Soziale Innovation
Autor: Prof. Dr. Lutz Becker am 27.06.2010Wir reden viel von Business Ethics und Corporate Social Responsibility – manches von dem, was wir in Praxis und Theorie sehen, scheint mir mehr ein Deckmäntelchen, als ein substanzielles gesellschaftliches Engagement oder signifikanter sozialer Fortschritt zu sein. Ein wirklich interessantes Beispiel für soziales Engagement von Unternehmen durfte ich neulich in Wuppertal erleben.
Die Bändchenweberei war einst in Wuppertal ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Im Jahr 1900 bezog die “Arthur Huppertsberg-Schnürriemen-Fabrik” ein neues imposantes Geschäftsgebäude. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzte dann aber eine rasante Talfahrt dieser Industrie ein. Die Wuppertaler Firmen waren auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig. So ging auch die Huppertsberg’sche Schnürsenkel-Fabrik im wahrsten Sinne über die Wupper, das Gebäude verfiel und mit ihm drohte ein ganzer Stadtteil zu veröden. Wuppertal Osterbaum, oberhalb der Elberfelder Innenstadt, ist ein typisches gründerzeitliches Quartier mit engen Straßen und dichter Bebauung – ein typisches Arbeiterviertel, heute mit hohem Migrationsanteil, vielen Kindern und vor allem vielen Empfängern von Sozialhilfe und Arbeitslosen. Osterbaum ist aber auch ein Viertel in einer Universitätsstadt mit gut ausgebildeten Studierenden und einer agilen “kreativen Klasse”.

[Foto v. l.: Oliver Francke (Bergische Agentur); Iris Hollaender und Michael Makowski (Hogeschool Utrecht)]
Vor einigen Wochen besuchte ich mit Iris Hollaender und Michael Makowski, zwei Kollegen der Hogeschool Utrecht, auf Einladung der Bergischen Agentur die Huppertsbergfabrik. Inzwischen ist aus der Ruine ein wirklich sehenswertes lichtdurchflutetes Loftgebäude geworden, in dem sich zahlreiche kleine Kreativ- und andere Dienstleistungsunternehmen angesiedelt haben. Interessant ist vor allem das innovative Vermietungskonzept.
Jede Mieteinheit ist nämlich verpflichtet, 100 “Sozialstunden” pro Jahr zu erbringen. Die Idee dahinter ist, wie Oliver Francke von der Bergischen Agentur erzählt, einleuchtend: Früher einmal hat Huppertsberg zahlreiche soziale Aufgaben im Quartier wahrgenommen, vor allem schaffte das Unternehmen Arbeit und soziale Stabilität im Viertel. Heute, so der Leitgedanke, müssen sich die vielen kleinen Mieter diese soziale Funktion teilen. Sie sollen ihr Know-How und ihre Arbeitskraft einfließen lassen, um das Viertel lebenswert zu erhalten. Der Verein “Kulturelles Gründerzentrum Startpunkt e. v.” nimmt mit Unterstützung des Landes NRW die Koordinationsfunktion wahr und organisiert zum Beispiel Kulturevents oder die Produktion von Bewerbungsvideos für Hauptschüler, bei dem eine in der Huppertsberg-Fabrik ansässige Videoproduktion die Federführung übernimmt.
Auch wenn die Bändchenweberei nicht mehr zu retten ist und allenfalls noch ein museales Dasein fristet, ist es in Wuppertal mit dem Projekt gelungen, unternehmerische Aktivität und soziales Engagement zu verbinden. Ein berühmter Sohn der Stadt würde sich darüber sicherlich freuen: Friedrich Engels.
Literaturtipp:
Becker, L./Ehrhardt, J./Gora, W.. (Hg.); Führung, Wandel und Innovation, Düsseldorf 2008 (Reihe: Die Neue Führungskunst – The New Art of Leadership, Symposion: ISBN 978-3-939707-05-9)
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