Googles Streetview im kulturellen Kontext – mal etwas andere Gedanken dazu

Auch wenn einige die Floskel “typisch deutsch” nicht wirklich mögen, ist ein Blick auf die “nationale” Kultur immer recht hilfreich um aktuelle, gesellschaftliche Themen besser zu verstehen.

Im Fall von Google Streetview und der fast dickköpfig wirkenden Resonanz der Gesellschaftsvertreter in Form von Medienschaffenden und Politikern liegt der kulturelle Kontext tief im Bereich der Intim- und Privatsphäre begraben. Politiker und Medien sagen in ihren Ausführungen gegen Google Streetview zwar “Schutz vor Verbrechen”, meinen damit aber eigentlich “Angst vor Überwachung von Außen”. Ganz bewusst möchte ich das “Außen” betonen, denn natürlich haben Teile der Medien und politische Kräfte kein Problem damit, wenn der Staat selbst Initiator von Überwachungs- und Kontrollmechanismen ist. Sei es der “Nacktscanner”, die Übermittlung von persönlichen Bankdaten, der Speicherung von IP-Adressen und Surfverhalten oder der biometrische Pass. Die deutsche Kultur war in den letzten 70-80 Jahren extrem geprägt vom Thema der Überwachung und dem Verlust der Privatsphäre, ja sie wurde sogar massiv bedroht in ihrer Ausübung einer freien Entfaltung. Überwachung geschah damals vielleicht auch unter dem Vorwand der inneren Sicherheit, wurde jedoch ausgiebig dazu missbraucht um das jeweilige agierende Herrschaftssystem zu etablieren und zu beschützen. Egal ob im dritten Reich oder im kalten Krieg. In beiden historischen Szenarien wurde Überwachung und Kontrolle mißbraucht, Menschen wurden durch diese Instrumente indirekt kontrolliert, gefoltert und ermordet – zum Teil rein für Gedanken und Äußerungen wohlgemerkt.

Dieses Überwachungs- und Kontroll Mem steckt also sehr tief in uns. Überwachung ist für uns Segen und Fluch zugleich. Auf der einen Seite legitim zur Selbsterhaltung, auf der anderen Seite verteufelt (je nachdem wer gerade als Gut oder böse klassifiziert wird), weil zu oft von den “Falschen” missbraucht. Die USA beispielsweise wendet ein Vermögen für Geheimdienste und Kontrollmechanismen auf (und auch folterähnliche Vorgänge), ganz einfach um ihr Staatssystem zu schützen. Und das ist für den Großteil der Bevölkerung okay, ja ihre Medienkultur idealisiert diese Methode in zahlreichen Vorabendserien und Pseudodokumentationen. Natürlich ist das für sie und ihre Verbündeten großteils legitim, aber im Konsens installiert.

Was aber passiert aber im Fall von Google Streetview? Hier haben wir plötzlich ein neues Szenario. Hier agiert kein politisches oder ideologisches System. Nein, hier schaltet sich erstmals ein Konzern massiv in die Angelegenheiten eines bzw. vieler Staaten und Staatssysteme ein, ohne direkte Absprache mit dem Staat selbst. Öffentlicher Raum (Verwaltung durch Staat) wird von Google dokumentiert, publiziert, privatisiert und monetarisiert. Bei aller Liebe und Begeisterung für Google Streetview Projekt darf man das nie vergessen.

Google ist nicht Wikipedia! Google ist keine gemeinnützige Stiftung oder eine (N)GO. Google wird nicht vom Volk gewählt, schon gar nicht von ihm kontrolliert. Google ist ein Konzern mit klarer Ausrichtung auf Profitmaximierung (was ja für ein Unternehmen normal und gut ist). Aber die Argumente, dass der Raum öffentlich sei und deshalb Google ein Recht darauf habe diesen öffentlichen Raum für jeden Menschen sichtbar zu machen, halte ich in diesem dargelegten Zusammenhang für eine ganz gefährliche Argumentation. Es geht natürlich nicht darum, dass man Einbrechern dabei hilft ihren Job besser zu machen. Es geht darum, dass ein privatwirtschaftlicher Konzern Eigentümer von virtuellem öffentlichen Raum wird. Nicht uns als Volk, als Bürger als Netzgemeinschaft gehört Street View. Wir haben kaum Einfluss darauf. Es gehört ganz allein dem Googlekonzern und seinen privatwirtschaftlichen Kooperationspartnern. Angesichts der parallel verlaufenden Aktivitäten rund um die Netzneutralität sollte man sowieso beide Ohren anspitzen. Denn wenn Google den öffentlichen Raum als privilegierten Exklusivcontent anbietet, so platzt die tolle Utopie der Wir-Gemeinschaft vollends.

