Wir brauchen keine “Massen-Unis 2.0” – wir brauchen mehr teilbare Bildungsinhalte

Disclaimer: Ab 2012 bin ich wieder als offizieller digitaler Botschafter und Dozent für die Karlshochschule tätig. Das bedeutet natürlich auch, dass der Verdacht naheliegt, dass ich eine entsprechend ausgerichtete Perspektive auf die Bildungslandschaft und private Hochschulen habe. Folgende Gedanken würde ich sicherlich auch ohne mein Mandat an der Karlshochschule vertreten, bzw. ganz anders gesagt: Hätte ich dieses Mindset nicht, würde ich auch gar nicht erst für die Karlshochschule arbeiten.

Der SPON-Artikel “Massen-Uni 2.0” beschreibt das Online-Studienprogramm “Künstliche Intelligenz” der Stanford University (hier gibt es übrigens noch viele weitere Kurse), welches jedem Menschen mit Internetanschluss frei zur Verfügung steht. Mit Hilfe von E-Learning-Tools, also hauptsächlich Videovorträgen auf Youtube und Diskussionen in einem Forum, versuchen die Dozenten den Menschen auf der ganzen Welt Wissen zu einer bestimmten Thematik zu vermitteln. So werden aus ehemals 200 Elite-Studierenden im lokalen Stanford-Lehrsaal plötzlich 160.000 Online-Studierende auf der ganzen Welt, unabhängig von Einkommen und Studiengebühren.

Das ist natürlich aus meiner Sicht ein Paradebeispiel für die viel zitierte aber dennoch viel zu wenig vorgelebte “Participatory Culture” des Internets. Wissen dient eben nicht mehr allein dazu, dass man es in den eigenen Informationssilos hortet, sondern es mit anderen Menschen teilt. Erst durch das Teilen von Wissen, die dazugehörigen Feedbackschleifen, entsteht am Ende erst die Bildung – das Zusammenführen von Verfügungswissen und Orientierungswissen. Also erst das Zusammenspiel der vielen, unterschiedlichen kulturellen Sichtweisen und Erfahrungen aus unterschiedlichen Perspektiven macht ganzheitliche Lösungen komplexer, globaler Probleme erst möglich. Wenn uns die Gegenwart eines deutlich signalisiert, dann wohl die Dringlichkeit, dass wir große globale Aufgaben meistern müssen. Es stehen Fragen zur Debatte wie: In welchem Wirtschaftssystem wollen wir agieren? Welcher Politikstil ist angebracht? Wie haushalten wir mit unseren Ressourcen und wie behandeln wir den Lebensraum unserer Kinder und Kindeskinder? Wie kann Wohlstand einerseits wachsen ohne das andere dadurch verhungern müssen? Und was ist dieser Wohlstand überhaupt?

Das Internet ist sicherlich DAS angesagte Kulturwerkzeug, das uns Menschen zu einer kollaborativen Auseinandersetzung mit kollaborativen Problemen förmlich zwingt. Immer mehr Menschen erhalten Gehör durch die Vernetzung der Kommunikation. Dinge, die sonst tief im medial Verborgenen schlummerten, weil sie keinen Anlass oder Aufreisser finden, werden plötzlich sichtbar und können aber eben auch so gemeinschaftlich diskutiert und angegangen werden.

Die kleine, aber wirkungsvolle Initiative der Stanford Universität ist daher für mich weit mehr als bloß ein Youtube-Unterricht oder ein cleverer Marketingschachzug oder die Imagekampagne einer Eliteuniversität. Es ist ein wichtiges und seriöses Signal einiger Akademiker in den USA, wie man in Zukunft das Internet sinnstiftend für die gesamte Welt einsetzen kann. Das Netz überwindet geografische Grenzen und kulturelle Unterschiede. Es schafft theoretisch die notwendige gemeinsame Basis von Verstehen und Empathie. Es führt die verschiedene Perspektiven zusammen und bildet am Ende wenigstens annähernd ein Gesamtbild. Und dieses Gesamtbild ist entscheidend um die richtigen Weichen für unsere Zukunft zu stellen.

Das mag alles sehr pathetisch klingen, aber es ist dennoch meine volle Überzeugung. Das Internet als Werkzeug an sich ist völlig nutzlos. Entscheidend ist vielmehr wie wir Menschen das Internet in Zukunft zu welchen Zwecken einsetzen. Bleibt es bei Quatsch und Unterhaltung? Bei Kommerz und Informations-Fast-Food? Oder wird es in Zukunft auch mehr Projekte wie Stanford geben, etwas das vielen Menschen nachhaltigen Wert gibt, nämlich Bildung zu fördern und das eigene Potenzial bestmöglich positiv zu entfalten. Für letzteres werde ich mich in der kommenden Zeit und an der Hochschule engagieren und zwar pielerisch und unterhaltsam, wie ich hoffe.

Ich glaube übrigens in diesem Zusammenhang nicht, dass e-Learning die lokale Bildungseinrichtungen überflüssig machen wird. Der enge, persönliche Kontakt zu Kommilitonen, Dozenten und dem Netzwerk der jeweiligen Einrichtung ist nicht ersetzbar durch eine Youtube-Vorlesung. Gerade das Paradebeispiel der Khan Academy zeigt ganz deutlich, dass erst die Verzahnung von Online-Wissensvermittlung und Offline Coaching zu dem erfolgreichen Lernprozess führen. Was ich sehr wohl sehe ist eine Rollenverschiebung der Dozenten in der Zukunft. Der Dozent wird weniger zum vortragenden Faktenprediger als vielmehr zum Coach, Mentor und Begleiter des Studierenden, der im Dialog und in der Interaktion Wissen gemeinsam mit den Studierenden konstruiert und nicht bloß frontal im überfüllten Hörsaal vorbetet. Denn nur verinnerlichtes, selbst in der Gemeinschaft konstruiertes Wissen ist auch wirklich wertvolles Wissen. Alles andere ist nur triviale Faktenbüffelei, also Stoff-Bulimie.

Wer mehr übrigens etwas mehr über den Bildungsbegriff von Bieri und Bildung 2.0 erfahren möchte, der sollte mal in unseren Soziopod reinhören.

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