Ritter der Kontingenz

Autor: Prof. Dr. Lutz Becker am 17.07.2010

Mit dem Begriff Kontingenz kann man die Einsicht darin bezeichnen, dass alles auch ganz anders sein könnte. Oder um nochmals hier im Blog ein Diktum von Niklas Luhmann zu zitieren „Kontingent ist etwas, was weder notwendig ist, noch unmöglich ist; was also so wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist.“ Es zeichnet strategische Denker, Philosophen und manchen Schriftsteller gemeinhin aus, dass sie das Gegebene, den Status Quo und die hierin implizierten Regeln, in Frage stellen und ihnen alternative Konstrukte entgegenstellen.

Auch auf unserer Konferenz “Narrative & Innovation” (Karlsruhe, 15.-17. September 2010) werden wir uns in diesem Sinne mit Kontingenz auseinandersetzen und uns die Frage stellen, wo alternative Entwürfe herkommen. Uns interessieren dabei die Narrative, also das, was sich die Menschen erzählen. Sie sind Speicher expliziten und impliziten gesellschaftlichen Wissens. Dabei handelt es sich nicht nur um einfache Daten, Berichte oder Erzählungen, sondern, und das ist entscheidend, im Plot sind mögliche Kausalitäten abgelegt. Wir glauben, so die Ausgangshypothese unserer Konferenz, dass man diese Narrative zur Früherkennung gesellschaftlicher oder ökonomischer Entwicklungen operationalisieren kann. Auf Narrative stößt man an den unterschiedlichsten Plätzen und in den unterschiedlichsten Situationen, man kann ihnen nicht entfliehen: Gespräche am Fließband oder in Business Meetings, Texte in Zeitungen oder verfilmte Narrative, das Gespräch am Biertisch, auf dem Schulhof, beim Arzt oder an der Kasse im Supermarkt. Narrative sind kommunikative Konstrukte, die einerseits eine geteilte Wirklichkeitskonstruktion in einer Gemeinschaft widerspiegeln („Consensus Narrative“), andererseits aber nur eine von vielen möglichen sozialen Wirklichkeiten repräsentieren – einschließlich der Handlungsmöglichkeiten, die Menschen in dieser Wirklichkeit haben. Uns interessiert vor allem das, was mit Bruce Sterling [5] als Verschiebungen des „Consensus Narrative“ bezeichnet werden kann – wie kann man sie frühzeitig erkennen, um daraus Innovationssystematiken und strategische Optionen ableiten? [1]

Die Managementlehre kann nicht nur dabei, davon bin ich überzeugt, viel von Schriftstellern lernen, in dem sie wie sie leitende Ideen und Versatzstücke, die Gelesenem, Gehörten und Gesehenem entstammen, immer wieder neu kombinieren, in dem sie Szenarien entwickeln.

Zu meinen Lieblings(unterhaltungs)autoren gehört Andreas Eschbach. Es ist bei ihm wohl weniger seine Sprache, die mich reizt; seine Bücher, wie das “Jesus Video” (ich spreche nicht von der unleidlichen RTL-Verfilmung) oder vor allem “Der letzte seiner Art”, zeichnen sich durch sensationelle Plots aus, so auch das Werk, dass ich gerade förmlich verschlungen habe: “Ausgebrannt“. Die Ausgangsüberlegung der Geschichte ist ganz simpel und wissenschaftlich völlig unumstritten. Begrenzte Ressourcen unterliegen einem Lebenszyklus, den man sich in Form einer typischen Kurve vorstellen kann. Zunächst steigt die Verügbarkeit langsam an, erreicht ihren Höhepunkt (“Peak”) um dann zum Ende des Lebenszyklus wieder zu fallen. Jede Ressource, die begrenzt ist, “peakt” irgendwann einmal. Wird der Höhepunkt überschritten, verändert sich die Situation mitunter dramatisch (die Studierenden kennen das auch von den Lebenszyklusbetrachtungen bei Produkten und vor allem Märkten).