Keine Frage, Google ist bisher ein beeindruckender Konzern – auch wenn wir niemals so wenig über ein Konzern wussten wie über Google, aber gleichzeitig dieser Konzern mehr über uns weiß, als viele Staaten und Konzernen zusammen. Das macht mich extrem misstrauisch und mich irritieren die Aussagen vieler Netzaktivisten, die von Freiheit und Wirgefühl sprechen, wenn sie so unreflektiert für Google Street View kämpfen. (Ich gebe zu, ich habe das selbst getan, weil ich einfach wenig Zeit finde alle Themen einigermaßen reflektiert anzugehen)

Wie gesagt, die Wikipediasierung des öffentlichen Raumes wäre ohne Zweifel eine tolle Angelegenheit. Der Besitz von allerlei Daten in einer privatwirtschaftlichen Hand, deren oberstes Ziel die Gewinnmaximierung ist, finde ich nicht ganz so toll.

Daher bei all der Begeisterung und dem Kampf für Google Street View, der Verteufelung der altmodischen Medien und ihren natürlich merkwürdig platt wirkenden Aussagen, bitte denkt auch mal eine Sekunde darüber nach.

Ich finde die ANwendung Street View toll, es ist definitiv ein Mehrwert für uns, doch auch nur solange wie wir wissen, dass damit kein Schindluder getrieben wird, also weniger von den Nutzern, als vielmehr von dessen Besitzern. Deren derzeitiges Verhalten in Bezug auf Netzneutralität lässt mich jedenfalls extrem misstrauisch werden.

Also zusammengefasst:
Ich kann sehr gut nachvollziehen warum Medien und Politik sich so vehement gegen Googles Streetview wehren. Sie sehen das als klare Bedrohung ihres Systems, zumal die klassischen Medien sowieso ein Interesse daran haben Google zu schwächen um zur eigenen Stärke zurückzufinden. Das politische System wiederum ist geprägt von den oben beschriebenen kulturellen Gegebenheiten. Ein (politisches) System hat immer extremes Interesse am Selbstschutz und an der Selbsterhaltung, es wird also immer Maßnahmen ergreifen um das zu gewährleisten. Der Grund warum beispielsweise Staaten wie USA nicht so einen Wirbel machen wie Deutschland? Nun, für sie als Weltmacht ist das starke privatwirtschaftliche nichtverstaatlichte Handeln Normalität. Staat und Wirtschaft waren schon immer zusammengeschweisst und die Überwachung des Volkes und anderer Völker geschah immer aus einem großen Konsens heraus. Man musste sich vor fremden Mächten schützen. Konzerne gelten dort allerdings noch nicht als Fremdkörper sondern als wichtige Motoren des gesellschaftlichen Systems. Bei uns in Deutschland ist das Verhältnis Wirtschaft und Staat extrem irritiert bis gestört, weil wir zwischen den Welten Planwirtschaft (Verstaatlichung) und liberalem Kapitalismus stecken. Daher rühren die Konflikte. Jedenfalls interpretiere ich das so. :-)

Update: Fortführende und vertiefende Gedanken im neuen Blogbeitrag “Transparenz vs. Anonymität: Warum es um wesentlich mehr als nur um Streetview geht”

25 comments Write a comment

  1. Keine wirkliche Aneignung, aber es wird in der digitalen Terra Incognita der First Mover Advantage klar genutzt.

    Da kann man jetzt Deutschland vorwerfen, das staatliche Initiiativen, genannt seien die Digitale Bibliothek oder generell Open Government, extrem lahmspurig daherkommen; und die Kritik wäre durchaus mehr als berechtigt, denn dieser Neokorporatismus lähmt extrem.

