Duales Studium oder doch lieber Vollzeit?
Autor: Prof. Dr. Lutz Becker am 22.08.2010Keine Frage, wer bereits einige Jahre im Beruf war, sollte sich sehr gut überlegen, ob er oder sie sich ein Auszeit nimmt, um nochmals an die Hochschule zu gehen.
Ich selbst habe sowohl in mehreren Vollzeit-, als auch in dualen Studienprogrammen gelehrt – und da ich nebenberuflich promoviert habe, kann ich sehr gut beurteilen, was es bedeutet, auf zwei Hochzeiten zu tanzen. Meine Hochachtung gilt vor allem jenen Studierenden, die sich neben einer anspruchsvollen beruflichen Aufgabe und Familie noch an ein nebenberufliches Studium wagen. Das zeugt auf jeden Fall von Leistungsfähigkeit und Zielorientierung.
Etwas anders sieht die Angelegenheit für diejenigen aus, die gerade ihr Abitur gemacht haben und nun vor der Entscheidung stehen, dual oder Vollzeit zu studieren. Keine Frage, das duale Studium kann einen schnell zum Ziel bringen. Beim ersten oder zweiten Karriereschritt sind die Absolventen eines dualen Studiengangs den Vollzeitstudierenden klar voraus. Zudem gibt es ab dem ersten Tag gutes Geld, das sich Vollzeitstudierende oft mühsam und unter fraglichen Bedingungen mit Nebenjobs erarbeiten müssen.
Auf der anderen Seite muss man sich vor Augen führen, dass die praktischen Anteile im ECTS-System sehr hoch, manchmal sogar in absurder Höhe, bewertet werden. Ganz klar: Im dualen Studiengang steht viel weniger Zeit für die grundlegende akademische Ausbildung zur Verfügung. Hier muss man sich trotz der üblichen 180 ECTS Bachelor-Punkte, die formell in beiden Studienformen erworben werden, fragen, ob nicht doch Äpfel mit Birnen verglichen werden. Ein Bankvorstand sagte mir neulich, dass seine dualen Studierenden auch nicht viel mehr Theoriestunden hätten, als er in seiner Lehrzeit. Er fragte sich, wie man so an eine wirklich solide akademische Ausbildung kommen kann. Er selbst hat übrigens nach der Banklehre seinen Diplomkaufmann an der Universität zu Köln gemacht.
Ich erlebe immer wieder, dass Absolventen dualer Studiengänge mir erzählen, dass sie in ihrer Karriere gedeckelt seien. Sie kommen schnell bis zu einem bestimmten Punkt, in der Regel eine anspruchsvolle Sachbearbeiter-Funktion, aber dann nicht mehr weiter. (Manchmal hilft dann ein Firmenwechsel)
Gut, wer nicht Investmentbanker oder Unternehmensberater bei einer Top-Beratungsfirma werden will, ist mit einem dualen Studium oft gut bedient. Vor allem wenn man etwa eine Karriere im Vertrieb oder im Handel machen will. Da spielen für die Karriere berufliche Erfahrung und messbare Erfolge eine weit größere Rolle, als akademisches Hintergrundwissen. Bei anderen Karrierepfaden und Branchen sieht das unter Umständen anders aus.
Ein duales Studium ist immer ein Paket aus dem Studium als solchem, sowie aus der Betreuung durch den Arbeitgeber. Mir fallen spontan Firmen wie Bertelsmann, Dornbracht, Miele oder Walbusch ein, die wirklich hervorragende Bedingungen geschaffen haben, bei denen sich Studium und Praxis nahezu perfekt ergänzen. (Ich erinnere mich zum Beispiel an eine “duale” Bacheloreatin, die Ihre wirklich sensationell gute Bachelorthesis im Business Development bei Dornbracht geschrieben hat). Für Erfolg und Misserfolg spielt natürlich auch die professionelle Kandidatenauswahl dieser Unternehmen eine Rolle: Wer dort den dualen Weg einschlägt, kann ziemlich sicher sein, dass er oder sie dafür wirklich geeignet ist. Im gleichen Hörsaal sitzen aber mitunter Studierende, deren Arbeitgeber, vielleicht ein kleines Bauunternehmen oder ein Versicherungsbüro, diese Bedingungen nicht bieten können.
Man sollte sich stets vor Augen führen, dass Führungskräfte nicht aufgrund ihres Wissens, sondern aufgrund ihrer Fähigkeiten eingestellt werden – und zwar in der Regel solcher Talente und Fähigkeiten, wie man sie in der Hochschule in einem akademischen Studium entwickelt (“It’s not about skills, it’s all about talent”). Wer dort weniger Zeit verbringt, hat es auch schwerer, diese Fähigkeiten zu entwickeln. Und wie wichtig diese Fähigkeiten sind, merkt man erst nach einiger Zeit im Berufsleben – vor allem wenn man mit neuartigen und komplexen Situationen konfrontiert wird.
Bei allem ECTS- und Prüfungsstress (wir hatten es früher wirklich leichter, obwohl de Karlshochschule im Vergleich zu anderen Hochschulen hervorragende Rahmenbedingungen geschaffen hat) sollte man auch nicht vergessen, dass das “freie” Studentenleben eine tolle Erfahrung ist, die einem keiner nehmen kann. Man genießt Freiheiten, kann seinen Horizont in die unterschiedlichsten Richtungen erweitern und man erfährt eine ganz eigene Art von Gemeinschaft. Viele Studierende nutzen diese Zeit, um Auslandserfahrungen zu sammeln, oder über Praktika ganz unterschiedliche Firmen und Branchen kennenzulernen. oder um einmal Dinge zu machen, zu denen man als Berufstätiger keine Freiräume mehr hat. Diese Chance hat man nicht, wenn man schon direkt nach dem Abi einen klar abgesteckten “Career Track” eingeschlagen hat.
Es gibt keinen Königsweg, man muss sich die persönlichen Interessen, die Branche, die Karriereziele und vieles mehr vor Augen führen. Es kommt also immer auf den Einzelfall an. Ich habe meinem Sohn, der gerade sein Abitur gemacht hat, von einem dualen Studium abgeraten. Aber das ist, wie gesagt, eine Einzelfallentscheidung.
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