Der Plot von “Ausgebrannt” basiert auf der Überlegung, dass auch die Ölförderung bei einer weiterhin steigende Nachfrage früher oder später “peaken” wird. Die Konsequenzen, die der Autor daraus zieht, sind ungeheuer spannend. Aus der simplen Ausgangsüberlegung entwickelt der Autor etwas, das stark an die PESTEL Projektion erinnert, mit der wir unsere Studenten (zum Beispiel im Modul Change & Innovation) immer wieder konfrontieren. Welche unmittelbaren und mittelbaren Auswirkungen hat die Überschreitung “Peak Oil” in politischer, ökonomischer, sozialer, technologischer, ökologischer oder legislativer Hinsicht? Die Schlüsse, die Eschbach in seinem Thriller zieht, sind so atemberaubend, dass das Buch Pflichtlektüre für alle Studenten, vor allem aber für unsere Masterstudenten im Studiengang “Leadership” sowie die Energiemanager sein sollte. Als Leser sagt man sich immer wieder: “Verdammt, so könnte es sein!” Kontingenz eben. Eschbach, ein studierter Luft- und Raumfahrttechniker, arbeitet keinesfalls allein im Fiktiven, an den beschrieben Ölkavernen bei Wilhelmshaven hat schon mein Vater als junger Ingenieur mitgearbeitet, und die Rohrleitung zwischen Rotterdam und Köln hat mich als Kind nach Portugal (einem Vorort von Rotterdam) verschlagen. Es sind Versatzstücke, wissenschaftliche Erkenntnisse, politische Entscheidungen, Fragmente aus der jüngeren Geschichte, Expertengespräche, die Eschbach geschickt kombiniert und zu einem faszinierenden Plot zusammenbaut. Ein Plot, der eben zeigt, dass alles auch ganz anders sein könnte

Sicher wird man jetzt einwenden, werden Fiktion und Fakten vermischt. Der Schriftsteller Henning Boëtius, der dichten Sprache halber ein weiterer Lieblingsautor von mir, lässt es Georg Christoph Lichtenberg in einer fiktiven Rede [2] so formulieren: “Wissenschaft kommt nicht ohne Liebe zu den Dingen und ohne Einbildungskraft aus. Oft muß sie phantastische Brücken zwischen einzelnen Phänomenen und Beobachtungen schlagen. Und bei aller Neigung zum Träumen und bildhaften Phantasien muß die Dichtung die Fähigkeit zur festen Form entwickeln. Sie muß sich oft genauer um die einzelnen Elemente der Wirklichkeit kümmern als die Wissenschaft, will sie dem Schicksal entgehen, nur Täuschung und Wahnbild zu sein.”

Es ist noch niemand in die Geschichte eingegangen, weil er die Welt so hingenommen hat, wie sie gerade so ist oder scheint. Menschen, die etwas bewegen – ich denke das vor allem an Wissenschaftler und Unternehmer, aber auch an Philosophen oder eben Schriftsteller – zeichnen sich dadurch aus, dass sie das Gegebene eben nicht als gegeben betrachten – dass sie Kontingenz als Chance sehen, die Dinge anders zu verstehen und anders zu gestalten. Menschen, die der Ökonom Uwe Schneidewind zu “Rittern der Kontingenz” [4] schlägt.

Video – Andreas Eschbach auf 3SAT:

Literatur:

[1] Becker, L./Müller, A. P.; Über Erzählungen und Diskurse Innovationschancen aufspüren; in: Gundlach, C./Gutsche, J./Glanz, A. (Hg.); Die frühe Innovationsphase – Methoden und Strategien für die Vorentwicklung; Düsseldorf 2010 (Symposion)
[2] Boëtius, H. (1998); Der Gnom – Ein Lichtenberg Roman; 2.: Frankfurt (btb)
[3] Eschbach, A. (2008); Ausgebrannt; 3.: Bergisch Gladbach (Bastei-Lübbe)
[4] Schneidewind, U. (2009); Der Kritik-Unternehmer – Zur Verbindung von kritischer Theorie und Entrepreneurship; in: Antoni-Komar, I./Beermann, M. et al.; Neue Konzepte der Ökonomik – Unternehmen zwischen Nachhaltigkeit, Kultur und Ethik; Marburg (Metropolis)
[5] Sterling, B. (2000); Zeitgeist, New York (Bantam Books)




  • Az

    Dazu passend ein Zitat aus meinem neuen Buch “Feel it! Soviel Intuition verträgt Ihr Unternehmen.”:

    Möglichkeitsräume – oder: Leidenschaft, Zufälle und Fehler in Mehrwert verwandeln

    Robert Musil veröffentlichte 1931 und 1932 die ersten beiden Bände seines Jahrhundertromans „Der Mann ohne Eigenschaften“. Im vierten Kapitel des ersten Bands beschreibt er den „Möglichkeitssinn“:

    „Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müsste geschehen; und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, dass es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist. Man sieht, dass die Folgen solcher schöpferischer Anlage bemerkenswert sein können, und bedauerlicherweise lassen sie nicht selten das, was die Menschen bewundern, falsch erscheinen und das, was sie verbieten, als erlaubt oder wohl auch beides als gleichgültig.“

    Der Möglichkeitssinn ist das intuitive Gespür für das Mögliche. Damit sich dieser Sinn entfalten kann, brauchen wir in Unternehmen die Möglichkeitsräume. Sie sind das unbedingte Gegenstück zum Möglichkeitssinn. Diese Räume öffnen sich in drei unterschiedlichen Ebenen:

    Menschen
    Unternehmenskultur
    Unternehmensstruktur

    Die erste Ebene betrifft uns Menschen, jeden einzelnen von uns. Wir müssen uns zunächst selbst den Möglichkeitsraum zugestehen, ihn aufbauen und pflegen. Konkret heißt das, uns selbst zu erlauben, nicht nur „Wirklichkeiten“ wahrzunehmen, in ihnen zu denken und zu handeln, sondern auch die potentiellen Möglichkeiten gleichberechtigt daneben zu stellen. Schließlich sind es die Möglichkeiten der Blauen Ozeane, die einen viel größeren Mehrwert stiften, als die Effizienztrimmung der bereits wirklichen Roten Ozeane. Sich mit dem Möglichkeitssinn im Möglichkeitsraum zu bewegen ist der wahre Optimismus. Denn nur dort gestehen wir uns ein, dass die Dinge besser sein können, als sie in der bestehenden Wirklichkeit sind. Wer uns den Möglichkeitssinn und die dazugehörigen Räume verbietet, zeigt sich als paradoxer Pseudorationalist. Denn all das, was jetzt Wirklichkeit ist, war früher nur eine Möglichkeit. Und für diese früheren Möglichkeiten sind diejenigen, die sie intuitiv erspürten, angefeindet worden.”

    Zeuch, A. (2010): Feel it! Wiley, Seite 221f

  • http://twitter.com/DrLutzBecker Lutz Becker

    Gerade vom Blauen Ozean (Segeltörn auf der Ostsee) zurückgekommen, ein kurzer Kommentar zum Kommentar. Ich stimme Andreas Zeuch in soweit uneingeschränkt zu, dass der Möglichkeitssinn für Entwicklung und damit Existenzsicherung unabdingbar ist und organisatorisch gestaltet und gepflegt werden muss.

    Ich sehe immer wieder die unsägliche Tendenz, Möglichkeitsräume in Organisationen über ein sinnvolle Maß hinaus einzuschränken, was viel mit den Ängsten der beteiligten Personen zu tun hat (vor allem Angst vor Kontrollverlusten, Versagensängsten oder Angst vor den Folgen des eigenen Handelns), die oftmals kulturell verstärkt werden. (Anekdote am Rande: Bei einem bekannten Telekommunikationsunternehmen werden Innovationsteams mit Six-Sigma Black Belts “gestafft”)

    Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass es Situationen gibt, wo ich Fehler und Abweichungen von der Norm mit allen Mitteln vermeiden muss, denken Sie etwa an de Autoproduktion, den Luftverkehr oder OP-Teams – was nicht heißt, dass wir es hier mit innovations- und veränderungsfreien Räumen zu tun haben.

    Die Antwort wird immer ein “Sowohl-als-auch” sein, eine Zustand der zwischen zwischen “zerreissender” Spannung und Equilibrium, zwischen Zufälligkeit und Determiniertheit, Stabilisierung und Veränderung oszilliert.

    Die von meinem Kollegen Professor Andreas Müller und mir erforschten Narrative (http://narrative-innovation.org) betrachte ich (unter anderem) in ihrer Funktion als “Stressoren” die vermeintliche Gleichgewichte auflösen, aber auf der anderen Seite auch über ein kollaborative und sinnbildende Funktion Gleichgewichte erzeugen können.

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    In der brand eins 7/2010 lese ich gerade: “Kuwaitische Forscher hätten errechnet, dass die Erdölförderung vermutlich deutlich früher als erwartet an ihre Grenzen gelangen werde. Nach ihrer Kalkulation dürfte die weltweite Rohölproduktion nicht – wie bisher angenommen – irgendwann nach 2020 ihren Gipfelpunkt erreichen, sondern bereits in vier Jahren.” [Willenbrock, H. (2010); Neue Energie, in: brand eins, Heft 07: 71 – online: http://www.brandeins.de/archiv/magazin/beziehun…>

    Es gibt da sicherlich auch andere Stimmen – nichtsdestotrotz wird die Ölförderung spätestens dann unwirtschaftlich werden, wenn sich die für Erschließung, Förderung, Transport etc. (immer schwerer zu erreichender Vorräte) benötigte Energie der geförderten Energie zunehmend annähert. Das trifft übrigens nicht nur auf Öl, sondern etwa auch auf Uran zu.

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    Heute hatten wir eine Diskussion darüber, dass wir gerade in einer Phase sind, in der – zumindest in der westlichen Welt und Japan – die Ressource Arbeit “peakt”. Auch hier kann man sich interessante Szenarien vorstellen.

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