    Wenn aber jetzt, sagen wir in 5 Jahren ein zivilgesellschaftlich getragenes, staatlich unterstützes “digitalreality-map”-Projekt startet, hat sich die Mehrheit bereits in dem Tool glücklich eingerichtet. Wenn man mal jetzt unterstellt, dass die Refinanzierung des streetview-Projektes mit Methoden geschieht die auch für einen aufgeklärten Menschen vertretbar sind, spricht da wohl nichts dagegen es zu nutzen.

    Ich glaube, es muss zu Weiterentwicklungen des Gesellschaftsvertrages kommen, indem alle Beteiligten ihre Rollen transparent und im Sinne des Gemeinwohls neu einbringen – ergo nichts weiter als eine Fortführung der bereits begonnen Arbeit an einer offenen Gesellsschaft.

  2. Viele Bereiche der heutigen Welt verschmelzen ineinander oder bilden neue Schnittmengen. DeDer User wird zum Produzent, der Verfasser wird zum Publizisten, der Videofilmer wird zum Sender und tatsächlich in diesem Fall auch ein Privatunternehmen arbeitet in den Bereich, der sonst verfassungstaatlich geklärt erschien. Wir werden doch nicht drumherum kommen doch mal das Themenfeld “Unternehmenskultur” umfassender zu diskutieren. Der Kulturbegriff muß eine größere Rolle in unternehmerischen Diskussionen spielen. Es reicht nicht die Bereiche Kultur und Wirtschaft getrennt zu denken. Also auf der einen Seite der gepflegte Museumsbesuch am Sonntag und auf der anderen Seite “Geld verdienen”. Normatives Management braucht auch Reflexion und Substanz. Verwoben mit ökonomischen Fragen.

  3. Ähhh. Machst Du nicht zwei Denkfehler? Erstens eignet Google sich den öffentlich Raum ja nicht an, sondern bildet ihn lediglich ab ohne ihn dabei in irgendeiner Weise zu verändern oder gar zu “privatisieren”. Und dabei bildet Google nichts ab, was nicht ohnehin allgemein öffentlich zugänglich ist. Und zweitens ist das Angebot keineswegs exklusiv. Jedes andere Unternehmen, jeder Staat könnte ein gleiches oder ähnliches System aufbauen. Was btw. auch schnell geschehen würde, sollte Google den Zugang über Gebühr reglementieren oder bepreisen.

  4. Das Thema “Streetview” ist meiner Meinung nach ein gigantisches Verdummungsprogramm der Medien und Politiker. Man hat einen perfekten Prügelknaben mit dem sich das Sommerloch prächtig füllen lässt. Staat die Bevölkerung aufzuklären, welche Rechte sie an ihrem Bild und Haus haben bzw. nicht haben, wird über irgendwelche Fristen diskutiert oder Städte versuchen mit einem Stück Googlekuchen ihre klammen Stadtkassen aufzubessern.

    Noch wirrer wird es, wenn ich als Fotograf ein Haus vom öffentlichen Raum aus ablichten möchte. Mittlerweile muss man aufpassen, dass der Besitzer oder Eigentümer nicht zur Lynchjustiz greift. Merkt er aber ein “ehrliches” Ansinnen, dann erhält man ungefragt persönliche Daten, die man gerne nicht wissen möchte.

  5. zu 1.) Habe nicht behauptet, dass Google sich öffentlichen Raum aneignet. Was Google macht ist deren Abbildung und Monetarisierung durch Werbung. Das hast du anders interpretiert, als ich es gemeint habe. Es handelt sich dabei allerdings auch um eine Informationshoheit. Niemand könnte Google daran hindern Teile der Daten auszublenden, sie zu modifizieren oder ganz abzuschalten (nicht zu löschen) oder weiterzuverkaufen.

