digitalem Maoisten” bestehen. Also bitte den Fehdehandschuh links liegen lassen und sich viel mehr darauf konzentrieren, dass solche Volksvertreter in Zukunft nicht mehr in sachliche Arbeit involviert werden, auf die sie sich gar nicht empathisch einlassen wollen.

3 comments Write a comment

  1. Der letzte Absatz sollte nach oben. 

    Nicht zufällig sitzt ein “Hinterbänkler” in der Enquete. Auch das ist eine Aussage. Als solcher und als Politiker macht er genau eins: er testet die Wasser. 
    Meines Erachtens sind das die ersten Wehen eines Sturmes. Er meint Kulturkampf und zwar den seiner Partei. Es ist der erste Versuch die Meinungsmacht zum Thema Internet an sich zu ziehen. Ein Test wie gesagt. Die echten Heerscharen kommen noch. Klassische Politik das ist (Joda). 
    Aber abgesehen davon ist die ganze Enquete ein Verein, um Plauderer ruhig zu halten. Auf allen Seiten sehe ich nur Ideologien. Fachlich hab ich noch keine Substanz bemerken können. Die sitzt in anderen Gremien. (Die für die meisten Lautplauderer aber zu fachlich und damit zu anstrengend sind.) Von daher passt das schon und die Zukunft wird sicher nicht dort entschieden. 

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