Unternehmensressource Gesundheit

Autor: Prof. Dr. Lutz Becker am 2.07.2010

Der Wolfsberg ist immer eine Reise wert. Das oberhalb des Bodensees gelegene Schloss aus dem 16. Jahrhundert ist in Verbindung mit einem modernen Konferenzzentrum ein einzigartiges Refugium, in dem Wirtschaft, Politik, Kunst und Kultur in den Dialog treten. Regelmäßig kommen hier prominente Wirtschaftsführer, Politiker, Kulturschaffende und Wissenschaftler aus aller Welt zu Wort.

Eine der tragenden Veranstaltungssäulen am Wolfsberg ist das Health Forum der UBS AG, heute Hausherrin des Wolfsbergs. In diesem Forum geht es vor allem gesundheitsorientierter Unternehmensführung, denn wenn die Mitarbeiter krank sind, kann die Organisation weder gesund noch leistungsfähig sein.

Als einer der Herausgeber der Buchreihe “Die Neue Führungskunst – The Art of Leadership” war ich Anfang Juni 2010 eingeladen, anlässlich der Vernissage des von den Drs. med. Gunter Frank und Walter Kromm konzipierten Bandes “Unternehmensressource Gesundheit – Warum kein Arzt die Folgen schlechter Führung heilen kann” eine Podiumsdiskussion auf dem Wolfsberg zu leiten. Ziel der Veranstaltung war es das Buch und die darin vorgestellten Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Ergebnisse des Bandes sind mehr als evident: Schlechte Führung macht krank – und zwar Mitarbeiter und Unternehmen, was sich, wie eine Studie der Bertelsmann AG eindrucksvoll belegt, in den Unternehmensergebnissen deutlich niederschlägt. Vor allem wird umgekehrt ein Schuh daraus: Unternehmen die gut geführt werden, haben gesundere Mitarbeiter und bessere Ergebnisse.

Wie wichtig solche Fragen heute genommen werden, zeigen die Teilnehmer der Podiumsdiskussion: Sie gehören zum Who-is-Who der deutsch-schweizerischen Wirtschaft:

Arthur Decurtins, Vice Chairman von Wealth Management & Swiss Bank der UBS AG, Zürich, Vorsitzender des Aufsichtsrates der UBS Deutschland AG, Frankfurt a.M.

Dr. Martin Hodler, Präsident der Swiss University Sports Foundation, Präsident und Delegierter des Verwaltungsrats der Infré SA, Bern

Prof. Dr. Klaus-Peter Müller, Aufsichtsratsvorsitzender der Commerzbank AG, Vorsitzender der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex, Vorsitzender des Stiftungsrats und Honorarprofessor der Frankfurt School of Finance & Management, Frankfurt a.M.

Dr. Peter Müller-Knecht, Verwaltungsratspräsident, Knecht & Müller AG, Stein am Rhein

Ole Petersen, Geschäftsführer, fit im job AG, Winterthur

Dank des handfesten Engagements von Patrick Breitenbach und Timea Szekrényesy von der Karlshochschule können wir hier im Blog eine kleine Reihe von Beiträgen und Interviews veröffentlichen. Wir beginnen hier mit der Podiumsdiskussion. Weitere Beiträge folgen in den nächsten Wochen.

Podiumsdiskussion: Unternehmensressource Gesundheit – Weshalb die Folgen schlechter Führung kein Arzt heilen kann.

Weitere Informationen zum Band und der Reihe gibt es hier.




  • Pingback: Führung aus medizinischer Sicht | Karlshochschule International University

  • Pingback: Führung und Gesundheit – Die Perspektive des Bankmanagers | Karlshochschule International University

  • Az

    Das und der aktuelle große Zeit-Artikel “Arbeiten bis der Arzt kommt” ( http://www.zeit.de/2010/28/Arbeitswelt-Burnout ) ist eine dramatische Illustration unserer Kritik an den bestehenden Paradigmen der Unternehmensgestaltung und -steuerung. Der Mensch wird schon lange nicht mehr als Mensch wahrgenommen, was auch der Gallup Engagement-Index 2009 wieder einmal zeigt – 89% aller Mitarbeiter schieben Dienst nach Vorschrift oder sind in der inneren Kündigung. Einer der zentralen Gründe: Niemand interessiert sich für den Mitarbeiter als Mensch. Die Lebensmitteldiscounteraffären der letzten Monate sind in ihrem quasi-totalitären Kontrollwahn die Manifestation dieses Wahnsinns. Die Süddeutsche Zeitung sprach in dem Zusammenhang von “Stasi-Methoden”.

    Allein: Die Formulierung “Unternehmensressource Gesundheit” schlägt in dieselbe Kerbe der Zweckrationalisierung von Menschen in Unternehmen. Es geht nicht um den gesunden Menschen, der sich selbst Zweck genug ist, der Freude bei der Arbeit haben darf, sondern darum, dass ungesunde Mitarbeiter das Unternehmen Geld kosten. Diese Formulierung ist genau dieselbe Nutzbarmachung menschlicher “Ressourcen” wie die kranke Wirtschaft, die ich mit meiner beratergruppe sinnvoll · wirtschaften kritisiere.