    2.) Der deutsche Staat wird niemals den öffentlichen Raum anderer Staaten abbilden und publizieren dürfen. Schon allein deshalb ist das ein Novum. Eine Ebenenverschiebung. Ein Paradigmenwechsel. Denk an den kalten Krieg und die abgeschossenen Spionageflugzeuge. Es ist auch fraglich ob wirklich JEDES Unternehmen genau dieses Verfahren umsetzen kann. (Frage der Mittel etc.) Für mich ist ganz klar, dass Google hier aufgrund von Geld- und Machtmitteln privilegiert ist.

    Mir geht es auch nicht darum das eine oder das andere zu verteufeln sondern mal beide Seiten aufzuzeigen. Irgendwo zwischen Jubelei und Hexenjagd.

  6. Richtig. Danke für den Gedankengang. Vielleicht kam es im Beitrag nicht so rüber, aber wir müssen weg von Grabenkämpfen und Allmachtsphantasien hin zu einer ganzheitlichen Denke Richtung Allgemeinwohl. Profit basiert immer auf der Formel Privilegiert vs. Unterprivilegiert. Oder anders: Man kann nur profitieren, wenn andere darunter leiden. Das ist die alte Denke der Konkurrenz. Politik vs. Wirtschaft. Kultur vs. Politik und Wirtschaft. Die sind böse jene sind böse.

    Am Ende muss uns einfach klar werden, dass es sich nicht um separierbare Systeme handelt, sondern dass wir Menschen diese Systeme erzeugen. Wir haben stets die Wahl ob wir nur für uns selbst oder für das Allgemeinwohl wirtschaften wollen.

    Echtes Allgemeinwohl entsteht dann, wenn eine Partizipation und demokratisierte Kontrolle möglich ist ohne das oberste Ziel der Gewinnabschöpfung. Das ist bei Wikipedia der Fall. Aber bei Google? Ich habe nicht die Wahl aktiv zu partizipieren, ich habe dank politischem Einfluss, die Möglichkeit zu widersprechen. Irgendwie ist das für mich alles andere als Handlungsfreiheit.

    Am Ende glaube ich noch an Googles Leitsatz. Doch bei jedem weiteren Schritt wird er erneut auf die Probe gestellt.

  7. Sie können das nicht klar kommunizieren, weil es ein Präzedenzfall ist. Zum ersten Mal bildet ein privates Unternehmen öffentlichen Raum in dieser Bandbreite ab. Ich finde die mediale Reaktion spiegelt sehr gut die Ratlosigkeit und das mangelnde Wissen der Politik selbst wieder.

    Die Politik spricht nur so dumm (aka unwissend) wie sie am Ende auch selbst ist.

    Und wie gesagt, das eigene Haus spiegelt Identität wieder. In unserem kulturellen Kontext ist das Thema ganz einfach sehr sensibel und nachvollziehbar. Nur weil man das nicht gut heißt, bedeutet das nicht dass man dumm ist, man ist entsprechend kulturell geprägt. Aber allein die Debatte wird diese Prägung bearbeiten.

    Auf der anderen Seite muss ich aber auch feststellen, dass es Google versäumt den klaren positiven Nutzen von Streetview zu kommunizieren. Die sind also mindestens genauso dumm wie die anderen. ;-)

  8. Patrick. Danke für diese Gedanken.

    Es gibt ja in den Webkreisen eine Untergruppe von Menschen, die davon überzeugt sind, dass sich mit dem Einsatz des Internets Chancen für die Weiterentwicklung des Menschen hin zu einer besseren Gemeinschaftlichkeit ergeben könnten. Dies geschieht natürlich nicht von selbst. Und es gibt genügend machtvolle andere Menschen, die das eher nicht begrüssen würden.

