Transparenz vs. Anonymität: Warum es um wesentlich mehr als nur um Streetview geht

Autor: Patrick Breitenbach am 12.08.2010

Im gestrigen Beitrag habe ich versucht zu erläutern, warum die deutsche Kultur dem Konzept von Google Street View so mißtrauisch gegenübersteht. Ich selbst bin ein großer Fan dieses Dienstes und ich fände es bedauerlich, wenn er in Deutschland nur unzureichend online gehen würde. Nichtsdestotrotz finde ich es extrem wichtig sich alle Seiten genau anzuhören und ein wenig an der Oberfläche der Standardargumente zu kratzen. Für mich liegt, wie gesagt, der Schlüssel im kulturellen Kontext und ich finde es traurig und wenig zweckdienlich wenn sich beide Seiten in ihren Graben verschanzen und sich gegenseitig als “altmodisch”, “ängstlich” oder “kriminell” beschimpfen. Das ist kein sachdienlicher Dialog, das ist schlichtweg ignoranter Stillstand, der zu nichts führt.

Ein Bild das mir im Zusammenhang mit der Debatte besonders schnell einfiel war die niederländische Kultur der Gardinenlosigkeit. Wer schon einmal in Holland war, konnte sicherlich auch erstaunt beobachten, dass die Niederländer so gut wie keine Gardinen, also keinen Sichtschutz, vor ihren Fenstern haben. Da die meisten Gebäude ebenerdig sind, ist es gerade bei Dunkelheit und brennenden Lichtern überhaupt kein Problem sich das Geschehen IM Haus anzuschauen. Gibt es durch diese kulturelle Eigenheit, die sich aus der calvinistischen Tradition erklären lässt, mehr Voyeure und Kriminelle? Ich würde mal behaupten nein, aber das interessante in diesem Zusammenhang ist vielmehr, dass die Niederländer zwar sehr offenherzig in dieser Form mit ihrem Privatleben umgehen, sie dabei aber gleichzeitig den stillen Codex verfolgen, im Gegenzug nicht bei anderen hineinzustarren.

Freie Sicht erzieht demnach auch zu einem Verhalten, bei dem sich Kant die Hände reiben würde. Wenn du nicht willst, dass man dich anstarrt, dann starr auch keinem anderen an. Es entsteht dadurch ein Gefühl von gegenseitigem Vertrauen. Ein nichtgeschriebenes Gesetz, das allein durch aktive Anwendung in Stein gemeißelt ist. Dieses Vertrauen blieb auch bis heute in den Niederlanden unangetastet. Die Niederländer kennen nicht die Erfahrung eines Überwachungsstaates wie wir sie erleben mussten.

Die derzeitige heftige emotionale Abwehrreaktion von Großteilen der deutschen Bevölkerung spiegelt ein enormes Misstrauen wider. Misstrauen gegen:

- die eigenen Mitbürger (alles potentielle Verbrecher oder geifernde Schmutzfinken)
- Unternehmen (große Konzerne, vor allem ausländische, sind böse)
- das Internet als solches (Schmutz und Viren)

Sie erkennen nicht die enormen Vorteile dieser offenen Digitalisierung. Sie erkennen nicht den Zusammenhang zur gesamten Weiterentwicklung der Menschheit, zum Streben nach globaler Zusammengehörigkeit.

Woher stammt dieses Misstrauen? Nun, einerseits habe ich es ja bereits versucht zu erklären, nämlich die Prägung/Erfahrung durch die langen Jahre der negativen Überwachung. Das eint beispielsweise auch die politische Rechte mit der Linken. Beide haben gelernt, dass Transparenz tödlich sein kann (Todesangst ist nie zu unterschätzen und muss ähnlich wie bei Panikattacken nicht mit unmittelbaren Ereignissen zusammenhängen. Die Ängste können tief vergraben sein) und dass maximale Anonymität eben maximalen Schutz bietet. Man muss wie gesagt gar nicht direkt davon betroffen gewesen sein. Der kulturelle Transfer durch Geschichten, Unterricht, Filmen (“Das Leben der Anderen” etc.), Zeitungsmeldungen etc. pp. allein reicht aus, die Angst vor Transparenz aufrechtzuerhalten. Außerdem sind wir gerade mal 20 Jahre vom letzten Überwachungsstaat entfernt. Wir sind immer noch traumatisiert!

Ein Trauma hat dann eben auch zur Folge, dass man sich nicht auf logischem und rationalem Pfad bewegt, sondern im Gegenteil rein emotional, also völlig limbisch agiert. Jeder noch so kleine Reiz, der in Verbindung zu diesem Trauma steht, löst eine sofortige Abwehrhaltung aus.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die vehementesten Gegner von Street View unmittelbare und tiefgreifende Erfahrungen mit dem Thema Überwachung gemacht haben. Das wäre mal interessant zu untersuchen, denn – Street View hin oder her, das ist ja schließlich nur ein Symbol für ein weitaus tiefliegenderes Thema – das Thema Transparenz, Globalisierung und Weltoffenheit wird in Zukunft immer mehr an Bedeutung zunehmen. Nur durch die Einstellung von freiem Gedankenaustausch, dem freien Teilen von Informationen werden die Menschen überhaupt in der Lage sein die enormen globalen Probleme, die derzeit anstehen, zu lösen. Es geht nur gemeinsam. Offen. Und es wäre für Deutschland, gerade als Exportland, fatal sich dem zu entziehen.

Daher ist die Debatte rund um Streetview trotz Sommerlochvermutung sehr sehr wichtig. Nicht weil es Google ist, sondern weil sich darunter elementar wichtige Weichen für morgen verbergen.

Mein Rat an die Politik: Schluss mit den Grabenkämpfen. Wenn es Zweifel gibt, befragt die Wissenschaft und die zig anderen Länder, die Street View schon lange im Einsatz haben. Was hat sich verändert? Sind die Ängste wirklich berechtigt? Aber noch viel wichtiger: Wohin soll sich die Informationsgesellschaft der Zukunft hinentwickeln? Soll es eine anonyme oder eine transparente Gesellschaft sein? Darf die Welt wissen wie wir leben oder wollen wir uns dauerhaft vor ihr verstecken?

Mein Rat an Google: Empathie, Empathie und Empathie. Es hilft nichts die Kritiker zu belächeln, sie auszublenden oder gar gegen sie anzukämpfen. Es geht darum die Ängste zu verstehen und alle möglichen Maßnahmen zu ergreifen, diese Ängste auszuräumen. Das beginnt beispielsweise beim glasklaren Bekenntnis zur Netzneutralität und mündet in der eigenen Vorbildfunktion: Sich selbst als Unternehmen ebenfalls transparenter zu gestalten.