    Wann hören wir endlich auf den Menschen und seine Gesundheit und Arbeitszufriedenheit als betriebswirtschaftliche “Ressource” zu verdinglichen, so wie Boden und Kapital? Selbst die Verdinglichung der Umwelt hat desaströse Folgen, das muss ich hier wohl kaum weiter ausführen. Wann stellen wir uns selbst, nicht “den Menschen” in den Mittelpunkt unseres Wirtschaftens? Wann wird die Arbeit zum Spiel, das Freude macht?

  • http://karlshochschule.de Patrick Breitenbach

    @Az: Die Formulierung könnte man sicherlich so interpretieren, auf der anderen Seite versuchen Mediziner alteingesessene Führungskräfte aus der Wirtschaft zu einem Umdenken zu mobilisieren, die reagieren zum Teil nur noch auf diese Sprache. Daher ist es zum Teil traurige Voraussetzung diese Begrifflichkeiten zu verwenden, um überhaupt kurzzeitig Gehör zu erhalten. Ich glaube dass man Veränderungen immer nur sehr langsam und sehr sanft vollziehen kann. Die Brechstange führt meist nur zu einem stärkeren Rückzug und dem Beharren auf die alten bekannten “Tugenden”. Wenn man jedoch Sprache auch als legitimen Schlüssel zur Veränderung begreift, macht es durchaus Sinn einen solchen Titel zu vergeben.

  • Andreas Zeuch

    @PB – das sehe ich kritisch. Ja, es ist nicht leicht sich Gehör zu verschaffen. Und zweifelsfrei gilt: Auch ein kritischer Beitrag muss anschlussfähig sein. Aber er muss auch einen ausreichenden Unterschied markieren. Und der Begriff markiert keinen ausreichenden Unterschied, sondern verliert sich in der üblichen ökonomischen Logik.

    Hinzu kommt: Wenn Ärzte (und ich kenne eine Menge Ärzte, zumal ich ja ursprünglich aus dem Gesundheitswesen komme) anfangen, über Unternehmen(sführung und -gestaltung) nachzudenken, ist das meist recht oberflächlich. Die Absicht ist gut, die Mittel der Wahl m.E. jedoch nicht angemessen. Es geht aus meiner Sicht darum, die Grundübel auch zu benennen, und nicht wie die Katze um den heißen Brei herumzuschleichen. Das setzt aber überhaupt erst mal voraus, dass die auslösenden Momente bekannt sind: Das normative Modell des Homo oeconomicus sowie die Tayloristische Trennung von Arbeit und Management. Das aber ist den meisten Ärzten nicht bewusst.

    Ich selbst kenne z.B. eine Betriebsärztin, die es sicherlich und zweifelsfrei äußerst gut mit Ihren Patienten in den Unternehmen meint, durch die sie beauftragt ist. Jedoch wird sie nur weiterhin dafür sorgen, dass die Leute funktionieren und ab und an mal eine Auszeit bekommen. Das wirkt definitiv systemstabilsierend und nicht konstruktiv kritisch.

    Soweit auf die Schnelle zwischen ein paar wichtigen Mail :-)

  • http://karlshochschule.de Patrick Breitenbach

    Ein Begriff steht und fällt mit seiner Interpretation. Deshalb gibt es ja so viele Euphemismen für so viele unangenehme Dinge. Durch Begrifflichkeit alleine ändert sich ein System nicht. Nur weil Sie “Ressource” negativ interpretieren, heisst das nicht, dass es einen negativen allgemeinen Einfluss hat. Es ist schlicht weg eine Wirklichkeitskonstruktion.

    Natürlich haben Sie recht, dass viele Manager immer noch in Tayloristischen Denkmustern leben und sprechen, aber können Sie sich nicht vorstellen, dass man die Interpretation von “Ressource” völlig verändern könnte? Die Inhalte zählen, nicht die Worthülsen. Wörter sind Container, man braucht sie um etwas zu identifizieren, die darin enthaltene Ladung ist aber das wirklich entscheidende. Und wie gesagt, ich sehe in diesem Fall das Wort “Ressource” als reinen Köder, der eben neu mit Inhalten befüllt wird, nämlich dass Führung verantwortlich ist für Gesundheit, nämlich dass tayloristisches Management für langfristigen Gesundheitsmangel sorgt usw.

    Ein ganzes Konzept nur wegen der vermeintlich schlechten Wortwahl in Frage zu stellen betrachte ich wiederum für indirekt systemstabilisierend, weil man dann gar nicht mehr mit Sprache spielen darf und somit keine Chance hat Sprachinterpretationen zu verändern.

    Oder?

  • Pingback: Gelebte Verantwortung | Karlshochschule International University

  • Pingback: Führung und Gesundheit bei der UBS AG | Karlshochschule International University

  • Pingback: Gesundheit und Führung nach Schweizer Art | Karlshochschule International University