    Dennoch ist Bewegung im Spannungsfeld Wirtschaft – Zivilgesellschaft – Staat; und das nicht erst seit dem Beginn des Web. Der Wunsch, etwas Gutes zu tun, vulgo mehr als nur Profit zu machen, drückt sich sowohl in den Lebens- und Berufseinstellungen von mittlerweile mindestens zwei durch das Internet mitgeprägten Generationen aus; ebenso in der größeren Aufmerksamkeit, die in der Old Economy Softskills, CSR und anderen gesellschaftsverantwortlichen Aspekten zuteil wird.
    Beim letzteren ist sicher noch bloßer Schein dabei, aber nach Jahrzehnten der Selbstindoktrination muss man das denn Marketing- und PR-Leuten vielleicht auch ein wenig nachsehen. Change hurts.

    In diesem Wandel der Gesellschaft, hin zu einem besseren Kapitalismus oder noch besserem Unbenanntem, gibt es auch Firmen, die das neue Credo mittragen. Google ist da sicher mitzunennen. Und zwar nicht nur mit z.B. seinen HR-, CSR-Aktivitäten, sondern mit einer glaubhaft vermittelten Gesamthaltung. Mit Offenlegung von Codes, sei es der neue Videostandard (wie heisst er noch?), Android uvm. prägen sie eine gewisse Haltung, die sich erst bei den Entwicklern und später auch in vielen anderen Sphären niederschlägt.

    Auch dass Google diesen schwachmatigen Fehler des mikrosekundenlangen Mitschneidens von offenen Wlan in einer bereits sehr angespannten öffentlichen Situation zugegeben hat, drückt einen Anspruch an sich selbst aus. (Bei der alten Siemens wäre die 600GB-Festplatte inkl. den beiden Mitwissern wahrscheinlich im Keller oder im Rhein verschwunden). Dennoch muss man sich fragen, ob die Einbeziehung des Kapitalisten & Bilderbergers Eric Schmidt in die Geschäftsführung nicht ein Trojanisches Pferd des alten Kapitalismus bei Google eingeschleust hat. Aktuelle Entwicklungen beim Thema Netzneutralität machen sehr nachdenklich.

    Aber ist nunmal so, dass man natürlich diejenigen gern kritisiert, an denem einem auch noch was liegt. Andere hat man längst abgeschrieben (Welcome to the dark side).

    Fazit: Die Bedeutung der Zivilgesellschaft im webgetriebenen Fortschritt der Gesellschaft ist weiter zu stärken. Die Abhängigkeit von kommerziellen Trägern des Digitalen Öffentlichen Raums ist unideologisch zu diskutieren. Der Weg in die Zukunft ist breit und ein paar Schritte mit Google zu gehen, ist für mich unter den vorgenannten Zielpromissen, vertretbar. Die Fotos, die die Aktion “Verschollene Häuser” machen wird, sollten unter Creative Commons stehen. Die Einbindung sollte nicht nur in Google Streetview passieren. Langfristig muss jeder Fotografierende entscheiden, ob er einer kostenfreien kommerziellen Fremdnutzung zustimmt, diese sich vergüten lässt oder aufgrund dieser seine/ihre Fotos dem jeweiligen Service nicht mehr freischaltet.

  9. Kommerzialisierung führt allerdings auch zu Konkurrenz. Und Konkurrenz mag Google gar nicht.

  10. Jens, wir sind was diesen Gedankengang angeht absolut d'accord. Unterschreibe alles soweit voll und ganz.

    Wir sind im Umbruch. Und je mehr Leute wir an die Hand nehmen, je mehr wir die teils künstlich geschürten Ängste bei den Menschen aufgreifen und versuchen in milder Tonart zu entkräften, desto schneller wird es fortschrittlich Richtung Zivilgesellschaft.

    Google ist ganz einfach viel zu groß geworden und auch ich glaube natürlich noch an das Gute in dem Unternehmen, ganz einfach weil sehr viele kluge, empathische und kompetente Menschen darin arbeiten. Sie alle würden ab einem gewissen Punkt gehen. Dann fehlt Google das Nervensystem und es würde zusammenbrechen.

    Kein Wunder also dass manche Unternehmen in der Branche einfach kein Bein auf die Erde bekommen. Ich denke Google stellt das Allgemeinwohl oder vielmehr den Allgemeinnutzen zum Teil auch über das eigene Bedürfnis nach Profit.

    Dennoch, und da bin ich sehr froh, dass du die Eric Schmidt Parabel anfügst, besteht immer die Gefahr des Kippens. Auch Google befindet sich sicherlich in dieser zeit an einem Scheideweg. Weiter in die eine oder andere Richtung.

    Was letztlich der gesamten Entwicklung nicht weiterhilft sind Grabenkämpfe auf Niveau von Echsentieren. Ja, es ist komplex. Aber klar muss auch sein, dass man mehr mit Positivbeispielen voranschreiten sollte, statt eine Hexenjagd anzuzetteln, ganz egal auf welcher Seite diese entzündet wird!

    Empathie ist der Schlüsselbegriff. Empathie auch für den scheinbaren “Feind”.

  11. Pingback: CARTA

  12. Endlich mal eine fundierte Pro/Contra Herangehensweise. Ich danke Dir für den Text.

  13. Ich verstehe nicht ganz, welchen “Schindluder” Google mit Bildern von öffentlichem und frei zugänglichem Raum treiben können sollte.

  14. (solange frei zugänglich und in jetziger Form alles ok)

    Aber dann beispielsweise Daten der gesamten Öffentlichkeit entziehen und ausschließlich zahlenden Kunden/Unternehmen zur Verfügung stellen? Generell also die Vermarktung von “öffentlichem Raum” (denn das ist ja immer das Hauptargument dafür).

    Einführung eines Ratingsystems für Immobilienhändler

    Einbindung von kontextualisierter Werbung direkt an den Gebäuden

    usw. usf.

    Sprich: Google ist nicht dazu verpflichtet diese Daten immer öffentlich, unverändert und kostenfrei zugänglich zu machen.

  15. 1. “Es geht darum, dass ein privatwirtschaftlicher Konzern Eigentümer von virtuellem öffentlichen Raum wird.” Nope, nicht Eigentümer. Nutzer. Jeder kann das nachbauen. Google hat es bisher am besten gemacht. Städte und Kommunen am schlechtesten. (Siehe zum Beispiel die schlimme Usability von http://www.tim-online.nrw.de/ oder die diversen Versuche, für GIS Daten in abstrusen Jave-Frontends Geld zu nehmen).

    Privatisierung öffentlicher Güter ist zB die Verschleuderung der Berliner Wasserbetriebe, die das Land Berlin einem privatwirtschaftlichen Konzern mit Geheimverträgen gegeben hat. Da gibt es einen Eigentümer, und niemand kann Alternativen bieten.

    2. Ja, ganz klar wäre es besser, gäbe es eine öffentliche, gerne auch staatliche bezahlte Alternative. Aber im Moment ist es mir lieber, die Daten liegen bei Google als beim Staat.

    3. “Google ist ein Konzern mit klarer Ausrichtung auf Profitmaximierung (was ja für ein Unternehmen normal und gut ist). ” Jein. google ist ein auf die Schaffung der Über-Suche ausgerichtetet Unternehmen. Zufälligerweise hat Google mit personalisierter, besser: kontextbezogener Werbung eine ganz erquickliche Geldquelle dafür gefunden.

    4. “Politiker und Medien sagen in ihren Ausführungen gegen Google Streetview zwar “Schutz vor Verbrechen”, meinen damit aber eigentlich “Angst vor Überwachung von Außen”. ” Darin dürfte ein wesentlicher Teil des Schlüssels zur Erklärung der Street View Hysterie liegen. Sind doch (wie du ja auch schreibst) Politik und Medien die alten Informationshüter und -Gatekeeper. Plötzlich kommt da ein Privatunternehmen und bietet freien (!) Zugang zu einer Menge Informationen an. Weiterer Punkt: Interessanterweise sind es ja i.d.R. gerade Journalisten und Politiker, die für sich maximalen Datenschutz fordern (meist beruflich begründet), aber ebenso (beruflich begründet) das meiste über andere Personen wissen wollen. Recht paradoxe Situation.

    5. “privatwirtschaftlicher Konzern” Erstaunlich, was im Zuge von Street View so überall für eine unternehmenskritische Haltung hochkommt. Kann mich jetzt nicht an so viele Fälle erinnern, bei denen Konzerne mit Datenmißbrauch (den es ja gab) direkt Menschen geschädigt haben. Dafür um so mehr, bei denen staatliche Stellen durch Datengebrauch und Mißbrauch (und da ist Hartz IV nur die Spitze des Eisberges) schon.

  16. zu 1.) Die Betonung liegt auf “virtuell”. Google wird Besitzer/Urheber des Bildmaterials. Kein Gemeingut. Sorry.

    zu 2.) d'accord. Wie gesagt der Beitrag ist weniger als Bewertung zu verstehen, vielmehr als Reflektion der gesamten Thematik. Auch ich bin bekennender Streetview-Fan. Noch. :-)

    zu 3.) Ein Jein ist mir an der Stelle zu wenig. Fakt ist: Google ist keine NPO, oder?

    zu 4.) Genau das habe ich versucht jenseits von Jubelei und Panik darzustellen. Ja. :-) Mir geht es um das Verständnis der Kontroverse nicht um eine Wertung. (wenn auch nicht leicht umsetzbar) Aber du merkst ja selbst wie du bei manchen Argumenten anspringst und bei manchen abspringst. :-)

    zu 5.) Ich sage nicht, dass der Staat perse die bessere Lösung wäre. Aber nur weil der eine schlimmer ist als der andere muss ich ja nicht auf diesen Kritikpunkt verzichten, oder? “Schaden” ist eine Interpretationssache. Werde ich geschädigt durch Spam? Körperlich vielleicht nicht. Aber ich weiß beispielsweise von Fällen (diesmal beim Staat) der Polizei, dass die ihre Datenbankeinträge unheimlich gerne für private Zwecke nutzen, wenn man mal den neuen Freund der Schwester recherchieren will oder sowas. Bei der Polizei gibt es aber klarere Kontrollmechanismen. Bei Google hab ich nicht den blassen Schimmer wer was wie sieht und verändern kann. Und genau dieser Verlust an Kontrollmöglichkeit macht den Menschen Angst. Das ist alles.

  17. Oh, fast Deine Antwort übersehen. :)

    Danke erstmal für deinen sehr guten und sachlichen Beitrag.

    zu 1.) Aber das ist egal. Google wird Besitzer/Urheber IHRER Bilder. Aber sie hindern niemanden daran, EIGENE Bilder zu machen. (Bing zB) – deswegen nimmt google nichts weg/in Beschlag – anders als das bei der privatisierung materieller öffentlicher Güter oder exklusiver Vergabe öffentlicher Dienstleistungen der Fall ist.

    zu 2.) ja. aber ich seh das pragmatisch. wäre schön, wäre das von google CC o.ä.. Aber in spätestens 5 (eventuell schon in 2) Jahren wird die Kombination mobile devices, open street map und alltagsclouddienste die möglichkeit geben, ein street view als mashup zu bauen, ob nach dem wikipediaprinzip oder ganz anders. solange nicht der staat die hoheit über diese daten hat (siehe auch früher satellitenbilder – waren ja zT geheimwissen) ist mir das egal, ob google das baut oder jemand anderes.

    zu 3.) Google ist keine NPO. Aber die Bertelsmannstiftung ist auch ne Stiftung – das reicht nicht als Beleg für “profitmaximiert” oder nicht. Das Jein bezog sich darauf, dass google halt eine andere prio hat. (rest hat jens best gut dargestellt)

    zu 4.) ja, wollte deinen punkt an der stelle stützen und noch stärker auf die akteursebene stellen. :)

    zu 5.) siehe http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2010-08/… – beim Staat MÜSSTE man erwarten, dass er sowas sichert, aber man kann erfahrungsgemäß (wenn man sich mit beschäftigt) davon ausgehen, dass er es eben nicht tut. das ist die viel größere Ohnmacht – weil: bei google kann ich selektiv entscheiden, ob und was ich nutze, den Staat und seine Institutionen muss ich nutzen. und ja, im sinne einer besserern transparenz wäre es sicher zu begrüßen, würde google ein paar dinge klarer darstellen.

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